Walter Krämer / 10.10.2017 / 06:15 / Foto: Maximilian Dörrbecker / 8 / Seite ausdrucken

Hektoliterweise Innumeratentum

Nach Angaben des Robert Koch Instituts erkrankten von 2001 bis 2010 insgesamt 15 Menschen in Deutschland an der Cholera, pro Jahr anderthalb. Dann erkrankten in einem Jahr einmal drei, worauf verschiedene Medien warnten, die Choleragefahr habe sich verdoppelt.

Neben einer Missachtung von Zufallsschwankungen illustriert diese Meldung das häufige Verwenden von relativen Risiken zum Aufblasen von Nichtigkeiten aller Art. Ein weiteres Beispiel ist ein seitens der Weltgesundheitsorganisation ausgelöster Medienwirbel um die Gefahr von Wurst: Laut WHO wird das Risiko für Darmkrebs mit dem täglichen Konsum von 50 Gramm von verarbeitetem Fleisch wie etwa Wurst um 18 Prozent erhöht. Fünf von hundert Nicht-Wurstessern erkranken irgendwann an Darmkrebs, bei Wurstessern sind es sechs, also ein Prozentpunkt mehr. Oder man nehme eine Meldung von Sommer 2017, fettarme Milchprodukte vergrößerten das Risiko für Parkinson um 34 Prozent: Mit und ohne fettarme Milch bleibt das absolute Risiko immer unter 1 Prozent.

Die Häufigkeit solcher irreführenden Interpretationen von Zahlen, Fakten und Statistiken war der Anlass für die Aktion "Unstatistik des Monats" (www.unstatistik.de.) Sie besteht seit März 2012 und weist allmonatlich auf einen besonders ärgerlichen Missbrauch hin. Eng verwandt mit der Geiselnahme hoher relativer Risiken zur Verzerrung der wahren Gefahr für Leib und Leben ist etwa die beliebte Praxis, allein aus der Existenz von Gift- und Schadstoffen eine Gefahr für die Gesundheit abzuleiten.

In der kürzlichen Eier-Fipronil-Hysterie etwa scheinen viele Schreiber und Leser von Panikmeldungen zu vergessen, wie viele „verseuchte“ Eier man täglich essen müsste, um durch Fipronil gesundheitliche Schäden zu erleiden: mehrere hundert, nach Meinung von Experten, die es wissen müssten. Hierher gehört auch die republikweite Aufregung um Glyphosat im Bier: etwa ein Hektoliter glyphosathaltigen Bieres wäre nötig, damit das Gift erste Wirkungen zeigt. Auch diese Gefahrenwarnung wurde als "Unstatistik des Monats" ausgezeichnet.

Eine weitere nie versiegende Quelle von Falschmeldungen sind bedingte Wahrscheinlichkeiten: 40 Prozent aller bei Unfällen getöteten Autofahrer trugen keinen Sicherheitsgurt, meldete einmal der ADAC, ganz offensichtlich in der Absicht, Menschen zum Anlegen des Gurtes anzuregen. Aber 60 Prozent der Unfalltoten trugen doch einen Sicherheitsgurt! Nach dieser Logik müssten die Dinger also lebensgefährlich sein.

Bruchrechnung brachte keinen Überlebensvorteil

Hier ahnen auch mathematisch eher ungebildete Zeitgenossen, dass die Warnung vor Sicherheitsgurten durch die oben dargelegten Fakten nicht gerechtfertigt ist. Aber nur allzu oft führt diese Verwechselung von bedingtem und bedingendem Ereignis zu Falschmeldungen aller Art, etwa dass Inlineskaten für Kinder besonders gefährlich sei. Ist Inlineskaten für Rentner ungefährlich?

Die ergiebigste Quelle für Unstatistiken ist und bleibt aber das ungerechtfertigte Gleichsetzen von Korrelation und Kausalität. Im vergangenen Bundestagswahlkampf etwa versuchte die SPD in der Gerechtigkeitsdebatte mit der These zu punkten, Frauen verdienten 21 Prozent weniger als Männer. Das mag zutreffen, aber doch nicht, weil sie Frauen sind! In vergleichbaren Berufsgruppen verdienen Frauen in der Tat im Durchschnitt etwas weniger als Männer, aber nicht 21 Prozent, sondern nur 5 Prozent. Und im öffentlichen Dienst mit seinen starren Gehaltsschemata ist Geschlechterdiskriminierung bei der Entlohnung ohnehin schon seit langem kein Thema mehr.

