Karim Dabbouz / 07.11.2016 / 06:18 / Foto: isabellaquintana / 9 / Seite ausdrucken

Kinderehe: Die Amokfahrt der Kultur-Relativisten

Von Karim Dabbouz.

Von Jan Böhmermann und der heute-show weiß ich, dass es in der ostdeutschen Provinz völlig normal ist, Ausländer zu verprügeln. Von Prof. Dr. Ahmet Toprak habe ich gelernt, dass das gar nicht schlimm sein muss, weil dieses Ausländerklatschen nunmal unter anderen sozialen Bedingungen stattfindet. Als Sozialwissenschaftler, der ich einmal werden wollte, muss man dies so sehen, schließlich ist Kulturrelativismus die Voraussetzung für wissenschaftliche Objektivität. Und weil sich, wie wir alle wissen, die sozialwissenschaftliche Theorie so wunderbar mit der Realität verträgt, kann man folgende Argumenation zur Kinderehe auch schamlos als Beitrag in einer großen deutschen Wochenzeitung bringen.

Mit der Kinderehe für die  „Kinderehre“

Auf ZEIT-Online erklärt der Dortmunder Sozialwissenschafter Prof. Dr. Ahmet Toprak, unter welchen Bedingungen eine Kinderehe im ländlichen Afghanistan, Syrien oder Irak zustandekommt. Für die Mädchen bedeute sie den Übergang ins Erwachsenenalter und schütze sie vor dem Verlust ihrer „Ehre“. Man sei gewissermaßen gezwungen, junge Frauen früh zu verheiraten, da sie mit dem Verlust ihrer Jungfräulichkeit auf dem Heiratsmarkt nichts mehr wert sind. Auch spielten ökonomische Faktoren eine Rolle: Mit der Heirat geben Familien die Versorgung der Tochter in die Hände des Schwiegersohns. Außerdem seien Frauen wichtige Arbeitskräfte, was ein Grund dafür sei, dass junge Menschen häufig innerhalb der Familie verheiratet werden – man möchte den Verlust der Arbeitskraft der Frau an eine andere Familie vermeiden.

In Anbetracht der Umstände in den Herkunftsregionen dieser jungen Frauen mag man die Kinderehe für eine pragmatische Lösung halten. Sie verhindert, dass junge Frauen für ihr natürliches sexuelles Verlangen im Boden verbuddelt und gesteinigt werden. Zudem können kinderreiche Familien in ländlichen Regionen ohne die weibliche Arbeitskraft nicht überleben. Insbesondere Mädchen sind bis zu ihrer Verheiratung eher eine finanzielle Belastung. Ahmet Toprak hat dies alles richtig analysiert und verständlich dargelegt. Seine Schlussfolgerung aber, der Bundesjustizminister handle genau richtig, da eine pauschale Annullierung der Ehe letztlich den Mädchen schade, steht exemplarisch für die Irrfahrten, auf die wir uns in der Integrationsdebatte einlassen.

Aus dem Elfenbeinturm in die Realpolitik

In den Sozialwissenschaften ist Kulturrelativismus unverzichtbar. Wenn ich die Umstände der Verheiratung von Kindern in Ostanatolien untersuche, dann kann ich sie nur verstehen, wenn ich meine eigene Kultur nicht als Maßstab heranziehe. Zwangsläufig führt dies zur Frage, welche Werte universell sind: Nur das Leben an sich oder auch die körperliche Selbstbestimmung von Menschen und ihr freier Wille? Ein großes Missverständnis in der Integrationsdebatte ist, dass Integration nur mit größtmöglichem Kulturrelativismus gelingen kann, dass sozialwissenschaftliche Methodik also als Richtschnur dafür dienen sollte, was wir für moralisch richtig oder falsch halten.

Seit 20 Jahren unterhalten wir uns über die Bringschuld von Einwanderern und der Mehrheitsgesellschaft: Wer muss wem entgegenkommen, wie weit und was darf man akzeptieren? Einen Großteil der Irrfahrten in der Debatte verdanken wir dem Kulturrelativismus der sozialwissenschaftlichen Methodik. Wie in jeder Wissenschaft sollte das Ziel aber sein, Wissen zu schaffen und zu festigen und nicht Handlungsempfehlungen für das reale Leben zu geben. Leider erfreut sich die kulturrelativistische Gangart in der deutschen Politik großer Beliebtheit. Während die Familien junger Mädchen in Afghanistan pragmatische Lösungen für ihr Zusammenleben wählen, folgen wir lieber den Anweisungen kulturrelativistischer Traumtänzer, die glauben, aus größtmöglicher Toleranz ergebe sich die bestmögliche Integration. Dass dies nicht stimmt, sollten wir inzwischen wissen.

Kein #aufschrei, nirgends

Die Amokfahrt der Bewohner des sozialwissenschaftlichen Elfenbeinturms durch die Realpolitik erreicht in der Debatte um die Verheiratung von Mädchen mit alten Männern ihren Höhepunkt. Man sollte sich mit Handlungsempfehlungen für das echte Leben zurückhalten, wenn sie die Entmenschlichung des Individuums durch das Kollektiv rechtfertigen. Bei aller individuellen Freiheit hat die Politik einen Schutzauftrag, insbesondere gegenüber den Schwächsten der Gesellschaft. Wer als 13-jähriges, zwangsverheiratetes Mädchen ohne eigenes Einkommen aus einem Bürgerkriegsland nach Deutschland kommt, ist schwach. Leider zählt im linken, kulturrelativistischen Zeitgeist nicht einmal mehr das – Hauptsache, man kann sich als tolerant, weltoffen und bunt gerieren. Für den #aufschrei wartet man lieber auf den nächsten alten Mann, der irgendeiner privilegierten Medienmuschi ins Dekolleté sabbert.

