Wolfram Weimer / 03.11.2017 / 06:15 / Foto: Jonas Rogowski / 20 / Seite ausdrucken

Jürgen Trittin, Jamaikas größter anzunehmender Unfall

Es ist ein politisches Comeback des Jahres. Jürgen Trittin war vor wenigen Wochen politisch so gestrig wie Hammer und Sichel. Doch nun schlägt und sticht er zurück wie zu besten Tagen. Kein Tag ohne Schlagzeile, kein Abend ohne TV-Auftritt, keine Sondierung ohne seine Querschlägerei. Er fordert und frotzelt und treibt die neo-bürgerliche Kaminrunde mit gezielten verbalen Fackelwürfen auseinander. Bei den Jamaika-Sondierungen ist er nicht nur der linke Quälgeist – er ist die Figur, an der alles scheitern könnte. „Trittin agiert wie der Zombie von Jamaika, politisch eigentlich tot, doch alle haben Angst vor ihm“, beschreibt ein CSU-Politiker die Lage.

Die Rückkehr Trittins ins absolute Zentrum des Berliner Machtgeschehens ist verblüffend. Schließlich war er der große grüne Wahlverlierer von 2013, der mit seinem linken Steuererhöhungswahlkampf erst vom Wähler und dann von seiner Partei abgestraft wurde. Aus dem Fraktionschef wurde ein Hinterbänkler, irgendwie aus der Zeit gefallen, ein Alt-68er, ein Silver Ager der Ära Joschka Fischer.

Für junge Liberale ein linkes Schnösel-Fossil, für die Kreuzberger Szene aber ein standhafter Veteran. Die grünen Realos von Cem Özdemir bis Winfried Kretschmann wollten von ihm, der sie alle schon einmal brüskiert hatte, nichts mehr wissen. Noch im Sommer erklärte Katrin Göring-Eckardt selbstbewußt: „Herr Trittin wird in möglichen Koalitionsverhandlungen keine Rolle spielen.“ Sie glaubten, ihn vom Hof gejagt zu haben.

Nun jagt er sie. Denn Özdemir und Göring-Eckardt haben fühlbar Angst vor Trittin, weil er zwar wenig gestalten, aber alles zerstören kann. Sie haben ihn unterschätzt, denn er verkörpert den linken Parteiflügel der Grünen und sein Ansehen dort ist ungebrochen. Da eine etwaige Jamaika-Koalition von der Parteibasis abgesegnet werden muss und dort der linke Flügel noch immer mächtig ist, müssen sie den ungeliebten Trittin notgedrungen einbinden. Nur wenn er seinen Leuten erklärt, die Koalition sei machbar, gibt es die nötigen Mehrheiten in der Partei. Trittin ist daher der Schlüssel zu dieser Koalition. Und da er das genau weiß, spielt er die neue Rolle der Macht genüßlich und offensiv aus.

Trittin ließ bereits 2013 die schwarz-grünen Gespräche platzen

Trittins Comeback zeigt, wie unsicher die Grünen-Führung sich ihrer eigenen Möglichkeiten ist. Das gilt auch für die prominenten Linksgrünen, insbesondere Fraktionschef Anton Hofreiter und Parteichefin Simone Peter. Hätten sie den linken Flügel verkörpern und einbinden können, dann wäre es zur Rückkehr Trittins nie gekommen.

Für die Grünen hat die Zombie-Rolle Trittins allerdings den taktischen Vorteil, dass er den politischen Preis hochtreibt. Vordergründig klingt die Aufgabe des 63jährigen zwar wenig spektakulär. Er ist nur einer von 14 Grünen, die im Haus der Parlamentarischen Gesellschaft, Sondierungsgespräche führen. In der Realität aber treibt er CDU/CSU und FDP über die Medien vor sich her. Denn auch die wissen, dass Trittin und seine linken Truppen am Ende zustimmen müssen.

Sie erinnern sich sehr genau, wie Trittin bereits 2013 die schwarz-grünen Gespräche platzen ließ. Und auch diesmal tönt er seinen Forderungskatalog unerbittlich in die Kameras: Abschalten der 20 "schmutzigsten" Kohlekraftwerke sofort, Ausstieg aus der Kohlenutzung bis 2030, ab demselben Jahr Stopp der Neuzulassung von Autos mit Verbrennungsmotor. Und um die FDP noch gezielt zu ärgern, bezweifelt er öffentlich die Einigung der Sondierer, dass man den Soli völlig abschaffen könne.

