Wolfram Ackner / 03.11.2016 / 06:13 / 6 / Seite ausdrucken

In the mood: Eine Zeitreise zur Jugend in der DDR

Erstaunlich, wie banale, unscheinbare Dinge – ein Duftfetzen, der für Sekundenbruchteile nur an der Nase vorbeischwebt, ein zufälliges Streichen der Fingerkuppen über eine ungewöhnliche Oberfläche oder ein seit Ewigkeiten nicht gehörtes Geräusch – dazu führen können, dass aus den Tiefen der Erinnerung längst vergessene Bilder und Erinnerungen aufsteigen; und so lebendig, so bunt, so durch und durch real werden, dass das Wissen darum, wie viele Dekaden seitdem vergangen sind, dem Lächeln ob der schönen Erinnerung fast schon eine schmerzliche, melancholische Note verleiht. Der Auslöser für diese meine Erinnerung ist ein beim Stöbern auf YouTube entdecktes Video von Glenn Miller, dem 1944 verstorbenen Swing-und Jazzmusiker, der sich und seine Bigband mit Liedern wie „In the Mood“, „Chattanooga Choo Choo“ und „Moonlight Serenade“ unsterblich machte.

1944. Eine erschreckend weit zurückliegende Jahreszahl, nicht wahr? Ich weiß, Sie kennen mich nicht. Es ist ja heutzutage so einfach, Texte über das Internet wildfremden Menschen zugänglich zu machen. Wenn Sie „1944“ hören, werden Sie in Gedanken wahrscheinlich so etwas wie die Anfangssequenz aus dem Film „Der Name der Rose“ vor Ihrem inneren Auge haben; werden Sie befürchten, gleich die knarzige, brüchige Stimme des greisen Adson von Melk zu vernehmen, der als Erzähler aus dem Off auf die Abenteuer einstimmt, die er als junger Novize des Franziskanermönches William von Baskerville im Jahre 1327 in einer Abtei der Cluniazenser im Appennin erlebte, dieses bedeutungsschwangere:

„Dem Ende meines sündigen Lebens nahe, ergraut wie die Welt und in der Erwartung, mich bald zu verlieren im endlosen, formlosen Abgrund der stillen wüsten Gottheid, teilhabend schon am Licht der immerwährenden Klarheit, zurückgehalten nur noch von meinem schweren und siechen Körper, in dieser Zelle meines geliebten Klosters zu Melk, hebe ich nun mehr an, diesem Pergament die denkwürdigen und entsetzlichen Ereignisse anzuvertrauen, deren Zeuge zu werden mir in meiner Jugend einst widerfuhr…“ 

Aber ich kann Sie beruhigen. Ich werde nicht von Krieg und Tod berichten, denn ich wurde erst 1970, 26 Jahre nach Glenn Millers Flugzeugabsturz geboren. Wovon ich erzählen möchte, sind die Emotionen, die Musik auslösen kann. Und alles fing mit einer unscheinbaren Orwo-Musikkassette mit 60 Minuten Laufzeit an, welche die Beschriftung trug: „Glenn Miller – Greatest Hits 1938-44“.

In einer Art Freiluftgefängnis

Es war 1984, als es uns zum Urlaub an die Mecklenburger Seenplatte verschlug, irgendwo auf einen der vielen Zeltplätze rund um den Malchiner See. Wir, das sind meine Schwester Trixi, unsere Mutter Annemarie, deren zweiter Ehemann Bringfried und ich. Heute, wo ich für fünfhundert Kilometer Autobahn selten länger als 4 Stunden brauche, wo man mit dem ICE wieselflink von A nach B huschen und wo selbst die ehemals verschlafenen Dörfer im Thüringer Wald, im Erzgebirge, im Harzvorland oder in der Altmark – welche vor 30 Jahren den Eindruck vermittelten, als würden die Einwohner des Dorfes noch in Kutschen reisen und ihr Wasser vom Brunnen holen – an das Autobahn- und Fernstraßennetz angebunden sind, ist die Langsamkeit des damaligen Reisens kaum noch vorstellbar. Allerdings hatte das auch etwas Gutes. Es fiel einem gar nicht weiter auf, dass man sich eigentlich in einer Art Freiluftgefängnis befand. Namen wie Eisenach oder Stralsund klangen damals so wie heute Wörter wie Nordkap oder Palermo klingen. Sie klangen nach Abenteuer, nach dem Ende der bekannten Welt.

