Hannes Stein (Archiv) / 13.01.2013 / 03:06 / 0

Kinski

Aus Gründen, die ich selbst nicht erklären kann, beschäftigt mich aus der Ferne der Fall Klaus Kinski. Als ich ein Teenager war, galt er als Held, als dämonisches Genie, als gottbegnadeter Schauspieler, und ich mochte ihn nie. Wirklich: Ich habe den Zinnober, der um diesen Mann veranstaltet wurde, schon damals nicht verstanden. Bitte, Kinski war kein großer Schauspieler. Ein Mime, der immer nur sich selbst mimt und sonst niemanden, ist offenkundig nicht besonders begabt.

Kinskis bescheidenem Talent entsprach am besten die Rolle des augenrollenden Bösewichts in den Edgar-Wallace-Filmen der Siebzigerjahre. Auch seine Pöbeleien, von denen man hier und hier Kostproben sehen kann, kamen mir nie amüsant oder charmant vor. Dieses deutsche Gebrüll mit harter, überschnappender Stentorstimme!

Dass Klaus Kinski – wie sich nun herausstellt – vierzehn Jahre lang seine Tochter Pola vergewaltigt hat (zum ersten Mal missbrauchte er sie, als sie fünf war) entsetzt mich zwar, aber es wundert mich nicht. Hier ein schöner Artikel von Caroline Fetscher, hier ein ebenso schöner Artikel von Verena Lueken. Ich bin Caroline Fetscher für ihre Feststellung dankbar, dass es sich bei Vergewaltigern von Kindern immer um Feiglinge handelt; und ich danke Verena Lueken, weil sie ohne rhetorische Schlenker auf Folgendem beharrt: Die „in männerbündischen Ästhetenkreisen“ verbreitete Haltung, man dürfe bei Künstlern in Fällen von Päderastie nicht so genau hinschauen, sei grundfalsch. „Angesichts zerstörter Leben“, schreibt Verena Lueken, „ist die Kunst, ist das Kino nichts.“

Man kann Pola Kinski nur beglückwünschen, weil sie den Mut gefunden hat, aus ihrem Schweigen auszubrechen. Ihr Buch findet man übrigens hier.

Wahrscheinlich beschäftigt mich am Fall Kinski unter anderem die Frage, woher eigentlich die Bewunderung kam. Wie konnte es passieren, dass dieses kriminelle Würstchen als dämonisches Genie gefeiert wurde? Warum haben die Leute seine ekelerregenden Manieren amüsiert genossen, statt ihm die Tür zu weisen? Woher kam, kurz gesagt, dieses Auf-dem-Boden-Liegen vor der Drohung, der gewalttätigen Pose, dem Gebrüll? Im Englischen gibt es ein treffendes Wort für eine solche Haltung: „bully worship“. Jedenfalls in diesem einen Fall ist es damit jetzt zu Ende, der „bully“ hat wenigstens postum seine Aura verloren. Jedenfalls hoffe ich das.

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