Gastautor / 05.10.2017 / 06:25 / Foto: Michelangelo / 11 / Seite ausdrucken

Künstliche Intelligenz und die Renaissance der Unmündigkeit

Von Jobst Landgrebe.

Eine seit Jahrzehnten entwickelte Form der angewandten Mathematik, die in den späten 1940er Jahren auf den Namen ‘Künstliche Intelligenz’ (im Folgenden KI) getauft wurde (1) (Alan Turing, einer der Urväter der KI), kommt seit einigen Jahren zum kommerziellen Durchbruch. Dieser technologische Umbruch wird unsere Lebenswelt ebenso umfassend verändern wie die Industrielle Revolution, die seit gut zweihundert Jahren anhält und manuelle Arbeit immer weiter rationalisiert. Die KI wird nun auch geistige Arbeit automatisieren, unsere Lebenswelt durchdringen und damit unsere Wahrnehmung und Willensbildung verändern. Um zu verstehen, wie dies geschieht, wird im Folgenden zunächst erläutert, was KI aus mathematischer Sicht ist, wie sie funktioniert und wo die Grenzen dieser Technologie liegen.

KI ist derzeit ein Modethema, ganz ähnlich wie das Internet Ende der 1990er Jahre. In solchen Zeiten schäumt manchem der Geist über. So glaubt einer der kreativsten und besten KI-Ingenieure der zweiten Generation, Ray Kurzweil (geb. 1948, heute KI-Leiter bei Google, Erfinder u.a. der Optical Character Recognition, mit deren Hilfe man gedruckte Texte digitalisieren kann), KI könne den Neocortex abbilden, werde bald intelligenter sein als Menschen und könne Menschen durch Abbildung des menschlichen Geistes im Computer unsterblich machen (2). Kurzweil vermischt hier naiv zwei geistesgeschichtliche Strömungen der Aufklärung: einen säkularen Erlösungsglauben und einen kruden Materialismus, wie er sich beispielsweise bei de La Mettrie findet (3).

Wir hingegen definieren KI nüchtern als eine von Menschen entworfene, in Rechenmaschinen ablaufende Abfolge mathematischer Modelle, die in der Lage sind, mit Hilfe spezieller Schnittstellen repetitives, häufig erfasstes menschliches und maschinelles Verhalten aufzuzeichnen, um es dann mathematisch zu verarbeiten und zu imitieren. Rechenmaschinen, auf denen KI läuft, bezeichnen wir im Folgenden als KI-Automaten.

Wie das Verhalten eines Sachbearbeiters einer Versicherung automatisiert wird

KI-Automaten funktionieren, indem das zu imitierende Verhalten gemessen und nachgebildet wird. Dafür wird der Mensch, dessen Verhalten imitiert werden soll, als Wesen modelliert, das eine Situation erfasst, verarbeitet und auf sie mit einem bestimmten Verhalten reagiert. Die Situation wird dem KI-Automaten als ein von KI-Mathematikern definierter Dateninput vorgelegt, das Ergebnis des Verhaltens von Menschen ebenfalls in Form von Daten. Nun kann der Automat das Verhalten nachbilden. Speichert man beispielsweise in einem KI-Automaten Millionen von Erstattungsanträgen und das Resultat der versicherungstechnischen Schadenregulierung, kann der Automat zum „Experten“ des Verhältnisses zwischen der Rechnung und der Auszahlung (samt der Begründung von Kürzungen, falls diese anfallen) werden. Diese Imitation ermöglicht eine Automatisierung menschlichen Verhaltens. In unserem Beispiel kann das Verhalten des Sachbearbeiters der Versicherung automatisiert werden. Das Ergebnis wird auf diese Weise billiger und fehlerärmer ermittelt.

Mit Hilfe mehrerer Automaten (einer Automatenkette) kann menschliches Verhalten auch simuliert werden, indem man der Kette eine Situation vorgibt und für diese nach Auswertung des beobachteten Verhaltens die wahrscheinlichste Reaktion von Individuen oder Gruppen errechnet. So lässt sich individuelles Verhalten vorhersagen oder auch steuern, indem man Individuen Situationen vorlegt, auf die diese mit hoher Wahrscheinlichkeit im erwünschten Sinne reagieren. Dadurch kann Verhalten im begrenztem Ausmaß gesteuert werden – denn Individuen sind in hohem Maße dazu fähig, sich Steuerungsversuchen zu entziehen.(Man denke nur an die vergebliche Sekundärprävention im Gesundheitssystem.)

