Thilo Schneider / 22.02.2018 / 06:18 / Foto: Bene16 / 30 / Seite ausdrucken

Herr Gedeon stolpert

Regine Bamberger wurde 1880 in Braunsbach geboren. Ihr letzter Wohnsitz vor der Deportation war die Platanenallee 5 in Aschaffenburg, von wo sie nach Kraśniczyn deportiert und ermordet wurde.

Inge und Werner Baumann, geboren 1930 und 1926 lebten, liebten und stritten in der Fabrikstraße 4, gleich neben dem Schöntal-Park. Sie wurden am 23.4.1942 nach Kraśniczyn verbracht und dort umgebracht.

Julius Stenger, ein Kaufmann, geboren 1877 und zuletzt wohnhaft in der Schillerstraße 68, wurde wegen des „Hörens von Feindsendern“ von seinen Nachbarn denunziert und brachte sich in Gestapo-Haft am 3. Oktober 1940 um.

Friedel Heymann, geboren 1919, aus der Freundstraße 20, war Wehrmachtsoffizier und wurde kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner wegen „Fahnenflucht und Wehrkraftzersetzung“ am 28.3.1945, drei Tage nach seiner Hochzeit, vor der Gaststätte „Wurstbendel“ von einem „fliegenden Standgericht“ an einem Laternenpfahl gehenkt.

Woher ich das weiß? An sämtlichen Orten liegen sogenannte „Stolpersteine“ im Asphalt. Tagsüber hasten Menschen vorüber oder darüber, nur die wenigsten lassen ihren Blick darauf fallen.

Aber die, die es tun, sehen sie mit etwas Phantasie. Inge und Werner beim Spielen mit ihren Freunden, beim Packen ihrer kleinen Koffer und wie sie mit Regine Bamberger morgens in aller Frühe hinter den Raum an der Sandkirche geführt werden. Dort stehen schon die LKW und ich nehme an, die nicht einmal unfreundlichen LKW-Fahrer und Polizisten halfen ihnen, die LKW zu besteigen. Manchen von ihnen dürfte bang gewesen sein, andere nahmen ihr Schicksal wohl als „unausweichlich“ hin, Inge und Werner waren vielleicht sogar etwas aufgeregt, weil ihnen die Eltern versichert hatten, es gehe „auf so eine Art Landfahrt“. Ein paar redliche Bürger meiner Stadt haben vielleicht den kleinen Treck mit Leuten gesehen, die mit Rucksäcken und Koffern in aller Herrgottsfrühe durch die Innenstadt liefen, und sich wahrscheinlich gedacht, dass „die jetzt irgendwohin in den Osten gebracht werden“ und sich wieder schlafen gelegt. Waren ja Juden, da war das ja klar.

Plötzlich entfalten sich Geschichten der Menschen

Der ein oder andere sieht vielleicht auch Julius Stenger, der aus dem zweiten Stock des Schlosses springt und auf dem Asphalt aufschlägt. Oder er sieht den verwundeten Leutnant Heymann, der sich möglicherweise ja selbst nichts dachte, als seine Nachbarn über Nacht verschwanden. Zumindest, bis ihm in der total zerbombten Stadt vor einer Menschenmenge das Verwundetenabzeichen, die Eisernen Kreuze 1. und 2. Klasse und die Schulterstücke weggerissen wurden. Er durfte sich als Feigling und Verräter beschimpfen lassen, während die amerikanische Artillerie in der Ferne schon zu hören war. Dann haben ihn seine ehemaligen Kameraden publikumswirksam umgebracht.

All das wissen die, die sich mit den Stolpersteinen in ihrer Stadt beschäftigen. Es ist gar nicht einmal so schwer und aufwändig, Geschichte zu recherchieren: sich vor einen Stein stellen, „Stolpersteine in Aschaffenburg“ im Smartphone in Wikipedia eingeben und schon entfalten sich die Geschichten der Menschen, die bis hierher nur dürre Namen auf einem goldenen Pflasterstein waren. Und selbst wer glühender Antisemit ist (ich kenne da aber niemanden persönlich), kann sich über ein paar Links die rein arischen und volksdeutschen Bombentoten aus dem gleichen Gebäude anzeigen lassen und auf die „verdammten Amerikaner und ihre zionistischen Handlanger“ schimpfen, wenn er dumm genug dazu ist.

