Michael Wolffsohn, Gastautor / 12.11.2014 / 11:08 / 12 / Seite ausdrucken

Klischees und Legenden über Orient und Okzident

Von Michael Wolffsohn

Krankhaft ist oft die Sicht der Islamischen Welt auf uns. Krankhaft ist oft unsere Sicht auf die islamische Welt. Krankhaft ist die klischeehafte Wir/Ihr-Gegenüberstellung. Weder die christlich-jüdische Welt des Okzidents noch die Islamische des Orients ist aus einem Guss. Diese Vielschichtigkeit gilt auch für den Orient im Okzident, sprich: für die muslimische Diaspora in Deutschland und Westeuropa. So weit die Krankheitsdiagnose.

Es gibt eine Therapie: Die Fakten (er)kennen und nicht verallgemeinern. Es gibt “die” Muslime so wenig wie “den” Westen, “die” Deutschen oder “die” Juden und so weiter. Einige der wechselseitigen Legenden seien hier durch Tatsachen widerlegt.

Legende: Der Westen, also Christen und Juden, hätten “schon immer” ungerührt zugeschaut, wenn “islamisches Blut vergossen wird”.

Einige Tatsachen – ohne Bewertungen: Ja, es gibt und gab viele Konflikte zwischen Okzident und Orient. Doch nie gab es eine westlich-christlich-jüdische Einheitsfront gegen den Islam. Selbst im Mittelalter haben zum Beispiel spanische Christen mit Muslimen gegen andere Christen (und Juden) gekämpft. Als die Türken 1529 und 1683 vor den Toren Wiens standen, blickten Frankreichs katholische Könige hoffnungsvoll auf die Truppen des Sultans.

Mit ihm hatten sie versucht, das katholische Habsburg zu besiegen. Napoleon eroberte seit 1798 Teile der islamischen Welt. Das war aber zugleich der Beginn der Befreiung der islamischen Araber vom islamisch-osmanischen Joch. Gleiches gilt noch mehr für die Eroberung des Nahen Ostens durch Großbritannien 1917/18. Der Befreier wurde, wie Frankreich, schnell Besatzer und schließlich verjagt.

Mit US-amerikanischer Hilfe wurden britische Kolonien nicht nur in der Islamischen Welt seit 1941/45 regelrecht zerlegt. 1978/79 ließen die USA unter Präsident Jimmy Carter ihren Verbündeten, den antiislamistischen Schah des Iran, fallen. Die Mullahs übernahmen die Macht. Wer lieferte den afghanischen Islamisten von Dezember 1979 bis Februar 1989 Waffen im Guerillakrieg gegen die Sowjetunion? Die USA.

Die UN als Verkörperung der Welt"gemeinschaft” , in der islamische Staaten über viele Stimmen und noch mehr Partner verfügen, hatten im Balkankrieg den Muslimen Bosnien-Herzegowinas “Schutzzonen” angeboten. Eine davon war Srebreniza. Dort wurden 1995 Tausende Muslime von serbisch orthodoxen Christen niedergemetzelt.

Dieses Muslimschlachten beendeten die USA. Ebenso mit geringer Hilfe Deutschlands verdankten die Kosovo-Albaner 1999 ihr Überleben dem Westen. Wer rettet jetzt Muslime vor den sunnitischen Killern des Islamischen Staates? Der Westen.

Legende: Der Islam ist militant antichristlich und antijüdisch. Tatsachen: Ja, zum Teil militant Antijüdisches und Antichristliches bergen Koran, Hadith (mündliche Überlieferung) und die sozusagen kanonisierte Mohammed-Biografie. Doch neben dieser islamischen Tradition gibt es geschichtlich Phasen der Toleranz. Man denke an das islamische Spanien bis circa 1000 u. Z., nicht aber danach. Das Osmanische Reich gewährte von Christen vertriebenen Juden mehrfach Schutz, etwa 1492 und 1497. Die Türkei arbeitete seit 1948 eng mit Israel zusammen. Erdogan brach diese Tradition.

Wir sehen also ein Sowohl-als-auch von Toleranz und Militanz. Wie vom Christentum gegenüber Islam und Judentum. Schon vor dem Lutherjahr 2017 schämt sich die evangelische Kirche für Luthers Militanz gegenüber Muslimen und Juden. Die Katholische Kirche bemüht sich spätestens seit 1965 (II. Vatikanisches Konzil) um interkonfessionelle Offenheit.

Keine Wortakrobatik ändert die Tatsache, dass mit “Dschihad” eindeutig Krieg gemeint ist. Aber Tatsache ist auch, dass es theologisch und politisch nicht nur in der islamischen Diaspora fundamentale Uminterpretationen ins Sanfte gibt. Sie formen den Ur-Dschihad, wie zum Beispiel Katajun Amirpur, in einen Dschihad für Demokratie, Freiheit und Frauenrechte um. Islamische Reformer sind eine Minderheit, aber auch die christliche Welt brauchte Zeit und Blut für Toleranz.

