Jesko Matthes, Gastautor / 02.09.2017 / 15:04 / Foto: D J Shin / 8 / Seite ausdrucken

Hilfe, mein Betriebssystem liest Achgut!

Von Jesko Matthes.

Erinnern Sie sich eventuell an die späten 1980er Jahre? Damals, als einen der Computer, sofern er denn ein IBM-kompatibler war, mit einem C:/ begrüßte, hinter dem freundlich ein Rechteck blinkte, der sogenannte „Cursor“? Manchmal dachte ich, der Name käme von to curse, fluchen, wenn ich solche Befehle wie mode con codepage versuchte, oder mit edlin die autoexec.bat oder config.sys verändert hatte – glücklicherweise hob DOS die alten Dateien auf, als autoexec.$ba und config.$ba. Mit cd A:/ und load sprang ratternd ein 5¼-Zoll-Floppy-Disk-Laufwerk an, und mit run begann dann der Spaß. Oder der Ärger.

Mit meinem Freund N., heute Internist in Berlin, stolzer Sprecher von sechs Sprachen, tippte ich stundenlang Seiten um Seiten seiner Promotion. Mit einem selbst ausgedachten jüdischen Witz zog ich ihn auf. Er: Warum kannst du mit dem Computer umgehen und kapierst jede Vorlesung schneller als ich?  Ich: Ich esse Schweinefleisch. Er: Ich doch auch. Ich: Ja, aber DU darfst nicht. Dann kam ein Anruf, der N. sofort im Bad verschwinden ließ. Aufgebrezelt und parfümiert erschien er danach, während der PC gerade abgestürzt war. Das war ein sehr wichtiger Anruf, grinste N., ist es zuviel verlangt, wenn du hier bleibst? Du weißt doch am besten, was du getippt hast. So wurde es eine lange Nacht für uns beide. Am nächsten Tag saßen wir todmüde in der Vorlesung. N. grinste immer noch, ein wenig mitleidig, und nun rächte er sich mit einem sehr deutschen Witz: Ich habe mehr Spaß gehabt als du. So ist das mit der Liebe. Zu Computern.

So wie mein Oberarzt P. aus der HNO des „Rudolf Virchow“ spielte ich in der wenigen Freizeit eines der ersten Adventures, das wenig jugendfreie und ebenso alberne Leisure suit larry in the land of lounge lizards. Larrys Aufgabe bestand darin, sich in Las Vegas mit leichten Mädchen zu amüsieren, kleinere Gaunereien zu begehen, einem weisen Guru spirituelle Interessen zu heucheln, die Spielbank zu sprengen, am Ende ein fettes Auto zu kaufen und in einer kitschigen Kapelle das Mädchen seiner Träume zu ehelichen - aber flott. Dann gab es ein zitternd gepixeltes Feuerwerk.

Nebenbei lernte man eine Menge amerikanische Slang- und Kraftausdrücke, so auch, was ein lubber ist; da will ich nicht ins Detail gehen, handelt es sich doch wirklich um einen labbrigen, am Ende lubrizierten Gegenstand. Mit dem man sich zumindest im Spiel nicht von der Polizei erwischen lassen sollte. Wir alle scheiterten auch lange am Guru, der irgendwie heiliges Wasser wollte, but not sparkling - „Perrier“? No „Perrier“. Die gerasterten Bildchen dazu waren lächerlich.

An der Spielbank scheiterten auch alle, bis ich auf die banale Idee kam, das Spiel auszutricksen, indem ich bei Gewinn jedes Mal den Spielstand abspeicherte. So wurde ich in einer Stunde zum Multimillionär. Das Spiel selbst wollte ausgetrickst werden, wie das Leben. Das gefiel mir.

DDR-Programm und angebissener Apfel

Am Ende allerdings verzweifelte mein Oberarzt, als er das Spiel gewonnen hatte. Der billige, freundliche Kopierschutz (er hatte eine Raubkopie) sprenkelte alle seine wissenschaftlichen Word-Dateien mit amerikanischen Kraftausdrücken, und es kostete ihn Tage, alles noch einmal gründlich zu lesen und zu reinigen. Immerhin hatte er so noch einige Tippfehler gefunden und fand die Sache fair. Er nahm mich mit in seinem alten Auto, und wir hörten Tom Waits, yesterday's here. Das sollte dann lange Zeit das Thema bleiben.