Ich finde sie gut, die Stolpersteine. Denn sie erinnern mich daran, was durch Gleichgültigkeit, Feigheit, Dummheit und Hass Menschen anderen Menschen antun, wenn die „schweigende Mehrheit“ aus Angst oder Bequemlichkeit nicht den Mund aufmacht oder lediglich die Schultern zuckt. Und wenn ein Staat als solcher komplett versagt, weil es keine Gewaltenteilung mehr gibt.

Hinter den Skiern von General Dietl verstecken?

Ich bin da allerdings auch einer anderen Meinung als der Landtagsabgeordnete Wolfgang Gedeon von der „Alternative für Deutschland“, der eigentlich sogar seinen eigenen Kameraden zu rechts ist und ihnen trotzdem wie ein Pickel am Hintern klebt. Herr Gedeon ist nämlich der Ansicht, dass es „angemessenere Arten des Gedenkens“ gibt, und zwar „im Rahmen von Gedenkstätten, von denen wir hier genügend haben“. Ob ihm da wohl, außer Berlin, eine Gedenkstätte einfällt, die er gerne besucht?

Denn Herr Gedeon ist schon etwas entrüstet, dass „die Initiatoren ihren Mitmenschen eine bestimmte Erinnerungskultur aufzwingen und ihnen vorschreiben, wie sie wann wessen zu gedenken hätten“, und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Herr Gedeon die ermordeten Juden, gemeuchelten „Volksschädlinge“ und „feigen Deserteure“ am liebsten im Geschichtskeller hinter den Skiern von General Dietl, dem  Wintermantel von General Paulus und den orthopädischen Schuhen von Josef Goebbels verstecken will.

Aber vielleicht bin ich da zu dem guten Menschen Wolfgang Gedeon ja auch zu hart, denn immerhin schickt er, ganz gedenkensensibel, seiner erregten Mahnung voraus, dass „schon die Art dieses Gedenkens fragwürdig ist. Trampeln doch täglich hunderte von Menschen über Steine mit Opfernamen, ohne auch nur im Entferntesten daran zu denken, um wen oder um was es hier geht.“

Man soll sich nicht schuldig fühlen. Aber verantwortlich.

Hier in Deutschland nennen wir so ein Feigenblatt-Vorwort „nice try“. Doch: Ich bin mir ziemlich sicher, wer nicht gerade komplett behämmert oder der deutschen Sprache nicht mächtig ist, weiß sehr sehr genau, „um wen und was es hier geht“.

Es geht hier nämlich, unter anderem, um Befindlichkeiten von geistigen Querschlägern, deren Geschichtsempfinden zwischen 1933 und 1945 etwas – nennen wir es freundlich – „lückenhaft“ ist, und die sich bis heute nicht vorstellen können, dass ein Staat seine Bürger industriell in einem Massenmord vernichtet. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Und jetzt kommt es, Obacht, Gedeons dieser Republik (oder, besser: „Achtung!): Man kann durchaus vor einem Stolperstein stehen, ein Eis essen, Geschichte lernen und sich trotzdem nicht schuldig fühlen. Aber verantwortlich. Dafür, dass so eine verdammte Schweinerei nicht noch einmal passiert. Nicht hier und jetzt und da, wo wir freien Bürger dies verhindern können. Und genau dazu, damit es keine Stolpersteine mehr geben muss – genau dazu sind sie da.

Das mag Herrn Gedeon und anderen „Schuldkultgeplagten“ mit zu Recht schlechtem Gewissen nicht schmecken – ist aber persönliches Einzelschicksal. Darauf kann die deutsche Volksgemeinschaft keine Rücksicht nehmen. Schade jetzt auch. Sie dürfen jetzt nach hinten in die Vergessenheit wegtreten.

P.S.: Man mag zu Ernst Thälmann stehen wie man will – was nichts an der Tatsache ändert, dass er umgebracht wurde, weil er „die falsche Meinung“ hatte. Mord bleibt Mord.

