Klima-Orthorexie oder: Spaghetti mit CO2-frei

Der Ausdruck „Orthorexia nervosa", so informiert uns die Wikipedia, „ist der vorgeschlagene Name für das Krankheitsbild einer Essstörung, bei der die übermäßige Beschäftigung mit der Qualität der Lebensmittel aufgrund selbst auferlegter Regeln zu psychischen oder physischen Beeinträchtigungen führt."

Die Frage, ob man dieses Verhältnis eines – früher hätte man gesagt, schrulligen – Individuums zu seinem Essen überhaupt pathologisieren sollte, ist in der Fachliteratur hoch umstritten. Zumal wir es hier offensichtlich mit einem öffentlichen Diskurs zu tun haben, der durch staatliche Subventionen und Subventiönchen am Laufen gehalten wird und nebenbei eine Menge junger smarter „Wir-nennen-es-Arbeit"-Fuzzis in Lohn und Brot bringt. Kann also krank sein, wer einfach macht, was die Regierung möchte?

Die neueste Blüte unseres energetisch-klimatischen Ablasshandels ist die „Klimateller-App". Diese Internet-Anwendung, die mit staatlichen Fördergeldern erstellt wurde, hilft orthorektischen Planeten-Rettern, festzustellen, wo und wie man klimaschonend speist: 

„Seit Monaten warten Klimaschützer in Deutschland auf ein Ausstiegszenario für die klimaschädliche Kohle. Vergebens. Nachdem von der Bundesregierung bei den wichtigen, großen Klimaschutzthemen nicht viel gekommen ist, sollen nun kleine Maßnahmen etwas bewirken", informiert uns das Energiewendeportal.

Rückverlegung der Politik in den Körper

Und weiter:

"Klimateller-App ist ein im Rahmen der Nationalen Klimaschutzinitiative (NKI) vom Bundesumweltministerium gefördertes Projekt. Es soll dazu beitragen, in der Gastronomie klimafreundliche Gerichte zu entwickeln und anbieten zu können. Besonders klimafreundliche Gerichte der Restaurants, Cafés, Kantinen oder Imbisse sollen dann mit dem Klima-Teller-Label in der Speisekarte gekennzeichnet werden können. So soll ein Beitrag zur Minderung von Treibhausgasemissionen geleistet werden. Unter www.klimateller.de lassen sich Gerichte und ihre CO2-Bilanz abrufen. Da sieht man zum Beispiel, dass ein Linsencurry weniger CO2 verursacht als Spargel-Ragout mit Bandnudeln."

Diese Rückverlegung politischer Kämpfe in den menschlichen Körper hätte dem Kritiker der modernen „Biomacht", Michel Foucault, helle Freude gemacht. Was er noch anhand von Psychiatrie, Klinik und Haftanstalt exemplifizierte – die Disziplinierung einer Gesellschaft durch Erfassung, Kontrolle und Zurichtung menschlicher Körper in Zwangsanstalten – hier soll es auf unserem Kantinenteller stattfinden.

Es ist eigentlich die Auseinandersetzung um die Organisierung von Rohstoff- und Energieflüssen in Industriegesellschaften, die hier zur Sache des recht-essenden und damit auch rechtschaffenen Körpers gemacht wird. Letztlich ist der Mensch für die Wahrer der Disziplin selbst das Problem. Er soll weniger auffallen, essen und sich vermehren.

App-gestützte Essvorschriften

Es hat geklappt: So wie das mittlere und untere Management nicht deswegen Marathon läuft, weil es ihm Freude macht, sondern weil es ihm im täglichen Rattenrennen um die Macht in der Firma Pluspunkte bei der Selbstdarstellung als belastbar und diszipliniert verschafft, so dient die App-gestützte Essvorschrift nicht etwa dem individuellen Wohlbefinden von Menschen, sondern ihrer Disziplinierung zugunsten des großen Ganzen. Der deutsche Körper soll keinen Spaß haben, schon gar keinen selbstbestimmten: andernfalls wird er mit einer Katastrophe gezüchtigt.

