Achim Hecht, Gastautor / 06.01.2015 / 16:15 / 6 / Seite ausdrucken

Kleines Erfindungsraten

8 Erfindungen, die wir Muslimen zu verdanken haben  titelt das Webmagazin Huffington Post mit der Intention, „nicht nur Ressentiment und Angst, sondern auch Unwissen“ zu bekämpfen - verortet beim neuen Feind im Inneren, den *ida-Demonstranten. Punkt 1: „Das Ziffernsystem“.

Faktencheck: Es waren erstens nicht “die Muslime” sondern die Araber. Zum arabischen Ziffernsystem (das nicht ohne Grund eigentlich indo-arabisches genannt wird) sind sie zweitens auf klassische Weise gekommen: durch Eroberung, indem die Religionskrieger unter der Fahne des Propheten im 7.Jhd. n.u.Z. den Irak und Persien besetzten und im Folgenden die indischen Zahlzeichen übernahmen.

Für die Erfindung der Zahnpflege seien, wie unter Punkt 2 zu lesen ist, ebenfalls Mohammeds Epigonen verantwortlich. Wollen die meinen Sohn in die Arme moderner Kreuzritter treiben? Glücklicherweise habe ich eine kleine Geschichte der Zahnbürste parat, aus der hervorgeht, dass bereits die Babylonier vor 3.500 Jahren ihre Zähne bürsteten. Soll er sich doch über sie aufregen (die wg. Turmbau zu Babel auch für seinen verhassten Fremdsprachenunterricht verantwortlich zeichnen).

Soviel zum Thema Unwissen. Um den Rest der - verzeihen Sie mir das starke Wort – saudummen Auflistung ad absurdum zu führen, bemühen Sie bitte selbst eine Suchmaschine Ihrer Wahl. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich möchte hier kein kleines Erfindungsraten veranstalten. Es ist nämlich nicht wirklich von Belang, wer vor einem Jahrtausend oder mehr irgendwann irgend etwas erfunden hat. Erfindungen entstehen fast immer dadurch, dass vorhandenes Wissen übernommen und weiterentwickelt wird. In der Vergangenheit oft genug durch Eroberung. Den Sprengstoff, der neben der Marktwirtschaft wohl am meisten zum globalen Siegeszug des Westens beigetragen hat, haben “wir” auch von den Chinesen übernommen (und die Umma hat ihn zum explosiven Kleidungsstück weiter entwickelt, ist man versucht zu sagen).

Nein, relevant ist vielmehr, zumindest seit dem 19. Jahrhundert, die Dynamik offener Wissensgesellschaften im globalen Austausch. Ein Indikator hierfür wäre vielleicht die Verteilung der Nobelpreise. Ich meine jetzt nicht die politischen („Frieden“ und Literatur) - mögen doch Obama und Arafat ihre Urkunden zusammen in der Pfeife rauchen. Schon der erste „Friedensnobelpreis“ wurde wohl vergeben, weil Alfred Nobel und Berta von Suttner nicht nur die Idee… sondern auch sonst noch etwas miteinander hatten.

Mir sind lediglich zwei wissenschaftliche Nobelpreise an Mitglieder der muslimischen Glaubensgemeinschaft bekannt: 1979 für Physik an den in Europa lebenden und lehrenden Pakistani Abdus Salam. Der war allerdings Mitglied der als „nicht rechtgläubig“ geächteten Ahmadiyya-Gemeinschaft und deshalb in seinem Herkunftsland nicht eben gut gelitten. Und 1999 für Chemie an den Ägypter Ahmed Zewail, seit 1982 US-amerikanischer Staatsbürger. Man könnte jetzt die Unmenge von Preisen an Juden „dagegen setzen“. Aber darum geht es mir nicht. Erfindungsbilanzen sagen sicherlich etwas über die Bedingungen für wissenschaftliche Arbeit in den Heimatländern oder den kulturellen Hintergrund der Forschenden aus, aber wissenschaftliche Leistungen erbringen trotzdem immer Individuen, nicht religiöse Bekenntnisse.

Entscheidend für die kritische Debatte ist vielmehr aus meiner Sicht, ob heute Religion und Politik vermischt werden. Der offizielle Islam tut dies per Definition. Die Aufklärung und der Säkularismus, die wohl wichtigsten Erfindungen, die das sogenannte “Abendland” zur Weltzivilisation beisteuerte, sind am politischen Islamismus komplett vorbeigegangen. Wer dies nicht sieht oder nicht sehen will, nimmt alle Islam-Gläubigen - auch integrierte und aufgeklärte im Westen - in Geiselhaft für die anti-aufklärerische und „antizionistische“ Agenda der politischen Führer in den “muslimischen Staaten” (failed States mit prä-modernem Gesellschaftsverständnis allesamt). Mehr noch, er fällt denjenigen Muslimen in den Rücken, die im eigenen Land gegen totalitäre Theokraten für grundlegende Menschenrechte und eine Öffnung ihrer geschlossenen Gesellschaften kämpfen.

Diesbezüglich spiegeln sich der gutmeinend-dämliche offiziöse Mainstream und diejenigen aus dem *ida-Spektrum, die ressentimentbeladen-dämlich einen Konflikt zwischen einer angeblich überlegenen “christlichen Zivilisation” und Muslimen konstruieren wollen, auf traurige Art und Weise. Religionskritik bzw. Widerstand gegenüber Religiosität, die sich einen gesamtgesellschaftlichen Gestaltungsanspruch – auch gegenüber Anders- oder Nichtgläubigen - anmasst, wird so von den einen unter den Generalverdacht der Xenophobie gestellt. Und von den anderen zur Legitimation modernen Kreuzrittertums und/oder völkischer Angstpolitik missbraucht.

Bitte: Betet doch an was oder wen ihr wollt. Macht Erfindungen! Aber verwechselt nicht Religion und Politik. Amen. Allahu akbar. Amejn. Ramen.

Achim Hecht betreibt das liberale Autorenblog antibuerokratieteam.net

Leserpost (6)
Thomas Schmied / 06.01.2015

Sie schreiben richtig: “(...) - verortet beim neuen Feind im Inneren, den *ida-Demonstranten.” Es sind nämlich tatsächlich die Demonstranten, die der Feind sind, die Menschen, die Unmut sichtbar machen. Dass es Unmut gibt, dass ein recht großer Teil der Gesellschaft unterschiedlichste Bedenken der dominierenden politischen Doktrin gegenüber hat, das ahnen sie vielleicht. Das ignorierte man bisher. Vereinzelte Abweichler, die den Mund aufmachten, konnte man auch ignorieren. Wenn sie bekannt waren oder bekannt wurden, konnte man sie belächeln und wenn dann noch Fragen im Raum standen, konnte man sie locker mit der Nazikeule unschädlich machen oder sie im modernen Circus Maximus nicht den Löwen, sondern einer totalen Übermacht an besonders guten Menschen vorwerfen. Das geht mit 18.000 Sichtbaren (die auch noch friedlich demonstrieren) jedoch nicht. Deshalb sind die Demonstranten, Leute, die bei üblem Wetter auf die Strasse gehen, um sich von Politikern, Medien und Prominenten beschimpfen zu lassen, ohne sich irgendeinen persönlichen Vorteil davon erhoffen zu können, deshalb sind diese unheimlichen Demonstranten der gefährliche Feind. Sie sind der böse Feind, weil gegen sie die sonst üblichen Waffen nicht wirken - und deshalb drehen die “Guten” auch so am Rad.

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