Gastautor / 13.09.2017 / 08:32 / Foto: Marie-Lisa Noltenius/KAS / 6 / Seite ausdrucken

Heiner Geißler – ein Populist im besten Wortsinn

Von Jesko Matthes.

Auf komplizierte Fragen gibt es keine einfachen Antworten. - Das ist die Standardfolklore, wenn es um Themen wie „Europa“, „Energie“, „Globalisierung“ oder „Integration“ geht. Das alles sei so kompliziert, dass man es Laien überhaupt nicht mehr erklären könne – also auch nicht müsse. Das seien Dinge für Experten. Wer anders argumentiere, der sei ein Populist. So weit die Standardfolklore. Seltsam, dass meine Erfahrung eine andere ist: Je allgemeiner – und gerade dadurch vereinfachender – die Frage, desto komplizierter wird es, sie zu beantworten. Komplizierte Fragen gibt es vor allem dann, wenn sie absichtlich vereinfachend gestellt werden. Je präziser dagegen die Frage, desto einfacher die Antwort.

Deutschland hat einen Politiker verloren, der das wusste: Heiner Geißler. Von diesem streitbaren Mann sind Zitate überliefert wie jenes, dass man sich die Demokratie nicht wie einen Harmonieverein vorstellen dürfe; dass es die Pflicht eines Politikers sei, den Menschen die Wirklichkeit zu vermitteln; dass, wer etwas bewegen wolle, den Streit entfachen müsse.

Wenn jetzt Heiner Geißler posthum von allen als einer der Ihren gewürdigt wird, dann tut man ihm damit Unrecht und erweist seinem Gedenken einen schlechten Dienst. Richtig: Die CDU verliert den CDU-Mann, Attac eines seiner angesehensten Mitglieder, die Grünen bezeichnen ihn gar als „Gesinnungsgenossen“, die Katholiken trauern um den Jesuiten. - Ist das alles: Ein Mensch in seinem Widerspruch auf dem Marsch von rechts nach links?

Es gab andere Zeiten, da galt Heiner Geißler als moralisierender Polarisierer, gar als schlimmster Hetzer seit Joseph Goebbel . In jedem Fall als jemand, der zuspitzte, sich freiwillig und gezielt zwischen die Stühle zu setzen bereit war, gerade dann, wenn ihm ein ideologisches Stammbuch gereicht werden sollte. Früh erkannte er, dass Helmut Kohl daran zu scheitern drohte, sich politisch zu wenig zu bewegen und seine Partei zu einem Kanzlerwahlverein verkommen zu lassen; auch im Stammbuch der heutigen CDU steht diese Mahnung.

Genau das war es, was ich an Heiner Geißler schätzte, seine Fähigkeit, aus komplexen Themen seine eigene, deutliche Antwort zu destillieren, die immer zuerst eine persönliche war und erst danach eine politische, sie auch mir als Wegweiser anzubieten, an dem ich im wahrsten Wortsinn links oder rechts vorbeigehen konnte.

Heiner Geißler war also kein Mann des Mainstreams, der ihn jetzt genüsslich für sich mit Beschlag belegt. Geißler war Populist im besten Wortsinn; erleben kann man das ausführlich hier  in seinen Gedanken vor dem Lutherjahr.

Erst analysieren und dekonstruieren, dann vereinfachen

Geißler schaute auf das, was das Volk bewegt, und er hütete sich bei aller Vereinfachung, zu der er durchaus fähig war, vor verbalen Nebelkerzen. Er analysierte und dekonstruierte, bevor er zur Vereinfachung schritt. Er hütete sich nicht vor Schlagworten; jedoch wusste er, dass es zur Vermittlung - und als Schlichter war er beinahe bis zuletzt tätig - gehört, zunächst die Begriffe selbst zu befragen, sie niemals als Selbstzweck zu akzeptieren. In der „Globalisierung“ sah er eine soziale Chance und ein multinationales Risiko, und ich möchte wetten, dass er es im Hinblick auf „Europa“,  „Energie“ und „Integration“ genauso gehalten hätte.

