Vera Lengsfeld / 12.06.2017 / 18:08 / Foto: dodmedia.osd / 6 / Seite ausdrucken

Heute vor 30 Jahren hielt Ronald Reagan die berühmte Berlinrede. Eine Würdigung

Touristen und Passanten staunten heute, am 12, Juni um 11 Uhr nicht schlecht, als plötzlich die Stimme Ronald Reagans über den Pariser Platz schallte. Am historischen Ort, wo der amerikanische Präsident vor dreißig Jahren seine Rede im noch geteilten Berlin hielt, stand ein lebensgroße Pappfigur, der Originalton kam vom Band. Diese Aktion zur Erinnerung an eines der bedeutensten Ereignisse der Stadt, war die Tat eines Einzelkämpfers, der sich „Waldprediger von Eberswalde“ nennt. Er hatte sich vor Monaten an den Regierenden Bürgermeister von Berlin Müller (SPD) gewandt, um zu erfahren, was die Stadt anlässlich des Jubiläums plant. Die Antwort war, dass die Stadt keinen Anlass sieht, Reagans zu gedenken. Sie hätte das schon häufig genug getan.

Die Reaktionen der Menschen am Brandenburger Tor waren Erstaunen, aufflammendes Interesse und Freude. Im Jahre 1987 beim 750-jährigen Stadtjubiläum Berlins, feierten die beiden Stadthälften noch getrennt. Der hochrangigste Gast, der auf Einladung West-Berlins die Stadt besuchte, war der US-amerikanische Präsident Ronald Reagan. Das versetzte die Staatssicherheit der DDR in höchste Unruhe. Sie aktivierte etliche ihrer Quellen in West-Berlin, um im Vorfeld alles über den Besuch in Erfahrung zu bringen. 

Schon in den Tagen vor Reagans Besuch gab es in der Hauptstadt der DDR jede Menge Ärger. Es war kurz zuvor in Mitte bereits zu „Provokationen feindlich-negativer Kräfte“ gekommen. Nahe der Mauer hatten zahlreiche Jugendliche versucht, ein  dreitägiges Rockkonzert, das  vor dem Reichstag stattfand, mitzuhören. Volkspolizei und Stasi gingen massiv gegen die jungen Rockfans vor. Es kam zu einer regelrechten Prügelorgie. Die Jugendlichen reagierten mit Sprechchören wie „Die Mauer muss weg!“. Es war das erste Mal, dass dieser Ruf in der Öffentlichkeit aus hunderten Kehlen schallte.

Nun drohte neues Ungemach wegen der Reagan-Rede. Ich sprach mit zwei Männern, die mir erzählten, wie sie vor dreißig Jahren versucht hätten, dem Brandenburger Tor möglichst nahe zu kommen, um Reagan wenigstens aus der Ferne zu hören. Aber am Volksbildungsministerium, heute beherbergt das Gebäude Abgeordnetenbüros des Deutschen Bundestages, war Schluss. Zusätzlich zur Betonsperre, die vor dem Pariser Platz aufgebaut war, hinter der man das Brandenburger Tor von ferne betrachten konnte, war eine Kette von Volkspolizisten aufgestellt. Männer in Zivil beobachteten genau, wer sich der Absperrung näherte und kontrollierten alle, die es wagten. Auch meine Gesprächspartner wurden befragt. Sie konnten aber überzeugend darlegen und beweisen, dass sie aus dem damaligen „Tal der Ahnungslosen“, die Gegend hinter Dresden stammten, wo der Empfang von Westfernsehen immer noch schlecht war. Sie kamen mit dem Hinweis, sich zügig zu entfernen, davon. Weniger Glückliche, das konnten sie beobachten, wurden zu Lastkraftwagen geführt, die in der heutigen Behrenstraße standen.

Als realitätsfremd gescholten, aber recht behalten

Schon sechs Wochen vor dem Eintreffen des amerikanischen Präsidenten, hatte der "Maßnahmeplan" der Staatssicherheit zum Besuch vorgelegen. Es wurden Inoffizielle Mitarbeiter (IM) und weitere Quellen beauftragt, Informationen zu sammeln, vor allem bei der West-Berliner Polizei, den alliierten Streitkräften und dem Verein ehemaliger DDR-Bürger. Es kamen etliche Sicherungs-IM (SIM) zum Einsatz, IM, die geheimdienstliche Aktivitäten abzusichern hatten. Federführend  war die Abteilung XXII/1 des MfS, die für die Terrorabwehr zuständig war. Im Stasiarchiv liegen Fotos, die den Menschenauflauf im Osten, den die Staatssicherheit so fürchtete, zeigen. Terroristen waren nicht darunter.

Die waren eher in Westberlin zugange. Linksradikale hatten am Vorabend der Reagan-Rede Teile von Kreuzberg verwüstet. Deshalb sagte Regean, abweichend vom Redemanuskript an die Linksradikalen gewandt: „Ich frage mich, ob Sie sich je darüber Rechenschaft abgelegt haben, dass es unter einer Regierung, wie Sie sie anscheinend anstreben, niemals wieder jemandem möglich wäre, das zu tun, was Sie gerade tun.“

Reagan wandte sich aber nicht nur an die Westberliner, sondern auch an den sowjetischen Staats-und Parteichef Michael Gorbatschow. Ob er von den Rufen der DDR-Jugendlichen gehört und sie als Blaupause benutzt hatte, wissen wir nicht. Er sprach jedenfalls die legendären Worte: „Mr. Gorbatschow, open this gate, tear this wall down“.

Er wurde in der deutschen Presse dafür als mindestens realitätsfremd gescholten, behielt aber gegenüber seinen Kritikern recht. Danke, Ronald Reagan!

Foto: dodmedia.osd via Wikimedia Commons
Leserpost (6)
Dirk Jungnickel / 13.06.2017

Danke, Vera Lengsfeld, dass Sie diesen Tag würdigend ins Gedächtnis rufen. Als damaliger Neubürger in Berlin - West hatte ich das Vergnügen dieses Ereignis auf der besseren Seite des Brandenburger Tores erleben zu können. Allerdings gelang es mir nicht in die Nähe desselben zu kommen. Linke Chaoten randalierten schon am Ku’damm, so dass kein Durchkommen war. Niemals werde ich vergessen, dass plötzlich Betonplatten von mehrstöckigen Häusern auf Polizisten geworfen wurden. Einer Anti - Reagan - Protest - Platte konnte ich gerade noch ausweichen.  Dirigiert wurde das Ganze über ein überdimensionales Talkie - Walkie von einer gewissen Jutta D. aus der Deckung eines Hauseinganges heraus.  Ein Schlüsselerlebnis sozusagen. Sie verschont uns glücklicherweise seit einigen Jahren von ihrer Präsenz. Aber Nachfolgerinnen im Geiste werden jedem selbst einfallen .... (korrigierte Fassung)

Roland Richter / 13.06.2017

Liebe Frau Lengsfeld, nicht ganz zeitgemäß Ihr Beitrag. Heute gibt es wirklich andere Probleme als die hier aufgezeigten. Und mal ehrlich, ob Reagan, Obama oder Trump, die Amis denken immer an sich selbst zuerst. Und mal ehrlich, ob Reagan, Obama oder Trump. die Amis halten Bomben auf Zivilisten für das beste Argument.

M. Karcher / 13.06.2017

Reagan war der beste Präsident zu meinen Lebzeiten

Klaus Blankenhagel / 13.06.2017

Ich war Zeuge dieser Rede.

J. Straten / 13.06.2017

Danke Vera, daß Sie daran erinnern.

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