Wolfram Weimer / 13.03.2008 / 10:38 / 0 / Seite ausdrucken

Kant siegt gegen Nietzsche

Andrea Ypsilanti hat hessisch Roulette gespielt und verloren. Ihr spektakulärer Versuch, über den Bruch eines Wahlversprechens an die Macht zu kommen, ist erst einmal gescheitert. Während die SPD noch Wunden leckt und Hessen vorerst weiterkocht, gibt es schon eine Lektion für die politische Ethik im Land: Kant ist stärker als Nietzsche.
Vordergründig war es die Darmstädter SPD-Politikerin Metzger, die Frau Ypsilanti nicht folgen wollte in die Relativitätstheorie von Wahrheit und Lüge. Während die eine noch vom „Abwägen“, vom „Dilemma“ und „Sachlagen“ sprach, entschied sich die andere für Immanuel Kant: Was Du einmal versprochen hast, das darfst Du nie mehr brechen…

Der große Aufklärungsphilosoph ist maßgeblich schuld daran, dass wir Deutsche ein ziemlich rigoroses Verhältnis zur Lüge haben. Das hätte Andrea Ypsilanti wissen können, als sie plötzlich mit der Linkspartei anbandelte. Sie aber folgte Friedrich Nietzsche. Der Übermensch-Philosoph befand, dass der Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge nur einer Vereinbarung tatkräftiger Menschen folge. Der Erfolg entscheide demnach über die moralische Bedeutung von gebrochenen Versprechen.
Nun hat Andrea Ypslinati sowohl nach Kant als auch nach Nietzsche verloren. Und die Bildzeitung hat mit „Frau Lügilanti“ eine dankbare Bösewicht-Besetzung im Theater des Politischen. Für die öffentliche Moral in Deutschland aber ist der Vorgang eher ein Gewinn.
Denn das Bild der großen Politik ist durch fundamentale Spielregeln des menschlichen Anstands wieder gerade gerückt worden. Damit wird offenbar, dass die Politik eben kein entrücktes Spiel von Machbarkeiten ist, sondern so funktioniert wie das wahre Leben.
Insofern dürfte das hessische Machtroulette ein „defining moment“ des deutschen Parlamentarismus werden. Fortan wird keine Person und keine Partei es mehr so schnell wagen, mit Nietzsche an die Macht zu kommen. Schon der Bundestagswahlkampf im kommenden Jahr dürfte in seinen Vorab-Festlegungen zu Steuern, Koalitionen und Programmen so präzise werden wie kaum einer zuvor. Kantianisch eben.

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