Im Judentum formten die Talmudischen Weisen blutige Bibelgeschichten ins Friedlich-Unblutige um. Mit dem Urtext hatte das wenig gemein, aber so wurde jenseits des Wortwörtlichen Kriegerisches entfernt. Ein Beispiel: Im Alten Testament wird der Auszug der Juden aus Ägypten erzählt.

Die Juden fliehen, Ägypter verfolgen sie und ertrinken im Roten Meer. Moses und die Seinen jubeln. Die Bibelautoren jubeln erkennbar mit. Im Talmud jubelt die “Himmlische Versammlung” zunächst auch. Dann wird sie von Gott gerügt. Er sagt: “Wie kann ich jubeln, wenn meine Geschöpfe untergehen?”

Reform-Muslime haben mit vergleichbaren Umformungen des Wortwörtlichen zur Toleranz kein Problem. Doch der etablierte Islam ist noch lange nicht so weit. Sure 7, 166-168 nennt Juden Affen. Eine humane Umformung dieses Inhumanen gibt es nicht. Noch vor seinem Sturz im Juli 2013 hatte Ägyptens Ex-Präsident Mursi, ein Muslimbruder, die Juden in jener Art beschimpft.

Legende: Juden und Christen verachten die Kultur des Islam und betreiben seit jeher den Kampf der Kulturen. Die umgekehrte Legende: Der Islam verachte die Kultur des Christen- und Judentums.

Tatsachen: Kein geringerer als Goethe schuf die Zauberwelt des “West-Östlichen Diwans” aus Bewunderung für Islamisches. Ohne Juden wie Ignaz Isaak Yehuda Goldziher (1850–1921) gäbe es nicht die moderne Islamwissenschaft. Vom Geist jüdischer Weltoffenheit geprägt, erforschten er und viele andere Juden den Islam mit Respekt vor dem Islam. Es gibt ähnlich respektvolle Stimmen in der Islamischen Welt gegenüber Juden- und Christentum. Sie sind noch leise, es gibt sie. Setzen sie sich durch?

Legende: Muslime werden überall, auch in der Politik systematisch am Fortkommen behindert. Tatsache: Es gibt schon längst nicht nur bei Grünen (Özdemir) und SPD (Saleh) islamische Spitzenpolitiker.

Legende: Die muslimische Minderheit müsse sich selbst aufgeben und anpassen. Tatsache: Anpassung bedeutet nicht Selbstaufgabe und ohne dass sich jedes individuelle oder kollektive Ich einem Mehrheits-Wir irgendwie anpasst, zerbricht jede Gesellschaft mangels Gemeinschaft.

So stark kann der Anpassungsdruck allerdings nicht sein. Ein Beispiel: Muslimische Spieler der deutschen Fußball-Weltmeister weigern sich unter Bundestrainer Löw (anders als unter Beckenbauer), die Nationalhymne zu singen, kicken trotzdem auf dem “Feld der Ehre” für Deutschland, erhöhen durch die Nationalmannschaft ihren Marktwert und werden von Deutschen dankbar bejubelt.

Auf keiner Seite herrscht nur eitel Sonnenschein, auf jeder findet man Toleranz-Kranke. Wer kenntnisarm Legenden als Tatsachen verkauft, verfehlt die Therapie zu Toleranz, Akzeptanz und Frieden. Bei aller Ausgewogenheit: Derzeit ist der Okzident dem Toleranz-Ziel erheblich näher als der Orient und seine Diaspora.

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Leserpost (12)
Marcus Junge / 13.11.2014

Mein Gott ist das unterirdisch. “Jüdisch”-Christliches Abendland, da fangen die Politischen Korrektheiten an. Es ist das christliche Abendland. Dann dieses völlig zerlegen in immer kleinere Einheiten, bis nur noch Atome bleiben - ab welcher Untereinheit kann man eigentlich kein Lagebild mehr erstellen, sondern geht zum Portrait über? Der Westen hat keinen Kampfauftrag von Gott, sich die ganze Welt zu erobern, jedoch jeder einzelne Moslem in seinem Koran. Dann die Balkan-Lügen. Längst ist bekannt, daß es keine 8000 unschuldigen Moslems in Srebreniza waren, sondern nicht mal die Hälfte davon und diese, entgegen den Bestimmungen der Schutzzone, kämpfende Truppe darstellten. Von den Einflußnahmen der USA (und anderer “Menschenfreunde” des Westens), die die Kämpfe befeuerten, reden wir da noch nicht mal. Und das geht 1 zu 1 weiter mit dem Kosovo 1999, fehlt nur noch Sie hätten vom Hufeisenplan zur Endlösung der Moslemfrage im Kosovo fabuliert, aber die getroffene Formulierung tut es auch, sofern über die Hintergründe 1999 informiert ist. Stellen Sie doch mal lieber die Frage, wer ISIS zu einer Macht machte und die ganzen amerikanischen Waffen an ISIS liefert, versehentlich natürlich nur, weil man ja eigentlich die “moderate” Opposition gegen Assad rüsten wollte, großes Ehrenwort der Ehrenmänner. Oder warum es keinen richtigen Druck auf Türkei, Saudis, Katar gibt, endlich die Rückzugsräume und Unterstützung vom IS zu beenden? Wie tolerant der Islam gegenüber anderen ist, hat schon Mohamed vorgelebt, oder wie war das mit der eigenhändigen Enthauptung von über 500 Juden, nachdem der siegreiche Feldherr deren Stadt erobert hatte? Wenn islamische Herrscher duldsam waren, dann nur weil sie daraus Vorteile zogen und die Buchbesitzer Tribut zahlten, während sie weniger galten, als der Moslem. Ausgerechnet das 2. Vatikanische Konzil, den Sargnagel des Katholizismus, den Türöffner der Zeitungeistkirche loben - na warum nicht, paßt ja zum Rest vom Text. Ihre “Spitzenpolitiker” sind Ouotenidioten und U-Boote im Interesse fremder Staaten, wie sie durch Wort und Tat immer und immer wieder belegen, insbesondere die türkischen. Dies ist eine besondere Negativauslese des irren BRD-Systems. Und eine Nationalmannschaft, in der Typen “kicken”, die mit der Nation absolut nichts verbindet, wie deren Verhalten offen belegt, ist eine Söldnermannschaft. Das die dann auch noch bejubelt werden, spricht nur gegen die Intelligenz der Jubler, sonst aber für nichts.