Es ist gar nicht so einfach, jungen Leuten von heute plastisch zu beschreiben, wie sehr sich die Zeiten geändert haben. Ich werde es mit einem kleinem Umweg versuchen. Die meisten Eltern haben doch so einen etwas nervigen Ton gegenüber ihren Kindern. So eine überklar akzentuierte Aussprache. Sätze, die einfache Wörter verwenden und simpelst strukturiert sind, als ob Kinder zu blöd wären, die Großen zu verstehen, wenn diese in normaler Umgangssprache reden. Ich meine dieses fürchterlich gedehnte: „Kinder, wir gehen nur bei  Grün über die Straße“ oder „Kinder, erst nach links und dann nach rechts gucken“

Sie wissen, was ich meine, oder? Gut! Dann nehmen Sie bitte neben mir auf dem Beifahrersitz Platz. Wir sind jetzt auf der A 14 Leipzig in Richtung Dresden, kurz hinter der Abfahrt Klinga. Links der Autobahn befindet sich unsichtbar, gleich hinter einem bewaldeten Hügel, das Altenhainer Wochenendhaus unserer Familie; rechts der Autobahn ist ein kleiner Steinbruch, in dem wir vor 30, 35 Jahren gerne badeten.

Straßen als Spielplätze

Wie Sie sehen, ist heute auf der rechten Autobahnspur eine endlose LKW-Kolonne. Ich bin mit 160 km/h eigentlich recht zügig auf der linken Spur unterwegs und doch hängt mir schon wieder eine schwarze Limousine im Nacken, die durch dichtes Auffahren und Lichthupe höflich anfragt, ob ich nicht bitte bitte den Finger aus dem Hintern ziehen und mich auf die rechte Spur scheren könnte. Und wenn Sie nach links schauen, auf der Gegenfahrbahn in Richtung Leipzig ist der Verkehr noch dicker. Und dort, an ebendieser Stelle, genau dort drüben am Standstreifen, stand damals oft unser Vater Hermann mit uns vier Geschwistern auf dem Weg zum „Autobahnsteinbruch“ und meinte in dem selben Ton, in dem ich heute meine Töchter Leni und Mina ermahne, selbst in Fußgängerzonen die Augen offenzuhalten: „Uli, Karsten, Trixi, Wolfi, los, über die Autobahn, und nicht trödeln. Da hinten kommt schon wieder ein Auto!“

DAS waren unsere Autobahnen. Hätten wir damals als Kinder auf dem Seitenstreifen dieser wenig befahrenen Autobahn Federball gespielt, hätten uns die Autofahrer schon einen Vogel gezeigt, hätten schon ältere Damen mit einem besorgtem „Kinder, das ist doch gefährlich“-Blick durch die Seitenfenster gespäht, vermutlich wäre irgendwann auch die Volkspolizei erschienen und hätte uns verjagt, aber der springende Punkt ist: Die Leute wären NICHT SEHR verwundert gewesen. Es hätte keine Radio-Warnmeldung dieser Art gegeben: „Achtung, Autofahrer. Auf der A 14 Leipzig Richtung Dresden befinden sich zwischen Abfahrt Klinga und Abfahrt Grimma spielende Kinder. Vorsicht, es können Federbälle auf die Fahrbahn fliegen“.

In jenen Tagen war es eben nicht so ungewöhnlich, spielende Kinder auf öffentlichen Straßen zu sehen. Direkt vor unserem Leipziger Haus haben wir die Straße beinahe täglich auf ebendiese Art zu unserer Federball-Spielwiese verwandelt, nur kurz beiseite tretend, wenn ein Auto kam. Und diese friedliche Koexistenz funktionierte. Es schien nur sehr wenige Autos in unserem Land zu geben – kein Wunder, man musste ja 15 Jahre darauf warten – und die vorhandenen bewegten sich im Schneckentempo, blaue Zweitakt-Qualmwölkchen hinter sich herziehend, schon von weitem mit dem charakteristischen Röngtöngtöng vor ihrem Kommen warnend.

