Gunnar Heinsohn / 21.07.2017 / 19:00 / Foto: D. Myles Cullen/USAF / 4 / Seite ausdrucken

Irak: Ein fünfzigjähriger Krieg wäre keine Überraschung

1980 attackiert Irak mit einer Armee von 200.000 Mann die arabisch besiedelten Ölgebiete im iranischen Chuzestan. Sein Kriegsindex erreicht stattliche" target="_blank" >https://esa.un.org/unpd/wpp/">stattliche 4,4, das heißt um die Positionen von 1.000 Männern zwischen 55-59 Jahren ringen 4.400 Jünglinge zwischen 15 und 19. Um sie nicht daheim als Gegner zu haben, entschließt sich Saddam Hussein (1937 - 2006; eins von neun Kindern) für die Reichsbildung durch Annexion von Stammverwandten. Da ähnelt er Friedrich dem Großen (1712-1786; eines von 13 Geschwistern), der 1756 mit 60.000 Mann die protestantischen Landsleute in Sachsen überfällt.

Über 100.000 Iraker sterben bis 1988 im persischen Abwehrfeuer. Doch die Araber um die Petroleumquellen bleiben Teheran treu, weil sie als Schiiten Bagdads sunnitischen Diktator hassen. Gleichwohl hat der beim Friedensschluss 1,5 Millionen Soldaten in Reserve. Seit seinem Machtantritt im Jahre 1979 springt das Land von 13 auf 17 Millionen Einwohner.

Die Welt rechnet auf Bagdads Kriegsmüdigkeit. Doch im August 1990 überfällt Saddam Kuweit und macht es zu 19ten irakischen Provinz. Die Überraschung ist groß. Dass Iraks Kriegsindex nunmehr bei 5,5 steht und Verluste lässig "abgewettert" werden, gehört nicht zum analytischen Werkzeug der Strategen. Gleichwohl handelt Bush-Vater. Schon 1991 ist Kuweit befreit. Bis zu 35.000 Iraker fallen. 75.000 werden kampfunfähig geschossen. Saddams Luftwaffe darf seitdem nicht mehr fliegen. Das hindert ihn nicht, den rebellischen Schiiten-Süden um 200.000 Menschen zu dezimieren. Den ebenso kinderreichen und nicht minder aufständischen Kurden im Norden nimmt er – teilweise durch Giftgas – rund 150.000 Einwohner.  

2003 startet Washington unter Bush-Sohn den nächsten Irak-Feldzug, weil Saddam nach dem 2011er Angriff auf New Yorks World Trade Center als Gegner gilt, der Osama Bin Laden (1957 - 2011) nicht nur Giftgas, sondern auch Atomwaffen liefern könnte. Die lassen sich allerdings nicht belegen, weshalb unter anderen Deutschlands Schröder-Fischer-Regierung die Hilfe verweigert. Gleichwohl erkämpft der Westen zwischen März und Mai 2003 einen schnellen Sieg.

Ein Pyrrhussieg

Doch umgehend und unerwartet beginnt der Widerstand islamistischer Milizen. 2006 steht Washington vor der Wahl zwischen schmählichem Abzug und dem Einsatz frischer Truppen. Weil die Rückschläge gegen die Freischärler unverständlich bleiben, geht unter James Baker, dem Außenminister im Krieg von 1991, die Iraq Study Group an die Arbeit. Vierundvierzig der besten Aufstandsexperten helfen bei der Abfassung des Berichts. Er endet dennoch in Ratlosigkeit: „Der Regierung der Vereinigten Staaten kann die Aufstände und die Rolle der Milizen immer noch nicht richtig verstehen“. (The United States / government still does not understand very well either the insurgency in Iraq or the role of the militias.)

