Gastautor / 04.09.2007 / 23:19 / 0 / Seite ausdrucken

Richtigstellungen und Kommentare zum FAZ-Beitrag von Stefan Rahmstorf

Am Freitag den 31. August 2007 erschien in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Beitrag „Alles nur Klimahysterie?“ des Ozeanographen Stefan Rahmstorf vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung. Er greift darin eine ganze Reihe deutscher Journalisten und Autoren an, die sich kritisch mit der Klimaforschung und dem damit oft verbundenen Katastrophismus auseinandersetzen. Die FAZ hat inzwischen eine Erwiderung darauf abgedruckt, die von allen der angegriffenen Autoren gemeinsam formuliert wurde: “Der Untergangsterror”.
Hier an dieser Stelle haben die einzelnen Beteiligten die Möglichkeit, ihre individuelle Sichtweise der Vorwürfe von Herrn Rahmstorf darzustellen, Falschbehauptungen richtig zu stellen oder auch Fehler einzuräumen, die bei der Beschäftigung mit so einem komplexen Thema durchaus passieren können. Gemeinsam sind wir der Überzeugung, dass die Totalisierung der Klimadebatte durch Herrn Rahmstorf überaus schädlich für unsere politische Meinungskultur ist. Ansonsten haben wir völlig verschiedene berufliche und gesellschaftliche Hintergründe, es sind Chefredakteure und Redaktionsmitglieder, freie Autoren und schreibende Wissenschaftler darunter.  Wir haben weder einen gemeinsamen politischen Hintergrund, noch sind wir uns in den zahllosen Fragen der Klimawissenschaft einig, es gibt ein sehr breites Spektrum der Ansichten zu diesem Thema und seinen vielen Details. Aus diesem Grund kann jeder auf dieser Seite seine individuelle Sicht der Dinge vertreten, sie wird nicht automatisch von den anderen Beteiligten geteilt.  Jegliches Gruppendenken ist uns fremd, es geht uns hier lediglich darum, eine Stigmatisierung von Meinungen in diesem Lande zu verhindern. Dies ist auch der Grund warum DIE ACHSE DES GUTEN diesen Platz zur Verfügung stellt – die inhaltliche Verantwortung liegt bei jedem Autor selbst.

Da alle Beteiligten beruflich eingespannt sind und möglicherweise erst nach und nach dazu kommen, auf Herrn Rahmstorf zu reagieren, erhebt diese Seite keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es steht im Übrigen jedem der Beteiligten frei, auf Herrn Rahmstorf im Einzelnen einzugehen oder auch nicht. Beiträge werden in der Reihenfolge ihres Einganges abgedruckt.


KOMMENTAR VON DIRK MAXEINER

In einer wütenden Phillipika entlarvt Stefan Rahmstorf eine Weltverschwörung sämtlicher Wissenschaftler und Journalisten, die sich in Deutschland jemals kritisch zur Klima-Heilslehre geäußert haben.  Schade, dass ich diesen Beitrag nicht mehr in meinem Buch “Hurra, wir retten die Welt!” berücksichtigen konnte, er zeigt so wunderbar den missionarischen Furor von Leuten, die Aktivismus mit Wissenschaft verwechseln. Und nun zu den Fakten. Ich hoffe, die Forschung von Herrn Rahmstorf ist in dieser Hinsicht sorgfältiger als sein journalistisches Wirken. Ich beschränke mich auf die mich betreffenden Absätze und möchte Wort für Wort darauf eingehen.

Hier der Absatz:

“Ein Medienprofi solcher Vernebelung zum Klimathema ist seit vielen Jahren der Journalist Dirk Maxeiner, der auch mal über angebliche Ergebnisse eines fiktiven Forschungsinstituts berichtet - Hauptsache sie besagen, dass Kohlendioxid das Klima kaum beeinflusst.”

Anmerkung: Nur weil Herr Rahmstorf beim Googeln ein Institut nicht findet, heißt das nicht, dass dies nicht gibt. Herr Rahmstorf behauptet seit Jahren den gleichen Unsinn. Alles weitere hier.

Weiter bei Rahmstorf: “Kürzlich schrieb er z.B. kürzlich in der Zeitschrift Cicero: „Der beobachtete globale Erwärmungstrend der vergangenen Dekaden verläuft bis dato ziemlich gleichmäßig und linear - und nicht exponentiell. Er bewegt sich damit seit drei Jahrzehnten im unteren Bereich der von Klimamodellen für die Zukunft prognostizierten Werte.“ Der erste Satz ist eine klassische Irreführung, ohne direkt etwas Falsches zu sagen. Der Leser soll denken: wenn die Kohlendioxid-Konzentration exponentiell ansteigt, dann sollte die Temperatur dies auch tun, also stimmt etwas nicht. Doch der Kohlendioxid-Effekt ist logarithmisch (wie Maxeiner weiß, denn er schreibt es später selbst), sodass ein exponentieller Kohlendioxid-Anstieg zu einem linearen Temperaturanstieg führt.

Anmerkung: Wie Herr Rahmstorf einräumen (muss) schildere ich die Sachlage vollkommen korrekt, inklusive des Hinweises auf die logarhitmische Funktion in der Wirkung des Kohlendioxids. Herr Rahmstorf setzt sich nicht damit auseinander, was in dem Artikel tatsächlich steht, sondern damit, was der Leser angeblich denken soll. Das ist ein klassisches Wahrnehmungsmuster von Menschen, die sich verfolgt fühlen.

Rahmstorf weiter: “Der zweite Teil des obigen Zitats ist schlicht falsch: ein Vergleich der Messdaten mit den Modellszenarien zeigt, dass der beobachtete Verlauf im oberen Bereich der Szenarien liegt.”