Doch jedes Jahr im Juli und August änderte sich das Bild. Am Berliner Ring strömten aus allen Teilen des Landes die Autos zusammen, um gemeinsam Richtung Norden zu fahren, zur Mecklenburger Seenplatte oder zur Ostsee. Tausende von Trabis, Wartburgs, Ladas, Dacias, Shigulis, Moskwitsch, oder von diesen hutschachtelgroßen Polski Fiats. Vollgepackt bis unter die Decke mit riesigen Steilwandzelten, Koffern, Taschen, Rucksäcken, Luftmatratzen, kleinen Faltbooten. Buchstäblich jeder nutzbare Quadratzentimeter des Autos war vollgepackt, ich konnte im Auto meine Trixi, die hinter unserer Mama saß, kaum sehen, weil sich zwischen uns ein unüberwindbares Taschengebirge befand, das bis zur Decke reichte. Wenn heute jemand so einen endlosen Zug völlig aus der Zeit gefallener Fahrzeuge betrachten würde, vollbeladen bis unters Dach, die Koffer stellenweise mit Stricken auf dem Dach festgebunden, sich ächzend die Autobahn entlangquälend, würde er vermutlich schallend lachen. Aber wir kannten es nicht anders. Woher denn auch.

Malchiner See, gelobtes Land

Und dann, nach sechs, sieben Stunden Fahrt auf einer 300 Kilometer langen Strecke, war es endlich so weit. Malchiner See, gelobtes Land. Keine Ahnung, ob jemand von Ihnen schon mal ein DDR-Steilwandzelt gesehen hat. Ich besitze heute ein 6-Personenzelt, das etwa fünf Kilo wiegt. Diese Steilwandzelte für bis zu fünf Personen waren Burgen aus Metallstangen und schweren Gewebeplanen, vielleicht 30 oder 40 Kilo schwer, deren Aufbau nicht selten drei Stunden dauerte. Und was braucht eine Burg am allermeisten? Richtig! Einen Burggraben!

Darum grub jeder Camper mit dem Spaten einen Graben rings um sein Steilwandzelt, falls es doch mal regnen sollte. Wenn ich heute gelegentlich auf einen Zeltplatz übernachte, und auf diese schönen, sattgrünen Wiesen schaue, frage ich mich schon manchmal lächelnd, wie die Zeltplatzbesitzer reagieren würden, wenn plötzlich alle Camper wie damals zum Spaten greifen und einen Graben um ihre Zelte buddeln würden. Aber, auch wenn ich mich jetzt wiederhole, wir kannten es nicht anders. Um jedes Zelt gehört ein Graben, damit man vor Regen geschützt ist! Das weiß jedes Kind! Punkt!

Fast alle unsere alten Familienfotos sind schwarz-weiß, aber die Bilder meiner Erinnerungen sind es nicht. Sie sind auch nicht farbig wie meine heutigen Erinnerungen. Meine Erinnerungen an die späten 70er, frühen 80er haben eher diese gedeckten Pastelltöne der ersten Polaroidbilder. Und einige dieser gedeckten Pastelltöne sind dazu noch sehr verschwommen und verwackelt, wie eine Freihandaufnahme in beginnender Dämmerung bei Blende 11 … denn in der DDR wurde gesoffen, das einem Hören und Sehen verging. Bringfrieds Schnapsbar wurde von mir schon als 14-jähriger regelmäßig geplündert.

Am liebsten „Halb&Halb“ gemopst

In unbeobachteten Momenten goss ich mir von jeder Flasche einen Finger breit in eine Schraubflasche und streckte dieses „Klarer/Brauner/Rum/Curacao/Obstler-Gemisch“ mit Cola. Und wenn Mama dann immer sagte: „Wolfi, kannst du mal bitte Kohlen holen“, stieg mir schon immer dieses Grinsen der seligen Vorfreude ins Gesicht, während ich mit meinen beiden verbeulten Blecheimern in den Keller stieg, weil ich wusste, dass ich gleich mit verschmierten Kohlefingern in mein Versteck hinter die Stiege greifen konnte, an Bergen keimender Kartoffeln vorbei, um nach meiner Flasche zu greifen und mal kurz „vom Brot abzubeißen“ – diesen Fachterminus hatte ich mir von den Erwachsenen abgehört.

Auch hier auf unserem Malchiner Campingplatz machte ich mich sofort und täglich mit meiner 13jährigen Schwester Trixi daran, frühmorgens über den Zeltplatz zu streifen und die halbleeren Schnapsflaschen zu stehlen, die vor den Zelten lagen, während hinter den Planen oft noch dröhnendes Schnarchen zu vernehmen war. Am liebsten mopsten wir die Sorte „Halb&Halb“. Uns Kindern gefiel einfach der alberne Name, obwohl „Halb&Halb“ meinen Erinnerungen zufolge, statt nach Schnaps zu schmecken, eher das Aroma von halb Hustensaft, halb Brennspiritus im Rachen hinterließ. Egal, es hat „gedreht“, und das war alles, worauf es uns Kindern ankam.