Voraussetzung für beide Formen der Imitation ist die Gleichförmigkeit des Verhaltens. Diese findet man unter zwei Bedingungen vor: zum einen dann, wenn das Verhalten einem starken gesellschaftlichen oder institutionellen Normendruck ausgesetzt ist, wie beispielsweise das oben genannte Verhalten von Sachbearbeitern einer Versicherung, die gemäß sogenannter Arbeitsrichtlinien tätig sind oder sich an wenig ausdifferenzierten Peer-Group-Dialogen in Social Media beteiligen. Zum anderen dann, wenn die Situation extreme Reize enthält, die instinkthaftes Verhalten auslösen, wie etwa Gefahrenlagen und Situationen, die eine leichte und schnelle Trieberfüllung versprechen.

Wenn KI-Automaten nur imitieren können, warum befürchten Beobachter dann das Nahen der “Singularität”, bei deren Eintreffen Maschinen eine “übermenschliche Intelligenz” entwickeln würden? Vielleicht lassen sie sich davon täuschen, dass KI-Automaten unter bestimmten Bedingungen eine präzise definierte Aufgabe besser leisten als Menschen. So bei vielen Spielen: 2016 besiegte beispielsweise der Go-Automat der Firma Google Deep Mind die besten Go-Spieler der Welt. Er hatte aus menschlichen Spielen gelernt, aber auch aus maschinellen Spielen (etwa zwei KI-Automaten gegeneinander). Jedoch sind Spiele, in denen eine Miniaturwelt geschlossener Situationen mit sehr kleinem Handlungsrepertoire und festgelegtem Punktesystem geschaffen wird, nicht mit dem echten Leben vergleichbar. Dort haben wir es mit einer nicht definierbaren Gesamtlage und spontanen, nicht absehbaren Reaktionen von Menschen zu tun. Vor allem ist es einem Automaten nicht möglich, die Situation, auf die er reagieren soll, spontan zu erfassen –  Realitätsausschnitte müssen immer wieder neu portioniert und den Automaten zum Training in einer mathematisch zu definierenden Form vorgelegt werden.

KI-Automaten haben nichts, was uns als Menschen ausmacht: keine Intentionalität, keinen Willen, keine freien Assoziationen, kein moralisches Denken, keine Ideale und keinen Glauben. Es sind Imitationsmaschinen. Was sie gelernt haben, können sie mit genügend Rechenkraft unglaublich viel schneller und fehlerfreier verrichten als Menschen – aber eben nur das. Um neues Verhalten zu erlernen, sind sie in Realsituationen zum einen auf menschliche Vorbilder, zum anderen auf KI-Mathematiker, die Realitätsausschnitte für sie portionieren, angewiesen.

Durchdringung der Lebenswelt mit KI-Automaten

Neben der Imitation menschlichen Verhaltens können KI-Automaten Muster identifizieren, die sich nur durch die Zusammenschau großer Datenmengen erkennen lassen (Mustererkennung). In der Praxis können neue Muster gefunden und menschlichen KI-Instruktoren vorgelegt werden; diese bestimmen dann, wie in Zukunft auf ein solches Muster reagiert werden soll. Der Automat erlernt dies und kann nun auf das von ihm selbst entdeckte Muster reagieren.  Das gilt auch für Muster, die aus Sprache bestehen: Neuerdings können KI-Automaten auch Gedanken, wie sie beispielsweise in Sätzen oder Textabsätzen geäußert werden, als sinnerhaltende mathematische Muster abbilden( Vgl.hier ).

Wegen ebensolcher Fähigkeiten von KI-Automaten zur Mustererkennung und Automatisierung werden diese nun in immer neuen Bereichen eingesetzt: in Startups und innovativen Branchen (vonWeb-Händlern und Social Media) vorbehaltlos, aber zunehmend auch in konservativen Branchen wie Banken und Versicherungen.