Ich bin überzeugt, dass Geißler sich heftig wehren würde, berücksichtigte man nur, dass er mit zunehmendem Alter „linker“ geworden sei, selbst wenn das für den katholischen Sozialpolitiker zutreffen kann; katholischen Sozialpolitikern kommt man ja gern mit der ironischen Formel vom Herz-Jesu-Marxisten. Ich denke eher, Geißler würde antworten, es müsse auch eine konservative Kritik an der „Globalisierung“ geben – genauso wie an den anderen genannten Themen, und zwar eine Kritik, die zunächst der Wirklichkeit verpflichtet ist, und erst danach zu eigenen Standpunkten führt, ganz abgesehen von ideologischen Sichtweisen, die ihm so offensichtlich zuwider waren.

Deutschland hat einen Mann verloren, der das reinigende intellektuelle Gewitter als Voraussetzung der politischen Schönwetterlage sah, einen Mann, dem die Schwarzweißmalerei der Schlagworte weniger als nichts bedeutete, nämlich ein gefährliches politisches Defizit. Die Lobeshymnen der Konsensdemokratie über ihn, die wir jetzt zu hören bekommen, hätte er allenfalls kurz genossen - und dann beiseite gewischt, um zu seinem Tagesgeschäft überzugehen, der kritischen Analyse.

Heiner Geißler fehlt mir.

Foto: Marie-Lisa Noltenius/KAS CC-BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons
Leserpost (6)
Martin Schau / 14.09.2017

Ich mochte den frühen Heiner Geißler sehr, aber er hat es politisch wirklich übertrieben. Wenn ich lese, wer ihn jetzt lobt, dann ahne ich auch, wieviele konservative CDU-Mitglieder sich wegen ihm zum Partei-Austritt entschlossen haben…

Frank Bauer / 13.09.2017

Tut mir Leid, so ohne weiteres kann ich in diese Lobeshymne nicht einfallen. Von kritische Analyse war angesichts desjenigen Themas, das die Leute umtreibt wie keines sonst, nichts zu spüren. Im Gegenteil, fast bis zuletzt war Geißler noch unterwegs, um Merkels Kurs des “Wir schaffen das” zu verteidigen. Einen einflußreichen Querdenker und Quertreiber, der angesichts des Alters und der bereits abgeschlossenen Karriere keine Rücksicht mehr nehmen muß, hätte die CDU bitter nötig. Doch diese Rolle wollte Geißler offenbar nicht einnehmen, da seine Wandlung vom “rechten” zum “linken” CDU-Flügel nur allzu gut zum Merkelkurs passte (wobei ich jetzt die gesellschaftspolitischen Aspekte meine). Sehr schade, Geißler hätte da vielleicht wirklich etwas bewegen können.

Jürgen Uebber / 13.09.2017

Immer das Gleiche. Ein bekannter Politiker stirbt und plötzlich sind alle ehemaligen Todfeinde unheimlich betroffen von dem unheimlichen Verlust, den die Demokratie angeblich erlitten hat. Da soll man doch mal die Kirche im Dorf lassen. Erst ein Krakeeler und Populist exakt wie heute “Pöbelralle#” Stegner, nur damals halt umgekehrt gegen die SPD. Dann der üble Verrat an Helmut Kohl, der ihn jahrelang gefördert und sicher mal als Vertrauten angesehen hatte. Dann die Wandlung vom Saulus zum Paulus, altersmilde und als Krönung noch der Beitritt zu den Wirrköpfen von Attac. Nein, mir wird Heiner Geißler nicht fehlen.

Wolgang Petermann / 13.09.2017

Erinnere mich an die Zeit, als Heiner Geißler bei “Stuttgart 21” als Schlichter fungierte und dabei einen Spruch losließ, der ihn bei einigen Zeitgenossen in die Nähe der Nazi-Sprache rückte. Geißler ein verkappter Nazi ? Irrsinniger geht es wohl nicht, dachte ich mir, doch als Hörer des DLF wurde ich Zeuge eines grusligen Interviews, in dem der übereifrige DLF-Moderator minutenlang genau das versuchte, bis offensichtlich jemand im Sender das Interview endlich abbrach.

Frank Holdergrün / 13.09.2017

Mir fehlt Heiner Geißler nicht. Sein rechthaberisch-jesuitischer Impetus hat in mir jeglichen Zugang für seine möglicherweise vorhandenen Argumente verhindert.  Und genau daran ist er letzten Endes völlig gescheitert, zusammen mit einem anderen Clevere aus Baden-Württemberg. Unerträglich die Vermittlungsversuche bei S21, dort konnte jeder zum ersten Mal öffentlich Geißlers Fähigkeiten verfolgen, abseits salbungsvoller populistischer Sprüche. Eine einzige Enttäuschung.

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