Wenige Meter neben unserem Zelt schlug dann in jenem Sommer eine Gruppe Jugendlicher auf. Wenn ich diese Szene mit heutigen Augen betrachte, würde ich nur ein paar blutjunge Menschen sehen, die mit Mopeds vorfahren, um ihr Lager aufzubauen. Damals jedoch wirkte diese Szene auf uns, als würde zu den Klängen von Richard Wagners Walkürenritt ein Konvoi von schwer tätowierten, muskelbepackten Hells Angels zu Harley-typischem dumpfen Motorenbollern einreiten. Man konnte sofort hören, dass die Mopeds frisiert waren, „mindestens 70 Sachen drauf hatten“.

Die Jungs hatten skandalös lange Haare, die fast bis zu den Schultern reichten, und künstlich zerschlissene Jeanswesten, richtige Kutten fast, auf denen mit wasserfester Farbe Wörter wie „Judas Priest“, „Motörhead“ oder „Iron Maiden“ gemalt waren, deren Bedeutung mir damals noch völlig unbekannt war. Als sie von ihren Mopeds stiegen, zündeten sie sich Zigaretten an, öffneten Bierflaschen, holten den unvermeidlichen RFT KR 650 hervor, den DDR-Standard-Kassettenrecorder, und harte, verzerrte Gitarrenklänge wehten zu uns herüber. Kurz und gut, der Eklat war perfekt.

„Rotzer“ und „Rattenmusik“

Pikierte, entrüstete Blicke überall.  „Rotzer“ und „Rattenmusik“ waren die einzigen Wörter, die ich aus „Onkel“ Bringfrieds wütendem Gebrabbel verstehen konnte, bevor „Onkel“ Bringfried (so mussten wir Kinder den Freund unserer Mutter ansprechen, bevor sie ihn dann endlich heiratete und uns von ihm in feierlichem Ton das formlose `Bringfried´ angetragen wurde) seinen Kassettenrecorder hervorholte, auf volle Lautstärke drehte und wie ein zehnjähriges Kind, mit einem triumphierendem „ab heute früh 5:45 Uhr wird zurückgeschossen“-Ausdruck im Gesicht, die Lautsprecher auf die Jugendlichen richtete.

Hier muss ich weiter ausholen. Die DDR war ein Land des Einerseits/Andererseits. Einerseits wurde man belächelt oder regelrecht verspottet, wenn man mit Badehose oder Badeanzug ins Wasser gehen wollte, wenn man sich – wie es mir ging – in der Öffentlichkeit nackt unwohl fühlte. Die Strände des Landes waren im Sommer bevölkert von hunderttausenden Nackedeien, denn FreiKörperKultur, kurz FKK, war das einzig Wahre und Natürliche. Andererseits kontrollierte meine Oma Erna Minna öfters einmal kurz nach dem Löschen des Lichts, ob ich auch ja wirklich schlafe und nicht etwa heimlich meine Hände unter der Bettdecke habe, um mir das Gehirn herauszuschleudern.

Einerseits hatten Erwachsene nicht einen Hauch von Respekt vor den natürlichen Schamgefühlen von Kindern und Heranwachsenden. Als 13jähriger Junge musste ich mich im Leipziger Kinderkrankenhaus in der Querstrasse einer Unterleibsoperation unterziehen – und die Schwestern schoben mich in Vorbereitung des Eingriffs auf den Flur, zogen mich dort nackt aus und rasierten mir vor den Augen der vorbeilaufenden Mädchen die ersten Schamhaare.

Oder ich erinnere mich, wie wir uns im Hort, Jungen und Mädchen, in Reihe nackt vor dem Doktor aufstellen mussten, der bei uns Jungs vor den Augen der Mädchen – peinlich genug – probierte, ob sich die Vorhaut zurückziehen ließ. Ich litt unglücklicherweise unter einer Vorhautverengung, was dazu führte, dass mir der Doktor mit brutaler Gewalt die Vorhaut zurückriss, mein Glied innerhalb von Sekunden so anschwoll, dass sich die Vorhaut nicht wieder nach vorne schieben ließ und ich mich, so wie ich war, nackt mit rotgeschwollenem, schmerzhaft erigiertem Glied, vor den sensationslüsternen Blicken der anderen Kinder auf die Couch in der Mitte des Raumes legen musste – einfach nur zum Sterben peinlich! Das war das erwähnte „Einerseits“.

