Anabel Schunke, Gastautor / 02.12.2017 / 06:20 / Foto: achgut.com / 46 / Seite ausdrucken

Ich will mein Weihnachten zurück!

Von Anabel Schunke.

Mögen Sie Festivals? Ich nicht. Allein die Vorstellung, mich ein ganzes Wochenende nicht richtig waschen zu können, im Zelt schlafen und ein Dixi-Klo benutzen zu müssen, ist mir Abschreckung genug. Ich war nie bei Rock am Ring, auf dem Hurricane oder auf einem der anderen großen einschlägigen Festivals in Deutschland, von denen Freunde immer Bilder bei Instagram posten, die den Anschein erwecken sollen, sie würden nicht gerade in einer großen Schlammpfütze liegen.

Aber ich liebe Musik und ich gehe gerne auf Konzerte. Mein erstes Konzert mit fünf Jahren war Joe Cocker. Es folgten die Rolling Stones, auch wenn meine Eltern sicherlich mehr damit anfangen konnten als ich damals. Meine ersten selbstgekauften Karten waren für Xavier Naidoo und die Söhne Mannheims zu einer Zeit, als Naidoo zwar aus religiösen Gründen keine Preise anfassen wollte, aber zumindest noch nicht bei den Reichsbürgern auftrat und sowieso eher Songs über Liebe als über Marionetten schrieb. Dann kam – Sie werden lachen – Tokio Hotel. Da war ich gerade 17 und „Durch den Monsun“ ging durch die Decke.

12 Jahre später besuche ich immer noch Konzerte der einstigen Magdeburger Schülerband, deren Mitglieder inzwischen selbst 28, 29 und 30 Jahre alt sind und ganz andere Musik machen als damals. Das ist so ein Nostalgie-Ding, schätze ich und es ist über die Jahre hinweg die einzige Konstante in Bezug auf meine Konzertbesuche, die sich nicht geändert hat. Eine der Sachen, an der ich festmachen kann, wie sehr sich das Leben und die eigenen Gedanken in den letzten zwei Jahren verändert haben.

Am Heiligabend trage ich gerne etwas, das glitzert

Ganz ähnlich verhält es sich mit den Weihnachtsmarktbesuchen. Ich bin kein gläubiger Mensch, aber ich liebe Weihnachten. Ich mag das Besinnliche genauso wie den Shoppingstress. Die Kälte draußen und den Glühwein in der Hand. Ich liebe es, weihnachtlich zu dekorieren, und wenn man mich lassen würde, würde ich das ganze Haus in Lichterketten hüllen und oben auf’s Dach noch einen kitschigen Weihnachtsmann mit Rentierschlitten setzen.

Am Heiligabend trage ich gerne etwas, das glitzert, und es ist der einzige Abend im Jahr, an dem ich Fleisch esse, weil ich einfach nicht um den hervorragenden Puter meiner Mutter herumkomme. Es ist die Zeit im Jahr, in der mir nichts und niemand je die gute Laune und die besinnliche Stimmung nehmen konnte. Nicht einmal Anis Amri. Aber vielleicht saß da auch nur der Schock noch zu tief und was passiert war, wurde erst in den Monaten danach in Gänze ersichtlich.

Denn wenn ich sehe, was ein knappes Jahr nach Berlin aus unseren Weihnachtsmärkten geworden ist, will die Weihnachtsstimmung zum ersten Mal nicht wirklich aufkommen. Erst jetzt, wo sich die Konsequenzen vollumfänglich zeigen, man jeden Tag über das liest, was nun aus dem Terror vom Breitscheidplatz folgt, realisiere ich wirklich, was wir verloren haben. "Spreng- oder Brandsatz in Potsdam: Innenstadt und Weihnachtsmarkt müssen evakuiert werden", hieß es erst gestern Abend in den Nachrichten. Egal, was da war, es zeigt die ganze Nervosität.