Anmerkung von Maxeiner: Herr Rahmstorf zitiert selektiv, damit seine Argumentation nicht zusammenbricht. In Cicero heißt es vollständig: “Seit den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts nimmt die Temperatur um knapp 0,2 Grad pro Jahrzehnt zu. Der beobachtete globale Erwärmungstrend der vergangenen Dekaden verläuft bis dato…” Auf die kommenden 100 Jahre bezogen ergibt ein linearer Anstieg von 0,2 Grad insgesamt eine Temperaturerhöhung von 2 Grad. Die Szenarien des neuesten IPCC-Berichtes bewegen sich zwischen 1,1 und 6,4 Grad. Der von mir korrekt geschilderte Temperaturverlauf liegt somit im unteren Bereich der Szenarien. Herr Rahmstorf behauptet etwas Falsches, nicht ich.

Weiter gehts bei Rahmstorf:
“Noch einmal Maxeiner: „97 Prozent der jährlichen Kohlendioxidemissionen entstammen der Natur, etwa drei Prozent aus der Verbrennung fossiler Rohstoffe durch den Menschen.“ Auch dies ist eine klassische, seit vielen Jahren immer wieder benutzte Irreführung der Laien. Hier werden Umsatz mit Gewinn verglichen, nämlich der natürliche Kohlendioxid2-Umsatz der Biosphäre von ca. 770 Milliarden Tonnen pro Jahr (der aber keine netto-Emission darstellt, sondern einen geschlossenen Kreislauf) mit den anthropogenen Emissionen, die dem System netto jedes Jahr 22 Milliarden Tonnen Kohlendioxid aus fossilen Quellen hinzufügen.”

Anmerkung: Dieses Zitat stammt aus einem Absatz in dem es überhaupt nicht um die Akkumulation von anthropogenen Kohlendioxidemissionen in der Atmosphäre geht, sondern schlicht um die Frage ob Kohlendioxid ein klassicher Schadstoff, also für Menschen und deren Gesundheit gefährlich ist. Die Problematik der zusätzlichen Emissionen von Kohlendioxid durch den Menschen wird an anderer Stellle des Berichtes ausführlichst gewürdigt. Unter anderem heißt es: “Man glaubt alle anderen Ursachen für die in den vergangenen 30 Jahren beobachtete Erwärmung ausschließen zu können. CO2 bleibt derzeit nach Meinung der meisten Klimaforscher als einziger Tatverdächtiger übrig”.

Was bleibt also von Herrn Rahmstorfs Kritik übrig? Eigentlich nur das: Ein Gemisch aus selektiven Zitaten und Mutmassungen, die nichts mit dem eigentlichen Artikel zu tun haben. Das schöne am Internet ist, dass jeder den vollständigen Artikel hier nachlesen kann. Mein Fazit: Ich glaube nicht, dass Herr Rahmstorf sich mit solchen Feldzügen gegen vermeindliche Abweichler von der reinen Lehre einen Gefallen tut. Wie sagte der deutsche Klimaforscher Hans von Storch einmal so schön: “Wissenschaftler verfallen in einen Eifer, der geradezu an die Ära McCarthy erinnert.”

Wenn es interessiert. Auch der Bestseller “Lexikon der Ökoirrtümer”, den Michael Miersch und ich 1998 geschrieben haben, wurde mit ähnlichen Methoden attakiert. Wir haben das damals hier minutiös dokumentiert.


KOMMENTAR VON MATTHIAS HORX

Das Märchen von der Klimakatastrophe

Die Zivilisation besteht aufgrund der Duldung der Geologie – fristlose Veränderung vorbehalten.(Will Durant)

Der paradiesische Mensch

Am Anfang war das Paradies. Und das Paradies war Fleisch.  Hunderttausende von Tonnen von Fleisch, die in Form von gewaltigen Herden auf sattem Grasland weideten; Wildschafe, Wildziegen, Auerochsen, Wildesel, Gazellen. All diese Spezies hatten sich explosionsartig vermehrt, als die Kältezone des Planeten, die in der letzten Eiszeit halb Europa bedeckte, plötzlich zurückwich. Vor etwa 12.000 Jahren drang der Monsunregen der subtropischen Zone weit nach Norden vor, bis nach Mesopotamien, der Wiege der Zivilisation. Und verwandelte eine karge Steppe in ein von gewaltigen Tierherden durchzogenes Paradies.

Der paläolithische Mensch, der Jäger und Sammler der Grass- und Savannenlandschaften, stets auf der Hut vor wilden Tieren wie Säbelzahntiger und Bären, immer am Rand des Verhungerns und des Gefressen werden, konnte sein Glück kaum fassen. Innerhalb von wenigen Generationen, multiplizierten sich die Nahrungsvorräte. Tonnen an Fleisch und Fellen wurden nun auf einen Schlag erbeutet, indem man einfach die Herden in die Flüsse trieb und das Fleisch für Monate in „Fleischhäusern“ konservierte. Wildgetreide aller Art wucherte nun üppig im milden Klima der Nacheiszeit. Und wurde zum ersten Müsli der Geschichte verarbeitet. 

Im heutigen Grenzgebiet zwischen Nordirak, Türkei und Iran, im „fruchtbaren Halbmond“, haben Geologen, Paläontologen, Anthropologen und Klimaexperten den Garten Eden rekonstruiert. Hier, rund um den Nordiranischen Urmiasee und die Stadt Urfa grub man in den letzen Jahren Kultstätten mit Tempeln und Schreinen aus, die etwa 10.000 Jahre alt sind, und in denen sich eine Kultur des Überflusses erkennen lässt, die selten in der menschlichen Geschichte ist. Man fand tausende von Lehm- und Tonfiguren, die nicht von neolithischen Bauern, sondern eindeutig von Jägern und Sammlern stammten. Sie hatten offenbar Zeit, viel Zeit, um sich mit dem kulturellen „Überbau“ zu beschäftigen. 
Hier fanden, so glauben die Historiker, gleich ZWEI Übergänge statt: der von der kargen Eiszeit in die Üppigkeit. Und dann, nach 5000 Jahren Üppigkeit, als das Wild abrupt wieder seltener wurde und die Flüsse versiegten, ab 7500 vor Christus, die neolithische Revolution, jener dramatische Übergang vom Nomadentum in das Bauerntum, die erste große Transformation der Menschheit.