Eingebildete und wirkliche Gespenster

Das „Andererseits“ sah dann wieder so aus, dass Bringfried einen jungen Schlafgast (um für ein kleines Zubrot zu sorgen, vermietete unsere Mutter ein Zimmer an Gäste, die anlässlich der Frühjahrs- und Herbstmesse oder aus anderen geschäftlichen Anlässen zu Besuch in Leipzig waren) noch spät am Abend aus der Wohnung warf, weil dieser es wagte, sich im Hof mit meiner Schwester Trixi und ihrer Freundin Susan zu unterhalten und ihnen auf seinen Kassettenrecorder Lieder einer uns unbekannten Band namens „Kraftwerk“ vorzuspielen, und weil Bringfried in diesem Rauswurf die einzige Möglichkeit sah, Zucht und Ordnung wieder herzustellen und die sich todsicher anbahnende, praktisch unausweichliche Sexorgie zu unterbinden.

So war das halt. Auf der einen Seite sahen die Erwachsenen Gespenster, wo keine waren, auf der anderen Seite hatten sie oft keinen Blick für die Gespenster, die sich tatsächlich auf Kinderseelen legen könnten. Wir durften uns im FDGB-Urlaub mit 14 Jahren auch schon einmal mit offizieller Ankündigung und mit offiziellem Segen komplett bis zur Bewusstlosigkeit zulöten oder als Jungs im GST-Wehrsportlager mit dem Kleinkaliber-Maschinengewehr rumballern – aber als 14-jähriger, gerade mal dem Kindesalter entwachsener Jugendlicher unserem Erich Honecker im Unterrichtsbuch ein Bärtchen anmalen … also, das ging überhaupt nicht!!! Das hatte absolut nichts mit einem dummen Jungenstreich zu tun! Dass war Sabotage, Hochverrat!!! Mein Bruder Karsten zum Beispiel wurde für genau diese Majestätsbeleidigung von seiner Lößniger EOS geworfen, wie die Gymnasien damals hießen.

Ha, langsam komme ich auf Betriebstemperatur. Lass uns über Aufklärung zu Ost-Zeiten reden. Meine „Aufklärung“ sah so aus, dass mein Vater Hermann auf meine Frage, was ein Kondom ist, erst eine ganze Weile herumdruckste, um dann zu sagen: „Ein Kondom … also ein Kondom … ein Kondom ist etwas, dass ein Mann einstecken hat, wenn er zu einer Frau geht, die er nicht kennt.“ Das ist doch eine Antwort, die keine Fragen offen lässt, oder? Und meine Mutter beantwortete meine Frage, woher die Babys kommen, mit einem ebenso verdruckstem: „Babys entstehen, wenn ein Mann eine Frau ganz doll liebhat.“

Was mich einigermaßen in Panik geraten ließ. Denn zu diesem Zeitpunkt war ich unsterblich, bis über beide Ohren, in die Karen aus meiner Parallelklasse verliebt, die vier Häuser entfernt wohnte – und die Vorstellung, dass Karen durch meine Schuld schwanger werden könnte, verursachte mir wahnsinnige Schuldgefühle. Ich konnte einfach nicht mehr schlafen bei dem Gedanken, dass Karen wegen mir jetzt schon mit zwölf Jahren ein Kind kriegt und nicht einmal weiß, wer der Vater ist, weil ich das Geheimnis meiner Liebe eher mit ins Grab genommen hätte, als ihr meine Gefühle zu offenbaren.

In der siebten Klasse erzählte mir meine damals elfjährige Schwester Trixi, sie habe in der Pause von ihrem Schulkamerad Boris gehört, dass Babys dadurch entstehen, dass Männer ihren Penis in die Scheide der Frau stecken – was mich so fuchsig machte, dass ich meiner Schwester erregt zurief, sie solle Boris einen schönen Gruß von mir ausrichten, und wenn er noch einmal so einen Stuss erzählt, haue ich ihm auf’s Maul! So sah Aufklärung in der DDR aus.

Eine Musik-Kassette als Folterwerkzeug

Und wissen Sie was, Dude? Wir kamen trotzdem zurecht! Als mein großer Tag anbrach – mit knapp 19 – und sie und ich uns nackt gegenüber standen, erinnerte ich mich an mein ausgestanztes Kinderspielzeug, bei dem man alleine herausfinden muss, dass der Stern in die sternförmige Öffnung kommt, der Quader in die quadratische Öffnung, der Zylinder in die runde Öffnung … ich schaute an mir herunter, ich schaute sie an, und ich wusste auch ohne Oswald Kolle, was nun zu tun war!

