Julian Tumasewitsch Baranyan, Gastautor / 18.12.2015 / 06:30 / 4 / Seite ausdrucken

Integrationsförderliche Weihnacht: Mit oder ohne Alkohol?

Von Julian Tumasewitsch

Spirituell und traditionell gesehen, ist die Frage eigentlich vollkommen überflüssig. Von diesem Gesichtspunkt aus, haben Weihnachten und Alkohol ungefähr so viel miteinander zu tun, wie sich Gustav auf Gusto reimt.

Da das heutige Feiern der Weihnacht aber für die meisten Menschen eine Kombination aus Tradition, Spiritualität und eben auch Kommerz ist, bietet insbesondere letztgenannter Aspekt Anlass sich die Frage zu stellen, ob integrationsförderliche Weihnachten alkoholfrei sein müssen, dürfen, können…

Geht es nach der deutschen Integrationsministerin Aydan Özoğuz, so wird sich die autochthone Bevölkerung den Gepflogenheiten der Migranten anpassen müssen.

Wer wohl „die Migranten“ sein mögen?

Um die Weihnachtszeit wirkt eine aus Norwegen zu vernehmende Stimme in Kombination mit dieser Forderung inspirierend für ein kleines Gedankenspiel.

Laut der auch auf Englisch erscheinenden norwegischen Zeitung The Local schlägt der Extremismus- und Islamismusforscher Lars Gule vor, mehr Rücksicht auf Migranten zu nehmen. Konkret rät er deshalb Firmen, die MitarbeiterInnen mit Migrationshintergrund beschäftigen, bei ihren Weihnachtsfeiern auf Alkohol zu verzichten. Er verweist darauf, dass die norwegische Trinkkultur keinesfalls repräsentativ für weltweite Gepflogenheiten insbesondere im arabischen Raum sei. Auch Kneipiers könnten laut Gule einen Beitrag dazu leisten Muslime davon abzuhalten, sich zu radikalisieren, indem sie ihre Gasträume durch den Verzicht auf Alkoholausschank attraktiver für sie machten. FDP-Urgestein Rainer Brüderle hat einmal gekalauert: „Wer nicht trinkt, macht sich verdächtig“. Dass er und Lars Gule sich kennen, darf folglich bezweifelt werden.

Bedenkt man jedenfalls, dass in Nord- und Mitteleuropa nicht nur muslimische Einwanderer sondern auch viele christliche Migranten aus Süd- und Osteuropa oder dem Kaukasus sowie viele, sich dem Staat Israel verbunden fühlende, Juden leben, für die kein religiöses Alkoholverbot gilt, lassen sich integrationsförderliche Konzepte entwickeln, die in krasser Opposition zu Gules Forderung stehen. Rein formal sind sie sogar mit Özoğuz‘ Forderung vereinbar.

Produkte aus Herkunftsstaaten von mindestens vier Ethnien und sechs Konfessionen, die im deutschsprachigen Raum insgesamt ungefähr gut vier Millionen Menschen mit Migrationshintergrund ausmachen, vereint beispielweise die Kombination aus den vier nachstehenden feucht fröhlichen Alternativen zu Gules sprichwörtlich trockenen Vorschlägen.

1.) Lasst den Rüdesheimer dieses Jahr einmal weg und probiert armenischen Konyak! Dieses edle Getränk ist vollmundig und kann mit seinem westfranzösischem Pendant, dem Cognac, locker mithalten.

2.) Warum muss es immer die „Perle der Natur“ aus deutschen Landen oder das bajuwarische Superlativ zu „gut, besser,…“ sein? Der deutsche Michel und seine alpenländischen Verwandten können es doch auch einmal mit serbischem Bier von der Marke mit dem Hirsch oder seiner ebenso leckeren kroatischen Konkurrenz in der rot-weiß etikettierten Flasche oder der goldenen Dose probieren.

3.) Sekt aus deutschen Landen, hinter dem zumeist, auch da wo man es manchmal nicht vermutet, die Marke des Opfers vom bösen Wolf steht, ist sicherlich nicht zu verachten. Für die interkulturelle Weihnacht aber empfiehlt sich ein Blick bzw. Schluck über den Teller- repspektive Glasrand. Eine edle Flasche russischer Krimsekt, Schampanskoje, der mit seinem ostfranzösischen Pendant, dem Champagner sehr gut mithalten kann, stellt hier eine echte Alternative dar.

