Erich Wiedemann, Gastautor / 27.10.2017 / 06:00 / Foto: UrLunkwill / 18 / Seite ausdrucken

In jedem von uns steckt ein kleiner Weinstein

Ein Bild geht um die Welt: der amerikanische Filmproduzent Harvey Weinstein als Gockel, der sich von drei Damen abschmatzen läßt. Sieht man hier das "Grauen von Hollywood“, wie der „Stern“ sich entrüstete?

Harvey Weinstein soll Frauen gedemütigt haben. Eine Frau, die in einem seiner Filme mitspielen wollte, mußte erstmal auf seine Couch. Nun wurde er dafür aus der Filmakademie ausgeschlossen, die jedes Jahr die "Oscars" vergibt. Außerdem ermittelt die Staatsanwaltschaft Los Angeles wegen sexueller Belästigung. 

Die Ermittler werden zu berücksichtigen haben, dass einige der Opfer offenbar auch mit deren Zustimmung degradiert wurden. Keine von ihnen wurde, so weit sich das überblicken läßt, mit Gewalt bedroht. Nicht wenige haben sich dem präpotenten und notorisch unrasierten Fleischklotz offenbar freiwillig an den Hals geschmissen. Siehe das Foto mit den drei knutschenden Beauties. 

Sex gegen Job, solche Deals gab es in Hollywood nicht nur im Hause Weinstein. Eine Schauspielerin hat immer die freie Wahl. Sie kann die Konditionen akzeptieren oder es lassen. Ganz Hollywood hat es gewußt, und niemand hat Anstoß genommen. Omerta americana? Ach was, sagt Regisseurin Anika Decker aus Marburg: "Bei uns ist das genau so."

Kachelmann: Frau rein, ich raus

Der Wetterpromi Jörg Kachelmann wurde nach einem lähmenden Verhandlungsmarathon freigesprochen, weil er über Geld und Kampfgeist verfügte. Er hat aus seinen Erfahrungen den Schluß gezogen: „Ich im Aufzug, der hält, Frau will rein, bedeutet: ich raus.“ Auch lasse er nun immer die Tür auf, wenn er mit einer Frau in einem Raum sei. Kachelmann: "Sicher ist sicher."

Nach den ersten Enthüllungen über den häßlichen Hollywood-Faun raste in Amerika eine mächtige Antisexismus-Woge von Küste zu Küste. Auch die unvermeidliche Hillary Clinton brachte sich in die Debatte ein. Sie sagte, der Weinstein-Skandal zeige, wie endemisch sexuelle Belästigungen in der Gesellschaft der USA seien. Und sie wusste, wovon sie sprach. Ehemann Bill hatte in seiner Zeit als US-Präsident ein Verhältnis mit der Praktikantin Monica Lewinsky. Wegen "Zippergate" (Zipper = Reißverschluß) wäre er beinahe per Impeachment aus dem Weißen Haus entfernt worden.

Viele tausend Frauen bekannten per Twitter: "Me too - ich bin ebenfalls betroffen". Auch in Europa. Was heutzutage aus Amerika kommt, fällt bei den europäischen, besonders den deutschen Medien im Regelfall durch den Rost. Aber in den Metoo-Hashtag stiegen sie begeistert ein. Zwei schwedische Ministerinnen twitterten schnell, auch sie seien schon mal von geilen Kollegen begrapscht worden. Hipsterinnen in Paris legten noch eine Schippe Empörung drauf, mit der  "Aktion Nieder mit dem Schwein“. Also aux armes, citoyennes! Sogar die "Bild"-Zeitung, die ihre Seiten gern mit Fotos von nackten Mädels schmückt, beklagte den schweinischen Sexismus.

Auf kleiner Flamme

Ein „Spiegel“-Moralexperte namens Markus Brauck mahnte alle Männer, sie müßten jetzt „zuhören, die Klappe halten“. Sie nutzten viel zu oft und viel zu gern ihre Macht über Frauen aus. Nach seinen Beobachtungen hatte sich in den vergangenen Tagen so gut wie jeder Mann ertappt gefühlt. Der Kolumnist muß auf einem anderen Stern gewesen sein. Denn das Thema wurde zwar in den Medien hochgekocht, in der Bevölkerung köchelte es aber auf kleiner Flamme. Es meldeten sich sogar Frauen mit der Ermahnung, die Männer nicht pauschal zu dämonisieren.

Das Ausmaß der medialen Empörung steht oft in einem Mißverhältnis zu dem Anlaß. Der kleine dicke FDP-Politiker Rainer Brüderle mußte 2013 seine Laufbahn beenden, weil er zu der „Stern“-Redakteurin Laura Himmelreich mit Blick auf deren Busen gesagt hatte: „Der würde auch gut in ein Dirndl passen“. Der „Stern“ ließ Brüderle von der Himmelreich in die Pfanne hauen, worauf die damals eh enteierte FDP ihn eilends aus dem Verkehr zog.