Auf Demografie hatte Baker verzichtet. Vor ihren Auswirkungen kann deshalb niemand warnen. Dabei steht der Irak – trotz weiterer 150.000 Kriegstoten – 2006 bei 28 Millionen Einwohnern – nach gut 5 Millionen im Jahre 1950. Zugleich erreicht sein Kriegsindex mit 6,0 einen nicht mehr übertroffenen Höchstwert. Auch Berlin ist ahnungslos. Als Ausgleich für das Wegducken im Irak marschiert man sogar in Afghanistan ein, obwohl man auch dort – seit 1979 – unter einem Kriegsindex nahe 6,0 blutet.

Mit fünf zusätzlichen Brigaden (20.000 Soldaten) und der Einsatzverlängerung für 150.000 Mann (The Surge von 2007) erringt Amerika den fast wieder verlorenen Sieg von 2003 vier Jahre später ein zweites Mal. Militärisch ist das imponierend. Verständlich bleibt auch, dass die Weltmacht keinen Krieg verlieren will. Weise ist es gleichwohl nicht; denn die Milizen werden lediglich zurückgedrängt, während ihr Rekrutierungspool stetig anwächst. Die von 1980 bis 1985 geborenen Iraker stehen als Zwanzigjährige jetzt im Kampf. Damals liegt die Kinderzahl bei 6,35 beziehungsweise bei drei bis vier Söhnen pro Frau. Das hatte man beim Militär nicht auf der Rechnung.

2008 wird Barack Obama Präsident. Er denkt weder militärisch noch demografisch, sondern in Kategorien nationaler Schuld und will schnellstmöglich raus aus Mesopotamien. Bis 2011 sind seine 170.000 Amerikaner abgezogen. Zur allgemeinen Überraschung aber findet Irak nicht zur Harmonie, sondern wird 2014 bis nahe an die Hauptstadt vom Kalifat überrannt. Obama steht plötzlich nicht als Wiedergutmacher, sondern als Wegbereiter für eine so noch nie kommunizierte Qualität des Mordens in der Kritik. Der Vorwurf ist nicht gänzlich falsch, denn der Präsident übersieht die ungebrochen wuchtige Populationsdynamik. Das tut er auch in Afghanistan, wo er für einen vermeintlich guten Krieg die Truppenzahl sogar erhöht. Doch an Iraks Bevölkerungsanstieg zwischen 2003 und 2014 von 26 auf 35 Millionen, den auch seine Gegner ausblenden, ist der Mann vollkommen unschuldig.

Die Demografie bleibt eine unentschärfte Bombe

Die Befreiung Mossuls gelingt zwischen Oktober 2016 und Juli 2017 nur deshalb, weil wieder 5.000 Amerikaner am Boden dabei sind und die Air Force die entscheidenden Schneisen schlägt. Demografisch bleibt das irrelevant. Den 65.000 Toten seit 2014 stehen rund vier Millionen Neugeborene gegenüber. Aller Zerstörung zum Trotz hat das Land mit nunmehr 38 Millionen mehr Menschen als je zuvor – fast eine Versiebenfachung seit 1950. Auch im siebenunddreißigsten Kriegsjahr kann Irak nach jeder verlustreichen Runde noch mehr Verluste aushalten. Deutschland stände bei entsprechender Vermehrung nicht bei 82, sondern bei knapp 500 Millionen Einwohnern. Das rechtsradikale „Breslau, Danzig und Stettin…“ wäre wohl überall in der Republik zu hören.

Warum sollte es im Irak liebevoller zugehen? Jenseits der Erdölerträge rutscht seine Wirtschaftsleistung während des Kalifats um ein Viertel ab. Und bei einem 2015er Kriegsindex von 5,8 spricht wenig für Kampfesmüdigkeit. Er liegt fast neunmal beziehungsweise achtmal höher als Deutschlands 0,65 beziehungsweise Österreichs 0,75. Erst 2025 wird er – bei einer Gesamtbevölkerung von dann 47 Millionen – mit 3,8 unter Saddams 1980er Antrittswert von 4,4 liegen. Explosiv bleibt auch das.