20 Prozent mehr Standmiete für die Budenbesitzer auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz ist auch so eine Meldung. Grund seien die verschärften Sicherheitsmaßnahmen. (Inzwischen gibt es ein Urteil des Berliner Verwaltungsgerichtes, dass der Schutz eines Weihnachtsmarktes in Charlottenburg Aufgabe des Staates sei). Woanders wird es ähnlich aussehen. „IS-Anschlag auf Essener Weihnachtsmarkt geplant“, ist die Nächste.

Es ist eben nicht alles wie immer

Dass die jungen Männer inzwischen wieder auf freiem Fuß sein sollen, macht es nicht besser. Genauso wenig wie das Geschenkpapier in Bochum, mit dem man die hässlichen Betonpoller eingewickelt hat. Ein letzter verzweifelter Versuch, den Menschen vorzugaukeln, dass alles so ist wie immer.

Aber es ist nicht alles wie immer und das hier ist weder „das beste Deutschland aller Zeiten“, noch ein Land, „in dem wir gut gerne leben.“ Es ist ein wahr gewordener Alptraum, bei dem man sich plötzlich wünscht, man könne nur noch einmal unbeschwert und ohne Terrorangst auf einem Dixi-Klo im Schlamm auf einem Festival sitzen.

Nur noch einmal ein Konzert wie in 2005 besuchen, als man Plätze noch nach der Sicht auf die Bühne auswählte und nicht nach Nähe zum Notausgang. Eine Zeit ohne Betonpoller. Ob mit Geschenkpapier oder ohne. Nur noch einmal auf einem Weihnachtsmarkt seinen Glühwein ohne Sperren und schwerbewaffnete Polizisten trinken. Ohne Angst vor sich in die Luft sprengenden oder LKW-fahrenden islamischen Terroristen.

Die Wahrheit ist: Wir können uns noch so oft einreden, dass wir uns unsere Art zu leben nicht nehmen lassen. Uns damit beruhigen, dass es statistisch gesehen wahrscheinlicher ist, an einer Grippe zu sterben als bei einem Terroranschlag und es uns selbst sowieso nicht treffen wird. Es ändert nichts daran, dass die Angst Einzug in unsere Gedanken gehalten hat, und dass wir schon längst dabei sind, unsere Freiheit, unsere Art zu leben, aufzugeben. Dass die inneren die äußeren Grenzen längst ersetzt haben.

Man merkt das an Gedanken wie jenen, dass ich mich plötzlich auf einem Konzert, an einem Ort, an dem ich früher nichts außer Spaß hatte, frage, was ich tun würde, wenn nun ein paar Männer mit Maschinenpistolen in den Raum stürmen würden. Was ist an einem Weihnachtsmarktbesuch schön und besinnlich, wenn man sich ständig umguckt, als würde man unter Verfolgungswahn leiden?

Und was ist mein verbrieftes Recht auf Freiheit und Gleichberechtigung als Frau noch wert, wenn ich jeden Abend einen männlichen Begleiter fragen muss, ob er mich zum Auto bringt, um mich sicher zu fühlen? Wenn ich mich nicht mehr frage, wo mein Lippenstift in der Handasche ist, sondern mein Pfefferspray, und ob ich es schnell genug bedient bekomme, wenn mich jemand angreift? "Seid achtsam, aber nicht furchtsam", empfiehlt Innenminister Thomas de Maizière. Das klingt wie aus einer Sonntagspredigt. Und hilft mir leider gar nichts.

Bis irgendwann niemand mehr vor die Haustür geht.

Ja, vielleicht habe ich, anders als andere, noch nicht damit begonnen, Veranstaltungen gänzlich zu meiden. Manch ein Freund oder eine Freundin will schon nicht mehr mitkommen. Leute, die nicht einmal annähernd so kritisch sind wie ich. Es ist die Verlogenheit, die sich durch die gesamte Einwanderungs- und Islamdebatte zieht, die dafür sorgt, dass die meisten von uns äußerlich immer noch so tun, als wäre alles wie immer, während sie innerlich schon den Rückzug angetreten haben.