Tatsache ist: Die meisten Übergriffe sind harmlos und vorwiegend verbal. Auch die physischen gehen selten übers Grapschen hinaus: Hand aufs Knie, Hüftreiben, Potätscheln. Flirten ist immer ein bißchen übergriffig. Und viele Ehen würde es ohne vorausgegangenen Übergriff gar nicht geben. 

Auch die Frau greift ja gern mal über, wenn es sich so ergibt. Die grüne Erynnie Claudia Roth zum Beispiel diese Woche auf dem Foto aus den Jamaika-Verhandlungen, auf dem sie brachial, wenn auch nicht lieblos auf den liberalen Kotzbrocken Wolfgang Kubicki losgeht. Wo die private Chemie stimmt, da ist die politische belanglos.

Der Preis für Ruhm und Glamour

Schurke hin, Schurke her, Harvey Weinstein hat ungewollt auch die Frage angestoßen, ob und in welchem Umfang Frauen bereit sind, die Ehre für Ruhm und Glamour zu opfern. Die Zahl der Mädchen, die sich für Sex-Plattformen im Internet ausziehen, geht in die Hunderttausende. Die wenigsten sehen so aus, als wären sie zum Exhibitionismus gezwungen worden. 

Die zwei Geschlechter reagieren auf unterschiedliche Impulse bekanntlich mit unterschiedlichen Reflexen. Es ist nun mal im Schöpfungsplan so geregelt, dass der Mann mit seinen körperlichen Vorzügen bei der Frau weniger Begierde weckt als die Frau mit den ihren beim Mann. Deshalb setzt er, sofern er kultiviert ist, ersatzweise andere Waffen ein. "Schlag' nach bei Shakespeare, und die Weiber sind hin", sangen Wolfgang Neuss und Wolfgang Müller in den fünfziger Jahren. Und: "Zitierst du 'n paar Verse aus Othello, läßt die Gnädige sich streicheln wie' n Cello." 

Die Zürcher Paartherapeuten Peter Schröter und Doris Christinger meinen sogar, vier von fünf Frauen wollten einfach "genommen werden". Horribile dictu: die Frau als Objekt. Der demokratische Wertekanon tickt eben anders als der erotische. Das hören die John-Wayne-Typen gern. 

Das US-Frauenmagazin „Cosmopolitan“ pries auch die Vorzüge von körperlicher Züchtigung. Die deutsche "Cosmopolitan"-Tochter präsentierte im Juni eine Geschichte, in der erzählt wird, wie Heidi Klum sich von einem „Toyboy“ den nackten Po versohlen lässt. Auch Frau Heidi hatte geschäftliche Beziehungen zu Harvey Weinstein. "Bunte" veröffentlichte dazu immerhin ein Foto, auf dem zu sehen ist, wie sie ihn auf den Mund küßt.

In dem Bestreben, ihm mehr weltanschauliche Schubkraft zu geben, haben die Sozialdemokratinnen Katarina Barley und Andrea Nahles das Weinstein-Syndrom auf die politische Ebene gehoben. Nahles kündigt an, sie werde als Fraktionschefin Führungspositionen in der Partei konsequent mit mehr Frauen besetzen. Klassenkampf entlang der Geschlechtergrenze? Die allgemein schwache Reaktion auf den Weinstein-Skandal läßt auch die Auslegung zu, dass der Wunsch nach mehr weiblicher Macht sich auf eine feministische Elite beschränkt. 

Der Staatsfeminismus kommt!

Die zwei SPD-Grandessen haben ein Programm. Das steht unter dem Postulat: ""Keine Macht dem Pascha!". Sie wollen nicht rasten, bis sie den Staatsfeminismus durchgesetzt haben. So wie im Sozialstaat Schweden, der ausschließlich von bekennenden Feministen regiert wird, 13  Männern und zwölf Frauen. 

Zwischen Ostsee und Kattegat hat die Gleichberechtigung bedrohliche Ausmaße angenommen. An der Theke in  „Fjäderholmamas Pub“ in Stockholm machen die Frauen die Männer an statt umgekehrt. Freier, die für Schäferstündchen  bezahlen wollen, werden bestraft, Prostituierte aber nicht. Die Schwedinnen sind die mutmaßlich emanzipiertesten Frauen der Welt. Das geht sichtbar zu Lasten der erotischen Beziehungskiste. Sie ist ziemlich vernagelt. Die Sozialforscher wissen von vielen Männern, die die rabiate Gleichmacherei in Depressionen gestürzt hat. 

