Wolfgang Röhl / 07.01.2008 / 20:48 / 0 / Seite ausdrucken

Heraus zum roten Januar!

Was Besucher auf dem Rosa-Luxemburg-Kongress am 11.1. in Berlin erwartet
Es gibt sie noch, die doofen Dinge. Die Berliner Zeitung „Junge Welt“ organisiert seit 1996 jedes zweite Januarwochenende eine „Rosa-Luxemburg-Konferenz“, das „Neujahrstreffen der Linken“ (Eigendefinition). Hier treffen sich die, welche die „Macht- und Eigentumsfrage“ stellen, im Unterschied zu den Systemstrolchen von der SPD. Hier benutzen sie noch hinreißende Formulierungen aus dem Fundus des eingegangenen Agitpropzirkus wie: „Nach vollbrachter Wühlarbeit gegen den Sozialismus ging er…“  Die Mensa der TU Berlin, Januar 2007. Junge Palästinenserfeudelträger wieseln rum, als sei es anno ´72. Stasi-Rentner mit angeklatschten, nach hinten gebürsteten Haaren im Stil der Fünfziger tragen Schlipse zu schwarzen Lederjacken. Ein paar aufgebrezelte Kurzhaarfrauen, Typ Soziologinnen mit Lehrstuhl für Gender-Mainstreaming, sind auch da. Hier können sie für ein paar Stunden altlinken Erinnerungen nachhängen, bevor sie sich mit der FAS unterm Arm in ihre Sechs-Zimmer-Altbauwohnungen in Prenzlberg zurückziehen…

Ein paar dilettantisch gefärbte Punker-Würstchen mit Nazi-Springerstiefeln komplettieren das Spektrum. Aber da sind auch immer noch die Pärchen, die unbeirrt vom Politgequake in den dunkleren Ecken der Mensa knutschen. Wie einst im roten Mai. Wie tröstlich! Egon Krenz dreht seine Runden, Schulter klopfend begrüßt von Artgenossen. Für die Veteranen des DDR-Unterdrückungsapparates ist der Kongress eine große Wärmestube. Der zerfurchte West-Mime Rolf Becker, Prototyp des linken Salonextremisten, fordert mit angenehmer Stimme Freiheit für den RAF-Terroristen Christian Klar und den verurteilten amerikanischen Polizistenmörder Mumai Abu-Jamal. Letzterer ist neben Hugo Chavez seit ein paar Jahren der neue Darling im Kasperletheater der Linken. Poster vom „hingerichteten rechtmäßigen Präsidenten des Irak“ und dem Schlächter Milosevic (jeweils zwei Euro) werden auf Tapetentischen feilgeboten. Ein ETA-Mann geht um. Bush ist Satan, Merkel Luzifer. Der wohlige Mief des Antiamerikanismus wabert durch die Gänge.

Sonst hat sich bei den Orthodoxen nicht viel verändert seit gefühlt 100 Jahren.

Immer noch der olle Wader-singt-Arbeiterlieder-Muff, Kittner-Kabarettplakate, Aufrufe „Against US-Terrorism“, Cuba sí!-Sticker, T-Shirts mit dem Ché-Porträt. Auf den linken Nierentischen im Foyer die traditionellen Staubfänger: Rosa Luxemburg, Lenin, MEW, Titel wie „Warum wir im Prager Frühling die Russen zu Hilfe riefen“.  Alle altbekannten Zombies sind da. Und zwar sauber, freundlich, gesittet. Und mit Disziplin! Keiner raucht, schon gar keiner kifft. Ein, höchstens zwei Cuba libre sind für die meisten das Limit am Stand der kubanischen Genossen. Abfall werfen sie in die Trennbehälter der Mensa. Die Tagesordnung wird auf die Minute eingehalten.

Bei den Debatten im großen Hörsaal sitzen die Teilnehmer artig im Plenum vor Namensschildern und beklagen, dass sich die Linke nie einig sei, das ewige Lamento. Beiträge aus dem Publikum wären technisch darstellbar, sind aber unerwünscht. Das wird vom vorsitzenden Stalinisten gleich zu Beginn klar gestellt. Die üblichen Spruchblasen können sie ebenso gut Podium aus aufsteigen lassen: „Soziale Gerechtigkeit ist die Grundlage….(PDS-Frau Gesine); „Wir stehen für die Aktionseinheit. Eines Tages wird es…breitestmögliche Bündnisse…“ (Rotfuchs-Lektor Klaus); „Und fehlt eine linke Radikalität…(FU-Teilzeitprof Peter); „Auf keinen Fall mit imperialistischen Kräften zusammen arbeiten…“ (Antifa-Andrea); „Bündnisse gegen den sozialen Kahlschlag….(ver.di-Hermann).

Am DDR-Nostalgiabedarfsstand erklärt einer im quietschblauen FDJ-Polyesterhemd anhand von Trabi-Modellen, warum das volkseigene Käfer-Surrogat diese komische Farbgebung hatte. „Wir kamen an die juten Farben uffm Weltmarkt ja nicht ran, wa. Da hatte ja der Ami seine Krallen drauf, wa. Det war wie heute noch in Kuba, wa.“

Der Mann am Stand verkauft auch T-Shirts mit den Konterfeis von Marx, Engels, Lenin; Oktoberclub-CDs, Vroni-Fischer-Platten, alte DDR-Filme, Plaste-Eierbecher, Ata-Scheuerpulver. All die niedlichen Gartenzwerge für die Vorgärten der Systemüberwinder. Demnächst vielleicht bei Manufactum-Ost.

Tags darauf Latschdemo auf der Frankfurter Alle. Es gibt den DKP-Block, den Antifa-Block, den Sozial-Block, den Jugend-Block. Auf den Fahnen die Rosa und der Karl; Marx, Engels, Lenin und Ché, der mörderische James Dean der Linken. Auf Bannern die Parole: „Karl und Rosa, unsere Zukunft“. 

Hier erhält er eine neue Bedeutung, der Begriff „Ewiggestrige“.

Ein Videowagen der Polizei ist angerückt, sowie ein achtköpfiges „Antikonflikt-Team“, das nichts zu tun bekommt. Keiner randaliert. Geduldig trampeln die werktätigen Massen (ca. 1000 Menschen) auf Höhe des „Happy Grillo“ sich die Füße warm, hinter dem Zentralbanner „Luxemburg Liebknecht Lenin/Niemand ist vergessen/Aufstehen und widersetzen“. Ein Sangesorgan, das Ernst Bush zu imitieren sucht, aber schwer nach Heino klingt, beschallt die Szene mit dem „Einheitsfrontlied“. Ferner erklingt „Solidarity forever“ nach der Melodie „Glory, glory Hallelujah“.

Das sind die Typen, vor denen uns unsere Eltern niemals gewarnt haben. Die sich eine Bahnsteigkarte kaufen würden, bräche in der Metropole unversehens die Revolution aus. Endlich gibt einer am „Happy Grillo“ die Zwischenstandsmeldung durch: „Wir müssen noch etwas Geduld haben, Genossen. Die Ampeln sind noch nicht durchgeschaltet.“

Da zittern sie aber, die morschen Knochen des Turbokapitalismus.

Hinweis: Die RLK steigt am Samstag, den 12.1. 08 im Berliner Urania-Haus, An der Urania 17. Für 13 Euro Eintritt gibt´s einen ganzen Tag lang Realsatire auf allen Bühnen. Unter anderem liest ein Genosse vom „Verein der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten (VVN/BdA) Texte des „politischen Gefangenen Christian Klar“.

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