Alexander Wendt / 01.07.2012 / 15:28 / 0 / Seite ausdrucken

Klug, ehrgeizig, unsichtbar (Teil 1)

Vergangene Woche stellten Forscher den neuesten Bildungsbericht für Deutschland vor – und kritisierten wieder einmal die schlechten Chancen für Migrantenkinder. Die hätten mit vielen „Nachteilen“ zu kämpfen, so der Bildungsforscher Horst Weishaupt, unter dessen Leitung der Bericht entstanden war. „Die Kinder aus Migrantenfamilien kapieren gar nicht, was in unserem Bildungssystem alles möglich ist – wenn wir es ihnen nicht besser erklären“, meine der Jugendforscher Thomas Rauschenbach. Was aber, wenn eine Gruppe von Einwandererkindern gar nicht auf die Erklärungen deutscher Jugend- und Bildungsforscher angewiesen wäre? Wenn sie in den Schulen sogar die angestammten Deutschen überflügeln würden? Bei öffentlichen Klagen über Integrationsversäumnisse fehlt merkwürdigerweise immer das Beispiel der Deutschvietnamesen. Denn ihr Erfolg widerlegt fast alle gängigen Klischees der Einwanderungsdebatte.

Wie Kinder eingewanderter Vietnamesen zu Bildungsgewinnern in Deutschland aufsteigen

Herr Bui spricht nur wenige deutsche Sätze. Aber die Sätze, die er spricht, klingen klar, fast akzentfrei. Einer dieser klaren kurzen Bui-Sätze lautet: „Das ist mein Boot!“
Sein Finger zeigt auf ein Schwarzweißfoto in einem Bildband aus den achtziger Jahren, der die Flucht tausender Boat People aus Südvietnam nach dem Einmarsch der kommunistischen Truppen dokumentiert. Auf einem Fischerkahn, flach wie ein Floß, kauert eine Menschengruppe im Kreis, Tan Van Bui und seine Familie. Nur wenig später hieven Besatzungsmitglieder der deutschen „Kap Anamur“ die Seefahrer an Bord. Den Bildband mit einem Vorwort von Heinrich Böll bewahrt die Familie seit Jahrzehnten wie eine Reliquie auf. Jetzt liegt er auf dem Tisch des „Literaturcafés“ in Nürnberg,  zwischen Tee- und Kaffeetassen,  und die Zeit vor 30 Jahren fühlt sich für beide wieder so an wie eine gerade erst überstandene Gefahr, eine Vergangenheit ohne wirklichen Schlusspunkt.

„Elf Tage und Nächte trieben wir auf dem Wasser“, „sagt Nico Bui, seine Tochter. „Es war damals wirklich eine Rettung in letzter Minute.  Hier, an den starken Wangenknochen erkennen Sie meinen Vater.  Wie alt schätzen Sie ihn?“ Herr Bui sieht jünger aus als achtundfünfzig. „Uns sieht man das Alter nicht so an, da haben wir Asiaten einen Vorteil“, sagt Nico Bui und lächelt.  Nach ihrer Ankunft in Deutschland 1980 arbeitete Tan van Bui in einer Elektrofabrik, später bei Grundig in Nürnberg, er fand nie Zeit, richtig Deutsch zu lernen, seine Biografie ähnelt soweit den Lebensläufen vieler türkischer oder jugoslawischer Einwanderer der ersten Generation.  Seine Tochter Nico, die damals mit zweieinhalb Jahren nach Deutschland kam, studiert Medizin in Erlangen, und sie spricht nicht einfach nur deutsch, sie spricht fränkisch mit rollendem R. Eigentlich heißt Nico Bui Thi Cam Nhung Bui, sie benutzt aber auch gern ihren europäisierten Namen.  Alles in allem, sagt sie, sei sie „mehr Deutsche als Vietnamesin“.

