Gunnar Heinsohn / 22.11.2016 / 06:10 / Foto: movie studio / 0 / Seite ausdrucken

King, Chavez, Trump: Amerikas letzte Arbeiterbewegung

Am 8. November geht erstmals der weiße Teil der amerikanischen Arbeiterklasse als organisierte Bewegung zur Wahl. Die Avantgarde einer solchen Formierung bilden zwischen 1954 und 1968 die Afrikaner, die mit dem Civil Rights Movement die gesetzlichen Rassenschranken niederreißen. Sie umfassen heute 46 Millionen Menschen (das entspricht der Bevölkerung von Kenia). Jedes Jahr ehrt die Nation ihren ermordeten Heros Martin Luther King (1929-1968) mit einem Feiertag.

Mitte der 1960er Jahre folgen die Mexikaner mit ihrem Chicano Civil Rights Movement – für die Aktivisten einfach El Movimiento. Sein Wortführer Cesar Chavez (1927-1993) prägt mit Si, se puede (ja, man kann das) einen Slogan, den Barack Obama 2008 als Yes, we can übernimmt, um beide Minderheiten dauerhaft an seine Partei zu binden. Ohne Illegale sind die USA Heimat für 60 Millionen Latinos (entspricht der Bevölkerung von Italien). Obwohl es in den beiden Ur-Bewegungen Rassisten und Antisemiten gibt, besteht kein Zweifel, dass sie vorrangig finanzielle Besserstellung, Gleichberechtigung und Aufstieg erstreben.

Auch wenn die Führer dieser visible minorities (sichtbar aufgrund ihrer Pigmentierung) längst Millionäre sind, werden sie von den einfachen Leuten als Interessenvertreter angenommen und in Wahlkämpfen durch die Apparate der Bewegungen unterstützt. Das ist verständlich, weil es herrschende Klassen schwarzer Hautfarbe oder spanischer Sprache zwar in Afrika und Lateinamerika, aber eben nicht in den Vereinigten Staaten gibt.

Da die amerikanische Oberschicht immer noch weiß ist, liegt der Schluss nahe, dass auch die Weißen ohne Studium sich von ihnen ebenso vertreten fühlen, wie die Minoritäten auf Wohlhabende afrikanischer oder hispanischer Herkunft setzen. Deshalb wird eine gesonderte weiße Bewegung erst einmal unter Rassismus-Verdacht geraten. "Die Weißen regieren doch ohnehin, was wollt ihr denn noch?", wird ihnen zornentbrannt zugerufen. Da es Rassisten und Antisemiten auch unter ihnen gibt, werden gezielt immer wieder diese ausgeleuchtet, um die gesamte Gruppe in die Ecke der Xenophoben und White Suprematists zu schieben. Ein solches Vorgehen ist zwar nicht fein, aber im Kampf um den Zugriff auf die Steuertöpfe kaum vermeidbar. Diese Propaganda ist so gut gemacht, dass sie auch global Wirkung entfaltet. Fast überall raunt, tönt oder posaunt es, dass man in Washington nahe vor der Machtergreifung des Ku-Klux-Klan stehe.

Trump hat schon den kalten Atem des Bankrotts gespürt

Gleichwohl ist die hinter den Anwürfen stehende Analyse falsch. Die republikanisch organisierten weißen Eliten verstehen sich nämlich keineswegs als Statthalter aller Hellhäutigen. Täten sie es, wären ja auch sie Rassisten, was sie – wieder von Ausnahmen abgesehen – nicht sind. Und dass sich weiße Arbeiter durch die Republikaner schlecht repräsentiert fühlen, hat mit Vorurteilen erst recht nichts zu tun. Im Normalfall tendieren sie zur amerikanischen Labour Party, also zu eben den Demokraten, denen auch die meisten Afrikaner und Latinos folgen. Oder sie wählen – wie durchgehend 40 bis 50 Prozent aller Amerikaner – überhaupt nicht.

Bei den wahlwilligen Weißen im unteren Segment geht es um 35 Millionen Männer und Frauen mit Highschool, aber ohne Studium. Das ist rund ein Drittel der gewöhnlich Abstimmenden. Einschließlich des Nachwuchses geht es um gut 70 Millionen Bürger (entspricht der Bevölkerung Deutschlands ohne Hartz IV-Empfänger). Im eigenen Verständnis sind sie Teil der Mittelschicht und haben – soweit beschäftigt – auch die dazu passenden Häuser und Autos, doch ihre Löhne liegen unter dem Niveau des Jahres 2000. Sie sind arbeitsbereit und trauen sich die Härten des industriellen Alltags auch zu. Das unterscheidet sie vom white trash, der zeitweilig oder dauerhaft vom Steuerzahler lebt. Immer mehr allerdings fürchten das Abrutschen in eben diese underclass. Mit Recht: Während 1950 nur drei Prozent der Männer zwischen 25 und 54 Jahren Arbeit nicht einmal suchen, sind es mittlerweile zwölf Prozent.