In seinem Buch „Legend“ hat der britische Historiker David Rohl die Funde mit den Texten der Bibel verknüpft.  Die Topographie stimmt Eins zu Eins mit der Landschaft des Alten Testaments überein, wo von „sprudelnden Wasserquellen“ und dem „Heiligen Berg“ die Rede ist , auf dem laut Hesekiel der Garten Eden lag. Die Ausweisung Adams und Evas aus dem Paradies, mit dem Befehl verbunden, von nun an „sein Brot im Schweiße seines Angesichts zu verdienen“ –nichts anderes als der Beginn des Bauerntums. Das Essen vom „Baum der Erkenntnis“ – für den mühsamen Ackerbau, vielerlei Kenntnisse und Naturtechniken waren nötig. „Da machte Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Atems in seine Nase.“ Der Auszug aus dem gelobten Land – allegorisch der Verlust der riesigen Herden. Und auch die Sintflut geht auf ein reales Ereignis zurück: Es waren wahrscheinlich die gewaltigen Schmelzwasserströme der Nacheiszeit, die zum katastrophischen Durchbruch des Schwarzen Meeres in das Mittelmeer führten. 
Der Übergang vom Fleischparadies zum Ackerbau war alles andere als ein einfacher Weg. Zivilisation war, im Wortsinne, hartes Brot. Die Ausgrabungen bei Urfa zeigen, dass die ersten Bauern eher unterernährt und häufig krank waren. „Verflucht sei der Acker um Deinetwillen, mit Mühsal sollst Du Dich von ihm nähren Dein Leben lang!“
Die Zivilisation entstand als Notwehr gegen einen brachialen Klimawechsel, der unseren Vorfahren ihre Nahrungsgrundlage entzog. Und wurde als Strafe Gottes interpretiert, als Schuldzuweisung „von oben“.

Der klimaschwankende Planet

Die Bilder sind düster und drohend: Das Eis, lange gewachsen im Dunkeln der Zeit, zerbricht. Gigantische Eisschollen lösen sich vom Schelf und treiben aufs offene Meer. Gletscher kalben, ganze Gebirgszüge stürzen, Tornados toben, Sintflutartige Regenfälle verheeren die Zivilisation. Kein Zweifel: Wir leben im Zeitalter des Strafgerichts. Nur ist es diesmal nicht der Erzengel Hesekiel, der uns mit dem Flammenschwert aus dem Paradies ausweist (diesmal dem industriellen Paradies). Sondern die Medien und Klimapropheten.
Nie war es so schlimm wie heute! Ihr müsst opfern!

Und dennoch gab es sie immer schon, die klimatische Turbulenz. Im dritten vorchristlichen Jahrtausend, nach der kleinen Zwischeneiszeit, lagen die Temperaturen in den Alpen über den heutigen, weshalb neolithische Wanderer wie der „Ötzi“ die Berge durchquerten (und bisweilen dabei schock gefroren wurden). Nach 850 vor Chr. sanken die Temperaturen stark ab, die Gletscher stießen vor und die Pässe wurden unpassierbar. Um Christi Geburt wurde es wieder wärmer, weshalb sowohl Hannibal samt Elefanten wie auch die Römer die Alpen durchquerten – in der Blütezeit des römischen Reiches existierte eine dauerhafte Garnisonsverbindung vom Berner Oberjoch über das Schniedejoch nach Norditalien. Im Hochmittelalter war es in Zentraleuropa so warm, dass man in Klöstern und Kirchen nur selten fror – womöglich ein Grund, dass man sich auf diese „heizungslose Großarchitektur“ überhaupt einließ. In England wuchs damals Wein.  Und dann kippte das Klima, wie so oft in der Erdgeschichte: In der „kleinen Eiszeit“ zwischen 1550 und 1750 (Breughels holländische Winterlandschaften, eine gefrorene Themse in London), verlagerten sich die Trinkgewohnheiten von Wein zu Bier, und ganz Europa fror erbärmlich. 

Und in all den Zyklen kamen und gingen die Gletscher - nur dass vor Jahrtausenden keine dramatischen Fernsehbilder in die Wohnzimmer flimmerten.
Was für das Klima bestimmter Erdteile gilt, ist im langfristigen planetaren Maßstab noch dramatischer. Mindestens viermal in der Urgeschichte kam es zu Warmperioden. Vor 400.000 Jahren, so verraten es uns die Eisbohrkerne aus der Antarktis, dauerte die „Global Warming“-Phase mehrere 1000 Jahre; auch damals stieg der Co2-Gehalt der Atmosphäre, allerdings ganz ohne zweibeinige Umweltsünder.

Der CO2-Gehalt, heute das Schlüsselindiz der Global Warming –These, variierte im Laufe der Erdgeschichte heftig. Vor einer halben Milliarde Jahren lag er bei einem Vielfachen der heutigen Werte,  um dann durch die Kohlebildung im Erdaltertum in mehreren Kaskaden abzufallen, wie Robert A. Berner in seinem Buch „The Phanerozoic Carbon Cycle“ schreibt. Gleichzeitig fiel der Sauerstoff-Anteil der Erdathmosphäre von 30 Prozent vor 300 Mio. Jahren auf 12 Prozent von 200 Mio. Jahren, um dann wieder auf heute 21 Prozent anzusteigen.

