Henryk M. Broder / 04.01.2013 / 11:03 / 0 / Seite ausdrucken

In vino veritas? Nicht unbedingt.

Natürlich ist es in einer Demokratie völlig ok, dass jeder zu allem nicht nur eine Meinung haben, sondern sie auch frei äußern darf. Ohne Angst vor Sanktionen haben zu müssen oder auch nur davor, sich zu blamieren. Im Fernsehen sehen wir täglich Ärzte-Darsteller, die sich zu medizinischen Fragen äußern, TV-Kommissare, die über Kriminalität dozieren, und Eckensteher, die einem wirtschaftliche Zusammenhänge erklären. Deswegen ist auch nichts dagegen einzuwenden, dass Claudia Roth sich als Fachfrau für die Türkei präsentiert oder die Israelis auffordert, mit dem “pragmatischen Teil der Hamas” zu verhandeln.

Dass sich aber eine ehemalige Weinkönigin hinter Jakob Augstein stellt und sagt, es sei doch völlig normal, eine Regierung zu kritisieren, hat uns doch ein wenig überrascht. Hat doch Augstein alles Mögliche getan, nur nicht eine Regierung kritisiert, was so banal wäre, dass man darüber kein Wort verlieren müsste. Immerhin haben wir bei dieser Gelegenheit erfahren, dass Frau Klöckner vor genau einem Monat zur stellvertretenden Vorsitzenden der CDU gewählt wurde, was im Trubel der Vorweihnachtszeit kaum jemand bemerkt hat. Nun hat sie sich mit ihrer Stellungnahme zu Augstein auch für höhere Ämter qualifiziert, vielleicht sogar für das Amt der EU-Weinköigin.

Lesen Sie dazu den Beitrag von Waldemar Papbst, einem “undogmatischen Konservativen” in der CDU:

Hallo Frau Klöckner,

das Gute zuerst. Seit gestern weiß ich, dass meine geliebte Partei eine stv. Vorsitzende namens Julia Klöckner hat. Herzlichen Glückwunsch. Und immerhin haben Sie es sogar auf die Seiten von Spiegel-Online gebracht. Ist doch was.

Weiterhin das Beruhigende. Das besteht darin, dass stv. Bundesvorsitzende der CDU nur in den geringsten Fällen in der Vergangenheit, ich bin seit 1977 in der CDU, etwas zu sagen hatten. Ausnahmen bestätigen nur die Regel. Und in Zeiten, da Mutti eh alles bestimmt und eine politisch diskutierende Partei nicht wirklich gefragt ist, ohnehin nicht. Daher kann ich mich beruhigt nach dem Auskotzen dieser Zeilen wieder hinlegen.

Beim allem anderen allerdings beginnt es zu gruseln. “Wenn jemand in einer freien Gesellschaft Regierungen kritisiert, ist das sein gutes Recht” Stimmt auffallend. Das ist gewissermaßen ein Inhalt der freien Gesellschaft, Sie haben es mit vollendetem Scharfsinn durchschaut. Das mit der freien Gesellschaft geht jedoch noch viel weiter. Man darf nämliche alles kritisieren, Schwaben in Berlin, die Preise des Pfälzer Weins, sinnfreie Äußerungen stv. Parteivorsitzender und man glaubt es kaum, sogar antisemitische Journalisten. Ist eine ganz tolle Sache, so eine freie Gesellschaft.

““Wenn man daraus Antisemitismus ableitet, dann ist das sehr gewagt.” Was wollen uns diese Zeilen sagen? Klar, in diesem Land, in dem der Antisemitismus erfolgreich mit bedingungsloser Kapitulation am 08.05.1945 um 23:01 Uhr abgeschafft wurde, kann es den gar nicht mehr geben, weshalb es ungemein gewagt wäre, das Gegenteil zu behaupten. Aber angenommen, es wagte jetzt doch einer, dieser Jude Broder zum Beispiel oder der Zuroff. Dann müßte er einen Bezug haben. Sie behaupten, es läge an der Kritik Augsteins an “Regierungen”. Unterstellen wir, das wäre so, was blühender Unfug ist, aber dazu weiter unten, dann folgern Sie, dass Kritik an Regierungen deshalb nicht antisemitisch sein könnte, weil die freie Gesellschaft sie zulässt? Vielleicht sollten Sie das mehrfach nachlesen, wer weiß, eventuell gelingt es dann sogar, die vollständige inhaltliche Unsinnigkeit dieser Aussage zu erkennen. Aber falls nicht, helfe ich gern auf die Sprünge.

Freie Gesellschaften erlauben Antisemismus, wenn er nicht volksverhetzend ist. Antisemitismus, verehrte Frau Klöckner, beginnt nämlich nicht erst auf der Rampe, auch wenn unsere Vorfahren mit der Gaskammer im Krematorium da unerreichte Maßstäbe gesetzt haben. Er ist etwas völlig Alltägliches und nur weil die Freiheit des Wortes ihn erlaubt, ist es nicht verboten, ihn auch als solchen zu bezeichnen. Was haben wir gelernt? Ist zwar eine tolle Sache, so eine freie Gesellschaft, aber manchmal richtig kompliziert. Besonders wenn eine verständliche und stimmige Aussage dabei herauskommen soll. Ich gebe zu, man läuft immer Gefahr, diese Fähigkeit im Rahmen der Parteisozialisation zu verlieren. Aber glauben Sie mir,
lernen Sie es einfach wieder, kommt beim Wähler gut an. Versprochen.

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