Die Geschichte der Familie Bui erzählt die Geschichte der vietnamesischen Einwanderer im Kleinformat – die Geschichte der erfolgreichsten Migrantengruppe in Deutschland. Eine Gruppe, die nicht klagt, sich weder benachteiligt noch beleidigt fühlt. Deren Kinder zu 40 Prozent das Abitur erreichen – unter den autochthonen Deutschen sind es rund 29 Prozent -,  die überdurchschnittlich oft bei Mathematikolympiaden gewinnen und Medizin studieren. In Brandenburg besuchen sensationelle 74 Prozent der vietnamesischen Kinder ein Gymnasium. Trotzdem kommen vietnamesische Einwanderer auf dem Integrationsgipfel nur am Rand vor,  Migrationsforscher widmen ihnen kaum Studien. Beim „Bundesamt für Migration und Flüchtlinge“  bedauert man: Es gebe leider keine Untersuchungen darüber, warum sich Einwanderer aus Vietnam so gut integrieren. Auch keine Vergleichsstudien zwischen asiatischen und beispielsweise arabischen Einwanderern.  Man könne, sagt eine Sprecherin des Amtes, eigentlich nur auf eine großangelegte Untersuchung verweisen: „Muslimisches Leben in Deutschland“.

Rund 84 000 vietnamesische Einwanderer leben laut Einwanderungsstatistik in Deutschland. Eine Studie der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit zählt inklusive der Eingebürgerten rund 125 000 Menschen mit vietnamesischen Wurzeln in Deutschland. Etwa 40 000 Boat People kamen kam vor dreißig Jahren nach Deutschland, Flüchtlinge wie die Familie Bui, die buchstäblich nur mit ihren Sachen am Leib und ohne ein Wort Deutsch in einem Staat landeten, den sie bestenfalls vom Hörensagen kannten. Zur gleichen Zeit begann die DDR, so genannte „Vertragsarbeiter“ aus Vietnam zu holen, 60 000 insgesamt. Sie kamen immerhin mit ein paar Koffern, aber nahezu ohne Rechte. So wie Phan Huy Thao, 46, der in die DDR reiste, um Maschinenbau zu studieren, der dann in den Übersetzerjob wechselte und seit 20 Jahren vietnamesische Einwanderer in berät. Der Beratungsverein heißt „Reistrommel e. V“. Über seine Zeit im DDR-Wohnheim redet er nur wenig. Aber wenn er erzählt, wie die Nachricht vom Mauerfall im November 89 erst Tage später zu ihnen durchsickerte, dann begreift man, wie isoliert die Einwanderer in ihrem Plattenbau lebten. Die Nachricht selbst traf ihn und die anderen Vietnamesen völlig unvorbereitet. „Wir konnten uns einfach nicht vorstellen, dass die DDR zusammenbricht.“ Der Vertrag bestand nicht etwa zwischen der DDR und den vietnamesischen Arbeitern, sondern zwischen den Staaten, die damit ihre wirtschaftlichen Probleme etwas milderten. Für die Vietnamesen hieß das: Sie bilden eine Verfügungsmasse, sie bekamen ihren Arbeitsplatz in DDR-Fabriken zugeteilt, und mussten 12 Prozent ihres Lohns an einen vietnamesischen Regierungsfonds abliefern. Sie durften nicht woanders hin wechseln, schon gar nicht sich selbständig machen und ein Restaurant eröffnen. Ebensowenig konnten sich die staatseigenen Arbeitskräfte eine Wohnung aussuchen:  Die DDR-Bürokraten steckten die Arbeitskräfte aus Fernost kollektiv in Plattenbauheime am Stadtrand.  Wurde eine vietnamesische Arbeiterin schwanger, schickten die ostdeutschen Behörden sie wieder zurück in die Heimat. Der sozialistische Bruderstaat wollte nicht für die Entbindungskosten aufkommen und keinen Kindergartenplatz stellen müssen.  Die Neuankömmlinge sollten in Leipzig, Ostberlin und anderswo eigentlich nur arbeiten und so wenig wie möglich kosten. Sie sollten unsichtbar sein.