Und dabei könnte alles so einfach sein! Ein paar Kernkraftwerke ans Netz, und die CO2-Ersparnis durch „kleine Maßnahmen" kollektiven moralischen Fressens könnten wir dahin stecken, wo sie hingehört, ins Reich der Schrullen und liebenswerten Beklopptheiten einer postmodernen Gesellschaft. Alle 80 Millionen Deutschen dürften Bandnudeln, Pommes und Döner mampfen, so viel sie wollten. Gänzlich unsubventioniert. 

Dr. Anna Veronika Wendland ist Osteuropa-Historikerin am Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung in Marburg. Ihr Habilitationsprojekt „Atomgrad. Kerntechnische Moderne im östlichen Europa“ ist dem Sonderforschungsbereich SFB/TR 138 „Dynamiken der Sicherheit“ assoziiert. Sie lebt mit Mann und drei Söhnen in Leipzig.

Foto: Creative Commons CC0 Pixabay

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Leserpost (14)
Emmanuel Precht / 22.01.2018

Jetzt zieht die Grünangelische Kirche mit dem Islam gleich. Dort wie hier die Entscheidungsfingungs-App. Nun müssen noch Todesurteile für Leugner und Abtrünnige eingefüht werden. Kopftücher und andere Bekeidungsvorschriften sind ebenso hipp wie der Hippster-Bart. Passt schon ziemlich gut zusammen. Grün ist sich ganz grün. Wohlan…

Wilfried Cremer / 22.01.2018

Eine anständige Religion muss natürlich auch mit den passenden Speisegesetzen aufgewertet werden. Als Nächstes kommen dann Gassammelbeutel dran. Man darf schließlich nicht nur an vorne denken.

Dieter Grimm / 22.01.2018

Ein paar KKW ans Netz und schon wäre der CO2 Ausstoss weitaus geringer. Stimmt, aber wir haben noch viele weitere über die man fast gar nicht hört.  Man braucht nur einmal den Anstieg des globalen Handels der letzten 30 Jahre statistisch erfassen. Wieviele Handelsschiffe (Riesenpötte !) verkehren heute auf den Weltmeeren ? Schiffe, angetrieben von gigantischen Schwerölmotoren. Man muss heute Äpfel und Lammkotelett aus Neuseeland holen, weil deutsche Bauern offensichtlich zu blöd sind Äpfel zu pflücken. Man muss Lammkarree aus Neuseeland importieren, weil Lämmer ganz offensichtlich in D nicht leben können. Man muss jeden Schlüpfer und jeden Turnschuh in China fertigen, weil da die Profite ins unermessliche steigen. Scheißegal wieviel CO2 oder Feinstaub in die Atmosphere geblasen werden. Der Plastikmüll wird nicht in D recycelt, nein er muss nach China gefahren werden. Man hat in D zehntausende Brechdurchfälle, weil die Erdbeeren aus China eingeführt werden müssen. Wachsen denn in D keine Erdbeeren ? Ist das etwa ein exotisches Obst? Wenn man sich vorstellt das ca. 50000 Schiffe täglich unterwegs sind. Bei einem Durschnittsverbrauch von knapp 10000 Tonnen Scweröl pro Jahr. Wieviel Autos müssten ein Jahr lang fahren um den Schadstoffausstoss der Handelsschiffe zu erreichen ? Wenn man jetzt von einer Klimateller App spricht, kommt einem natürlich die Frage auf, gehts es da jetzt nur ums Klima? oder im allgemeinen um den Schutz der Umwelt? Kaufe ich spanische Paprika oder Orangen, weiß heute fast jeder, das der Grundwasserspiegel in den spanischen Anbaugebieten auf Kosten der Profite bereits so sehr gesunken ist, das eine Verwüstung Südspaniens nicht mehr auf zu halten ist. Nehmen wir Deutschen dann die Flüchtlinge aus diesen Gebieten auf? Müssen europäische Agrarprodukte nach Afrika verschifft werden und dort zu Billigpreisen auf den Markt geworfen werden, das es einem afrikanischen Bauern nicht mehr möglich ist seine eigenen angebauten Zwiebeln los zu werden? Fazit: Wir werden das Weltklima und die Umwelt definitiv nicht retten könne, solange wir mit so einer Doppelmoral leben.

Reinhard Schilde / 22.01.2018

Im ersten Augenblick dachte ich an Satire, bis mir beim Lesen klar wurde, dass dieser Schwachsinn wirklich ernst gemeint ist.

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