Martin Schott / 13.11.2014

Sehr guter Beitrag von Prof. Wolffsohn, abgesehen von ganz kleinen Schwächen (so ist die relative religiöse Toleranz unter den Almoravidenherrschern in Al-Andalus, als Juden und Christen hohe Ämter im maurischen Staat bekleiden konnten, ebenso wenig “dem Islam” zu verdanken wie Michelangelos David “dem Christentum” - gleichwohl ereigneten sich die ersten großen Judenpogrome auf der iberischen Halbinsel mit Vertreibungen und Massenmorden schon unter den Almoraviden und nicht erst den religiös eifernden Almohaden). Das gegenwärtige Problem ist allerdings, dass in Deutschland die selbsterklärten Vertreter “des Islam”, die häufig ausländischen politischen Organisationen unterstehen, alle Menschen mit einem entsprechenden türkischen, arabischen usw. “Migrationshintergrund” ganz selbstverständlich für “den Islam” vereinnahmen wollen - gerade so, als gäbe es keine Lebensentwürfe, keine Identitäten jenseits der islamischen Religion. Im religiös geprägten “Dialog” der Kulturen, der in Deutschland auf höchster Regierungsebene gepflegt wird, hat der säkulare “Migrant” da gar keinen Platz - den er vermutlich auch gar nicht braucht, da ihn all das ohnehin nicht betrifft. Aus diesem Grund hat er ja auch keinerlei Lobby.

Jan to Nino / 13.11.2014

Zitat: Michael Wolffsohns historische Beispiele sind uns keineswegs unbekannt. Aber für uns zählt das Hier und Heute! Man kann es nicht mehr hören, wenn in unseren Zeitungen immer wieder aktuelle moslemische Grausamkeiten von heute mit christlichen Grausamkeiten von vor 500 oder 1000 Jahren gerechtfertigt werden. Wir leben in 2014 und wollen nicht nochmals 500 oder 1000 Jahre warten, bis auch der Islam zivilisiert ist! Zitat Ende. Um es kurz zu fassen: so ist es!

Holger Jahn / 13.11.2014

Natürlich gibt es Licht und Schatten auch in der islamischen Welt. Die Frage ist, ob der Schatten überwiegt,. Das ist eine Frage, die Geschichte und Statistik beantworten und nicht das Einzelbeispiel. Wenn man sich die geschichtliche Enwtwicklung des Islams anschaut, kennt man die Antwort

Heinz Thomas / 12.11.2014

Nun ja, Herr Professor Wolffsohn - wer hätte das gedacht!? Gegen ihre Gegenüberstellung gibt es nichts zu einzuwenden. Sollte das aber ein Appell sein, dann ist die “Achse” eher die falsche Plattform. Denn diejenigen, die mit diesen Zeilen aufgeklärt werden sollen, dürften hier eher rar sein. Außerdem kann man davon ausgehen, dass es - entgegen der immer wiederkehrenden medialen Wellen - verhältnismäßig wenig Leute gibt, die so eindimensional denken. Diese Unterstellungen (z. B. oft als “Stammtisch” oder “Populismus” bezeichnet) dienen in Wirklichkeit nur dazu, bestimmte Meinungen zu unterdrücken. Was nun den Ruf der Muslime bei uns angeht, haben sie für die oft negative Sichtweise selbst gesorgt. Denn auch das Herausstellen von Persönlichkeiten, also Leuten aus diesen Kreisen, die es hier zu etwas gebracht haben, funktioniert ja nur, weil eben reichlich Kontrast vorhanden ist. Oder sind Sie, verehrter Herr Wolffsohn, schon mal als “Beweismittel” genannt worden? Ein Blick in die Geschichte anhand der genannten Beispiele ist für den Alltag heute nicht gerade eine Hilfe. Insofern kann man nicht gerade optimstisch in die Zukunft blicken.

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