Quentin Quencher / 24.05.2017 / 06:15 / Foto: Patricia Bunting / 3 / Seite ausdrucken

Kultureller Drill: Meine Befehls-Verweigerung

Meine einzige persönliche Erfahrung mit Militär war in der Schule und in der Lehre in der DDR. Vormilitärische Ausbildung nannte es sich, eine sogenannte Gesellschaft für Sport und Technik (GST) stand federführend dahinter. Gerade eben las ich in Wikipedia, dass dieser Wehrunterricht erst 1978/79 als Pflichtfach eingeführt wurde, nur gab es ihn schon früher und für uns als Jugendliche war er selbstverständlich Pflicht. Nun gut, was Gesetz war und was nicht, das wusste in der DDR sowie keiner so ganz genau. Eigentlich, meine Lehre beendete ich 78,  hätte ich, wenn es stimmen würde, was in Wikipedia steht, somit gar nicht vom vormilitärischen Dienst betroffen sein können. Das war ich aber.

Wir wurden in Uniformen der GST gesteckt und in eine Art Kaserne umfunktionierte Jugendherberge quasi eingelocht. Klar, ich empfand es als Gefängnis, für andere war es wohl mehr Abenteuer. Damals glaubte ich, ein Pazifist zu sein, aus religiösen Überzeugungen, also verweigerte ich bereits im Alter von 16 oder 17 Jahren, bei der Musterung zur NVA, den "Wehrdienst mit der Waffe", wurde also Bausoldat. Nur, gedient habe ich nie, nicht mal als Bausoldat, bevor die mich hätten einberufen können, war ich schon weg, per Ausreiseantrag im Westen (eine kleine Serie darüber hier bei AchGut).

Erstaunlich im Rückblick, und während ich diese Zeilen schreibe, ist, dass ich zum Zeitpunkt der Ausreise allerdings schon kein Pazifist mehr war, und auch nicht mehr religiös. Jedenfalls nicht in dem Sinne wie vorher. Wie schnell doch in so jungen Jahren Verwandlungen geschehen können. An einen Tagebucheintrag aus dieser Zeit erinnere ich mich noch, es war nicht eine eventuelle Falschheit im Glauben, was mich zur Abkehr von der Religion bewegte, sondern eine Art Selbstzensur im Denken, die ich mir auferlegt hatte.

„Das darfst du nicht denken“, so schien immer öfter eine Stimme aus dem Gewissen zu mir zu sprechen, und ich vermutete den Ursprung dieses Befehls in meinem Glauben. Also ging ich dagegen an, zerstörte ihn, und trat später, mit knapp dreißig, aus der Kirche aus. Heute spiele ich manchmal mit dem Gedanken, diesen Schritt rückgängig zu machen, aber bestimmt nicht mehr bei den Protestanten. Das bigotte Katholische gefällt mir heute eher. Das liegt an den Befehlen. Die gibt es bei den Katholiken sicher noch vielfältiger als bei den Protestanten, doch sie werden nicht so ernst und absolut genommen, immer gibt es irgendwelche Hintertürchen, die man nehmen kann, um Befehle zu umgehen.

Leitkultur! So langsam bekomme ich einen dicken Hals

Irgendwie läuft gerade ein Erinnerungsfilm in mir ab, mit Einblendungen in die Gegenwart. Was bedeutet dieses kulturelle Spannungsfeld zwischen Katholiken und Protestanten in Hinblick auf die Debatte um die Leitkultur? Schwäbische Pietisten auf der einen Seite, katholische Rheinländer auf der anderen. Preußische Disziplin und bayerische Obrigkeitsskepsis. Es ist ein riesiges Spannungsfeld, diese deutsche Kultur, und um das verstehen, ein Gefühl dafür zu bekommen, müsste man jedem Zugewanderten nicht das Grundgesetz in die Hand drücken, sondern den Simplizissimus. Immer mehr glaube ich, dass die Zeit, die nach dem dreißigjährigem Krieg folgte, mit der Zersplitterung des deutschen Reiches, eine segensreiche für die deutsche Geistesentwicklung war, und kulturprägend.

Leitkultur! So langsam bekomme ich einen dicken Hals, wenn ich das Wort nur höre. Aber möglicherweise bin ich auch nur ein verkappter Anarchist, der niemandem das Recht einräumt, Befehle zu geben. Zumindest mir nicht. Denn erst als mir klar wurde, wie Befehle auf mich wirken, erkannte ich, dass ich nicht ein Liberaler oder ein Libertärer bin - so hätte ich mich gerne gesehen - sondern eher ein Anarchist, einer der die Gewalt des einen über den anderen ablehnt. Um ehrlich zu sein, ein bisschen ängstigt mich dieser Gedanke, doch die Evidenz ist einfach da, sie verleugnen will und kann ich nicht.