Selbst der republikanische Vietnam-Kriegsheld John McCain holt 2008 bei der weißen Arbeiterschaft nur 49 Prozent. Die Mehrheit entscheidet sich für den Afro-Amerikaner Obama. 2012 gewinnt Mitt Romney immerhin 55 Prozent. Auch das ist keine plötzliche Rassismus-Eruption, sondern erklärt sich aus sprunghaft steigenden Ausgaben für die Versorgung und Krankenversicherung der beiden anderen Minoritäten sowie des white trash. Sie treiben die Belastung für die wirklich Arbeitenden in die Höhe. Erst im Wahlkampf von 2016 finden die weißen Arbeiter durch Donald Trump zu sich selbst, weil er ohne Verlegenheit Wortführer für our movement wird. Beim Einkommen kann der New Yorker es mit den Führern der älteren Bewegungen spielend aufnehmen, hat – anders als diese Bezieher öffentlicher Gelder – aber auch schon den kalten Atem des Bankrotts gespürt. Das verschafft ihm Respekt. Den können – in einer genital ohnehin geladenen Alltagssprache – seine Ratschläge für sexuelle Eroberungen kaum mindern.

Niemand kann Wahlen allein mit Oberschicht und oberen Mittelschichten gewinnen

Die brillanten Intellektuellen der National Review merken zuerst, dass Trump ihnen bestenfalls bei der Einkommenshöhe nahe ist, ansonsten aber kein Republikaner ist. Er erinnert sie an den Gewerkschaftsführer und Ex-Demokraten Ronald Reagan, der 1980 und 1984 als erster republikanischer Präsident den Demokraten Arbeiter in beträchtlicher Zahl abspenstig macht. Als Reagan Democrats werden sie zur Keimzelle der aktuellen Bewegung. Bill Clinton holt einen Teil zurück, als er lebenslange Sozialhilfezahlungen auf fünf Jahre kürzt. Obama jedoch konterkariert das mit einem erleichterten Zugang zu lebenslangen Invalidenrenten.

Unter dem Slogan „Never Trump“ formen die ideologisch reinen Konservativen ein eigenes Netzwerk gegen den Neuling und ziehen sogar die Präsidenten aus der Bush-Dynastie zu sich herüber. Sie wissen genau, dass Trump nahe bei Bernie Sanders steht, dessen Übernahme der Demokraten die Hillary-Leute durchaus konspirativ abwenden, und der seine Sommerurlaube in der längst verwehten Sowjetunion nicht verhehlt. Trump aber wird viel offensiver, weil er sich ausdrücklich und immer wieder an die American working class wendet. Da so etwas von republikanischer Seite entschieden ungehörig klingt, hört die genau hin und bringt ihm 67 Prozent ihrer Stimmen. Nur noch 20 Prozent halten zur angestammten Partei bzw. zur ja ebenfalls weißen Hillary Clintion. Während es 2012 bei den Wahlmännern im altindustriellen Mittleren Westen 80:38 für Obama ausgeht, dreht es 2016 auf 88:30 für Trump.

Niemand kann demokratische Wahlen allein mit Bürgern der Oberschicht und der oberen Mittelschichten gewinnen. Deshalb werben alle um die unteren Mittelschichten sowie die noch aktiven Unterschichten. Warum bleiben die nicht geschlossen bei den Demokraten? Weil die Trumpisten arbeiten wollen und das Florieren der Wirtschaft nun einmal in die Kompetenz der Republikaner gehört. Die jedoch will freien Handel und ein unabhängiges Unternehmertum. Schutzzölle oder staatliche Industriepolitik sind ihr ein Gräuel. Dagegen firmiert Trumps viel gescholtener Wahlkämpfer und Stratege Steve Bannon keineswegs als „white suprematist“, sondern als „economic nationalist“, der gerade dadurch in Zukunft auch 40 Prozent der Latinos und Afrikaner zu den Republikanern ziehen will.

Je mehr Unqualifizierte desto sicherer sind zukünftige Wahlsiege

Die scheitern bisher allerdings überdurchschnittlich häufig an den Anforderungen des Wettbewerbs. Verständlicherweise wollen sie auch ohne Arbeit passabel bezahlt werden. Sie wünschen die Demokraten an den Hebeln der Macht, weil Umverteilung zu ihrer Kernkompetenz gehört. Nur der Staat kann die Leister (maker) zwingen, die Hilflosen (taker) anständig zu finanzieren. Auch die Hilflosen wollen keinen Untergang der Industrie, doch nur bei Kontrolle des Staates durch die Linke fühlen sie sich sicher. Deren Nomenklatura wiederum will am Ruder bleiben, weil sie zumeist nicht aus dem Unternehmenssektor kommt und bei Not dorthin auch nicht zurück kann, sondern über Staatsfunktionen nach oben gelangt. Je mehr Unqualifizierte ins Land kommen und dort Kinder aufziehen, desto sicherer werden zukünftige Wahlsiege.