Ich schätze, ich habe jetzt einen ziemlich weiten Bogen geschlagen. Ich wollte eben einen ungefähren Einblick geben, was für ein – im Gutem wie im Schlechtem – unglaublich biederes, herzzerreißend spießiges Land die DDR war. Im Nachhinein kann ich verstehen, warum so viele Westdeutsche nach der Wende ein Problem mit Ostdeutschen hatten. Ich schätze, sie hatten einfach die Befürchtung, nach 20 Jahren linker Emanzipation würde durch die Hintertür die Adenauer-Zeit zurückkehren.

Und ich komme nicht umhin, mir einzugestehen, dass ich in der Zwischenzeit tatsächlich wie Adson von Melk klinge. Aber der großartige Film ist ja nicht der schlechteste Bilderrahmen, um diese Geschichte weiterzuspinnen. Denn wenn ich der greise Adson bin, der von den Abenteuern seiner Jugend berichtet, dann würde Bringfried mit seinem Vollbart und seinen schütteren Haaren, und – mehr noch als allem anderen – mit seiner mürrischen, selbstgerechten Art vermutlich ziemlich gut die Rolle des Großinquisitors Bernardo Gui ausfüllen.

Zumindest einer harmlosen DDR-Version von Bernardo Gui. Ohne Scheiterhaufen. Dafür mit der gleichen, unerschütterlichen Überzeugung ausgestattet, sich als rechtschaffener Bürger gegen die Kräfte des Bösen stemmen zu müssen, das letzte Bollwerk gegen den Teufel zu sein – auch wenn die Abgesandten der Hölle höchstens 70 Kilogramm wogen, mit Oberlippenpflaum und Stimmbruch zu kämpfen hatten und auch kein Feuerstrahl aus dem Auspuff schoss, wenn das Böse knatternd den Gasgriff seines 50 Kubikzentimeter großen Einzylinder aufriss. Ein Bernardo Gui, der ohne rotglühende Kneifzangen, Knochenbrecher und Brandeisen die düsteren Gemäuer der Folterkammer betrat … stattdessen mit einer Orwo-Kassette mit der Beschriftung: „Glenn Miller – Greatest Hits 1938-44“.

Ach, was habe ich dieses Glenn Miller-Tape hassen gelernt! Wie sehr hätte ich mir damals den Mut gewünscht, mich heimlich in der Nacht zu Bringfrieds Kassettenrecorder zu schleichen, die Kassette zu entwenden und dass Magnetband tausendundeinmal zu verknoten. Denn keiner von uns hatte daran gedacht, den Leinenbeutel mit den Musikkassetten ins Auto zu packen … und damit war dieses sich bereits im Rekorder befindliche Glenn Miller-Tape die einzige Kassette, die uns an die Mecklenburgische Schweiz begleitete.

Mission auf dem Zeltplatz

Bernardo Gui – ich meine unser Bernardo Gui – fühlte sich von dieser Handvoll schmalschultriger Jungs, die einfach nur bei ihren Mopeds stehen, Bier trinken und Metal hören wollten, dermaßen provoziert und persönlich herausgefordert, dass er geradezu vor Kampfgeist glühte. Endlich hatte Bringfried als Hüter der heiligen Inquisition auf dem Zeltplatz „Sankt Maria vom Nacktstrand“ eine Mission, die wie für ihn geschaffen war. Die „Rotzer“ mit ihrer „Rattenmusik“ mussten in die Schranken gewiesen werden. Und alles, was Bernardo Gui dafür tun musste, war tagtäglich da zu sitzen, den Lautstärkeregler aufzureißen und auf „Play“ zu drücken.

„Na und?“, meint ihr … ??

„Glenn Miller ist doch coole Musik“, meint ihr … ??

Ok, wie ihr wollt …

Kommt, stellt euch mal zusammen mit mir in Big Band-Formation auf. Man kann schließlich nicht nur Luftgitarre, sondern auch Luftblechblasinstrumente spielen. Nein, nein, keine Diskussionen. Die fünf Größten nach hinten, und wenn ich die Musik einschalte, führt ihr die halboffene rechte Faust so an den Mund, dass der Kreis aus Daumen und Zeigefinger das Mundstück bilden. Bitte mit viel Hingabe im Gesicht in dieses Mundstück blasen, und mit der linken Hand kolbenförmige Bewegungen machen. Vor und zurück. Ganz genau. Vor und zurück, rechte Faust und linker Arm bilden eine Achse, und bitte mehr Gefühl im Gesicht. Ihr seid schließlich keine Glennomaten. Das muss swingen, Leute. Locker, flockig.