Ob sich deren Sexualverhalten zum Schlechteren verändert hat? Schweden figurierte im internationalrn Rapie-Ranking auf Platz zwei hinter dem Königreich Lesotho (Stand 2010). Die Steigerungsrate zwischen 1975 und 2014: 1472 Prozent. Allerdings gehen die allermeisten der schweren Vergewaltigungen auf das Konto von Asylanten und Migranten. Eine Korrelation zwischen Emanzipation und Notzucht ist deshalb nicht nachweisbar. 

Barley und Nahles meinen, die Frauen könnten genauso gute Politik machen wie die Männer. Sie würden nur nicht ernstgenommen. Kann ja sein. Schwedische Machos meinen, das Gegenteil sei im vorigen Winter bewiesen worden. Weil Umfragen ergeben hatten, dass Frauen bei Schneeglätte am liebsten zu Fuß gehen, während Männer lieber Auto fahren, wurden bevorzugt Bürgersteige statt Fahrbahnen gestreut. Die Folgen waren katastrophal: Ganz Schweden versank im Schneechaos. Na, bitte, sagten die Machos. Sie vergaßen: Der Zivilminister, der die öffentliche Infrastruktur organisiert, ist ein Mann. Freilich mit Migrationshintergrund.

Leserpost (18)
Wilfried Cremer / 27.10.2017

Bei der Gelegenheit mal ein Kompliment an diejenigen, die die intelligente Fotoauswahl besorgen.

Adjua Quaye / 27.10.2017

Feminismus ist nicht Gleichmacherei. Betatscht zu werden ist nicht “harmlos”. Das ist so dermassen von Vorgestern wie das Altbekannte Vorurteil, dass allesamt frustrierte Männerhasserinnen sind. Oder auch, dass es sowas wie “die Feministinnen” gibt. Die #meetoo-Kampagne ist allerdings genauso von vorgestern und hat für mich mit Feminismus nichts zu tun. Sie macht uns nämlich allesamt zu Opfern und - noch schlimmer - rückt Künstlerinnen und andere Frauen, die was können und deshalb Karriere machen, in die Nähe der Prostitution.

Werner Liebisch / 27.10.2017

Die österreichische Schauspielerin Nina Proll hat sich dazu geäußert, nicht dem Main Stream like, und erntete ruckizucki einen Shit Storm. Ich finde es sowieso absolut heuchlerisch erst nach Jahren über die Übergriffe zu berichten, anstatt nachfolgende Kolleginnen zu warnen. Viel schlimmer ist der Kindesmissbrauch in der Branche,  Kinder können sich schlechter wehren als erwachsene Frauen. Aber auch da wird geschwiegen, auch wahrscheinlich von den Eltern, denn es geht ja um Karriere und viel Geld.

Ilse Polifka / 27.10.2017

Wenn ich mich recht erinnere haben die schwedischen feministischen Politikerinnen vor einigen Monaten bei einem offiziellen Besuch im Iran sich Tücher über den Kopf gehängt. Offenbar hat alles seine Grenzen.

Christian Beilfuss / 27.10.2017

Wieviel Lynchjustiz steckt eigentlich im MeToo-Getute? Immerhin wenden sich Betroffene und Möchtegernbetroffene sowie stellvertretend Betroffene und mitfühlend Möchtegernbetroffene sich diesbezüglich nicht an die Dienststellen von Polizei und Justiz, sondern an irgendwas von Öffentlichkeit. Dabei gibt es 2 Varianten: Einmal das Gezeter nach dem Motto “hier also auch”. Jedwede Berufsgruppe (mit Ausnahme der Prostitution) wird zum Gegenstand einer bewusst allgemein gehaltenen Behauptung, die das Vorkommen von Belästigungen unterstellt, ohne diese genauer zu definieren und auf Justiziabilität zu überprüfen. Zum zweiten entrichten mehr oder weniger Prominente einen Obulus an die Öffentlichkeit, Transparenz in meist längst erledigte Dienstverhältnisse zu bringen, nicht selten wohl in der hoffnungsvollen Erwägung, andere würden zum genannten Dienstgrad vielleicht den seinerzeit dazu passenden Namen recherchieren. Nein, das Lynchen grassiert derzeit nicht. Wohl aber richtet sich ein politische Establishment schon mit Fleiß und Furor darauf ein, für die in diesem Kontext nicht Hysterie oder Hetze genannten Stimmungskanonade ihre eigenen Kriegsziele zu bestimmen und die Posten an den Geschützen mit den Ihren zu besetzen. Denn letztlich geht es hier nicht nur um die Lufthoheit in Meinungsführung und Diskursgewalt, sondern um Flächengewinne.   

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