Bei Befehlen denken wir natürlich sofort ans Militär, dort ist der Befehl klar als solcher erkennbar. Der Drill, das Exerzieren, lehrt uns, den Befehlen zu folgen, ohne über deren Sinnhaftigkeit nachzudenken. „Stellung!“ schrie der Ausbilder und erwartete, dass wir uns in die matschige Wiese schmeißen. Genau dort, wo wir uns befanden. Anderen hat das Spaß gemacht, es schien ihnen ein Spiel, ich fand es weniger lustig. Doch machen wir uns nichts vor, das ganze Leben ist durchsetzt von Befehlen, denen wir folgen, ohne über deren Sinn nachzudenken. Der Drill, damit wir das auch tun ohne aufzubegehren, heißt nur anders als beim Militär. Dort ist es das Exerzieren, hier nennt es sich Erziehung. Diese ist kultureller Drill, damit wir in unserer Umgebung funktionieren, ein Rädchen im Getriebe namens Gesellschaft sind. Das soll nicht abwertend gemeint sein, der kulturelle Drill ist auch sowas wie die Vermittlung von Verhaltensweisen, die uns davor schützen, dass wir uns ständig den Kopf einrennen.

Neue Formen des kulturellen Drills machen sich breit

Der kulturelle wie der militärische Drill wirken aber nur, wenn die Übungen ständig wiederholt werden. Damit wird auch sicher gestellt, dass niemand vergisst, wer er ist, welche Aufgabe er hat und wo er sich befindet. Dennoch gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen dem militärischen Befehl und dem kulturellen. Beim Militär bedeutet ein Befehl, dass das auszuführen ist, was befohlen ist. Nur dieses - alles, was über den Befehl hinaus geht - ist verboten. Der kulturelle Befehl funktioniert meist genau anders herum, es wird ein Verbot befohlen. Wir nennen es kulturelle Tabus. Sie werden genauso befolgt, wie der militärische Befehl, und es wird genauso wenig über deren Sinnhaftigkeit nachgedacht.

Die ältesten kulturellen Tabus betreffen die Ernährung und die Sexualität. Falls sie einstmals praktische Gründe hatten, so sind diese in Vergessenheit geraten, sie sind nun hauptsächlich eine ständige Erinnerung daran, welcher Kulturkreis der zugehörige ist. Wir definieren uns über das Essen, könnte man überspitzt sagen. Vorgaben regeln, was als rein oder unrein gilt, zu welchen Tagen Fleisch gegessen wird, und zu welchen nicht. Dies ist kultureller Drill und ständige Ermahnung zur Achtung der eigenen Kultur und geht weit über die praktischen Aspekte der Ernährung hinaus. Speisevorschriften und Speisetabus bekommen somit identitäre Bedeutung, die ständige Wiederholung in diesem Bereich, schließlich müssen wir alle essen, machen es besonders geeignet, eigene Zuordnung oder Abgrenzung zu üben, zu exerzieren.

Fastenzeit, die fleischlosen Freitage, um nur in meinem Kulturkreis zu bleiben, waren Ermahnungen oder Übungen der Religion. Tischgebet nicht zu vergessen, auch wenn es wohl heute kaum noch Bedeutung hat. Auch die anderen Tabus, die Ernährung betreffend, spielen keine große Rolle mehr, was aber nicht heißt, dass, ließen sich neue Regeln oder Tabus etablieren, dies Ausdruck eines Kulturwandels wäre.

Man könnte geradezu sagen, dass heute das Fehlen oder Zumindest das Verschwinden von Tabus ein Kennzeichen unserer Kultur ist. Besser gesagt: Ein Kennzeichen war. Neue kulturelle Befehle, einem Drill gleich, machen sich breit, Stichwort Öko oder Bio. Ernährungsgebote, -verbote, -tabus sind auf dem Vormarsch und werden befolgt. Diese Übungen mögen bei genauerer Betrachtung fragwürdig erscheinen, auch erschließt sich deren Sinnhaftigkeit nicht durch die Argumente, mit denen sie mitunter daher kommen, denn ob Gentechnik oder Bio, ein Austausch von Argumenten des Für und des Wider findet ja kaum statt. Doch gleichsam bricht sich diese neue Kultur der Nachhaltigkeit und der Begrenztheit ihre Bahn in den Alltag, und zwar mittels Drill, also kulturellen Befehlen, die immer und immer wieder geübt werden. Eine neue Identität entsteht, erzogen durch kulturelles Exerzieren von Tabus.