Der Rest von euch, in Zweierreihe vor den Bläsern aufstellen. Ihr seid die Sänger. Mit der rechten Hand wird rhythmisch geschnippst, der Oberkörper bewegt sich gleichmäßig von links nach rechts und zurück. Genauso! Phantastisch!

Haut rein, das Lied hat Drive!

Wir singen jetzt eine Glenn Miller-Melodie, die ihr alle kennt … zumindest in der „Sonderzug nach Pankow“-Version von Udo Lindenberg. Wir singen den „Chattanooga Choo Choo“. Und haut rein, das Lied hat Drive!

Drei, vier …:

Pardon me boys, is that the Chattanooga Choo Choo/
Yes Yes/ Track 29, Boy you can give me a shine/
Can you afford/to board, the Chattanooga Choo Choo/
I’ve got my fare/and just a trifle to spare
bum bum bum bum …
all die ganzen Schlageraffen dürfen da singen/
sie dürfen ihren ganzen Stuss zum Vortrage bringen/
nur der kleine Udo, nur der kleine Udo …

Oh, sorry, mein Fehler, bin ich doch glatt in den Lindenberg-Text reingerutscht … und eigentlich ist der „Chattanooga Choo Choo“ auch viel zu wild und zu schnell. Lasst uns lieber so etwas rüschtüsch schön Gefühlvolles, Romantisches spielen, die ‚Moonlight Serenade‘. Tempo runterfahren, 60 bepe-äm bitte, und zieht euch gefälligst Anzug und Fliege an.

Ä one, ä two, ä one-two-three-four
My prayer is to linger with you/
At the end of the day In a dream that‘s divine/
My prayer is a rapture in blue/
With the world far away and our lips close to mine.

So, Leute, und dieses Programm wird jetzt konsequent zwei Wochen durchgezogen. Von Montag bis Sonntag. Und dann nochmal von Montag bis Sonntag. Früh, vormittags, mittags, nachmittags, abends, nachts.

Für euch gibt’s nur noch Glenn Miller, Glenn Miller, Glenn Miller und nochmals Glenn Miller. Ihr werdet lächeln und jiven und fingerschnippsen, bis ihr kotzt. Ihr werdet swingen, bis ihr halbtot umfallt. Versprochen!!!

Musikalisches Waterboarding

Vor wenigen Jahren schrie die Welt vor Entsetzen auf, als bekannt wurde, dass die Amerikaner in ihrem sogenannten „Krieg gegen den Terror“ ihre Gefangenen wochenlang durch Nonstop-Beschallung mit Musik folterten. Ich schrie nicht mit. Ich konnte nur müde und traurig lächeln, denn ich habe das alles schon hinter mir. Musikalisches Waterboarding mit Glenn Miller. Fünfundzwanzig Jahre Radio-PSR Dauerberieselung mit den tagtäglich immergleichen Liedern in der tagtäglich immergleichen Reihenfolge. Jahrelanges Tür-an-Tür wohnen mit einer krachigen Punkrock-WG.

Jetzt, dem Ende meines sündigen Lebens nahe, ergraut wie die Welt, und in der Erwartung, mich bald zu verlieren im endlosen, formlosen Abgrund der stillen wüsten Gottheit, erkenne ich klar und deutlich die ganze Weisheit dieser Welt, dargelegt in einem einzigen Satz, und diesen Satz möchte ich gerne mit dicker roter Farbe an jede Wohnungstür, jede Straßenbahn, jedes Wartezimmer, jedes Büro und an jedes verdammte geheime CIA-Foltergefängnis dieser Welt pinseln!

„Musik wird oft nicht schön gefunden, weil sie stets mit Geräusch verbunden.“

Leserpost (6)
Andreas Rochow / 04.11.2016

Ein wunderschöner, so gar nicht larmoyanter Männertext, der nachvollziehbar macht, dass auch in der späten DDR nicht alles gut war.

Frank Schlünsen / 03.11.2016

Also - abgesehen von Politik usw. sehe ich kaum einen Unterschied zwischen Westdeutschland und Ostzone. Meine Jugend sah kaum anders aus. Allerdings scheinen sich in der sogenannten DDR die “Guten alten Zeiten ” länger gehalten zu haben.

