Oliver Zimski / 22.04.2016 / 16:38 / Foto: Porknbeans305 / 6 / Seite ausdrucken

I Have a Dream

Nachdem der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime in Deutschland, Ayman Mazyek, am vergangenen Montag die AFD mit der NSDAP verglichen hatte, weil die rechtspopulistische Partei Islamkritik zu einem Schwerpunkt ihres Parteiprogramms machen will, habe ich vergangene Nacht von einer bisher unveröffentlichte Grundsatzerklärung geträumt, die extra für Mazyek verfasst wurde.  Diese  solle in Kürze – möglichst vor dem nächsten größeren Terroranschlag – nicht nur den wichtigsten deutschen Medien übermittelt, sondern auch in etlichen Moscheen verlesen werden.

Liebe Brüder und Schwestern im Islam,

um dem Eindruck entgegenzuwirken, dass wir organisierten Muslime immer nur dann deutliche und scharfe Worte finden, wenn wir auf demagogische Forderungen von Rechtspopulisten reagieren, während wir uns bei den zahlreichen Anschlägen, die jedes Jahr im Namen unserer Religion begangen werden, nur zögerlich – wie als lästige Pflichtübung – zu Wort melden, möchte ich Folgendes endlich einmal grundsätzlich klarstellen.

1. Der Islam löst berechtigte Ängste aus

Für das schlechte Image, das unsere Religion in Europa hat, sind nicht Rechtspopulisten und Islamfeinde verantwortlich, sondern in erster Linie jene extremistischen Mörder, die furchtbare Verbrechen im Namen des Islams begehen. Natürlich steht die überwiegende Mehrheit der Muslime diesen Verbrechen ablehnend gegenüber. Allerdings können wir nicht leugnen, dass unsere Religion in der heutigen Zeit offenbar mehr Ansätze zum Missbrauch bietet als andere.

Allzu oft haben wir auf neue Terroranschläge mit Unwillen reagiert, waren genervt vom Rechtfertigungsdruck und dem Misstrauen, das uns von allen Seiten entgegenschlug. Auch ich selbst habe regelmäßig argumentiert, die Gewalttaten hätten mit dem Islam nichts zu tun, ja sie richteten sich sogar gegen ihn als „Religion des Friedens“. Inzwischen ist mir jedoch klar geworden, dass eine solche Reaktion von vielen Menschen als Ablenkungsmanöver und Schönfärberei empfunden wird und dass sie nur Ausdruck meiner tiefen Verunsicherung und Ratlosigkeit war.

Ja, die Grausamkeiten, die im Namen unserer Religion verübt werden, machen auch mich als gläubigen Muslim ratlos und ängstigen mich. Wie sollten da diejenigen, denen der Islam fremd ist, keine Angst haben? Wie können wir erwarten, dass das Misstrauen gegenüber Muslimen abnimmt, wenn wir uns immer nur von den Anschlägen selbst, nicht aber von dem dahinterstehenden Denken distanzieren, das von Hass und Verachtung gegenüber Nichtmuslimen geprägt ist? Natürlich beurteilen uns diese nicht danach, wie wir den Islam idealtypisch darstellen, sondern danach, wie er konkret interpretiert und praktiziert wird.

Wir sollten uns weiterhin eingestehen, dass der Islam auch ganz unabhängig vom Terror bei vielen Menschen in der westlichen Welt Unbehagen auslöst: durch die anmaßende und respektlose Art, in der nicht wenige unserer jungen Männer auftreten, die zunehmende Tendenz zur Verschleierung unserer Frauen (was unser Glaube gar nicht verlangt!), die allgemein als reaktionär empfundenen Rollenbilder von Mann und Frau, sowie die hohen Geburtenraten der muslimischen Bevölkerung in Westeuropa, in Verbindung mit Umfragen unter europäischen Muslimen, welche auf eine weit verbreitete Geringschätzung von Demokratie und Meinungsfreiheit hindeuten. Zudem gelten fast alle 57 Länder, in denen der Islam vorherrschende Religion ist, im Rest der Welt als rückschrittlich und intolerant.