Karim Dabbouz (29) lebt im Ruhrgebiet. Dieser Beitrag erschien zuerst auf seinem Blog hier.

Leserpost (9)
Gisela Tiedt / 07.11.2016

Oriana Fallaci berichtet in ihrem Buch “Die Wut und der Stolz”, was Ali Bhutto (Staatspräsident und Premierminister in Pakistan in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts, 1979 hingerichtet) ihr über seine erste Ehe sagte. Er wurde als Zwölfjähriger gegen seinen Willen mit einer bereits erwachsenen Cousine verheiratet. Für den Vollzug der Ehe wurde dem Jungen ein Geschenk versprochen. Es kam nicht dazu. Die Braut weinte, als sie allein waren, und Bhutto war ein hilfloses Kind und weinte ebenfalls. Am nächsten Tag verließ er die Braut, um eine Schule in England zu besuchen. Seine erste Frau sah erst wieder, als er bereits mit seiner zweiten Frau verheiratet war. Er versetzte die erste Frau nie in die Lage, Kinder zu bekommen, der Alptraum der ersten Nacht habe ihn immer daran gehindert. Die erste Frau musste ihr Leben allein verbringen. Sie wäre als Ehebrecherin gesteinigt worden, hätte sie einen anderen Mann berührt.

Karl Mallinger / 07.11.2016

Was ist denn jetzt eigentlich diesbezüglich die Botschaft an deutsche Pädophile, von wegen “Kein Täter werden” usw.? Sagt man diesen jetzt stattdessen: “Wenn du eine pädophile Neigung in dir spürst, dann konvertiere einfach zum Islam und heirate ein Kind. Dann darfst du deine Neigung ganz legal und offen ausleben.” Oder wie?

Mercedes Arruyave / 07.11.2016

Bereits mit dem Beschneidungsgesetz vom 12.12.2012 hat die Legislative des säkularen Rechtsstaates Deutschland die Kinderrechte aufgegeben, indem das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit für Kinder muslimischer und jüdischer Eltern aufgegeben wurde. Es war aber auch gleichzeitig das Signal, das offensichtlich religiöse Minderheiten staatliches Handeln bestimmen und nicht umgekehrt, wie es von einem säkularen Rechtsstaat erwartet werden könnte. Nun folgt der nächste Schritt, indem tatsächlich der Pädophilie in Deutschland eine Perspektive eröffnet wird. Zum einen über das internationale Privatrecht und zu anderen nun durch eine pervertierte Argumentation über das angebliche Kindeswohl, durch Herrn Maas und Frau Özuguz, welches nur geschützt werden können, wenn man auch Kinderehen bewahre. Nein, es handelt sich nicht um Kinderehen, sondern um eine kulturell-religiös legitimierten Besitz und sexuellen Missbrauch eines Pädophilen an einem Kind. Nichts anderes. Herr Toprak transportiert diese Legitimation aus einer islamisch geprägten, rückständigen Gesellschaft in das moderne Europa humanistischer Gesellschaften, die keine Toleranz für einen derartigen Kindesmissbrauch zeigen darf. Sukzessive werden europäische Werte und Menschenrechte pervertiert, auf den Kopf gestellt und als bunte Toleranz und Offenheit verkauft. Wann werden gendergerechte Steinigungen, Gliedmaßenamputationen oder Bestrafung von Menschen wegen Homosexualität in muslimischen Parallelgesellschaften hierzulande toleriert?

J. Wolf / 07.11.2016

Das eine sind die angeblich weltoffenen linksdenkenden Zeitgenossen, die natürlich nicht weltoffen und tolerant sind, sondern auf ihre Weise sehr engstirnig und rigide. Nein, sie würden sich nicht nahtlos in andere Länder und Kulturen einfügen, dafür sind sie eben zu deutsch. Das andere sind aus meiner Sicht aber die vielen islamischen Intetessenverteter, wie Herr Toprak. Diese Berufs-Apologeten agieren nach dem stets gleichen Muster. Erst in Sicherheit wiegen, die “mitteleuropäischen”  Werte preisen, um zum Schluss ein riesiges Aber mit Hilfe von Scheinargumenten aufzubauen, das dann, auf gut deutsch, den zuerst gepriesenen Werten gehörig in den Allerwertesten tritt. Und nicht mal mehr unsere bayerischen Polterer aus der CSU melden sich daraufhin zu Wort, denn in Deutschland herrscht ein Klima der Angst vor dem Islam und vor gewaltbereiten Muslimen.

Dietrich Herrmann / 07.11.2016

Vielleicht ist den Protagonisten der Kinderehe nicht klar, dass es dabei keineswegs um Sex oder gar Liebe geht. Es geht darum die jungen Mädchen beizeiten an ihre Mutterrolle heranzuführen. Und dann sollen sie natürlich das erste Kind recht jung bekommen und die nächsten dann in regelmäßigen Abständen, Wie man das nennt brauche ich hier nicht auszuführen oder zu benennen. Aber warum: Die schiere Anzahl der Muslime in Deutschland und Europa soll schnell erhöht werden. So einfach ist die Strategie des Islam.—- Woher soll der Aufschrei kommen? Von den Grünen etwa, tja. Oder von den Kirchen, die selbst Tausende Kinder und Jugendliche missbraucht haben?

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