Für Liberale und Unionisten ist Trittin ohnedies das absolute Feindbild, der einstige Hausbesetzer und Mitglied einer kommunistischen Studentengruppe, der Ökoplanwirtschaftler und Multikulturalist. "Die Zeit" beschreibt die polarisierende Wirkung so: „Die bloße Nennung seines Namens sorgt seit Jahrzehnten auf Parteitagen von CDU, CSU und FDP verlässlich für Buhrufe.“ Und die den Grünen zugetane "Frankfurter Rundschau" ergänzt: „Sein zuweilen bis an die Grenze der Arroganz reichendes Selbstbewusstsein ist unerschütterlich. Und politisch ist er selten etwas anderes als ein böser Bube gewesen.“

Und doch sollte ihn niemand – Göring-Eckardt kann davon jetzt ein peinliches Lied singen – unterschätzen. Er ist intelligent und erfahren, verhandlungsstark, scharfzüngig und innerlich freier als viele seiner Konkurrenten. Sollte seine Quälgeisterei dazu führen, dass er rot-grüne Bausteine heraus verhandelt und die Parteilinke am Ende mit nach Jamaika reist, dann wird er bei den Grünen dauerhaft wieder in der ersten Reihe stehen. Vielleicht gar als Minister. Seine Freunde sehen ihn bereits als abermaligen Umweltminister. „Umweltminister 2.0“, witzeln sie. Totgesagte leben zuweilen länger.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf The European.

Foto: Jonas Rogowski CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons
Leserpost (20)
Ralf Schmode / 03.11.2017

Trittin ist die Personifizierung von Illiberalität und Staatsdirigismus. Dass die durch Merkel von ihrem Markenkern befreite CDU den Forderungskatalog des Ökostalinisten mit allenfalls minimalen Abstrichen durchwinken würde, darf man wohl annehmen. Wenn sich allerdings die CSU dafür hergibt, ist sie nach der Landtagswahl in Bayern mit 35 % die nächste Partei, die schwarzgrüne Verhandlungen führen darf. Spannend wird auch der Spagat der Lindner-Partei: Je weniger sie den Grünen entgegenzukommen bereit ist, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit von Neuwahlen. Und je mehr Konzessionen die FDP an die wirtschafts- und bürgerfeindlichen Positionen der Grünen macht, desto mehr wird sie abgestraft, wenn es tatsächlich zu Neuwahlen kommt. Die Grünen können sich entspannt zurücklehnen, sie müssen nicht de iure mitregieren, weil sie es de facto seit Jahren tun, sekundiert von willfährigen Propagandisten grüner Gesellschaftsutopien in Medien, Kirchen, Gewerkschaften und Lobbyverbänden. Union und FDP sind nicht zu beneiden. Aber die Suppe, die sie jetzt auslöffeln müssen, haben sie sich mit ihrer Anbiederung an linksökologistische, multikulturelle und paternalistische Politikentwürfe selbst eingebrockt.

Sonja Brand / 03.11.2017

Was für ein Desaster, aber kein Wunder bei diesen schwachen “Wertvoller als Gold”- Propagierern. Ich dachte, wir wären den Kommunisten endlich los. Tja - so kann man sich irren.

Florian Bode / 03.11.2017

Lasst uns hier bei der Achse zusammenlegen und Kubicki eine schöne gebrauchte Limousine kaufen. Dann kann die FDP diese unwürdige Schacherrunde platzen lassen.

Wulfrad Schmid / 03.11.2017

Sie nennen Özdemir einen Realo? Schon seine Forderung nach Abschaffung der Verbrennungsmotoren kennzeichnet ihn als gefährlichen linkslastigen Spinner. Damit ist er ein Bruder im Geiste Trittins. Deutschland braucht solche Politiker nicht, eine Jamaika-Regierung wird unser Land in rasender Geschwindigkeit in den Abgrund treiben.

Rüdiger Kuth / 03.11.2017

Ob der Michel noch weiß, dass wegen Mister “Eine Kugel Eis im Monat” schon ‘zig Milliarden € für die tolle Energiewende geschmolzen und verdampft sind??

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