Gunnar Heinsohn / 16.09.2015 / 06:30 / 5 / Seite ausdrucken

Immigranten: Schwedischer oder kanadischer Weg?

Als nach den Verbrechen des Zweiten Weltkrieges globale Organisationen für Entwaffnung und Wohlstand entstehen, entwickeln die nordischen Länder Schweden und Kanada einen freundschaftlichen Wettbewerb um die Übernahme von Friedensmissionen und internationalen Ämtern. Siebzig Jahre später ist auch für Ottawa unstrittig, dass die nobelste humanitäre Macht zu Skandinavien und nicht zu Nordamerika gehört. Woran erkennt man diesen moralischen Sieg? Daran, dass Kanada seine Grenzen nur noch für Könner öffnet. Deshalb wird es bereits bei PISA-2006 zum ersten Land, in dem Zuwandererkinder schulisch besser abschneiden als der alteingesessene Nachwuchs. Vor allem aber erkennt man das moralische Davonziehen der Nordeuropäer daran, dass jeder Schwede verfemt und aus der Gemeinschaft der Menschlichen verstoßen wird, wenn er die ökonomischen und sozialen Kosten der ins Land Drängenden problematisiert. Dass die politische Rechte hier unverbrüchlich mit der Linken geht, proklamiert Fredrik Reinfeldt – damals noch Ministerpräsident aus der konservativen Partei - im Wahlkampf des Sommers 2014:

„Ich appelliere an alle Schweden, Geduld zu haben und ihre Herzen den Menschen zu öffnen, die um ihr Leben fliehen, die nach Europa kommen, in ein besseres Leben. Zeigt Offenheit, zeigt Toleranz, wenn es heißt, dass zu viele kommen. Wenn es heißt, dass es zu schwierig wird, dies zu bewältigen.“

Am 14. September 2015 preist Said Raad al-Hussein als UN-Hochkommissar für Menschenrechte Schweden als Vorbild bei der Migrantenaufnahme. Seitdem weiß die gesamte Menschheit, wer die Krone der Humanität trägt. Zwar nennt der Jordanier Deutschland im selben Satz. Doch das bereut er umgehend, weil Angela Merkel gleichen Tages Polizei-Hundertschaften in den Süden befiehlt, um illegale Grenzgänger zu verhaften. Ohnehin liegt Schweden bei Asylbewerbern pro zehntausend Einwohnern schon 2013 mit 57 fast uneinholbar vor Deutschland mit 15.  Allerdings legt auch der Antisemitismus zu, obwohl Judenmorde à la Belgien oder Frankreich bisher verhindert werden konnten.

In Kanada gibt es Neid auf den schwedischen Glanz. Der „Canadian Council for Refugees“ – mit dem Slogan „proud to protect refugees“ – drängt die Regierung zur Öffnung der Tore. Am 11. September fordert er Familienzusammenführungen, regierungsamtliche Ansiedlungsverpflichtungen, schnellste Anerkennungsverfahren und dramatische Mittelerhöhungen für die Bezahlung der Kommenden. Dass nicht allein Stolz welcher Provenienz auch immer nationale Entscheidungen bestimmen dürfe, illustriert daraufhin Kanadas führende Tageszeitung „Globe and Mail“ mit einem Blick auf das beneidete Schweden. Die Reporterin Margaret Wente interviewt am 11. September 2015 über Skype den schwedischen Ökonomen Tino Sanandaji. Als Kurde aus dem Iran gehört er zu den 14 Prozent Migranten in der schwedischen Bevölkerung. Er polemisiert nicht, sondern nennt Zahlen:

“48 Prozent der Immigranten im berufsfähigen Alter haben keine Arbeit. Selbst nach 15 Jahren in Schweden erreicht ihre Beschäftigungsquote nur 60 Prozent. Schweden hat bei der Arbeitsmarktteilnahme zwischen Einheimischen und Nichteinheimischen den größten Abstand in Europa. 42 Prozent der Langzeitarbeitslosen sind Immigranten. 58 Prozent der Sozialhilfeleistungen gehen an Immigranten. 45 Prozent der Kinder mit den schlechtesten Schulleistungen sind Immigranten. Sie verdienen im Durchschnitt 40 Prozent weniger als Einheimische. Seit den 1980er Jahren hat Schweden den höchsten Anstieg an Ungleichheit unter allen OECD-Staaten.“

Es mag die Schweden ehren, über all das nicht zu reden, weil es dem Land nun einmal um die Höhe der Humanität und nicht der Prosperität geht. Gleichwohl können die Ergebnisse hilfreich sein, wenn es in anderen Nationen um das Gewinnen demokratischer Mehrheiten für die Ausrichtung der zukünftigen Einwanderungspolitik geht. Da momentan rund 540 Millionen Menschen aus dem Islambogen und Subsahara-Afrika von Europa träumen und in 35 Jahren womöglich sogar 1,2 Milliarden kommen wollen, kommt kein Land um die Entscheidung herum, ob es schwedischer oder kanadischer werden will.