Alle Lebensbereiche –  Freizeit und Arbeitswelt, öffentlicher und privater Raum –  werden von KI-Automaten durchdrungen: KI macht schon heute Web-Shoppern Kaufvorschläge und optimiert individuell zugeschnittene Werbung und Rabatte. KI wird in Wohnungen als ansprechbarer digitaler Diener (z.B. Amazon Echo) aufgestellt. KI ist in unserem Smartphone im Betriebssystem und vielen Apps. KI überwacht den öffentlichen (und in bestimmten Situation auch den privaten) Raum. KI handelt an Börsen und Märkten, schreibt Zeitungsartikel, steuert demnächst unsere Autos und wird bald Ärzte, Rechtsanwälte, Steuerberater, Apotheker, Richter und Notare unterstützen. Einfache Tätigkeiten von Ärzten und Anwälten werden durch entsprechende KI-Internetangebote ersetzt; bei einfachen Arznei-Verschreibungen dieser Prozess schon in vollem Gange.

Vor allem werden KI-Automaten in den nächsten zwei Jahrzehnten die gesamte repetitive geistige Arbeit, die heute von Menschen verrichtet wird, übernehmen: Berufsbilder wie Versicherungskauffrau, Rechnungsprüfer, Korrespondenzbearbeiter, Kreditantragsbearbeiterin, einfacher Fachangestellter im Finanzamt, Justizangestellte, Buchhalter und viele andere werden, jedenfalls in ihrer heutigen Form, verschwinden.

In der Geschichte des neuzeitlichen Abendlands schrumpft der Raum der physis und erweitert sich der Raum der techne (vgl. beispielsweise 4). Mit der Verbreitung von KI in unserer Lebenswelt beschleunigt sich dieser Prozess. Er nähert sich dem Zentrum unserer Individuation und verändert unsere Wahrnehmung und Willensbildung in bisher unbekanntem Ausmaß. Denn obwohl Medien wie Radio, Kino, Fernsehen und das mobile Internet unsere Kommunikation und die Art der Informationsverbreitung und -aufnahme grundlegend verändert haben, interagieren hier Menschen miteinander (entweder indirekt, indem Nutzer als Konsumenten der von anderen erzeugten Inhalte agieren ( Wobei die Möglichkeit, dass nun jeder Autor sein kann, den Charakter der Öffentlichkeit grundlegend verändert, jedoch in einer Weise, die nichts mit KI zu tun hat.), oder direkt, indem Menschen miteinander kommunizieren). Doch mit KI erhält der menschliche Umgang eine neue Qualität, denn nun interagieren Menschen mit Maschinen, oftmals, ohne sich dessen bewusst zu sein.

Kein Ende der geistigen Freiheit

KI-Automaten selektieren im Internet nach Maßgabe des bisherigen Nutzerverhaltens die Inhalte, die einem Nutzer angezeigt werden, sowohl bei Suchanfragen als auch bei Werbeeinblendungen und Empfehlungen auf Knoten-Seiten, die oftmals geradezu suggestiv wirken, weil dort gestöbert wird (Facebook, Amazon, Youtube, Instagram etc.) und die Kaufbereitschaft hoch ist. Das kann die Wahrnehmung der Umwelt stark einschränken – Nutzer mit einem hochgradig habitualisierten Verhalten im Internet, die eine einfache Sprache mit rudimentärer Syntax und geringem aktiven Wortschatz verwenden, bekommen immer wieder ähnliche Inhalte gezeigt und bleiben in einem “Informationstal”, ohne es zu merken. Ihre Wahrnehmung bleibt verengt. Mit der auf wenige Inhaltsklassen beschränkten Wahrnehmung geht eine flache, stereotype Willensbildung einher.

