Ben Krischke, Gastautor / 09.04.2017 / 20:00 / Foto: Tim Maxeiner / 7 / Seite ausdrucken

Online-Tests: Hurra, ich bin ein Linker!

Von Ben Krischke.

In den vergangenen Monaten habe ich mich häufiger gefragt, welcher politischen Couleur ich eigentlich angehöre. Das ist nur menschlich. Egal ob konform oder rebellisch, revolutionär oder konterrevolutionär, man neigt einfach dazu, irgendwo dazugehören zu wollen. oder muss sich gezwungenermaßen irgendwo einsortieren oder einsortieren lassen.

Der Mensch ist ein Rudeltier. Und ganz ohne Gruppenzugehörigkeit - machen wir uns nichts vor - fühlt man sich manchmal einsam. Ja, man fühlt sich zuweilen wie eine Schnittlauch-Pflanze vom Discounter, die auf dem Fensterbrett einer ansonsten durch und durch unökologischen Studentenbude vor sich hin vegetiert. Da ist die Identitätskrise programmiert. 

Manchmal ist die Antwort, auf welcher Seite man steht, recht einfach. Ich bin durch und durch Bayern-Fan, was man mir zwar in anderen großen Fußballstädten gerne übel nimmt, aber in meiner - wie es neudeutsch so schön heißt - Peer-Group in München nur selten. Ich habe sogar Freunde, also so richtige, die durch und durch Fans von Borussia Dortmund sind, mir meine rote Seele aber dankenswerterweise zugestehen. Ich hatte sogar mal einen Kurzeinsatz als eine Art Pressesprecher für einen BVB-Fanclub, dem einer meiner besten Freunde vorsteht. Das nenne ich gelebte Toleranz.

Auch in anderen Bereichen bin ich ziemlich gefestigt: Ich rauche am liebsten gelbe Camel, gehe lieber ins Wirtshaus als in Bars, lieber ins Kino als zu Poetry Slams, trinke Ouzu, keinen Jägermeister, und im Kaffee brauche ich Milch und Zucker, sonst schmeckts nicht. Aus einem vielleicht überbordenden Männlichkeitsgefühl heraus (Ich habe den Grünen bereits eine Anfrage für eine Diagnose gestellt) gehe ich nicht zum Yoga, sondern spiele lieber Fußball. Ich fahre lieber Tram statt U-Bahn, trage vor allem Basics in schwarz, dazu immer Jeans. Ich mag keine Anzüge, aber Leinenhosen – das gestehe ich ganz offen – sind der absolute Knaller. Rote Beete igitt, rote Paprika super. 

Stammtische sind hierzulande eine sakrale Einrichtung

Ich bin gebürtiger Bayer und es kommt ja nicht von ungefähr, dass die Stammtische hierzulande eine sakrale Einrichtung sind. Gruppenzugehörigkeit und so. Dass ich im Allgäu geboren bin, also ein bayerischer Schwabe, ist weniger schlimm, weil ich den schwäbischen Dialekt weitgehend abgelegt habe. Nur neulich blickte mich meine Freundin erstaunt und zugleich verwirrt, vielleicht auch ein bisschen angewidert, an, als ich meinte: "Dann musst du deine Glotzbäbberlen halt aufmachen!". Der Spruch kommt von meiner Oma. Glotzbäbberlen sind Augen. Keine Garantie übrigens, dass man die Glotzbäbberlen tatsächlich so schreibt.

Kurzum: Eigentlich bin ich in meiner Persönlichkeit recht gefestigt. Nur die Sache mit der politischen Couleur gibt mir zu denken. Oder wie es der Philosoph Richard David Precht ausdrückt: "Wer bin ich und wen ja, wie viele?". Versuchen wir an dieser Stelle einmal, uns der Antwort auf die aktuelle Frage aller Fragen ganz offen und unvoreingenommen anzunähern.

Der erste konkrete Vorschlag kam von einem mir unbekannten Twitter-User. Der meinte, der Himmel weiß warum, ich sei ein "Rechtsextremist". Wikipedia schreibt: "Rechtsextremismus dient als Sammelbezeichnung, um neofaschistische, neonazistische oder ultra-nationalistische politische Ideologien und Aktivitäten zu beschreiben. Deren gemeinsamer Kern ist die Orientierung an der ethnischen Zugehörigkeit, die Infragestellung der rechtlichen Gleichheit der Menschen sowie ein antipluralistisches, antidemokratisches und autoritär geprägtes Gesellschaftsverständnis." Und weiter: "Politischen Ausdruck findet dies in Bemühungen, den Nationalstaat zu einer autoritär geführten Volksgemeinschaft umzugestalten. Der Begriff 'Volk“' wird dabei rassistisch oder ethnopluralistisch gedeutet"'

Ein Rechtsextremist scheine ich also nicht zu sein, sonst fände ich die autoritären Alleingänge der Kanzlerin ja mindestens super und die ganzen Zensurbehörden mit Heiko Maas als Zensur-Obermuffti auch. Fürs Protokoll: Der Autor wirft Angela Merkel und Heiko Maas keinen Rechtsextremismus vor. Es handelt sich lediglich um eine literarische Spitze, ein reines Stilelement. Danke für ihre Aufmerksamkeit.