Ein gesellschaftliches Klima, in dem der gratismutige Politiker uns Leuten auf der Straße sagt, dass niemandem etwas weggenommen wird und keiner einen Nachteil aus der Politik der offenen Grenzen und jahrzehntelangen willkürlichen Einbürgerung von Muslimen zieht, während er selbst in seiner gepanzerten Limousine, von Personenschützern begleitet, durch die Gegend fährt.

Eine unerträgliche Bigotterie, die dem Bessermenschen nicht einmal auffällt. Die es ihm ermöglicht, dich für die beschriebenen Ängste und Gedanken zu belächeln, als irrationalen Wutbürger zu diffamieren, während er am Ende des Tages genauso wie du, wie die Menschen bei der Massenpanik in Turin nach dem Champions-League-Finale () oder in London am Oxford Circus um sein Leben rennen würde, wenn es irgendwo knallt oder jemand „Allahu Akbar“ ruft.

Diese Leute sind genauso Teil des Problems wie wir, die wir uns Stück für Stück nehmen lassen, was Deutschland einmal ausgemacht hat. Die den Verlust der eigenen Freiheit einfach so über sich ergehen lassen, weil es anscheinend für viele immer noch erträglicher ist, vom LKW auf dem Weihnachtsmarkt überfahren zu werden, als einen Zusammenhang zwischen offenen Grenzen und Betonpollern in Geschenkpapier zu ziehen. Bis zum nächsten Anschlag. Bis irgendwann niemand mehr vor die Haustür geht.

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Leserpost (46)
Karla Kuhn / 02.12.2017

Herr Bauer, so ist es und schön ist sie auch noch.

Andreas Sprenger / 02.12.2017

Hallo Frau Schunke, mich interessiert unverändert der Grund für Ihre Änderung von der Flüchtlingsversteherin und -Verteidigerin mit Aussagen wie z.b: - jene, die unsere Hilfe gerade am allermeisten benötigen - Zum Glück ist mir meine Nationalität nicht so wichtig - Viel verbundener fühle ich mich dagegen mit den hilfsbedürftigen Menschen - Mit ein wenig Interesse an unserer Außen- und Wirtschaftspolitik wüsstet ihr darüber hinaus, was das eigentliche Problem ist und wieso diese Flüchtlinge zu uns kommen und nicht in ihren Ländern bleiben können und dass das nicht irgendwelche von uns isolierten und weit entfernten Probleme sind. - Dass niemand flüchtet, weil er ein paar Euro mehr in der Tasche haben will - Auch habt ihr wahrscheinlich noch nie darüber nachgedacht, wie sehr wir hierzulande von der Ausbeutung all der Länder profitieren, aus denen die vielen Flüchtlinge jetzt den Weg über das Mittelmeer zu uns antreten. hin zu Realistin mit konservativem Gedankengut? Teilen Sie doch bitte mit uns den Grund Ihrer Meinungsänderung! Ggf. können so mehr “Gutmenschen” zu einem Umdenken gebracht werden. Gruß A. Sprenger