Wenn wir ehrlich sind, müssen wir anerkennen, dass Regierungen, Medien, politische Parteien, christliche Kirchen und Zivilgesellschaft in Westeuropa uns organisierten Muslimen in den letzten Jahren einen enormen Vorschuss an Vertrauen, gutem Willen und Entgegenkommen gewährt haben. Deshalb meine ich, dass die vertrauensbildenden Maßnahmen, die jetzt notwendig sind, in erster Linie von uns selbst kommen müssen.

2. Selbstkritik ist keine Schwäche

In der Vergangenheit haben wir uns nicht nur gegen dumpfe Vorurteile gewehrt, sondern auch sachliche Kritik pauschal zurückgewiesen, ja diese sogar als „Islamophobie“ und „Rassismus“ diffamiert. Vielleicht haben wir damit sogar zu einer Radikalisierung mancher Brüder und Schwestern beigetragen. Dies müssen wir dringend ändern.

Mir ist klar geworden, dass Selbstkritik, das Hinterfragen der eigenen Positionen, ja sogar Zweifel an sich selbst, nicht Schwäche, sondern Stärke sind, denn gerade diese Eigenschaften sind es, die einzelne Menschen wie auch ganze Gesellschaften sich weiterentwickeln lassen. Wir europäischen Muslime sollten dieselbe Kritik, die wir häufig an Missständen in unseren westlichen Gesellschaften üben, selbstverständlich auch uns selbst gegenüber zulassen. Die Offenheit für Kritik und die Bereitschaft, uns selbst zu hinterfragen, sind ein wichtiger Gradmesser unserer Fähigkeit zur gleichberechtigten Teilhabe.

3. Heraus aus der Opferrolle

Die muslimischen Verbände befinden sich seit Jahren in der Schmollecke der westlichen Gesellschaften. Halb haben wir uns selbst dort hingestellt, halb wurden wir von falschen Freunden hineingedrängt. Doch die Käseglocke aus politischer Korrektheit und „Migrantenbonus“, die uns linke Demagogen übergestülpt haben und mit der sie uns sanft entmündigen, wird uns zu eng. Wir dulden nicht, dass diese Leute uns als angebliche Opfer von Rassismus und Ausgrenzung noch länger für ihre politischen Zwecke instrumentalisieren. Weder sind wir „edle Wilde“ noch kulturell-religiös Zurückgebliebene, die der besonderen Fürsorge bedürfen. Wir wollen endlich gleichberechtigt behandelt werden, und dazu gehört auch, dass wir die volle Verantwortung für unser Reden und Handeln übernehmen.

Natürlich muss es unter den Bedingungen der westlichen Freiheit und Toleranz auch möglich sein, die eigene Religion zu verlassen. So wie christlich geprägte Menschen aus der Kirche austreten, weil sie ihren Glauben verloren haben oder ihnen die Kirche nichts mehr zu sagen hat, muss es Muslimen in Zukunft gestattet sein, sich – aus welchen Gründen auch immer – ohne Angst vor Strafe und Rache durch Fanatiker vom Glauben an Gott loszusagen.

4. Wir teilen die westlichen Grundwerte

Die meisten Muslime bzw. ihre Eltern oder Großeltern sind in den letzten Jahrzehnten in Deutschland und Westeuropa eingewandert. Es gab gute Gründe für uns oder unsere Vorfahren, unsere islamischen Herkunftsländer zu verlassen, um in christlich geprägten Ländern zu leben. Wir schätzen den Wohlstand, die soziale Absicherung, die Möglichkeit, unsere Familien durch eigene Arbeit ernähren zu können – alles Chancen, die uns die meisten islamisch geprägten Länder nicht bieten. Mindestens genauso hoch schätzen wir aber Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, Meinungsfreiheit, Toleranz und Minderheitenrechte. Diese Errungenschaften der westlichen Zivilisation müssen und werden wir gegen religiöse Fanatiker verteidigen. Mit ihnen ist kein Staat zu machen, das hat der Terror von Al Kaida, Boko Haram und dem IS zur Genüge gezeigt.