Jürgen Grossheim / 03.11.2016

Folter mit Musik, 1-2-3 ” It was an itsy bitsy teenie weenie Honolulu Strand Bikini” Dann seht euch bitte den Film One-Two-Three mit James Cagney, Horst Buchholz und Liselotte Pulver an. Der Film wurde kurz vor dem Mauerbau 1961 gedreht. Es ist jedesmal wieder ein Vergnügen.

Manfred Schulze / 03.11.2016

Da hat wohl jeder, der in der DDR aufgewachsen ist, so seine eigenen Erlebnisse und Erfahrungen mit dem Mief der Bevormundung, mit den ertrotzten oder erschlichenen kleinen Freiheiten, mit einem ersten Liebeserlebnis auf einer wundervoll grünen, einsamen Wiese, wüsten Parties mit viel zu viel Umdrehungen und, und, und. Das zu Verallgemeinern ist allerdings problematisch - und daran krankt das Essay leider sehr. Nicht alles hat auf Jeden gleichermaßen gewirkt. Und manches, hier fast traumatisch Beschriebene, wirkt auf einen anderen eher verstörend und befremdlich. Etwa der Zwang zum Nacktbaden - den gab es gerade in Leipzig nicht. Sämtliche Freibäder waren überhaupt nicht textilfrei, nur einige Baggerseen und natürlich “der Kanal” - wo sich aber auch niemand über Hosen mokierte. Das hing also schon sehr von den Eltern ab, wie man es damit hielt und nicht von der DDR. Auch was die Aufklärung betrifft, also ehrlich, da gab es im Osten wohl weniger Tabus als zur gleichen Zeit im sexuell durchaus eher paranoiden Westen. Ich hatte jedenfalls viele Jahre vor meinem 19. Geburtstag alle Kenntnisse: weniger durch meine Eltern, dafür aber aus dem obligatorischen Bio-Unterricht und von Freunden. Und was die Musik betrifft: Seit den 70er Jahren habe ich wie alle meine Freunde immer Wege gefunden, vom West-Schlager bis hin zum Punk alles zu hören, was gerade “in” war. Zwar gab es die Platten nur mit Anstehen, aber wer wollte, der hatte. Fazit: Ganz so grau (sam) war meine Kindheit im Osten nun wirklich nicht. Mein Beileid an den armen Autoren.

Thomas Arndt / 03.11.2016

Lieber Wolfram Ackner, danke für diesen herrlichen Text. Da in fast gleichem Alter und in derselben Gegend aufgewachsen, kann ich fast alles nachvollziehen, was Sie beschreiben. Ebenso das Gefühl, mit 45 Jahren ein Greis wie der gute Adson zu sein, der von von einer längst vergangenen Zeit erzählt, und die heute 30-jährigen schauen einen mit diesem Blick an: Opi erzählt wieder vom Krieg… Aber wissen Sie was: Es war trotzdem schön! (Oder vielleicht gerade deshalb?)

Weitere anzeigen Leserbrief schreiben:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können wir meist nur während der ersten 24 Stunden nach Veröffentlichung eines Artikels annehmen.

Verwandte Themen
Wolfram Ackner / 11.11.2017 / 06:20 / 34

Meint ihr, ihr habt es uns nicht gut genug erklärt?

Eine WELT-Online-Schlagzeile vom 03.11.17 lautete: „CDU will Jamaika mit Identitätsverweigerung retten“. CDU-Identität – was soll das sein? Ich kann schon lange nicht mehr etwas Derartiges…/ mehr

Wolfram Ackner / 21.10.2017 / 14:30 / 17

Die Düsterwald-Saga

"Es ist schon wichtig klar zu sagen: Nicht die Ausländer sind das Problem. Sondern die Sachsen." Jakob Augstein " Ohne die deutsche Einheit hätte die…/ mehr

Wolfram Ackner / 03.10.2017 / 09:32 / 1

Good Bye, Ludwig

Zum Tag der deutschen Einheit kommt hier eine passende Geschichte. Es handelt sich um die Geschichte des Ludwig Erhard, dem Kind einer Karlsruher Unternehmerfamilie, geboren…/ mehr

Wolfram Ackner / 26.07.2017 / 06:00 / 15

I had a dream

Je näher der Wahltag rückt, umso mehr plagen mich konfuse, bonbonfarbene Träume. Mein letzter Traum spielte in Bonn. Es war das Jahr 1959. Mein Name…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com