Seit über zweihundert Jahren verfolgt die westliche Zivilisation, nach ihren konstitutionellen Selbstfestlegungen zu schließen, die hehre Absicht, zum “Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit” beizutragen (Kant). Wenn wir nun in den Social Media und in den Texten der Massenlaienautoren deren Sprachkompetenz und Urteilskraft messen, müssen wir erkennen, dass dieses Projekt trotz temporärer Ausrottung des Analphabetentums (5) und sieben bis acht Generationen der Volksschulbildung und höheren Schulbildung noch nicht sehr weit gediehen ist. KI-Automaten, die Standardpfade zu Inhalten bahnen und massenhaft Inhalte generieren, erhalten heute für die Bewußtseinslenkung eine ähnliche Funktion wie die katholische Kirche Europas vor der Reformation. Das Bewußtsein vieler Menschen, die unter einem charakteristischen Mangel an Urteilskraft leiden, wird nun durch ein neues, sehr potentes Mittel mit Inhalten versorgt. Was wir in den Social Media beobachten, ist eine manifeste Renaissance der Unmündigkeit – denn eigentlich war sie nie verschwunden. Sie war nur nicht so auffällig sichtbar.

Immerhin bekommen gebildete, mündige Nutzer  reichhaltige Dokumentationen, Informationen und Literatur zu sehen, denn sie sind zur selbständigen Auswahl und Bewertung fähig.. Das neuerdings verkündete Ende der geistigen Freiheit findet also durch KI nicht statt. Doch die Potenziale der Individuation werden mit KI in wachsendem Maße ungleich verteilt.

KI-Automaten als Wohlstandsmotoren und Überwachungsapparate

Welche wünschenswerten Güter erzeugen KI-Automaten? Vor allem wird die Durchdringung der Wirtschaft mit KI-Automaten die Produktivität enorm steigern. Millionen von Arbeitsplätzen werden von Automaten übernommen, und viele hochwertige Güter werden deutlich kostengünstiger produziert werden können als heute. Der so erzeugte Zusatzwohlstand wird riesig sein, und er kann genutzt werden, um den demographischen Wandel zu kompensieren. Er kann menschliches Leid lindern helfen –  Krankheiten, die aus repetitiver geistiger Tätigkeit entstehen.

Unternehmen werden neue, heute noch kaum vorstellbare Service-Modelle anbieten, die hohe Preise erzielen können und für deren Herstellung menschliche Arbeit benötigt wird. Allerdings wird der Übergang zu dieser neuen Produktivitätsstufe einen gewaltigen Strukturwandel auslösen, wenn sich die Bürotürme des 20. Jahrhunderts leeren, weil die Arbeit in die Rechenzentren verlegt wird. Wie alle Fundamentaltechnologien birgt KI ein großes Entlastungspotenzial in sich. Der Mensch kann sich weiter von den Fesseln der Erwirtschaftung seines Lebensunterhalts befreien. Die Lebensarbeitszeit kann weiter verkürzt werden.

Seit dem 18. Jahrhundert bemühen sich die Mächtigen unserer Gesellschaft, seien sie abwählbar oder nicht, staatliche oder private Akteure oder als Politiker eine Mischung aus beidem, den Lebensrhythmus mit Hilfe sozialer und staatlicher Kontrolle zu vereinheitlichen und wirtschaftlich zu optimieren. Materielle Güter erlangen dabei eine immer größere Bedeutung, so dass mittlerweile sogar immaterielle Güter “materialisiert werden” (Die Intensität der Vernetzung in Social Media wird von Individuen oft als eine Art von Eigentum begriffen). Max Weber hat dies als “stahlhartes Gehäuse der Hörigkeit” bezeichnet ( Es kehrt nun mit den Immigranten zurück), Michel Foucault und andere haben diese Idee vertieft. KI-Automaten verfeinern das stahlharte Gehäuse zu einem feinen Stahlnetz, das alle Mitglieder der Gesellschaft umgibt und subtil kontrolliert.

Der ubiquitäre Einsatz von KI-Automaten kann Menschen mittels gezielter Steuerung des Informationszuflusses und Zusteuerung von Angeboten und Richtlinien in ihrem Verhalten und ihrer Meinungsbildung beeinflussen und ihr Verhalten überwachen. Einzig das in Abwesenheit elektronischer Geräte gesprochene und das von Hand geschriebene Wort bleiben vertraulich – die gesamte Kommunikation unter Einsatz des mobilen Internets kann überwacht werden und wird überwacht: Die Verbindung von Steuerung und totaler Überwachung der Nutzer über deren mobile Internetnutzung via Soft- und Hardware erlauben es Google, Facebook u.a. schon heute, die Wirksamkeit der KI-plazierten Werbung und Informationspfade zu überprüfen und automatisiert nachzusteuern, sodass der Ertrag maximiert wird. Der Staat und seine gewählten und verbeamteten Repräsentanten können das stahlharte Netz der KI dazu einsetzen, Menschen im Internet und im öffentlichen Raum zu steuern und zu überwachen. Perfektioniert wird diese Kontrolle durch das Aufkommen von Technologie, die den Sinn von Sprache mathematisch abbildet.

