Hilfe, ein deutsches Bauwerk wird zu früh fertig!

Manchmal sind die Nachrichten, die es nicht gibt, besonders interessant. Als Beispiel nehme ich den Berliner Flughafen. Mir erscheint es wie eine Ewigkeit, dass man von diesem interessanten Projekt zuletzt was gehört hat. Die Vermutung, dass er möglicherweise im Jahr 2019 fertig wird, ist mir noch dumpf in Erinnerung. Aber dann? Ein möglicherweise vielsagendes Schweigen.

Was kann das Schweigen bedeuten? Setzt sich allmählich die Einsicht durch, dass der Flughafen wohl doch eine Fata Morgana ist? Dass seine Fertigstellung eine Illusion ist? Dass Berlin auch ohne die Vollendung dieses Vorhabens extrem sexy bleibt? Dass die Menschen auch ohne Flughafen auf Berlin fliegen?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass öffentliche Bauprojekte nun mal die Neigung haben, viel zu teuer und viel zu spät fertig zu werden. Der Kölner Dom hat bekanntlich mehrere Jahrhunderte bis zu seiner – vorläufigen – Fertigstellung benötigt. Verglichen mit der Dom-Story ist die BER-Story eine Kurzgeschichte. Ebenso die der Hamburger Philharmonie. Die ist inzwischen sogar fertig und zieht Neugierige von weit und fern an, um sie zu bewundern wie ein Panda-Baby, das nach endlosen Zeugungsversuchen doch noch das Licht der Welt erblickt hat.

Mit anderen Worten: Große Verspätungen und gewaltige Verteuerungen sind branchenüblicher Standard. Wer ein öffentliches Bauprojekt durchführen lässt, weiß, woran er ist. Es herrscht – auf eine begrifflich erweiterte Weise - Planungssicherheit. Und das wollen wir doch alle: Planungssicherheit.

Eine solche Hast ist unsolidarisch.

Nun aber hat mich eine Nachricht aus Augsburg aufgeschreckt. Dort wird zur Zeit eine neue Brücke über die Wertach gebaut. Die alte musste weg, die neue tritt an ihre Stelle. Kein Großprojekt wie BER, Philharmonie oder Kölner Dom. Aber man sollte so einen Brückenbau nicht unterschätzen. Und ich meine, dass man gerade es bei so einem vergleichsweise überschaubaren Projekt möglich sein sollte, eine solide Verspätung sicher einzuplanen.

Aber was ist? Auf einmal heißt es, die neue Wertach-Brücke werde vermutlich vor der Zeit fertig. Sie lesen richtig: vor der Zeit. Früher als gedacht. Nicht verspätet, sondern verfrüht. Also vor dem ins Auge gefassten Termin. Kurz gesagt: zu früh. Ich hoffe, ich habe das ausreichend klar gemacht. Ich finde diese Vorzeitigkeit höchst problematisch. Das ist ja fast so, als käme man eine halbe Stunde zu früh zu einer Dinnerparty und findet die Hausfrau noch in Schürze und Hausschlappen vor.

Ich weiß nicht, was sich die Augsburger dabei gedacht haben, dass sie die in weltläufigeren Kreisen übliche Verspätung einfach nicht einhalten. Handelt es sich womöglich um schwäbische Gschaftelhuberei? Wenn ja, dann halte ich das für ziemlich rücksichtslos gegenüber der großen Mehrheit, die von einer solchen Überpünktlichkeit nichts hält. Ja, ich möchte sagen: Eine solche Hast ist unsolidarisch. Sie verdirbt den Tarif. Und natürlich die Preise. Denn wer zu früh fertig wird, kann auch nicht teurer werden. Da tut sich ein ökonomischer Teufelskreis auf.

Nun höre ich immerhin, dass die Augsburger Verfrühung vielleicht nicht ganz so deutlich ausfällt wie zunächst gedacht. Die Brücke wird vermutlich nicht viel zu früh fertig, sondern nur ein bisschen zu früh. Die Hausfrau hat also womöglich schon die Schürze ausgezogen, aber immer noch die Schlappen an.

Das kann natürlich kein Trost sein. Zu früh ist zu früh, und das verstößt nun mal gegen die allgemeinen Sitten. Die Augsburger sollten in sich gehen und doch noch über Möglichkeit einer angemessenen Verspätung nachdenken.

Foto: Bundesarchiv/ Mehmet Sonal CC BY-SA 3.0 de via Wikimedia Commons

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

Leserpost (0)

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können wir meist nur während der ersten 24 Stunden nach Veröffentlichung eines Artikels annehmen.

Verwandte Themen
Rainer Bonhorst / 16.12.2017 / 10:28 / 5

Leben am Döner-Abgrund

Drei fehlende Stimmen haben den Döner gerettet. Anders gesagt: Das Aus für den Döner ist um Haaresbreite verfehlt worden. 373 Europaabgeordnete wollten ihn killen, 376,…/ mehr

Rainer Bonhorst / 11.12.2017 / 17:53 / 0

Ergebnisoffener Schreibversuch

Nach langer, kontroverser Debatte mit mir selbst, habe ich mich zögernd und mit einigen Bedenken entschlossen, diesen Text zu schreiben. Ursprünglich wollte ich ihn nicht…/ mehr

Rainer Bonhorst / 10.12.2017 / 16:00 / 8

Mein Wort des Jahres

„Jamaika-Aus“ als Wort des Jahres? Von mir aus. Dann haben wir auch gleich eins für das nächste Jahr: „Gro-Ko-Aus”. Oder gar „Merkel-Aus”? Meine Begeisterung für…/ mehr

Rainer Bonhorst / 06.12.2017 / 13:00 / 6

Die Rückkehr des Menschen?

In meinem Ort kündigt sich ein bescheidener, aber – wie ich finde – potenziell weltbewegender Vorgang an. Demnächst werden wieder leibhaftige Müllmänner unsere Mülltonnen persönlich…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com