Ohne CO2 wäre es auf der Erde empfindlich kalt. Und selbst die Totalverbrennung aller fossilen Energien würde uns keinen „Venus-Effekt“ bescheren und die Erde in eine Treibhaushölle verwandeln. Denn die Umlaufbahn der Erde liegt viel weiter von der Sonne entfernt.  Und der Mond reduziert die Geschwindigkeit der Erdrotation um jenen entscheidenden Faktor, der keine geschlossene planetare Wolkendecke entstehen lässt.

Über lange Perioden hat unser Planet lange eiszeitliche Zyklen durchlaufen. Das war schlecht für den Menschen, aber gut für eine Unzahl von Spezies, die sich damals in gemässigten Klimazonen von Extremen verschont blieben. Zwischendurch wuchtere in der Antarktis ein grüner Regenwald, und dort, wo heute die Alpen sind, erstreckte sich ein warmes Flachmeer. Die bittere, oder auch befreiende Wahrheit ist: Es gab nie (und wird nie) ein „Normklima“ geben, in dem es ruhig , berechenbar und auf ewig „stabil“ zugeht (sagen wir: 25 Grad im Sommer, ein wenig Schnee im Winter, ansonsten Pulloverwetter).

Das Paradies ist vorbei. Und wir sind schuld. Oder die Anderen, die Verderber!

Der Mensch: Ein Wettermacher

Im Jahre 2005 erschütterte die Theorie eines US-Klimaforschers das Establishment sowohl der alten wie auch der neuen, der katastrophischen Klimaforschung. William Ruddiman von der University of Virginia entdeckte bei der Überprüfung langfristiger Klima-Modelle eine Anomalie. In den letzten zehntausend Jahren, so Ruddiman, müsste es nach den astronomischen Zyklen, die das Klima über die letzten Million Jahre prägen, eigentlich deutlich kälter geworden sein. Gleichzeitig hätten die Athmosphärenwerte in den Treibhausgasen, auch bei Methan, eigentlich seit mindestens 9000 Jahren absinken müssen.

Als Ursache für diese Langfrist-Erwärmung machte Ruddiman einen bislang unbeachteten Faktor aus: den Menschen. Aber nicht den industriellen, hochtechnologischen, supermächtige, die fossilen Energien verheizenden Menschen. Sondern den paläolithischen und frühagrarischen Hominiden, der Buschland zu Feldern, Wälder und Schwemmländer zu Agrarfläche umformte – seit mehr als 7000 Jahren. Nur dadurch, so Ruddiman, das sich Rinder und Schafe durch agrarische Wirtschaft stark vermehrt hätte, ließen sich die steigenden Methanwerte erklären. Nur durch gewaltige Rodungen und Holzverbrennung konnten die CO2-Werte damals steigen. Und damit eine Abkühlung entlang des sogenannten Milankovitch-Zyklus verhindert werden. 
Interessanterweise berichten die Zeitschriften im Falle dieser Hypothese einmal anders: „Wie prähistorische Bauern uns von einer Eiszeit retteten!“, titelte der englische Guardian, und der Spiegel berichtete neutral: „Wettermacher in der Steinzeit“  Dabei hätte man doch eine knallige These daraus machen können: „Skandal entlarvt! Schon Adam war ein Umweltsünder!“
Terraforming – ein Planet wandelt sich

„Terraforming“ wurde vor einigen Jahren jener Prozess getauft, bei dem man ganze Planeten klimatisch umformt – eine utopische Technologie, die eines Tages dabei helfen soll, den Mars oder noch entferntere Himmelkörper zu besiedeln. Aber nun wissen wir, dass Terraforming schon viel länger abläuft. Viele Landschaften sind das Produkt anthropomorpher Wechselwirkungen. Die Abholzung des Mittelmeergebietes hat erst das mediterrrane Klima entstehen lassen. Die Reisterassen Fernasiens verstärken schon seit Jahrtausenden das Mikroklima aufsteigender, regenreicher Winde.

Dehnen wir diesen Ansatz über unsere Spezies hinaus aus: Die Pflanzenwelt ist der erste große Terraformer des Planeten. Die „Erfindung“ der Photosynthese vor eineinhalb Milliarden Jahren durch die Cyanobakterien (Blaualgen) brachte dem Planeten seine erste Klimakatastrophe – die Luft wurde nun mit Sauerstoff „vergiftet“. Sauerstoff, ein reaktives Gas, das erhebliche Beschleunigungen organischer und unorganischer Prozesse mit sich bringt (zum Beispiel Feuer begünstigt), war für die damaligen Lebewesen reines Gift.

Vor 530 Millionen Jahren endete die „kambrische Explosion“, die Zeit der höchsten Artenvielfalt, die unser Planet jemals gesehen hat. Ein gewaltiges Artensterben, das größte aller Zeiten, vernichtete eine unglaubliche Diversität und veränderte die Biosphäre radikal. 95 Prozent aller Arten starben aus, die Meere der Erde füllten sich mit Krebstierchen, über die wir heute achtlos in den Marmorhallen großer Gebäude hinweggehen. Die Wälder kondensierten in Sedimenten, mit denen wir heute unsere Mobilität bewältigen – das Erdöl.

Das gigantische Massensterben ließ innerhalb kurzer Zeit die Meere umkippen, in denen Billionen toter Muscheltiere nun eine gewaltige Verkalkung erzeugten – der Kalziumgehalt des Meerwassers verdreifachte sich. Für die überlebenden Meeresorganismen war dies ein tödliches Problem, sie verkalkten im wahrsten Sinn des Wortes. Doch wie immer blieb die Evolution nicht untätig. Im zähen Wirken von Selektion und Adaption brachte sie den zellulären Mechanismus des „Kalzifizierens“ hervor. Die Organismen „lernten“, den Kalk auszuscheiden und auf ihrer Aussenfläche zu verhärten. So entstanden die Mollusken und Muschelformen, die wir heute noch kennen.