KI-Automaten und die offene Gesellschaft

Wichtige Voraussetzungen für den demokratischen Rechtsstaat sind demokratische Öffentlichkeit, politische Willensbildung und Partizipation der Mehrheit der Bürger an Wohlstand und den Früchten des politischen Prozesses sowie der Schutz der Privatsphäre und der individuellen Freiheit. Sind sie nicht allesamt erfüllt, bleibt der Gesellschaftsvertrag ohne Leben. Eine weitere, oft übersehene Voraussetzung ist das Vertrauen in Vertragspartner, die man gar nicht oder kaum kennt. Solches Vertrauen kann sich nur auf der Basis einer gemeinsamen Identität herausbilden.

Wir haben gesehen, dass die Durchdringung mit KI Öffentlichkeit, Willensbildung und Partizipation in Frage stellt, da KI die unübersehbare Renaissance der Unmündigkeit fördert. Heute wird Öffentlichkeit paradoxerweise dadurch eingeschränkt, dass viele sich über das mobile Internet an Dialogen beteiligen, doch diese gestalten sich meist schmatisch und zeremoniell. Das unterminiert auch die Fähigkeit der Bürger, am politischen Prozess zu partizipieren und ihn so zu beeinflussen,  denn komplexe Lösungen, die unseren hochdifferenzierten gesellschaftlichen Systemen angemessen wären, sind praktisch kaum vermittelbar (Ein gutes Beispiel dafür ist die Eurokrise, die man auch deswegen nicht gelöst hat, weil man sich davor fürchtet, die Ursachen und Wirkungen des Fehlkonstrukts Euro der Öffentlichkeit zu erläutern.) Daher werden einfache Lösungen propagiert, die aber der Mehrheit der Bürger ökonomisch schaden – wie etwa der wieder aufkommende Protektionismus als scheinbar einfache Lösung für das Problem der Erosion von Arbeitsplätzen und die sogenannte Energiewende. Womit wir bei der Partizipation am Wohlstand wären. Der oben geschilderte Strukturwandel durch KI wird die Ungleichverteilung von Wohlstand vergrößern und damit das Problem der Legitimität staatlichen Handelns verschärfen. Zugleich lassen Überwachung und Steuerung von Menschen mit KI die Privatsphäre verdunsten.

Unsere offene Gesellschaft, die im Westen bereits seit Jahrzehnten auch ohne KI-Durchdringung schwankt (6, 7), steht vor einer schweren Bewährungsprobe mit unsicherem Ausgang.

Dr. Jobst Landgrebe ist Geschäftsführer der Cognotekt GmbH, einer auf die Automatisierung einfacher geistiger Tätigkeiten mit Künstlicher Intelligenz spezialisierten Firma; er veröffentlicht regelmäßig zum Themenkreis „Technologie und Gesellschaft“. Der hier vorliegende Text erschien zuerst in der Sommerausgabe von TUMULT, Vierteljahresschrift für Konsensstörung.

Literatur und Anmerkungen

1) Alan Turing: “Computing Machinery and Intelligence”, in: Mind LIX (236) (1950), S. 433–460. 


2) Ray Kurweil: The singularity is near. New York 2006. 


3) Julien Offray de La Mettrie: L’homme machine. Leyden 1748.

4)  Martin Heidegger: “Die Frage der Technik”. In: Vorträge und Aufsätze (1936-1953). Frankfurt/Main 2000.

5) Max Weber: “Die protestantische Ethik und der ‘Geist’ des Kapitalismus”. In: Archiv für Sozialwissenschaften und Sozialpolitik XX, XXI (1904/5).

6) Udo di Fabio: Schwankender Westen. München 2015. 


7)  Richard Rorty: Achieving Our Country. Leftist Thought in Twentieth-Century America. Cambridge (Mass.)1997. 


