112-Peterson: Kann man ohne Gott tun, was man will?

Dostojewski ist ein Meister darin, seine Romanfiguren in eine moralisch äußerst schwierige Lage zu bringen und ihnen dann eine umfassende Rechtfertigung für den Weg zu geben, den sie einschlagen. In „Schuld und Sühne“ entscheidet sich die Hauptfigur Raskolnikov, einen Mord zu begehen – und er hat seine guten Gründe für diesen Mord.

Raskolnikov leidet Hunger; seine Schwester, die die Familie bisher mit Prostitution über Wasser gehalten hat, will sich nun für eine Ehe mit einem ungeliebten Mann opfern; auch seine Mutter steckt in großen finanziellen Nöten. Also geht er zu einer Pfandleiherin, um seine kümmerlichen Habseligkeiten zu verpfänden und sich weiter durchwurschteln zu können.

Die Pfandleiherin hat Geld, Raskolnikov hingegen leidet große Not, und er denkt sich: Ich töte sie einfach! Denn: Warum zum Teufel nicht! Ich nehme ihr Geld, sie stellt nichts Gutes damit an, und ich befreie ihre Nichte, die sie wie eine Sklavin hält. Was kann schon passieren, außer dass die Welt dadurch besser wird? Das einzige, was mich zurückhält, ist eine herkömmliche moralische Feigheit, die willkürliche, eingebimste Moral.

Dostojewski lässt seine Figur in „Schuld und Sühne“ Stunden, Tage und Wochen lang intensiv eine bildliche und gedankliche Vorstellung vom geplanten Mord entwickeln. Raskolnikov sieht sich zum Mord berechtigt und er stellt sich, um die Tat verüben zu können, außerhalb des Rechts. Dann begeht er den Mord und – unerwartet – ist die Hölle los. Äußerlich kann er zwar standhalten, nicht jedoch vor seinem Gewissen.

Die westliche Kultur gründet auf transzendenter Sittlichkeit

Dostojewski stellt in „Schuld und Sühne“ – und vielen weiteren seiner Werke – eine ganz grundlegende und einfache Frage: Wenn es keinen Gott – keinen höheren transzendenten Wert – gibt, kann man dann tun, was man will?

Radikalinskis wie Sam Harris glauben offenbar, dass Menschen zwangsläufig auf den Weg purer Vernunft gelangen, wenn sie sich von allem Transzendenten lösen, und dass dann automatisch ähnliche Werte entstehen. Ich glaube jedoch, dass die Welt dermaßen stark von mythologischen Grundlagen bedingt ist, dass Leute wie Harris und Dawkins die Ethik, die daraus hervorgeht, irrtümlich als gegeben annehmen, als etwas rational Gegebenes. Ich glaube jedoch: Die Ethik, die wir für normativ halten, ist eine Folge der Einbettung in ihrer langen, langen Geschichte.

Vieles davon findet seinen Ausdruck in mythologischen Erzählungen. Diese jedoch will man einfach auslöschen. Man kann aber nicht deren Grundlagen behalten und annehmen, sie seien rational axiomatisch. Alles hat eine Anfangsprämisse: Die Prämisse, auf der die westliche Kultur gründet, ist jene transzendente Sittlichkeit.

Man kann diese transzendente Moral als Gott ansehen, man könnte Gott sogar als Personifizierung der Sittlichkeit bezeichnen. Ich argumentiere hier jedoch nicht für die Existenz Gottes. Ich lege dar, dass die Ethik, die unsere Kultur bestimmt, auf der Idee von Gott basiert. Man kann nicht diese Idee ausmerzen und glauben, dass die Dinge hier intakt bleiben.

Dieser Beitrag ist ein Ausschnitt aus dem Vortrag „Maps of Meaning 10: Genesis and the Buddha “. Hier geht’s zum Original-Vortrag auf dem Youtube-Kanal von Jordan B. Peterson. 