Es bleibt die Frage, warum dergleichen Fehlurteile nicht auszurotten sind, warum Kinder, die mit sechs  Jahren die kompliziertesten Regeln der deutschen Grammatik beherrschen, 30 Jahre später den gröbsten Unfug verbreiten, wenn es um Zahlen, Anteile und Wahrscheinlichkeiten geht. „In der Kita fühlen sich 20 Prozent aller Jungen nicht wohl“, meldete vor einigen Jahren die "Zeit". "Bei den Mädchen sind es 12 Prozent. Also ist rund jedes dritte Kind in der Kita unzufrieden.“

Vermutlich sind diese Defekte genetisch programmiert: Für unsere Vorfahren auf den Savannen Afrikas war es überlebenswichtig, mit anderen gut zu kommunizieren. Außergewöhnliche Fähigkeiten in der Bruchrechnung dagegen brachten keinen Überlebensvorteil und wurden daher auch nicht positiv genetisch selektiert. Umso wichtiger scheint es daher, vor diesem ererbten Innumeratentum nicht zu kapitulieren und durch eine bessere Statistikausbildung schon in der Schule und durch stetige Apelle zum Abschalten des Bauchgefühls und zum Gebrauch der Gehirnzellen dieses humane Defizit zu überwinden.

Leserpost (8)
Bernhard Keim / 10.10.2017

Wenn Versicherungen Policen verkaufen wollen, müssen sie den Menschen erst einmal Angst verkaufen. Wenn Politiker gewählt werden wollen, müssen sie den Menschen erst einmal Sorgen machen, für deren Lösung sie gewählt werden wollen. Wenn Zeitungen gelesen werden wollen, brauchen sie Skandale. Kein Mensch würde eine Zeitung lesen wollen, die verkündet, dass alles im Grünen Bereich läge. Und da das Wetter bisweilen wirklich schön (langweilig) ist, erfindet man halt die Ozonwarnung. Kurz gesagt die meisten Medien leben von einem Zustand der Dauerregung. Viagra fürs Hirn will verabreicht sein, da mit die Menschen sich erregen und erheben. Wer verkündet, dass das alles jetzt nicht so schlimm sei, wird erst einmal der Verharmlosung, dann der Verantwortungslosigkeit bezichtigt und wenn er Pech hat, als Feind des Volkes abgekanzelt. Dies ist der Grund weshalb ich Herrn Krämers Kolumnen ausgesprochen gerne lese. Sie helfen den Kopf wieder zurecht zu rücken. Das Leben ist nicht so schlecht, wie uns interessierte Kreise immer weismachen wollen und bei uns schon gar nicht.

Rudolf George / 10.10.2017

Verstand und Wissen, und die Fähigkeit beides selbständig zu gebrauchen, oder kurz und gut: Aufklärung. In der Tat sollte das die erste Bürgerpflicht sein. Leider ist der Zeitgeist ein anderer. So werden Politiker und Medien nicht müde zu betonen, dass die Welt zu kompliziert und der Bürger nicht in der Lage sei, sie zu begreifen. Daher soll er den selbsternannten „Experten“, die sich - welch Überraschung - in den Medien und der Politik befinden, einfach vertrauen. Faktisch ist das ein Antiaufklärungsprogramm, und undemokratisch obendrein. Klingt nach Verschwörung? Nein, man lese nur die Zeitungen und höre den Politikern zu: das ist die Linie, die immer wieder erkennbar wird, z.B. wenn als Erklärung für Wahlversagen auf Ängste hingewiesen wird, was nur ein anderer Ausdruck von angeblich manglendem Verstand ist. Oder man schaue sich den letzten Nobelpreis für Wirtschaft an, der dem Schöpfer des Nudging verliehen wurde, d.h ein Konzept der bewussten Manipulation der Menschen, natürlich „zu ihrem Besten“. Das ist nichts anderes als das Credo aller totalitären Ideologien, die immer behaupten die Menscheit in eine bessere Zukunft zu führen, egal ob die Menschen das begreifen oder nicht.

Jan Tomaschoff / 10.10.2017

Sehr schön! Es macht Freude, gute Gedanken zu lesen!

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