Ein Aufstieg Iraks durch Einstieg in die Weltmärkte bleibt gegen Ostasiens Musterschüler aussichtslos. Die Konkurrenzfähigkeit seiner Bürger ist schwer zu ermitteln, aber die 230.000 Iraker in Deutschland mögen als Annäherung dienen. Sie bleiben auf den Arbeitsmärkten so unvermittelbar, dass sie sich zu 65 Prozent das Recht auf Versorgung durch die Steuerzahler erwerben.

Bis 2050, wenn Irak 82 Millionen Einwohner versorgen und der Kriegsindex endlich unter 2 liegen soll, könnte es – unter welchen gerechten oder frommen Vorwänden auch immer – Unruhen geben. Der Iran wird versuchen, seinen Schiitenkorridor bis ans Mittelmeer zu festigen, dabei aber mit den sunnitischen Jungscharen genau so heftig aneinandergeraten wie frühere Okkupanten. Dabei können die Opferzahlen absolut noch zunehmen. Der Anteil der Getöteten an der Gesamtbevölkerung jedoch sollte sinken. Am Ende wäre selbst ein fünfzigjähriger Krieg keine Überraschung.

Zwischen Rhein und Oder darf man auf Rufe nach Marshall-Plänen und dem Offenhalten der Grenzen rechnen. Doch schon 2016 fürchten 83 Prozent (nach 35 Prozent 2015) der Bundesbürger die Zuwanderung als größtes Problem der Republik. Und doch wird der Irak 2050 lediglich 0,8 Prozent der Weltbevölkerung beherbergen, bei den Hilfeforderungen an die dann durchschnittlich über 50 Jahre alten Deutschen also am unteren Rand liegen.

Foto: D. Myles Cullen/USAF Link

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Leserpost (4)
Jaco Sandberg / 22.07.2017

“Das rechtsradikale ‘Breslau, Danzig und Stettin…’ wäre wohl überall in der Republik zu hören.” Was soll das sein? Ein Lied? Breslau, Danzif und Stettin sind ja per se nicht rechtsradikal ... NB: Ohne Kontextualisierung ist so etwas schwierig, finde ich.