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Leserpost (30)
Marcel Seiler / 22.02.2018

Ich hingegen bin gegen die Stolpersteine. Ich lehne Wolfgang Gedeons Antisemitismus ab, unterstütze Israel mit ganzem Herzen, leugne den Holokaust nicht, habe sehr gut jüdische Freunde und finde die Stolpersteine verkehrt. Es gibt auch einen Schuldkult. Man kann sich nicht für den Holokaust “verantwortlich” fühlen, ohne sich schuldig zu fühlen, das ist schizophren. Man sollte die materiellen und geistigen Ursachen des Holokaustes, die in der deutschen Geschichte und im deutschen Selbstbewusstsein wurzeln, sehr genau untersuchen. Aber Stolpersteine? Nein. Sie sind eine Flucht vor der harten seelischen Arbeit deutscher Selbsterkenntnis in Sentimentalität.

Andreas Rochow / 22.02.2018

Nichts gegen die Stolpersteine, die ich genau so erlebe wie Sie, Herr Schneider: Als Anlass zum Innehalten und zu einem vertieften Gedenken. Als Sie beginnen, sich reflexhaft an dem greisen Herrn Gedeon abzuarbeiten, der seinen bizarren Unsinn lebenslang ohne die AfD produziert hat, kommt bei mir allerdings das Gefühl auf, die Stolpersteine sollen nun auch zum AfD-Bashing instrumentalisiert werden. Breitenwirksamkeit gewinnt der Kauz nur durch die aufgescheuchten Großmedien und Beiträge wie den Ihren. Lesen Sie Broders Buch “Vergesst Auschwitz” und sie kommen mit einer Entkrampfung des Gedenkens seiner Hysterisierung als Reaktion auf Figuren wie Gedeon zuvor! Ich bin sicher, dass es jede Menge Leute gibt, die sich ärgern über Stolpersteine; die dürfen sich auch äußern (Meinungsfreiheit!), haben aber im Zweifelsfall nichts zu sagen (Demokratie!).

Roger Mathewes / 22.02.2018

als ich nach Israel fuhr, tat ich dies mit einem mulmigen Gefühl. Aber ich wurde überrascht, nicht einer der mir gegenüber unfreundlich war weil ich Deutscher war. Alle waren freundlich und normal, nicht einer der mir einen Vorwurf machte. Und ich war bestimmt als Deutscher zu erkennen. In einem Laden zum Beispiel haben wir umständlich versucht zu erklären, was wir wünschten. Der alte Herr sagte dann in tadellosem Deutsch “Mensch Jungs, könnt ihr nicht Deutsch reden”.

Manfred Müller / 22.02.2018

Diesen Artikel zu schreiben, hat mit Sicherheit Mut und Courage erfordert. Dem allseits beliebten und von der Zivilgesellschaft gefeierten Herrn Gedeon die Stirn zu bieten, das ist wahres Gegen-den-Strom-schwimmen. Außerdem offenbart der Artikel überraschend neue Aspekte, die dem geneigten Leser interessante Einblicke und Perspektiven eröffnen. Schließlich ist er sprachlich ein kleines Meisterwerk. Genau das ist es, was ich erhoffe, wenn ich die Achse besuche. So etwas würde man niemals in der Zeit oder sonstwo in der Mainstream Presse lesen. Herr Schneider, Dank Ihnen werde ich eines Tages wieder FDP wählen.

Thomas Weidner / 22.02.2018

Nur eines haben Sie vergessen, Herr Schneider: Diejenigen, welche so heftig den “Schuldkult” pflegen, sind zu einem nicht geringen Teil auch diejenigen, welche heute Israel bzw. die Juden in absolut unsachlicher und unfairer Weise angehen, dass man schon nicht mehr von “Kritik” sondern eher von “Niedermachen” sprechen muss. In diesem Zusammenhang sei an den Artikel von A. Wendt “Die SPD und der Staat der Juden” erinnert. Für mich gibt es hier eine Korrelation,  nämlich die zwischen Schuldkultpflege, Muslim- bzw. Islam-Affinität und Antijudaismus - als wären das zwei Seiten der gleichen Münze. Und ob da eine Kausalität dahinter steckt und ggf. wie geartet, sollte dringenst untersucht werden.

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