4.) Ja, der deutsche Wein hat in den letzten Jahren enorm an Qualität und Reputation zugelegt. Aber das Kosten von EU-stigmatisierten…ähhhm gekennzeichneten… Weinen aus Israel kann ebenfalls zu einem unvergesslich leckeren, international-weihnachtlichen Geschmackserlebnis führen.

Oder wie wäre es mit einer Variante mit Produkten aus dem mehrheitlich muslimischen Bosnien? Wer kräftige trockene Weine zu schätzen weiß, der wird an der bosnischen Weinstraße sicher fündig. Wer den Gerstensaft bevorzugt, der kann Punkt 2.) natürlich um das süffige Pivo aus Sarajevos größter Brauerei ergänzen.

Egal ob man nun an Weihnachten auf Alkohol verzichtet, ihn sich in Maßen schmecken lässt, oder die Feiertage nutzt, um sich so richtig die Kante zu geben, eine integrationsförderliche Form findet man immer.

Der Inhalt seines Glases allein sagt zunächst einmal überhaupt nichts über den Charakter eines Menschen aus. Ihm diesen streitig oder madig machen zu wollen, sagt jedoch in der Tat etwas über die Mitmenschen aus, die so verfahren. Am tollsten wäre es doch einfach, wenn jeder das so halten darf, wie es ihm am besten passt, und keiner dem anderen Vorschriften oder moralapostolische Ratschläge geben würde. Nichts spricht in einer freien Gesellschaft dagegen, sich auch an ein und demselben Tresen oder Tisch mit unterschiedlichem Glasinhalt auf die besinnliche Zeit zuprosten.

In diesem Sinne: Kinatsor! Živeli! Şerefe! Hatav! Nashe strowje! Le’chájim!

Julian Tumasewitsch Baranyan (30) hat Linguistik und Politologie in Gießen studiert und bereist als selbsständiger Handelsvertreter inbesondere die frankophone Welt

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Leserpost (4)
Werner Hagedorn / 19.12.2015

Bin demnächst in Jerusalem. Werde dann mit einem “Goldstar Dark Lager” ein Selfie machen und auf Frau Aydan Özoğuz anstossen. Dann mal Prost. (Warum ist mir Israel immer so sympathisch ?)

Udo Leinert / 18.12.2015

Wenn man sich dem Islam anpassen soll darf man keinen Moslem zu einem Christlichen Fest einladen,denn das ist ganz klar im Islam verboten.Wer es dennoch macht führt den Moslem(warum schreibt eigtl. jeder nur noch Muslim?Sagen wir auch Beijing?)in Versuchung zu einer Sünde.

Andreas Rühl / 18.12.2015

Sehr hübsch und wohl durchdacht. Mir fällt da der Vers ein: “Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang, der bleibt ein Narr sein Leben lang”. Auf das Singen von Weihnachtsliedern müssten wir übrigens auch verzichten, da bekanntlich der letzte Prophet des einzigen Gottes gesagt haben soll, dass das Absingen von Liedern gotteslästerlich sei, mit Ausnahme seiner eigenen vermutlich. Nun, was ist, fragt man sich besorgt, Weihnachten noch wert, ohne Lied, ohne Riesling, ohne Schweinsbraten, ohne Jesus, ohne Christkind, ohne Baum? Wenn man mich fragt: ich kann auf alles verzichten, bis auf den Riesling, der den ganzen Rest ertragen lässt, insbesondere die zu erwartende, ans Herz gehende (denn das Hirn anzusprechen, ist ein wenig aus der Mode) willkommenskulturell geprägte und allzeitige Integrationsbereitschaft beteuernde Weihnachtsansprache der “Regierungschefin”.

Wolfgang Janßen / 18.12.2015

Bei den norwegischen Preisen für Alkohol muss so ein Norweger doch fast das ganze Jahr sparen, um an Weihnachten endlich mal ein alkoholisches Getränk konsumieren zu können. Und dieser Spaß soll jetzt auch noch verdorben werden?

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