Wenig später saß ich an den Grafiken für meine eigene Promotion. Der kleine Matrixdrucker zuhause ratterte. Und: Der PC kannte keine Fehlerbalken, alles glatt wie ein Kinderpopo. Also nicht ehrlich. Der erste Lichtblick kam aus Berlin, Hauptstadt der DDR. Bereits 1987 hatte das immunologische Institut der FU Berlin unter meinem Doktorvater, dem kultivierten, eindrucksvoll lässigen, stillen Tibor Diamantstein einen Kooperationsvertrag mit der Charité, und Immunologen von dort durften „reisen“ – täglich nach Westberlin. Es kamen auch welche aus dem Zentralinstitut für Diabetes „Gerhard Katsch“. Und mein Freund P. von der Universität Warschau. Dem Kollegen V. aus der Charité klagte ich mein Leid. Kein Problem, sagt er, und er brachte mir am nächsten Tag eine Floppy-Disk, Marke ORWO, mit dem Statistik- und Grafikprogramm eikugraf, das die EDVler an der Charité selbst geschrieben hatten. Ich staunte. V. lächelte: Robotron ist IBM-kompatibel. Die Russen machen es doch genauso. Das läuft auch bei dir zuhause. Und das tat es; nun hatten alle meine Grafiken Mittelwerte, Standardabweichungen und Fehlerbalken. Selbst solche seltsamen Dinge wie den Chi-Quadrat-Test konnte das winzige Programm. Zum ersten Mal dachte ich ernsthaft, von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen.

Drüben in der Mikrobiologie bei Professor Hahn stand allerdings, auf dem Flur, ein Computer mit dem angebissenen Apfel. Und der las anstandslos die Grafiken, die das DDR-DOS-Programm produziert hatte; sie wurden anschließend geplottet. Von Stund' an sahen meine Grafiken richtig professionell aus. Auch das immunologische Team freute sich, entkorkte Sekt und machte sich zum x-ten Mal einen Spaß daraus, meinen japanischen Betreuer, Dr. O., mit einem einzigen Glas Sekt besoffen zu machen.

Den machst du mir wieder flott.

2002, mit durchaus flotten 73 Jahren, beschloss meine Mutter, auch noch mit dem Computer ins Geschäft zu kommen. Anlässlich einer Vortragsreise nach Magdeburg erstand ich für sie dort einen Laptop, der ihr fast so lieb wurde wie ihr kleiner Sohny. Allerdings gab er im Herbst 2011 den Geist auf. Ich wollte ihr einen neuen spendieren. Windows 7, mit allem Drum und Dran. Ich erntete den Protest der sparsamen Preußin. Apodiktisch legte sie fest: Den machst du mir wieder flott.

Aber, Mutter, konterte ich, der lief mit 1 GB RAM unter Windows 2000, kein Windows dieser Welt passt noch auf diesen Laptop. - Es war ihr egal. Sie hatte sich, als der Laptop noch lief, über Linux belesen: Bill Gates will nur an mir verdienen. Spiel mir Linux drauf. Ehrfurcht gebietend blickte Friedrich der Große auf mich herab, über den wir so oft diskutiert hatten, in KPM-Bisquitporzellan.

Spiel mir das Lied vom Tod, dachte ich, als ich mitsamt Laptop im Zug von Berlin nach Lüneburg saß. Das hätte ich nicht denken sollen.

Ich schlug mir bis zum nächsten Wochenende mehrere Nächte um die Ohren. Ich spielte Debian LXDE auf den Laptop. Dann zog ich mir „Skins“, die aussahen wie Windows, bis jeder Button dort saß, wo Mutter ihn gewohnt war. Am nächsten Wochenende nahm ich das Auto, und sie war wieder online. Leider nur noch für ein halbes Jahr. Dann ging Mutter offline. Für immer. Abschied von Preußen.

Jede Erinnerung ist geblieben, die Sehnsucht auch, das Heimweh nach einer Zeit. Und die Liebe zum Pinguin ist geblieben. Ich kann endlich wieder sehr wesentliche Dateien verändern, wie früher unter DOS, und dieselben Katastrophen genießen, mich durch Konsolen und Dateienbäumchen hangeln, Batchdateien schreiben, mich an Benutzerrechten abeseln, mir meinen Desktop lustig selbst einrichten, umständliche Startskripte schreiben und einen zwölf Jahre alten PC benutzen; das tue ich auch beim Schreiben dieses Texts. Die ständig fetteren Fenster und der angebissene Apfel sind bei mir rausgeflogen, dank Mama, achtkantig.