Dr. Jobst Landgrebe ist Geschäftsführer der Cognotekt GmbH, einer auf die Automatisierung einfacher geistiger Tätigkeiten mit Künstlicher Intelligenz

spezialisierten Firma; er veröffentlicht regelmäßig zum Themenkreis „Technologie und Gesellschaft“.

Leserpost (11)
Andreas Rochow / 05.10.2017

Das ist doch mal ein KI-Artikel, der verständlich und nicht nur euphorisch die Entwicklung kommentiert, die unsere Politiker gern mit einem zeitgemäßen Zwang zur “Digitalisierung” verwechseln. Ehe wir KI als alles bestimmende Technologie schalten und walten lassen, sollten wir uns klar machen, das Kunst, Geschichte, Geisteswissenschaft, Bildung, Vielfalt und Wahlfreiheit auf der Strecke bleiben.

Klaus Lepinat / 05.10.2017

Ein hochinteressanter und wichtiger Artikel. Aber den Anmerkungen in “Literatur und Anmerkungen” kann ich mit meiner menschlichen Intelligenz kaum folgen. Vor allem bei Punkt 1) + Anmerkung gerate ich in eine Endlosschleife!

Eva Schmidt / 05.10.2017

Ich glaube, da gibt es eine Namens-Verwechslung: Ein Alan Turing (*1948) mag heute Chef der KI bei google sein, hat aber sicher nicht im Alter von 2 Jahren das Buch “Computing Machinery and Intelligence” verfasst. Das war wohl eher der 1912 geborene Alan M. Turing, der 1954 Suizid beging und als Erfinder der Turing Maschine gilt.

Reto Bühler / 05.10.2017

Der Autor glaubt, dass der Mensch über einen freien Willen verfügt - die meisten Neurowissenschaftler und Physiker würden ihm da jedoch widersprechen und schon Einstein konnte mit der Idee eines freien Willens nichts anfangen: “Ich weiß ehrlich nicht, was die Leute meinen, wenn sie von der Freiheit des menschlichen Willens sprechen. Ich habe zum Beispiel das Gefühl, dass ich irgend etwas will; aber was das mit Freiheit zu tun hat, kann ich überhaupt nicht verstehen. Ich spüre, dass ich meine Pfeife anzünden will und tue das auch; aber wie kann ich das mit der Idee der Freiheit verbinden? Was liegt hinter dem Willensakt, dass ich meine Pfeife anzünden will? Ein anderer Willensakt? Schopenhauer hat einmal gesagt: ‚Der Mensch kann tun was er will; er kann aber nicht wollen was er will.“ ( aus: Albert Einstein: Ich vertraue auf Intuition. Der andere Albert Einstein. Spektrum Akademischer Verlag Heidelberg, Berlin, Oxford, S. 176.)

Helmut Diresel / 05.10.2017

Wenn reale Menschen funktionieren, dann verhalten sie sich nach Regeln, die logisch erfassbar und in Maschinensprachen transkribierbar sind. Die KI-beseelten “Automaten”, wie Sie das nennen, werden sich nicht bemühen, die realen Menschen mit ihren Unvollkommenheiten und Irrationalitäten zu imittieren. Vielmehr werden sie sich die Regeln einverleiben, eigenen Regeln aufstellen, auch für den Umgang untereinander, oder sie werden das im Falle mangelnder Fähigkeiten von ihren Entwicklern fordern. Dieser Aspekt wird gewöhnlich übersehen. Dass Maschinen etwas von ihren Besitzern oder Konstrukteuren fordern können, sogar, wenn sie noch nicht im Mindesten als KI angesprochen werden können. Überlegen Sie mal, was geschieht, wenn ihr Telefon signalisiert, dass der Akku fast leer ist, oder wenn Ihr Auto defekt ist und unterwegs stehen bleibt. Überlegen Sie mal, wie Ihr Haustürschlüssel oder Ihre Brieftasche von Ihnen fordert, dass Sie den ganzen Tag darauf achten, dass sie nicht verloren gehen. Sie verhalten Sich, als würden Sie von diesen doch definitiv toten Dingen kontrolliert. Man könnte darüber erschüttert sein, wäre es nicht in so intensiver Weise unsere tägliche Normalität.

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