Leserpost (5)
Bernd Meier / 18.09.2015

Ich empfehle Heinsohns 35 Minuten Interview bei inforadio http://www.inforadio.de/programm/schema/sendungen/zwoelfzweiundzwanzig/201509/224732.html und kann auch nur sagen: Entweder werden wir wie Kanada / Australien ODER zumindest meine Kinder gehen nach Kanada oder Australien. Ich komme in meinem Alter in beide Länder fast nicht mehr rein. Allen sei ein Speichern der Presseartikel empfohlen, wenn unsere Kinder mal fragen: Warum ging Kern-Europa unter, kann man es schön belegen.

Bärbel Schmidt / 18.09.2015

Meine schwedische Freundin von 50 Jahren hat gestern abrupt am Telefon das Gespräch unterbrochen als ich sagte, Merkel mache mir und einigen anderen in Deutschland Angst. Ich hoffe, es war nur ein technisches Problem.

Falk Kuebler / 17.09.2015

@Waldemar Unding: Nein, es sind nicht die Politiker! Mit diesem Fingerpointing machen wir es uns zu einfach. Ihre “Frage ..., wie wir das hinkriegen können, wenn’s die Politiker nicht wollen”, ist mMn insofern falsch gestellt, als die Politiker zumindest in erster Näherung meistens das aufgreifen, von dem sie glauben, dass es der vorherrschenden Bevölkerungsmeinung entspricht, und dass sie dadurch gewählt würden, also ihren Beruf ausüben können. Die Sottise “Jedes Land hat genau die Politiker, die es verdient”, enthält insofern eine schmerzlich Wahrheit… Die in ihrer Mehrheit grünlich-rosa angehauchten Medien, eine Spätwirkung der 68-er, können solche Effekte verstärken, aber nicht wirklich verursachen. Nein, die deutsche Bevölkerung ist wohl tatsächlich in einem späten Sozial-Multikulti-Selbstrausch… Und ich muss schmerzlich meiner eigenen Erkenntnis folgen, dass “Demokratie nicht bedeutet, dass immer das gemacht wird, was ich für richtig halte”... Von kanadischen Verhältnissen können wir auf längere Sicht wohl nur noch träumen. Aber auch da fällt mir die Hölderlin-Sottise ein “Ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt, und ein Bettler, wenn er nachdenkt”. So bleibt mir allenfalls noch die Frage, ob ich lieber Gott oder Bettler sein will… Noch einmal ein Zitat, hier Strauss: “Es muss erst noch viel schlimmer werden, bevor es wieder besser werden kann”. Auch in Schweden wird ein bisher unterdrückter Realismus (Ingrid Carlqvist) irgendwann explodieren, und dann mag es wieder besser werden. Aber erstens erst in Jahrzehnten, denn so träge sind manche fundamentalen gesellschaftliche Prozesse, und zweitens dürfte es dann ganz langsam erst von einem sehr niedrigen Niveau aus wieder besser werden. Mit dieser Perspektive kann ich nur sagen: armes Deutschland… Denn sie wussten nicht, was sie tun…

Waldemar Undig / 16.09.2015

Ist doch klar: kanadischer. Die Frage ist nur, wie wir das hinkriegen können, wenn’s die Politiker nicht wollen. Für die Kanadier zahlt es sich aus, dass sie die Weichen schon vor Jahren gestellt haben und jetzt keine überstürzten Entscheidungen fällen müssen.

Dorothea Friedrich / 16.09.2015

Einfacher, klarer und deutlicher geht es nicht. Allerdings besteht die Mannschaft unseres auf den Eisberg zusteuernden Dampfers aus “Gut-” bzw. neudeutsch Hellmenschen (ideologielastiges Denken, von der eigenen moralischen Überlegenheit zu Tränen gerührt, Unfehlbarkeitsgefühl, Intoleranz gegenüber Andersdenkenden - mit anderen Worten eine gefährliche Mischung).

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