PC – political correctness? – Nee, persönlicher Computer. Linux passt zu mir. Linux ist herrlich frei, streng strukturiert, ohne sehr verschiedene Wege zu verbauen. Linux ist demokratisch. Linux macht mich nicht arm und Konzerne nicht reich. Linux ist nicht links oder rechts, Linux ist vernünftig. Es ist das Einfache, das schwer zu machen ist. Linux zwingt zu logischem Denken wie Latein. Linux lässt sich nicht kontrollieren, weil es von selbständig denkenden Menschen gemacht wird. Linux wagt, gegen den Mainstream anzustinken. 

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Leserpost (8)
Peter Zentner / 03.09.2017

Ach, Dottore! Sie sind der allererste Linux-Fan, der mir begegnet, ohne stets einen heißen Lötkolben neben dem geöffneten Computer und dem Keyboard zu haben. Man mag Bill Gates, Microsoft, Windows und Office “igitt!” finden — aber wenn Sie Daten mit der halben Welt austauschen müssen, scheitern Sie zwangsläufig an der weitgehend inkompatiblen Open-Source-Software, die “von denkenden Menschen gemacht wird”.  Es gibt gottlob einfachere Wege, gegen der Mainstream anzustinken, als sich tagelang mit insularen Algorithmen herumzuschlagen. (Ich weise bescheiden darauf hin, dass auch im medizinischen Datenverkehr die ultima ratio Windows heißt.)

Joerg Haerter / 03.09.2017

Ich glaube, Sie haben DOS mit Linux verwechselt, geblinkt hatte weiss auf schwarzem Grund:  C:\_ Immer noch leicht auf Windowsmaschinen nachzuvollziehen per Win-Taste+R und cmd + Enter. Und ich schreibe auf einem Windows 7 System, läuft problemlos. Nichts gegen Linux, aber denken Sie mal an Otto Normalverbraucher. Linuxbefehle? Die Eingabeaufforderung und das Terminal und andere Spezialitäten wie Treiberinstallation unter Linux sind Dinge für Nerds, nicht für den Normaluser. Seit XP läuft die ganze Windowsschiene recht ordentlich, ja ich weiss, Sicherheitslücken etc… Und nichts gegen Lubuntu, Kubuntu und weiss ich was für Distributionen, jedem das Seine. Und Windows 10 nehme ich nur, um auf dem Laufenden zu bleiben und auf dem Telefon, da läuft es gut. Böse Abstürze? Was ist das? Nicht gespeicherte Daten sind weg? Selber schuld. Meine Datensicherung mache ich immer auf Laufwerk C:, herzliches Beileid!

Joe Haeusler / 03.09.2017

Linux (Xubuntu) auf einem 2009er Consumer-Notebook, und es läuuuuft flüssig, und zwar (fast) ganz ohne Konsolengefrickel.  Unter dem Ursprungsbetriebssystem win 7 wäre das Ding längst in der Altgerätesammelstelle, da zu langsam. Die Updates für das Komplettsystem beanspruchen etwa 1/5 der Zeit eines Betriebssystemupdates beim Konkurrenten.  Das Upgrade nach 4-Jahren verlief völlig unproblematisch. Viele Programme für die Win Plattform laufen über den Emulator und zwar nicht langsamer.  Meinen Power-PC mit WIN10 brauche ich eigentlich nur für Dinge wie Rendering u. dgl.. Über Netzparasiten mache ich mir keinen Kopf, da noch nie betroffen. Und im Zweifelsfall wäre das System in kurzer Zeit platt gemacht und neu installiert. Ich habe einem älteren Computer-Newbie ein Low-End-NB geschenkt -  mit dem mitgelieferten Win 8.1 eine Katastrophe, mit Xubuntu brauchbar. In 14 Tagen beherrschte der Anfänger Surfen, E-Mail, Skype, Textverarbeitung und das Systemupdate. Der Einsatz von Linux ist für mich keine Glaubensfrage, sondern eine pragmatische Entscheidung.

T. Pohl / 03.09.2017

Mir zwar nicht so passiert, die letzten zwei Absätze kann ich jedoch vollständig bestätigen. Vor allem muss man sich nicht jedes Mal an neue Benutzerführung gewöhnen, ausser man benutzt Dinge wie LibreOffice, die von der Benutzung her aus der Windoof-Welt stammen.

Lukas Kummer / 02.09.2017

Seitdem Ubuntu entwickelt wurde hat sich die Frequenz mit der Hardware bei mir ausgetauscht wird, locker halbiert. Leider mochte ich den Unity Desktop nicht und bin auf Mint umgestiegen. Einfach nur toll was man alles machen kann. Die Community ist grossartig!

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