Der Hegemon verrät sich durch den Charakter seiner Befehle

Freilich könnten wir nun hier Gramsci und seine Anleitungen zur "kulturellen Hegemonie" heranziehen, um die Veränderungen, die in Gesellschaft und Kultur geschehen sind, zu erklären. So wie das der Historiker Baberowski kürzlich in der NZZ klug dargestellt hat. Dennoch bleibt das Bild unvollständig, ja ist geradezu verzerrend, werden die Mechanismen der Macht nicht ins Blickfeld genommen. Dabei darf der kulturelle Befehl nicht außer acht gelassen werden, durch ihn erkennen wir, wie die Machtverhältnisse in einer Gesellschaft sind. Der Hegemon verrät sich durch den Charakter seiner Befehle, und die Gesellschaft verrät sich dadurch, wie sie diese Befehle annimmt. Beim Militär ist dies klar und geregelt, im zivilen Leben muss man etwas genauer hinschauen, am besten auf die Tabus, verändern sich diese, haben sich die Machtverhältnisse verändert.

Um diese Machtverhältnisse abzusichern, gilt es, sie im täglichen Leben zu verankern. Ich nenne es eben kulturellen Drill. Dazu sind Ernährung und Sexualität schon immer geeignet gewesen. Über letzteres habe ich noch nicht gesprochen, doch soll ich hier nun auch noch das Fass gendergerechte Sprache aufmachen, das über Ehe und politisch korrekte Sprache im allgemeinen? Auch überall da schleichen sich neue Tabus ein, diese Befehle des kulturellen Drills.

In einer wirklich pluralistischen Gesellschaft könnte ich mich diesen Befehlen entziehen, doch wenn totalitäre Ideologien, eine solche ist beispielsweise der Ökologismus, ihre gewonnene Macht mittels kulturellem Exerzieren ausüben, Tabus etablieren, dann bleibt eben nur der Rückzug in die Nischen. Wenn ich dabei (scheinbar) zum Anarchisten geworden bin, dann ist es eben so. Ich reagiere nun mal ganz allergisch auf Befehle. Schon immer, ich habe mich nicht in den Dreck geworfen als der Ausbilder „Stellung!“ rief, und werde es heute erst recht nicht tun.

Diese Freiheit nehme ich mir einfach, das kann nicht jeder. Derjenige der Karriere machen möchte, wird sich anpassen müssen. Ein Soldat, der Befehle verweigert, wird auch nicht befördert. Die Konsequenzen betrachtend, die sich aus einer Befehlsverweigerung ergeben, sind beim militärischen und beim kulturellen Befehl nicht sehr verschieden. Mindestens die Karriere ist futsch.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Quentin Quenchers Blog Glitzerwasser hier.

Foto: Patricia Bunting/ USAF via Wikimedia Commons
Leserpost (3)
André Dreilich / 24.05.2017

Kleine Ergänzung: Das mit dem Wehrunterricht sieht wikipedia richtig. Es gab einerseits die “vormilitärische Ausbildung”, d.h. das unsägliche, paramilitärische Rumgeturne mit der GST, andererseits kam Ende der 70er Jahre noch das unglaublich tolle Fach “Sozialistische Wehrerziehung” hinzu. Also gewissermaßen die theoretische Basis fürs praktisch Rumturnen. Analog lief es, soweit meine Erinnerungen mich nicht trügen, auch in anderen Fächern, z.B. beim “Unterricht in der Technischen Produktion” (UTP). Dieses eigentlich ganz nützliche, weil praktische Fach war eine Art “Werkunterricht für ältere Schüler in realen Betrieben” und wurde ergänzt durch die “Einführung in die sozialistische Produktion” (ESP); das war ein theoretisches Fach, in dem man sogar etwas Nützliches lernte (Technologie, Elektrik, ...). Als Sahnehäubchen der Sinnfreiheit gab es jedoch das Fach “Grundlagen der sozialistischen Produktion” (GSP). Dahinter verbarg sich in der Oberstufe eine Art politische Ökonomie des Sozialismus, die ja bis heute keiner begriffen hat.

Roland Richter / 24.05.2017

S.g. Herr Quencher, Sie haben den Finger drauf. Wer aufmuckt, versaut sich seine Karriere. Das war schon in der DDR so und das ist in Muttis Komödiantenstadel auch nicht anders. Damals sind wir, als wir die Schnauze voll hatten, in den Westen gegangen. Wohin gehen wir heute? Gemeinsam in den Untergang?

Helmut Driesel / 24.05.2017

Das Bedauerliche daran: Je weniger Macht ein Mensch auszuüben gewillt oder fähig ist, um so weiter unten in dieser modernen Gesellschaft landet er schließlich. Das träfe auch dann zu, wenn Machtverzicht allgemein gültiges Dogma wäre. Theoretisch erhält man auf diese Weise eine Hierarchie von Schweinhunden… Ein Ausweg aus diesem Dilemma ist nicht in Sicht.

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