Foto: jordanbpeterson.com

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Leserpost (8)
Martin Landvoigt / 01.02.2018

Zum Thema: Dostorjewski hat das gleiche Thema auch in ‘Die Brüder Karamasow’ ausgemalt. Abgesehen von einer langen Theologiegeschichte ist aber vor allem Kant als einer der Väter der Aufklärung hier von zentraler Relevanz. In seiner ‘Kritik der Praktischen Vernunft’ hielt er den moralischen Gottesbeweis für gültig, nachdem er in der reinen Vernunft die weiteren bekannten Gottesbeweise ablehnte. Das Problem der Moralbegründung bleibt. Die Betonung auf westliche Kultur sagt weder etwas, ob dies auch für alle anderen Menschen gilt, oder ob die Gültigkeit dieses Denkens kulturell beschränkt bleibt. Sie fokussiert sich eben zunächst auf die westliche Geistesgeschichte, die allerdings auch mit anderen Kulturen interagierte. Die Beobachtung zeigt, dass auch viele bekennende Atheisten moralisch vorbildlich leben und oft auch Gottgläubige übertreffen. Woran liegt das? Und wiederlegt das die These, dass Gott als das Absolute für eine Moralbegründung unabdingbar bleibt? Ich meine, dass konkretes moralisches Empfinden stark von einer moralischen Grundbedingtheit des Menschen der aber durch die individuelle Sozialisation in einer konkreten Kultur abhängig ist. Letztlich ist es die Würde des Menschen, aus diesem Erbe etwas mehr oder minder Eigenes zu bauen, dass sich nie ganz von der Prägung lösen kann, selbst wenn es im plakativen Widerspruch zu diesem Erbe steht. Somit bleibt auch der Atheist noch mehr oder minder christlich geprägt, denn die Werte die er mit der Muttermilch der Kultur aufsaugte, beeinflussen sein Denken massiv. Werden aber die tradierten Grundlagen abgelehnt, werden sie in dieser Form nicht weiter tradiert. Für die konkrete Moralität des Individuums mag dies noch wenig Relevanz haben, denn sein empfinden für Gerechtigkeit, Gut und Böse, ist auch ein Stück von der Konkurrenz zu den vermeintlichen Heuchlern geprägt: Man will gerade jenen beweisen, dass man selbst besser ist, auch und gerade weil man den Gottesglauben ablehnt. Mir erscheint dieser Antrieb aber als Strohfeuer, von dem bald nur Asche übrig bleibt. Einen Grund, warum man als soziales Wesen besser lebt als jemand, der sich auf Kosten der Gemeinschaft alimentiert und seinen Honig saugt,  kann ich ohne den Bezug auf Gott nicht erkennen. Langfristig müssen ohne Gottesglaube die gesellschaftlich tradierten Werte und Moral letztlich errodieren, bis absolut nichts mehr übrig bleibt. Es ist dann ziemlich egal, ob dieser Zustand in einer postmodernen Anarchie mündet, oder in einer Diktatur, oder in einem seichten Konsumismus.

beat schaller / 01.02.2018

Herr Peterson, wieder mal sehr tiefsinnig. Danke! b.schaller

K.Rasch / 01.02.2018

Hallo, danke für diesen aufregenden Gedanken. Aber was ist die Antwort? Das, was wir alle erleben, ist, dass es vielleicht hunderte von Jahren dauert, diese transzendente Sittlichkeit (des Christentums) aufzubauen, tausend Jahre bemühten sich Generationen darum das Licht weiter zu geben, und dann kann es sehr schnell gehen und die Flamme erlischt. Da stehen wir gerade heute in einem mehrheitlich säkularen Europa. Und was ist jetzt? Wie geht “Christentum 4.0”, Christentum ohne Gott. Wir alle spüren dieses tiefe Bedürfnis und ich glaube auch das das irgendwie gehen könnte, durch Ernstnehmen und Verbundenheit mit unserer Kultur. Ich war häufig in animistischen Ecken Afrikas unterwegs und habe erst dort erkannt, wie sehr ich als “Atheist”, durch und durch von meinen christlichen Wurzeln geprägt bin. Das war sehr heilsam und hat mich meiner Kultur ganz nahe gebracht.

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