Im Gespräch mit einem Kollegen, dessen Versuch einer Selbsteinordnung in den Begriff „linksliberal“ mündete, kam ich neulich auf die schöne Formulierung, ich sei vielleicht ein „moderner Konservativer“. Nun mag der ein oder andere einwerfen, das sei eine ähnliche Formulierung wie „stiller Schrei“ oder „helle Nacht“, ein Oxymoron also.

Ja, ihr Wiesn-Wirte, ich habe Euch auf dem Schirm!

Konservativ kommt von „konservare“, also von erhalten oder bewahren. Und bewahren will ich vielerlei: Zum Beispiel die Sicherheit, dass Recht und Gesetz immer gelten. Das Vertrauen, dass die Politik nur dann Veränderungen anstößt, wenn dadurch mittel- und langfristig nicht mehr Probleme, sondern weniger entstehen. Die Weitsicht, dass Utopien grundsätzlich zum Scheitern verurteilt sind. Das Wissen, dass Zeitgeist und Moden keine Gütesiegel sind. Schon gar nicht in der Politik. Und die Regel, dass in einer Maß Bier auch wirklich ein Liter Bier drin ist. Ja, ihr Wiesn-Wirte, ich habe Euch auf dem Schirm!

Und was macht mich – vielleicht – zu einem „modernen Konservativen“? Soll doch jeder lieben, wen er will. Tragen, was er will. Machen, was er will. Denken, was er will. Glauben, was er will Solange er das allen anderen auch zugesteht und mit seiner Weltsicht niemandem auf die Nerven geht. Und schon sind wir beim nächsten Dilemma angekommen: Das würde wohl jeder fordern, der das Prinzip der Demokratie – wirklich – verstanden hat. Da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt. Oder so ähnlich.

Gut, ich habe bereits gelernt, dass man sich auf einen einzelnen Twitter-User nicht verlassen kann und dass digitale Institutionen wie Wikipedia alles nur noch viel komplizierter machen. Also greife ich zum Nonplusultra des digitalen Zeitalters: Persönlichkeits-Tests online. Neulich schickte mir ein Freund einen Link zu so einem Test, mit dem man seine „politischen Koordinaten“ bestimmen kann. Eine gute Sache, dachte ich. Man bekommt zwar keine konkrete Antwort, aber doch immerhin eine erste Orientierung, einen Ansatzpunkt. Ich bin ja auch nicht von heute auf morgen zum Bayern-Fan geworden. Etwa 30 Fragen und zwei Camel später lautete das Ergebnis: „Sie sind ein linker Kommunitarist“.

Endlich bin ich vollwertiges Mitglied des Medienclubs

Betretenes Schweigen im Theater. „Hurra, ich bin ein Linker!“, entfuhr es mir dann lautstark. Endlich kann ich mit meiner Meinung ganz unbehelligt hausieren gehen, den Besserwisser geben, mich als vollwertiges Mitglied der Medienlandschaft betrachten, andere zensieren, in den „Kampf gegen Rechts“ ziehen, mich wieder auf die Straße trauen.

Da war er also, mein politische Ablassbrief, schwarz auf weiß. Wikipedia schreibt: „Der Ablassbrief bescheinigte dem Erwerber einen Ablass, das heißt den „Nachlass von auferlegten Strafen, die von dem Sünder nach seiner Umkehr noch zu verbüßen sind“. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Maas. Amen.

Test der politischen Koordinaten

Politischer Kompass - Wegweiser der Ideologien

Political Test

Politische Tests im Test

Wahl-O-Mat

Ben Krischke, Jahrgang 1986, lebt und arbeitet als Journalist und freier Autor in seiner Wahlheimat München. Er schreibt über Politik, Medien und die Schattenseiten der Political Correctness. Dieser Beitrag erschien zuerst auf seinem Blog hier.

Foto: Tim Maxeiner

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Leserpost (7)
Melanie Ell / 10.04.2017

Ich habe den Test auch gerade mal spontan durchlaufen (habe aber nur ne halbe Zig dafür gebraucht ;-) ), und musste belustigt zur Kenntnis nehmen, ich sei die Richtung “rechte Kommunitaristin”, zum Vergleich steht unten drunter “wie G. W. Bush R . Reagan”. Nun, das ist neu für mich. Ich traue auch diesem Test komischerweise nicht. Alleine schon die Frage zB “Sollte jedes Land, das in den Krieg zieht, erst die Staatengemeinschaft davor fragen?” (oder irgendwie so ...) Hätte Israel das jedes Mal gemacht, wäre das Land längst von der Landkarte ausradiert. Meine Antwort natürlich “Stimme nicht zu”. - Bumm, bin ich “rechts”. Sei’s drum. Wer weiß, welche 17-Jährigen Soziologie-Studenten diese Matrix entworfen haben ... ;-) Aber macht immer wieder Spaß, solche Tests oder Wahlomaten durchzugehen und sich hinterher das eigene “Ergebnis” anzuschauen. Frau fragt sich hernach immer amüsiert: Who the hell ist das Brain dahinter, mit welcher Lebenserfahrung und Intelligenz, denkt sich bloss sowas aus? Und kriegen die auch noch Geld dafür?!?