„Als wir hier ankamen, hatten wir nichts als unsere Köpfe“, sagt Nico Bui, die Tochter des Bootsflüchtlings.  „Das war ein Fluch, aber auch ein Segen. Uns war immer klar: Wenn es einen Weg gab, um das Leben für uns leichter zu machen, dann nur über die Bildung.“ Für ihre Eltern gibt es einen achtwöchigen Sprachkurs – dann muss sich die Familie selbst helfen. Als sie in den katholischen Kindergarten im fränkischen Ellingen kommt, versteht Nhung kein einziges Wort. Dann begreift sie irgendwann die ersten Worte, die ihr die anderen an den Kopf werfen: Schlitzauge. Plattnase. Sie wehrte sich mit einem aus dem Fernsehen abgeschauten Kung-Fu-Tritt gegen zwei besonders penetrante Jungs, obwohl sie eigentlich gar kein Kung-Fu konnte. Danach ließen die beiden sie in Ruhe.

Von Pöbeleien und Anrempeleien erzählen ausnahmslos alle vietnamesischen Einwanderer, wenn sie sich nach einer Weile warmreden, ob Ex-Vertragsarbeiter oder Boat People. Aber gleichzeitig begegnet man unter ihnen nirgends Vorwürfen gegen die Gesellschaft oder Bitterkeit. Obwohl beide Gruppen, die bettelarmen Bootsflüchtlinge wie die gedemütigten Vertragsarbeiter am ehesten von allen Einwanderern einen Grund dazu hätten, sieht sich niemand von ihnen als Opfer. Ihr Vater habe ihr schon früh eingeschärft, sagt Nhung beziehungsweise Nico, sie müsse sich als Ausländerkind eben besonders anstrengen. Besonders gut sein. Obwohl ihr Vater sich immer mit der deutschen Sprache plagte, verbot er seiner Tochter anfangs, zuhause vietnamesisch zu reden. „Wir mussten deutsch sprechen“, sagt Nico Bui.

Besonders gut sein: Der Wille, aber auch der Zwang zur Höchstleistung herrscht unter den Deutsch-Vietnamesen so stark wie in keiner anderen Gruppe.  „Vietnamesische Eltern machen immer Druck, Bildung und Schule sind für das Thema Nummer Eins. Viele vietnamesische Kinder lernen deshalb gar nicht so sehr für sich, sondern ihren Eltern zuliebe.“ Die „Goldene Schülerliste“ auf einer Webseite speziell für die vietnamesische Community listet die bundesweit besten deutschvietnamesischen Schüler auf, als ginge es um Olympiarekorde, mit den Fotos der Überflieger und den jeweiligen Notendurchschnitten, die bei 1,1 beginnt. Mit einem Durchschnitt von 1,6 rangiert man schon relativ weit hinten.

„Dieser extreme Druck, der ist nicht fair“, meint Nico Bui: „Da sind viele vietnamesische Eltern psychologisch instinktlos.“ Für sie sei immer klar gewesen, schon in der ersten Klasse: „Ich wollte Ärztin werden.“ Unter Kindern vietnamesischer Einwanderer und mehr noch bei ihren Eltern gilt das Medizinstudium immer noch als Inbegriff des sozialen Aufstiegs, als Integrationstraum in Weiß.  In Nordrhein-Westfahlen,  erzählt sie, gebe es eine Familie aus Vietnam mit sieben Kindern. „Und alle sieben sind Ärzte.“

Der Vorsitzend der Türkischen Gemeinde in Deutschland Kenan Kolat will zwar eigentlich „keine ethnischen Vergleiche machen“, wenn es um, die extrem unterschiedlichen Bildungserfolge in der zweiten Generation der Deutschvietnamesen und Deutschtürken geht.  Aber der Kontrast gibt ihm doch zu denken. Von türkischen Kindern der zweiten Generation schaffen es nur 8,6 Prozent aufs Gymnasium, 21 Prozent verlassen die Schule ohne Abschluss. „Wir haben zu lange versäumt, auf Bildungsarbeit zu setzen, anders als beispielsweise spanische Einwanderer in Deutschland“, meint er selbstkritisch. „Die haben viel früher Elternverbände gegründet.“

Teil 2 folgt

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