Die Dinosaurier, die eine Viertelmilliarde Jahre lang diesen Planeten dominierten, waren ganz hervorragende Terraformer; nicht weil sie mit ihrem Gewicht die Landschaft zertrampelten, sondern weil sie mit ihren Fressgewohnheiten und Dung-Kapazitäten ganze Ökosysteme formten. Gerade wenn wir die „Gaia“-Hypothese – die Erde als ganzheitlicher Organismus – ernst nehmen, müssen wir den engen Rahmen homozentrischen Denkens sprengen. Die Evolution hat auf ihrem langen Weg vom Einzeller zur Intelligenz unendlich viele Technologien erfunden. Es ist willkürlich (und im Grunde unwissenschaftlich), eine Grenze zu ziehen zwischen dem „guten“ Reich der Natur, und der „unnatürlichen“ Sphäre der Technologie und des Menschen.

Der Mensch: Ein Wetterfühlen

Es gibt praktisch keine einzige Kultur auf der Erde, die keinen „Kult des Wetters“ erfunden hätte. Zur Jobbeschreibung aller Schamanen gehörte IMMER schon die Herstellung von Wetter (oder, via geschickter Inszenierung davon nicht unterscheidbar, die Prognose). Eine Tradition, die sich heute in den computeranimierten Wettershows fortsetzt, für die die Sender gewaltige Summen ausgeben. Und eben im dunklen Kult der Klimakatastrophe, der sich in Filmen wie „The Day after Tomorrow“ zu einer Vatersuche mit Weltuntergangscharakter verdichtet – religiöse Anleihen sind weder beabsichtigt noch bewusst, aber überdeutlich. Es besteht kein Zweifel: Hier befindet sich eine Urangst auf kulturellem Anabolika.

Der Grund liegt auch hier in unserer biologisch-anthropologischen Konstitution: Wir sind, als felllose aufrechtgehende Warmblütler, enorm von klimatischen Schwankungen bedroht. Das menschliche Hirn benötigt 40 Prozent unseres Energieumsatzes. Menschliche Organismen können bei Temperaturextremen weder in Winterschlaf fallen noch, wie etwa Schlangen, tagelang in Hitzestarre verharren. Als hochmobile Multivoren sind wir von Nahrungsvielfalt und regelmäßiger Nahrungszufuhr abhängig. Anders als Kamele, die wochenlang ohne Wasser auskommen können, oder Krokodile, die manchmal monatelang auf Beute warten, verfügen wir kaum über Methoden der organischen Energiespeicherung.
Im Unterschied zu Tieren können wir Nahrungsknappheiten in der Zukunft antizipieren. Und das macht uns sehr nervös!

Die Beherrschung des Feuers, Landwirtschaft und der Bau von Häusern waren nichts anderes als „Waffen“ gegen Klimaeinflüsse. Mit Feuer lernten wir, uns zu wehren und unseren Zugang zu verdaubaren Eiweißreserven zu erweitern. Mit agrarischen Techniken gestalten wir Umwelt so, dass Nahrung kontinuierlicher und berechenbarer verfügbar war. In der modernen Zivilisation haben wir die Abkoppelung von unmittelbaren Klimaeinflüssen weiter vorangetrieben durch feste Gebäude, Heizungen und Klimaanlagen, und durch die Massenproduktion von Lebensmitteln unter kontrollierten Bedingungen.

Aber eigentlich trauen wir dem Gelingen dieses Unterfanges nicht – dafür ist es viel zu jung. Hunderttausende von Jahren hat unsere Spezies immer dieselbe Erfahrung gemacht:
Gegenüber den Naturgewalten sind wir hilflos! Wenn Wirbelstürme, Fluten oder Feuersbrünste, Überschwemmungen drohen – oder zu drohen scheinen. Wir fürchten immer noch die Rache des „Klimagottes“.

Wir sind schuld! Wir müssen opfern!

Die Kaskaden der Zivilisation

Als vor 7000 Jahren der Monsun im Mittleren Osten aussetzte, konnten die Menschen auch mit den neu entwickelten agrarischen Techniken dem Land bald immer weniger abringen. Der Bevölkerungsdruck stieg in Relation zum Nahrungsangebot. Deshalb begaben sich viele Bauern auf die große Wanderung. Der Auszug aus dem Paradies führte in die Ebene zwischen Euphrat und Tigris, wo die ersten großen Städte entstanden – Babylon, die Stadt Ur und weiter ins Nildelta, wo die Schwemmareale eine Enklave der Fruchtbarkeit inmitten der vordringenden Wüsten bildeten. Die Migranten-Bauern legten die Sümpfe trocken, bauten Bewässerungsnetze und erzeugten bald gewaltige agrarische Überschüsse. 

Gewaltige Kulte der Dankbarkeit entstanden nun, mit Totems, Tempeln und Personenkulten. Die relativ egalitären Bauerngesellschaften transformierten in hierarchische, feudale Sklavenkulturen.  Das Reich der Phönizier und der Pharaonen entstand, mit allem Gold und allem Glanz, allen Mythen und Monströsitäten. Klimatische Katastrophen bewirken auch heilsame kulturelle Phänomene. Sie können Kriege beenden (zum Beispiel wurde der Bürgerkrieg in der indonesischen Provinz Aceh durch den Tsunami von 2005 weitgehend beendet).  In Naturkatastrophen rücken Menschen zusammen. Sie steigern ihre kognitiven Leistungen im gemeinsamen Kampf ums Überleben. Sie vollziehen, durch Technik, Anpassung und Erfindungsreichtum, immer neue zivilisatorische Komplexitätssprünge.