Michael Brender / 02.12.2017

Liebe Frau Schunke, Sie haben, wie schon oft, ins Schwarze getroffen. Daß es noch anders geht, konnte ich vor etwa zwei Wochen mit dem folgenden Text auf Facebook posten: “Gestern in einer bulgarischen Kreisstadt, ca. 55.000 Einwohner. Strahlender Sonnenschein und angenehme Temperaturen locken die Menschen ins Freie. Sie bevölkern die Straßencafés, die Grünanlagen, die Fußgängerzone. Man trifft Frauen in allen Variationen an (Alter, Kleidung), vollkommen unbelästigt. Allerdings vermißt man das aufdringliche Bunt der schwarzen oder grauen Stoffgefängnisse, dieser untrüglichen Kennzeichen des unaufhaltsam vordringenden Feminismus innerhalb der Religion des Friedens und der Freiheit. Auch Kopftücher sucht man vergebens, diese starken Symbole weiblicher Unabhängigkeit, Freiheit und Selbstbestimmung. Größere oder kleinere Gruppen junger, südländisch aussehender Männer, die frauenbereichernd, ladengeschäfteentreichernd, randalierend, polizeiauftrabhaltend oder gar betend die Innenstadt multikulturell beleben - das wär’ was. Leider Fehlanzeige, noch nichtmal die gibt es. Also die totale Langeweile, nix los, könnte man sagen. Oder so idyllisch, wie es noch vor kurzem auch in deutschen Städten zuging. Es soll Leute geben, die schon länger dort leben und die sich an solche Zustände erinnern, an die Zeit vor dem Großen Sprung in das weltoffene Multikultihaifischbecken, an die Zeit vor der Migratorischen Kulturrevolution, an die Zeit, bevor die Segnungen der Religion des Friedens und der Freiheit das dunkle Europa mit ihrem strahlenden Licht erhellten.” Mit freundlichen Grüßen Michael Brender

Gabriele Schulze / 02.12.2017

Ich stimme Ihnen zu. Das So-tun-als-ob ist übrigens auch ziemlich anstrengend und verleiht den alltäglichen Geschäften eine merwürdige Depressivität. Eltern mit kleinen Kindern z. B. - kann mir doch keiner erzählen, daß sie sich im stillen Kämmerlein keine Sorgen um deren Zukunft machen! Und ich spüre bei mir eine skeptische Distanz zu meinen Mitbürgern, den weiter-so-Wählern. Es ist mir auch schon passiert, daß ich einem entgegenkommenden Jungmigranten - rechts Büsche, links parkende Autos, schmales Trottoir - ausgewichen bin, zwischen den Autos, auf die Fahrbahn. Ist nicht schön, aber der Grundkonsens ist ja quasi aufgekündigt, da gehe ich lieber auf Nummer Sicher, auch wenn ich jemanden damit ungerecht behandle.

Rüdiger Blam / 02.12.2017

Frau Schunke, sehr schön Ihre Erinnerung an „früher“. Meine geht noch weiter in die Vergangenheit - damals konnten wir in einem Arbeiter- und Angestelltenviertel in Hamburg die Wohnungstür bei An- und Abwesenheit der Bewohner unverschlossen lassen. In warmen Sommernächten ließen Erdgeschossbewohner Wohn- und Schlafzimmerfenster wegen des kühlenden Durchzugs offen. Kippen wurden von Rauchern nicht durch Wegschnippen entsorgt - und wenn doch, gab es Zurechtweisungen durch andere Bürger. In drn Bahnen hingen Hinweise wie: „Beim Husten, Spucken, Niesen - bediene Dich des Taschentuches“ - und das zu einer Zeit als es kaum Papiertaschntücher gab, die der normalen Bevölkerung zu teuer waren - man nutzte daher ein gebügeltes Baumwolltaschentuch. Junge Menschen machten für Ältere, egal ob im Wartezimmer eines Arztes, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder wo auch immer Platz. Die deutsche Sprache mit ihren Feinheiten falsch anwendende Zeitgenossen wurden häufig diskret auf ihre Fehler hingewiesen und fanden mit Sicherheit bei öffentlichen Medien wie Presse und Rundfunk mit Publikumskontakten mit Sicherheit keine Anstellung. Radio Luxemburg war damals ein Sender der was die sprachliche Qualität des Personals anging und im vermittelten Zeitgeist weit über dem des heutigen RTL stand. Einen Herrn Pilawa und die Riege der Moderatoren von RTL, Sat1 usw. trennen Welten von den damaligen Herren Kulenkampff, Carell und Rosenthal. So könnte man weiter Vergleiche in vielen Bereichen anstellen. Es bliebe die Feststellung - dass ehemals selbstverständliche Werte bedauerlicherweise entsorgt werden. Bestes Beispiel ist unsere Kanzlerin - in der Zeit vor 1985 wäre sie öfter „freiwillig“ zurückgetreten.

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