Deshalb beunruhigen uns Meinungsumfragen, wonach ein beträchtlicher Anteil der in Westeuropa lebenden muslimischen Bevölkerung Ansichten vertritt, die mit den hiesigen Auffassungen von Menschenwürde und Respekt vor anderen Lebensentwürfen nicht vereinbar sind. Wir können nicht einerseits den  Rechtspopulisten vorwerfen, dass sie gegen den Islam und gegen Muslime hetzen und andererseits dulden, dass in unseren eigenen Reihen Ressentiments gegen die „Ungläubigen“ oder den „dekadenten Westen“ geschürt werden. Auch den unter Muslimen leider weit verbreiteten Judenhass müssen wir energisch bekämpfen. Hier muss unsere Bildung - und Öffentlichkeitsarbeit viel stärker als bisher ansetzen. Ich bin überzeugt, dass das Misstrauen uns gegenüber sich stark verringern wird, wenn wir uns eindeutig für die genannten westlichen Werte und gegen die Extremisten positionieren, die sich auf unsere Religion berufen.

Treten wir also denjenigen entschieden entgegen, die mit ihrer wortwörtlichen Interpretation des Korans Hass und Mord rechtfertigen. Selbst in islamisch geprägten Staaten gibt es mutige Männer und Frauen, die ihre Gesellschaften von geistiger Enge und Stagnation befreien wollen. Wie viel mutiger sollten in diesem Punkt wir sein, die wir hier volle Rede- und Pressefreiheit genießen? Werden wir aktiv! Nehmen wir den Rechtspopulisten den Wind aus den Segeln! Beweisen wir, dass der Islam wirklich zu Deutschland und Europa gehört!

Oliver Zimski ist Übersetzer, Sozialarbeiter und Autor. 2015 erschien sein Kriminalroman „Wiosna – tödlicher Frühling“.

Leserpost (6)
Monika Medel / 24.04.2016

Sehr geehrte Frau Wenz! So einfach, wie Sie meinen ist es mit “Ideen der Aufklärung versus christlichen Glauben” doch nicht. Zitat vom großen Aufklärer Kant, der ja nur den christlichen Glauben näher kannte: “Der Glauben an einen Gott und an eine andere Welt ist mit meinem moralischen Gewissen so verwebt, dass, so wenig ich Gefahr laufe, die Letztere einzubüßen. ebenso besorge ich, dass mir der erstere jemals entrissen werden könne.” Oder von demselben: “Es ist unmöglich, dass ein Mensch, ohne Religion seines Lebens froh werde.” Oder Kants Hochschätzung des Neuen Testaments oder von Psalm 23… Könnte es sein, dass Sie, werte Frau Wenz, sich etwas einseitig informiert haben?

Armin Eickelbaum / 24.04.2016

Tja - WENN die Muslime das so ausführen würden, wie oben beschrieben, dann wären sie keine Muslime mehr und würden nicht mehr den Islam praktizieren. Anders ausgedrückt: Der obige geschilderte “Traum” kann von einem gläubigen Muslim niemals umgesetzt werden. Er steht den Inhalten des Korans diametral entgegen.

Emma W. Broakulla / 24.04.2016

Sehr geehrte Frau Wenz, Die Behauptung dass Christen von ihrer Religon gar keine Ahnung haben ist doch ziemlich…. verstiegen. Kann es vielleicht daran liegen dass SIE es sind die vom Christentum keine Ahnung haben ? Eine Erklärung würde mich schon interessieren was Christen denn an Ihrer Religion angeblich nicht verstehen. Pauschale Behauptungen in die Welt setzen ist ein bisschen zu einfach, finden Sie nicht auch?

Herbert Blaha / 22.04.2016

Ob diese Formulierungshilfe angenommen wird? Ich habe meine Zweifel.

Judith Jannach / 22.04.2016

ja schön wärs ...aber das ist wunschdenken,,,

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