Man könnte auch schlicht formulieren: Ohne schlechtes Wetter keine Zivilisation. Was jeder weiss, der schon einmal im englischen Regen Tee getrunken hat. 
Reality Check: Die Wahrheit über den Klimawandel

Die Erde ist ein unruhiger Planet, der einer Vielzahl von externen und internen Einflüssen unterliegt. Unser Planet dreht sich exzentrisch um die Sonne. Die Erdachse unterliegt Unwuchten, die Aktivitäten der Sonne selbst können massive klimatische Auswirkungen haben, auch die Magnetfelder erzeugen Klima-Effekte. Auch die auf der Erde lebenden Organismen verändern ständig Wetter und Klima. Beim turbulenten Prozess, den wir „Leben“ nennen werden notwendigerweise Substanzen freigesetzt,  entstehen „Verdauungsprozesse“ der vielfältigsten Art. Diese „Abfallprodukte“ sind nichts anderes als die Rohstoff und Energieträger der Zukunft, wenn neue, natürliche oder artifizielle Technologien zur Verfügung stehen, um sie zu nützen.
Der globale Erwärmungsprozess, der sich in den letzten Jahrzehnten abzeichnet, wird sich in diesem Jahrhundert wahrscheinlich fortsetzten. Er wird jedoch weniger dramatisch verlaufen wie heute in den Medien dargestellt, denn der „Hysterisierungsfaktor“ ist in Sachen Klimaangst besonders stark. Es wird eine Erwärmungsphase von VIELEN sein, die die Erde in den kommenden Jahrhunderten durchläuft. Dabei kann es zu gehäuften Wetter-Turbulenzen kommen, zu veränderten Landschaften aber auch zu neuen Arten und biologischen Varianten. Daraus generiert sich in den meisten Fällen neue kulturelle Vielfalt und höhere zivilisatorische Komplexität.

Anders als andere Spezies ist der Mensch in der Lage, sein Verhalten zu steuern und zu verändern. Die Klimaveränderung setzt unsere Technologien einem starken Evolutionsdruck aus. Bestimmte Exzesse des Energieverbrauchs und der Substanzfreisetzungen, wie sie in der industriellen Episode auftraten, werden beendet, technologische Transformationsprozesse beschleunigt. All dies führt zu „smarteren“ energetischen Prozessen. Innerhalb dieses Jahrhunderts können wir nahezu CO2-freie Fortbewegungsmittel erfinden und nutzbar machen. Und unsere Lebensweise in vielen Faktoren effektiver gestalten.

Der Klimawandel, wie heftig er auch ausfallen wird, ist keine finale Bedrohung, sondern nur eine von den vielen Herausforderungen auf dem langen, turbulenten Weg der Menschheit.

Dieser Text ist ein aktualliesierter Kapitel-Auszug aus meinem neuen Buch , „Anleitung zum Zukunfts-Optimismus“; CAMPUS-Verlag 2007.

KOMMENTAR VON WOLF LOTTER

Das Produkt

Stefan Rahmstorf ist die logische Folge einer verlogenen Politik und einer beispiellosen Manipulation.

„Unsere Devise lautet: Kein Pardon für Abergläubische, Fanatiker, Unwissende, Narren, Bösewichter und Tyrannen – und Sie werden es hoffentlich an mehr als einer Stelle erkennen“
Denis Diderot im Jahr 1762 in einem Brief an Voltaire

Wolf Lotter

In der FAZ vom 31.08.2007 schreibt der Potsdamer Klimaforscher Stefan Rahmstorf unter anderem auch über einen Kommentar, den ich im Wirtschaftsmagazin „brand eins“ veröffentlicht habe. Dieser Kommentar trägt den Titel „Zweifel im Klimakterium“ und zielt vor allen Dingen, wie leicht nachzulesen ist, auf die Frage, inwieweit in der aktuellen Klimadebatte der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben wird. Das heißt, welche direkten und indirekten Folgen eine, um mit Al Gore zu sprechen, „unangenehme Wahrheit“ auf unser aller Leben hat. Ich rede jetzt nicht von der Erderwärmung. Ich zweifle nicht an den Temperaturkurven der Forscher. Der Klimawandel ist eine Tatsache. Aber die Klimakatastrophe? Der Untergang der Menschheit? Das ist eine billige politische Zuspitzung die wegführt von Sachlichkeit und hinführt zum alten Marktplatz der Demagogie: Macht Angst, macht mehr Angst, dann klingelt es im Beutel.