Die 1980 einsetzende Explosion des amerikanischen Sozialbudgets von 30 auf 65 Prozent des Haushalts leitet dringend benötigte Modernisierungsmittel in unproduktive Kanäle. Deshalb will Trump nur noch Qualifizierte über die Grenzen lassen, was ihm umgehend die üblichen Verdächtigungen einträgt. Rassismus jedoch wäre die Ablehnung von Talenten aufgrund ihrer Pigmentierung oder die Zulassung selbst von Leistungsversagern, weil sie weiß oder christlich sind. Solche Vorschläge sind dem Autor nicht zu Ohren gekommen – übrigens auch nicht bei deutschen AFDlern oder englischen UKIP-Brexitern.

Auch für den überkommenen Rassismus gegen Juden oder Ostasiaten („gelbe Gefahr) gibt es beim Spitzenpersonal keine harten Beweise. Es gehört ja zu den Wendungen der Geschichte, dass im Zeitalter der Hightech-Industrie um kompetente Menschen erbittert konkurriert wird, die man früher verjagt oder ermordet hat. Heute rollt man für Erfinder und Firmengründer den roten Teppich selbst dann aus, wenn sie ihre Hautfarbe nach Belieben variieren können oder gar den Großen Bären verehren. Wer durch Dämonisierung der amerikanischen Arbeiterschaft Angst erzeugt, tut das mithin ohne entsprechende Bedrohung.

Reduzierung der Hilflosigkeit durch das Heimschicken und Nichtmehrhereinlassen von Bildungsfernen sowie aktive Industriepolitik lautet der Auftrag der Arbeiter an Trump. Schon zu Beginn seiner Kampagne wird ihm Wählerbetrug vorgeworfen, weil man mit solchen Maßnahmen die amerikanische Industrie nicht wieder auf die Beine bringe. In der Tat könnten die Amerikaner für einen neuen industriellen Höhenflug gegen die Musterschüler aus Ostasien nicht gut genug sein.

Zweifel an Trumps Erfolg lassen sich gut begründen

Wie wenig überhaupt noch gelingt, zeigt ein Fiasko aus Obamas Amtszeit. Von 2008 bis 2016 verliert Amerika 1800 Soldaten in militärischen Einsätzen (Siehe hier und hier" target="_blank" >https://www.dmdc.osd.mil/dcas/pages/report_by_year_manner.xhtml">hier). Gleichzeitig muss der Mann, der schon als community organizer Chicago nicht bessern kann, 4000 Ermordete und über 20.000 Angeschossene allein in seiner Heimatstadt hinnehmen. Wie sehr die Kräfte schwinden, zeigt am schnellsten der amerikanische Anteil am Weltprodukt, der zwischen 1950 und 2015 von 27 auf weniger als 16 Prozent sinkt. Noch 1990 ist man in Kaufkraft-Dollar fünfmal so stark wie China (22 zu 4,4 Prozent Weltanteil), 2010 bereits um ein Viertel schwächer (15 zu 20 Prozent). Unter 325 Millionen Amerikanern arbeiten 140 Millionen Vollzeit, während 106 Millionen aus einem oder mehreren Sozialtöpfen alimentiert werden. 45 Millionen erhalten monatlich sogar 130 Dollar, um wenigstens Essen auf den Tisch zu bekommen. Über 50 Prozent der amerikanischen Fünfzehnjährigen scheitern in Schreiben und Rechnen an minimalen Anforderungen, während der entsprechende Prozentsatz in Schanghai unter fünfzehn Prozent liegt (PISA 2012). Die nach Amerika ausgewanderten Chinesen und Koreaner tragen längst dazu bei, dass der US-Durchschnitt nicht noch niedriger liegt.

Das deutlichste Signal für Kompetenzverlust senden allerdings die Hightech-Exporte, ohne die Amerika nun wirklich nicht wieder groß werden kann. Sie fallen zwischen 1999 und 2014 von 180 auf knapp 160 Milliarden Dollar, während die rotchinesischen von 30 auf 560 Milliarden Dollar hochschnellen. Zweifel an Trumps Erfolg lassen sich mithin gut begründen. Wer aber könnte deshalb behaupten, dass weitere Sozial-Billionen mehr erreichen würden? Scheitert die Arbeiterbewegung mit Trump, dürfte – so viel zum Trost der Demokraten – Amerikas weiterer Abstieg unter ihrer Führung stattfinden. Am Ende dürften auch geistige Erben von Cesar Chavez ins Weiße Haus einziehen.

Foto: ModernTimes Press Foto via Wikimedia
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