Anna Guarini / 10.04.2017

Was ist links? Links ist, wenn man gegen “Konservative” im eigenen Land die allumfassende Freiheit und die konstruktivistische, beliebige Formbarkeit des Menschen - selbstverständlich inklusive Genderismus - propagiert. Die totale Säkularisierung. Die totale Ablehnung aller Autoritäten (selbstredend ausser der oder den eigenen). Die universale Geltung der Menschenrechte in jedem noch so entfernten Winkel des Planeten. Die absolute Gleichberechtigung, sogar Bevorrechtigung, der Frau (Linke scheinen alle verheiratet zu sein). Und natürlich der Homosexuellen und aller anderen irgendwie -Sexuellen. - Oder halt, wie war das noch mal? Ist das nicht eher rechts? Oder war das früher links, jetzt ist es vielleicht rechts? HEUTE ist wohl eher links, wer sich den Teufel um Menschenrechte in der Welt kümmert - das ist Kulturimperialismus. Wer liebe Zeitgenossen mit tiefem Gottesglauben mit offenen Armen willkommen heisst. Wer deren merkwürdig altmodisch anmutende kleine Gewohnheiten wie Unterdrückung der Frau, Geschlechtsverstümmelung und Ablehnung von Homosexuellen und Genderismus als “zu tolerieren” ansieht. Wer ihren Glauben an totalitäre Herrscher irgendwo im Südosten als vernachlässigbare kleine geistige Verirrung ansieht, die nichts zur Sache tut. Wer auf einmal seine Liebe zu Verboten entdeckt (von Hatespeech im Internet bis zu Schweinefleisch in Kantinen). - Die können einen wirklich verwirren. Oder bin ich am Ende gar verrückt, dass ich das nicht verstehe? Oder sollten DIE etwa gaga sein??

Robert Lock / 10.04.2017

Hallo Liebe Achse, ich habe nun auch 3 Tests, die verlinkt sind, gemacht und oh wunder ich bin liberal-konservativ oder linksliberal. Na das nenn ich doch mal eine Erkenntnis :) Damit kann ich nun auch hausieren gehen. Linksliberal… wieder was über mich gelernt ;) Vielen Dank mal wieder für den Beitrag

Dr. Roland Mock / 10.04.2017

Ein feiner Artikel. Auch wenn ich einiges älter bin als Herr Krischke, nicht rauche und kein Bayer bin: ich finde mich in vielem wieder: Bin Rockfan, aber alles andere als links, fahre Fahrrad,  finde Grüne aber lächerlich (und fahre auch eines jener Autos, die von deren Klientel in Hamburg gern abgefackelt werden), kann dem Islam nicht viel abgewinnen, hasse aber diese Deutschtümelei der (vornehmlich) Ost-AfD-ler, bin in vielem eher “bürgerlich”, trage aber allzeit eher legere Kleidung etc. etc. Passe also in keine Schublade. Aber: Mache mir inzwischen genau daraus einen Spaß. Und was links und rechts betrifft: Links ist für mich all das was ich nicht mag: Ahnung von nix, aber sich für geistig elitär halten, Doppelmoral, Unbelehrbarkeit etc. etc. Rechts wiederum ist in der Wahrnehmung vieler ja eher rechts e x t r e m. Da für stramme Linke aber jeder (!), der nicht tickt wie sie, ein Rechter ist,, mache ich mir inzwischen den Spaß, Linken zu erzählen, ich ticke rechts. Nur um mich von deren verquerem Weltbild so deutlich wie möglich abzugrenzen. Da sie ja wissen, daß ich weder ein “Fascho” noch schwulenfeindlich, urböse oder sonstwas bin, für was die gemeinhin einen “Rechten” halten, macht sie das regelmäßig sehr ratlos.

Gertraude Wenz / 10.04.2017

“Soll doch jeder lieben, wen er will. Tragen, was er will. Machen, was er will. Denken, was er will. Glauben, was er will. Solange er das auch allen anderen zugesteht und mit seiner Weltsicht niemandem auf die Nerven geht.” Genau hier liegt der Schwach-und Knackpunkt, den der Verfasser-und da geht es ihm wie vielen anderen-ausblendet. Was geht jemandem auf die Nerven? Ab wann geht es jemandem auf die Nerven? Das sind doch sehr subjektive Sichtweisen. Schon darüber kann es Streit geben. Kann ich wirklich lieben, wen ich will, nur wenn ich gleiches Recht auch anderen Menschen zugestehe? Darf ich dann Kinder (erotisch) lieben? Darf ich wirklich machen, was ich will? Es gibt überall Grenzen, die man immer wieder vereinbaren muss. Eine Demokratie lebt von Streit und gegensätzlichen Meinungen. Nur so ist eine Entwicklung möglich und wird der Weg in eine Tyrannei verhindert.

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