Adrian Richter / 21.07.2017

Lieber Herr Heinsohn, Ihr Artikel “Irak: Ein fünfzigjähriger Krieg wäre keine Überraschung” lenkt den Blick auf die - sonst unbeachtete - demografische Entwicklung im Irak, die mir bisher nicht bekannt war. Soweit ist er interessant. Ihre Grundthese: Bevölkerungswachstum und interkonfessionelle Konflikte der Muslime machen die westlichen Bemühungen Wohlstand und Demokratie in die Region zu tragen zunichte, liegt trotzdem mit den Tatsachen über Kreuz und wird aus einem zu eingeschränkten Blick auf die Geschichte der Region entwickelt. Deshalb an dieser Stelle eine Replik: Der erste Golfkrieg zwischen dem Iran und Irak ist maßgeblich durch Waffenlieferungen der USA verlängert worden. Dass dabei beide Parteien Kriegsgerät erhielten, führte jedenfalls nicht zur Stabilisierung der Region und zum Aufbau einer funktionierenden Staatlichkeit. Keines der Regime verdiente die Unterstützung in diesem Konflikt. Der zweite Golfkrieg war eine notwendige Intervention, um das besetzte Kuwait zu befreien. Dank der guten militärischen Ausrüstung war der Überfall ja ein leichtes für den Irak. Das im zweiten Golfkrieg von Kriegspropaganda ganz unverfroren Gebrauch gemacht wurde, ist zudem auch eine historische Tatsache (Stichwort Brutkastenlüge), die man nicht unbeachtet lassen kann. Der dritte Golfkrieg ist ein völkerrechtswidrige Intervention unter Fürhung der USA, die man mit zu vielen Lügen rechtfertigte (Verbindungen zu Al Kaida, Massenvernichtungswaffen), um den Blick nicht auf geopolitische Strategien zu lenken, welche die wirkliche Motivation darstellten. Dass der Westen solche Kriege aus humanitären Erwägungen führt, stellt die Wirklichkeit von den Füßen auf den Kopf. Es ist noch nie ein Krieg aus humanitären Gründen geführt wurden und mit Blick auf den Irak muss bedacht, dass das Land über erheblichliche Erdölvorkommen verfügt. Die jüngste Entwicklung im Irak ist eine unmittelbare Folge der Eroberung des Landes im dritten Golfkrieg: Die sunnitische Führung wurde abgesetzt und durch eine schiitische ersetzt. Die bisher benachteiligten Schiiten unterdrücken nun die Sunniten, was dazu führt, dass der IS in der sunnitischen Bevölkerung Akzeptanz findet. Eine einfache und vorrausehbare Gleichung, die bei dem Aufbau einer neunen Staatlickeit im Irak keine Beachtung fand. Ganz nach Wallenstein ernährt der Krieg weiter den Krieg und schon ist man dabei in Syrien sunnitische Extremisten mit Waffen zu beliefern, da sie gegen Assad kämpfen. So ist die jüngere Geschichte im mittleren Osten ein Perpetuum mobile der Gewalt, welches von der dortigen Bevölkerung UND den USA/Europa in Bewegung gehalten wird. Bevölkerungswachstum allein für nicht zu Terror und Zerfall der Staatlichkeit, wenn die wirtschaftliche Entwicklung mithalten kann. Im Falle des Irakes ist dies durch Kriege und Embargo verhindert worden. Ihre Argumentation kühl auf statitischen Betrachtungen auf, dies mag rational und auch nützlich sein. Die Milchmädchenrechnung von Kriegstoten gegen Bevölkerungswachstum, mit dem Verweis darauf das es ja trotzdem “immer noch mehr” werden, ist am Ende aber unerträglich. Hier bin ich - nach Richard Wagner - doch lieber durch Mitleid wissend, als durch Zahlenwerk. Mit freundlichen Gruß Dr. Adrian Richter  

Marcel Seiler / 21.07.2017

Das Problem können wir nicht lösen. Wir müssen es uns durch Schließen der Grenzen vom Hals halten (containment) und es den Irakern und ihren religiösen und weltlichen Führern selbst überlassen. Vielleicht erkennen sie eines Tages, welch Unglück ihre Bevölkerungsentwicklung ist – oder sie erkennen es eben nicht. Da die islamischen Führer den Westen im wesentlichen verachten, kann der Westen nicht einmal helfen, indem er seinen guten Rat anbietet. Es ist nicht so, dass mir das nicht Leid tut. Aber es liegt auch eine Weisheit darin, Respekt vor Anderen zu haben, auch in ihrer Souveränität, ihre eigenen Fehler zu machen, und zu erkennen, wann man selbst machtlos ist.

Hjalmar Kreutzer / 21.07.2017

Was aber wäre die Lösung aus europäischer, “westlicher” Sicht? Andere bevölkerungsreiche Staaten, wie Indien zeigen nicht dieses kriegerische Verhalten, da müssen noch andere Faktoren eine Rolle spielen. Konsequente Abschottung gegen illegale Migration? Beschäftigungsprogramme für gering Qualifizierte in diesen Ländern, “Reichsarbeitsdienst” statt Kriegsdienst plus Bildungsprogramme für diese Länder? Das Reproduktionsverhalten dieser tribalistischen archaischen Gesellschaften wird sich doch kurz- und mittelfristig nicht ändern lassen? Für die Bezeichnung dieses Reproduktionsverhaltens ist ja ein prominenter AfDler kräftig als Rassist gescholten worden, aber hatte er nicht im Kern irgendwo recht? Ein Offizier der sowjetischen Besatzungstruppen äußerte einmal anläßlich eines Arbeitseinsatzes in der DDR: “Wa brauche ich Tech-nik, nehm’ ich 100 Mann!”

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