Das ist einer der Sachverhalte, die ich in meinem Kommentar beschrieb. Ein weiterer, übrigens vielfach veröffentlichter und bekannter Umstand, der zur Sprache kam, ist die von Politik und Medien vorgenommene Dramatisierung der Umstände und das gezielte Manipulieren von Inhalten, die Wissenschaftler erstellen. Der IPCC-Bericht ist, solange er noch in den Händen der Forscher ist, kein Gegenstand meiner Kritik. Eine so junge Forschungsdiziplin, die mit so komplexer Materie hantiert kann nicht anders als mit Wahrscheinlichkeiten und Prognosen argumentieren. Wie ein Leserbriefschreiber richtig sagte: Es zählt der Stand der Wissenschaft. Die sagt:  Die Welt wird wärmer.
Die Frage ist allerdings jetzt, was man draus macht. Die Politik nutzt die wenig erbaulichen Ergebnisse des IPCC-Reports dazu, einen ganzen Komplex an „Notwendigkeiten“ aufzubauen, der direkt dem Erhalt des staatlichen Machtapparats dient. Wäre die Politik bei der Förderung von Technologien, die die überholten CO2-Schleudern ersetzen würden, nur halb so kreativ wie bei der Erfindung von Verboten mit daran gekoppelten Steuern und Abgaben, dann wäre das gut. Ein Gebot der Vernunft wäre es auch, Anpassungsstrategien zu fordern, wie dies Hans von Storch und Nico Stehr seit Jahr und Tag – und weithin ungehört im deutschen Klimazauber – tun. Der Klimawandel wird vor allem für jene Länder kritisch, die bereits heute zu den sozial und wirtschaftlich schlechtergestellten Regionen der Welt gehören. Das chinesische und indische Wirtschaftswunder steht dabei zur Disposition. Nur eine Vermutung: dass gerade hier keiner der offiziellen Klimaberater der Kanzlerin sich wirklich stark macht für eine globale Kooperation, mag vielleicht auch ein wenig daran liegen, dass man es gar nicht so schlimm findet im Kanzleramt, wenn Mitbewerbern auf den Weltmärkten eingeheizt wird. Die Klimapolitik ist ein komplexes, ein kompliziertes Wesen. Denn es geht natürlich nicht allein um die Frage, ob der Planet noch weiterexistiert, wie die pathetische Folkore Al Gores uns weismachen will. Es geht heute und hier um die Frage, ob ein globales Problem global gelöst werden soll. Oder ob, wie gehabt und auch bis heute praktiziert, die wirtschaftlichen Interessen von Blöcken eine vernünftige Lösung und Anpassung verhindern.
Das stand in meinem Kommentar, und noch mehr: Dass es wieder die alten Gespenster aus den Löchern treibt: die alte Kernkraftlobby, die – Co2 frei und damit absolutiert von der neuen Emissions-Religion – wieder dort anfangen kann, wo man sie vor 20 Jahren – zu Recht – gezwungen hat, aufzuhören: Mit einer risikobeladenen, vor allem aber auf Sicht unbezahlbaren Alternative zu hantieren, deren Nutzen allein in einem nie enden wollenden Strom staatlicher Gelder für die Betreiber liegt. Ein Schelm, der meint, dass Angela Merkel die Co2-Schiene deshalb so beherzt fährt, um den Atomausstieg wieder rückgängig zu machen? Ein Schuft, der behauptet, dass Merkel mit der Forderung nach höheren Abgaben und Strafsteuern bei wirtschaftlichen Mitbewerbern nicht auch vor allem eines im Sinn hat: Der Konkurrenz der Schwellenländer eins auszuwischen? Gut. Ich glaube beides. Ich bin ein Schuft und ein Schurke. Das ist mir lieber, als blind und blöd zuzusehen, welches Spiel hier gespielt wird.
Ich denke, dass unter dem Kampfbegriff der Klimakatastrophe eine der grössten politischen Manipulationen der letzten Jahrzehnte stattfindet. In Deutschland ist es praktisch unmöglich, den Untergangsszenarien zu entgehen, wenn man Zeitung lesen möchte oder den Fernseher einschaltet. Auf allen Kanälen kommen die – sich letztlich widersprechenden – Berichte über das Abschmelzen arktischer Eisschichten und das Aussterben der Eisbären. Einer Überprüfung aber hält all das nicht stand. Doch darum geht es ja auch gar nicht. Der Mensch soll glauben, nicht wissen.
Ich nenne das die Renaissance des Aberglaubens. Die Klimaforschung den Klimaforschern? Liebe Leute: es ist Politik, und noch dazu von der billigsten Sorte.

Stefan Rahmstorf ist ein Politiker. Es ist sein gutes Recht, meinen Positionen von oben, die den Inhalt meines Kommentars bilden (siehe Brand eins 4/2007) abzulehnen. Er bezeichnete meine Positionen als ignorant. Nun wurde ich von Stefan Rahmstorf gewarnt – und zwar durch eine Reihe seiner Kollegen von Klimaforschungsinstituten in diesem Lande. Der „Funktionär“, wie man ihn in Kollegenkreisen nennt, sei seit seiner Berufung zum Merkel-Berater wild entschlossen, die Meinungsführerschaft unter der – zum Glück immer noch: sehr differenziert und sachlich argumentierenden – deutschen Klimaforschergemeinde zu übernehmen. Stefan Rahmstorf macht Karriere. Solche Leute hat es in allen Berufen zu allen Zeiten gegeben. Sie bedienen sich Methoden, die ich mit einem altmodischen Wort bedenken, das mir aber viel bedeutet: Sie sind unanständig. Ich will das hier ausführlicher begründen. Nur wenige Tage nach seinem Brief erhielt ich einen weiteren kritischen Brief auf meinen Kommentar, der in Tonfall, Argumentation und Inhalt dem von Rahmstorff verfassten Brief mehr als nur oberflächlich ähnelte. Der Absender hatte mit seinem echten Namen unterschrieben, immerhin. Es war relativ einfach, ihn als Mitarbeiter der Regierungsberatungs-Organisation WBGU auszumachen, die Stefan Rahmstorf als Rahmen seiner neuen politischen Macht im Kanzleramt dient. Niemand hat die Absicht, einen Clacquer-Brief zu schreiben. So ist es ja immer. Offenheit in der Debatte gilt als strategischer Fehler.

So macht man Politik, so organisiert man Meinung, so macht man Stimmung. Und ebenso natürlich: Es ist unanständig, seine Mitarbeiter für sich zu instrumentalisieren. Es ist unanständig, Kritiker als „Kreationisten“, also de fakto Irrsinnige, zu diskreditieren. Es ist unanständig, vom Führen „Schwarzer Listen“ zu schreiben, wie er es in der Zeit tat (2005), wenn ein Journalist nicht schreibt, was er vorher mit ihm abstimmt, sondern eigenständige Gedanken anstellt – was übrigens bei allen Irrungen und Wirrungen in den Medien den Beruf eines Journalisten ausmacht. Unter der für ihn so typisch anmassenden Betreffzeile „Rahmstorf antwortet“ versucht er nun, sein unglaubliches Zitat aus der „Zeit“ auch im FAZ-Leserforum reinzuwaschen. Er tut so, als ob er sich gegen Falschberichte zur Wehr setzte. Was ist die Wahrheit? Ich zitiere aus dem Post Scriptum des Leserbriefes an brand eins zu meinem Kommentar: „Falls brand eins (wie ich hoffe) doch sachliche Informationen der „opiniated ignorance“ im Stil von Lotter vorzieht, vielleicht besprechen Sie mal unser Büchlein „Der Klimawandel“, geschrieben zusammen mit John Schellnhuber, dem Klimaberater der Bundesregierung.“
So einfach ist es in Wahrheit: Der Mann will nicht nur andere Meinungen verbieten, indem er sie als ignorant diffamiert. Er will auch seine Geschäfte machen.

Das Problem ist nicht die Klimaforschung und der Klimawandel. Das Problem ist Rahmstorf.
Der von ihm editerte Schlussbereicht der IPCC ist sakrosankt, wie ein vatikanisches Dogma. Es interessiert ihn nicht, dass reputierte Kollegen wie der Klimaforscher Heinrich Miller vom Alfred Wegener Institut das Papier als das sehen, was es ist, ein „Kompromiss aus extremen Positionen“. Für ihn ist das, was er schreibt, ein Naturgesetz. Wer daran zweifelt, ist ein „Klimaleugner“.
Er mag es, weit mehr Politiker als sachlich abwägender Forscher, nicht, wenn ihm widersprochen wird, wenn auf Zusammenhänge seiner Politik mit politischem Ränkespiel eingegangen wird. Stefan Rahmstorf ist nicht kritikfähig. Und deshalb habe ich ihm damals geantwortet, was ich ihm heute wieder antworte: Es geht nicht um die Frage des Klimawandels, es geht um Sie, Herr Rahmstorf. Ihren Charakter. Ihre Persönlichkeit. Ihre Unfähigkeit, zuzuhören, ihre Unfähigkeit, sachlich zu argumentieren, ihre Unfähigkeit, ihre Ansichten anders als durch Drohungen durchzusetzen. Sie halten sich für unfehlbar. Ich halte sie für untragbar.

Warum geschieht all das? Ich glaube, Rahmstorf ist die logische Konsequenz einer verlogenen Politik und einer durch und durch manipulativen Berichterstattung zum Thema. Medien, viele zumindest, suchen reisserische Sensationen. Sie sind an potenziellen Toten interessiert, je mehr, desto besser. Deshalb wird aus dem Klimawandel eine Klimakatastrophe. Nun kommt die Politik ins Spiel. Sie erkennt zweierlei: Dass sich die Angst der Menschen vor dem Untergang bezahlt machen kann. Wenn Du nicht sterben willst, dann bezahle Deine Co2 Abgabe. Es ist ein altes Lied, das garstige Lied der Demagogen. Sie brauchen aber auch ihre Stichwortgeber, die sie immer um sich scharen, denn Politiker sind, so dumm ist schon lange kein Volk mehr, an sich nicht glaubwürdig. Diese Leute machen dann der Politik den Rahmstorf. Rahmstorf ist gewohnt, dass ihm an seinem Institut in Potsdam niemand widerspricht.

Aber was viel schwerer wiegt, ist der Verlust des Denkvermögens vieler deutscher Intellektueller in diesem Zusammenhang. Menschen, die ansonsten jeder Handbewegung einer Angela Merkel oder eines Sigmar Gabriels misstrauen, die an allem und jedem zweifeln, was sie in dieser Welt vorfinden: Hier glauben sie. Hier sagen sie mir, ich würde, ganz ungeachtet aller Argumenten und Einwände, „auf der falschen Seite stehen“. Was wäre denn die richtige Seite? Die der Demagogen, die man sich heute schönredet, weil sie etwas sagen, worauf die meisten Systemkritiker im Lande immer schon hofften: Dass unser System mit einem Riesenknall untergehen wird? Darauf bauen letztlich die Hoffnungen jener kritischen Intellektuellen, die Kritik, Zweifel und Aufklärung hinter sich lassen, nur, um dem System eins auszuwischen. Welche Mitteln heiligen den Zweck? Muss die Welt untergehen, weil man sich persönlich schlecht fühlt? Brauchen wir eine Katastrophe, weil unsere politischen Erwartungen nicht erfüllt wurden?

Aber um Ehrlichkeit geht es nicht, wie Heinrich Miller bei der Debatte in „brand eins“ schon festgestellt hat: „Wissenschaftler sind keine Heiligen. Auch Wissenschaftler müssen sich heute ihre Forschungsgelder beschaffen, selbstverständlich hat jeder Interessen. Ich würde deshalb nicht mal mehr Ehrlichkeit in der Debatte fordern, sondern einfach mehr Offenheit. Das aber muss gewährleistet sein. Da müssen wir hin.“ Ja, da müssen wir hin. Offenheit, das bedeutet: Dass sich Kritiker eines Stefan Rahmstorf nicht die Frage stellen müssen, ob sie als Journalisten, Autoren, Wissenschaftler noch beschäftigt werden. Ob sie schon auf der „Schwarzen Liste“ stehen oder nicht. Offenheit bedeutet, dass Argumente ausgetauscht werden. Offenheit bedeutet vor allem auch, den Verstand zu besitzen, und die vielfältigen Verbindungen von Geschäft und Angst in diesen Zeiten zu erkennen. Vor allem aber heisst es, den kritischen Geist zusammennehmen. Das bedeutet nicht, dass man sich einem Lager zuordnen lässt, dem alten Schwarz-Weiss-Denken unterliegt, dem besten Kumpel aller Bekloppten und Bescheuerten also. Ich bin kein „Klimaleugner“. Und ich bin kein „Klimakatastrophist“. Wenn es dazwischen nichts mehr gibt, ist die wahre Klimakatastrophe eingetreten. Dann haben die Dogmatiker und Demagogen gesiegt, unterstützt von parteiischen Mitläufern und scharf kalkulierenden Politikern.
Dann weht wieder Schwarz-Weiss über Deutschland.
Dann gute Nacht – und viel Glück.

Wolf Lotter ist Redakteur des Wirtschaftsmagazins „brand eins“

 

 

 

 

 

 

 

 

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