Gastautor / 11.06.2014 / 15:10 / 1 / Seite ausdrucken

Harald Welzer und die Tiefenprägung

Quentin Quencher

Die Grünen führen eine Programmdiskussion, unter anderem möchten sie auch ihr Verhältnis zum Wachstum klären, dass dies nicht nur damit zu tun hat welche Wirtschaftspolitik angestrebt wird, sondern, auch hier, fundamentale Kritik an der Moderne einfließt, verbunden mit dem Anspruch sowieso alles besser zu wissen, kann man erwarten. Bisher gibt es nur zwei Positionen die in nennenswerten Umfang vertreten werden: die der Suffizienz (jedes Wachstum ist schlecht) und die einer ideologisch basierten Planwirtschaft (ökologisches Wachstum). Wie das im einzelnen aussieht, wurde in einem Gespräch zwischen dem Wachstumskritiker Harald Welzer und dem grünen Planwirtschaftler Ralf Füchs deutlich:

Der bemerkenswerte Disput, über die Frage, ob wir Wachstum bräuchten, fand am im Herbst 2013 in Berlin statt. Eingeladen hatte die Heinrich Böll Stiftung und die Gäste waren Harald Welzer und Ralf Füchs. In Berlin trafen sie sich also diesen beiden grünen Vordenker, nur ein paar Tage nach der Bundestagswahl, und sprachen über ihre Vorstellungen einer Gesellschaft ohne, oder mit gesteuerten Wachstum. Vordergründig jedenfalls, eigentlich ging es aber um Weltbilder, bei denen es trotz der scheinbar ansonst unvereinbaren Positionen auch Gemeinsamkeiten gab, welche sich hauptsächlich auf Überzeugungen gründen wie sie beispielsweise in «The Limits to Growth» beschrieben werden. Die Behauptungen aus dieser vom Club of Rome beauftragten Studie, auch dessen Update, gelten hinsichtlich der konkreten Zukunftsbeschreibungen zwar weitestgehend als widerlegt, was aber die Diskutanten nicht daran hindert, von der Richtigkeit des gedanklichen Ansatzes, wonach die Menschheit gewissermaßen ein Schmarotzer der Natur ist, auszugehen.

Welzer meint, unsere moderne Industriegesellschaft hat bei den Menschen eine Tiefenprägung verursacht, wonach wir nur noch fähig sind in den Gegebenheiten dieser Gesellschaft zu denken und spricht sich für ein anderes Kulturmodell aus. Eines was mit dem etwas altmodischen Wort Genügsamkeit noch völlig unzureichend umschrieben wird. Ja es geht sogar noch bis hin zu Selbsthass wenn er meint:

„Ich glaube ja, dass wir gar nicht so sein wollen wie wir.“

Nach Welzers Vorstellung hat also die Tiefenprägung der modernen Industriegesellschaft beim Menschen bewirkt, dass dieser nicht mehr fähig ist, zu erkennen was er wirklich möchte. Der gedankliche Schritt von derartigen Beschreibungen hin zur Forderung zur Schaffung eines, oder des, Neuen Menschen ist nicht weit, was auch Ralf Füchs zu dazu veranlasste anzumerken, dass die Erfahrungen in der Vergangenheit mit eben dieser Schaffung des Neuen Menschen nicht so positiv gewesen wären.

Es wurde aber auch noch konkreter. Füchs, als Befürworter des Grünen Wachstums, meint mit drei Punkten seine Vision einer ökologischen Industriegesellschaft skizzieren zu können. Er nennt dies Solarökonomie, weil alle Wertschöpfung auf dem Prozess beruht, der das ganze Leben auf der Erde prägt und ermöglicht. Der Umwandlung von Sonnenlicht in Energie und bio-chemische Stoffe. Warum dies notwendig sein sollte, wird damit begründet, dass alle anderen Ressourcen eben endlich seien. Das dies für die Entwicklung und Weiterentwicklung einer Gesellschaft nicht von Relevanz ist, ob eine Ressource endlich ist oder nicht, scheint bei Füchs noch nicht angekommen zu sein, oder er verschießt sich dieser Erkenntnis, wie fast alle GRÜNEN.

Den Vogel schießt aber Welzer ab, der sieht gar in Innovation und Effizienzsteigerung eine Gefahr, weil diese dazu beitrage, unser Kulturmodell, welches er als falsch erkannt hat, aufrecht zu erhalten.

Es geht überhaupt nicht um Erhöhung von Effizienz, sondern um Reduktion von Effizienz. Ganz schlicht und ergreifend. [..] Solange ich das Kulturmodell beibehalte nutzen mir die ganze Innovationen gar nichts, sie tragen zum weiterbeibehalten dieses falschen Prinzips bei.

Welzer propagiert einen Kulturwandel, den man wohl ohne große Übertreibung auch Kulturrevolution nennen könnte, und rechtfertigt diesen damit, dass die Tiefenprägung der industriellen Moderne den Menschen nicht erkennen ließe was gut für ihn ist. Wer das denn für den Menschen tun könnte, das erwähnte Welzer nicht. Rein logisch kommt da nur jemand in Frage, der diese Tiefenprägung überwunden hat. Hier sei es dem Leser überlassen, sich vorzustellen, wie eine derartige Person aussehen könnte.

Füchs hält solche Vorstellungen für Humbug, was er so nicht sagt, aber erkennen lässt. Er meint gar, dies sei eine uralte Debatte, die in so verschiedenen Quellen wie der Bibel (Vertreibung aus dem Paradies, Turmbau zu Babel), der Promeuteus Mythologie oder gar in Goethes Faust angesprochen werden. Dass also das Streben der Menschen nach Erkenntnisgewinn und die Suche nach neuen Möglichkeiten geradezu eine Konstante sei, völlig unabhängig von der jeweiligen Gesellschaftsform.

Ganz am Anfang der Diskussion meinte der Moderator, dass Welzer und Füchs zwei Personen seien, die markante Positionen zum Wachstum im grün-ökologischen Spektrum vertreten. Damit hat er sicher Recht, eigentlich sind es die beiden einzigen Positionen die bislang in diesem Spektrum ausformuliert sind. Aber beide wollen sie mit fragwürdigen Begründungen den Menschen vorschreiben wie sie zu leben und vor allem, wie sie zu wirtschaften haben. Der eine gleich mit einer Art Kulturrevolution, der andere mittels Gängelung welche als ökologische Leitplanken verharmlost werden.

Beide zeigen sie sich gegenseitig auf, dass die jeweilig anderen Positionen entweder falsch oder menschenverachtend sind, und beide haben sie Recht damit. Allerdings anders als sie es sich vorstellen. Es wird eine Weiterentwicklung und Innovationen geben, in Technik und Gesellschaft und auch in Wissen, aber nicht so wie es sich diese beiden Jünger des «The Limits to Growth» vorstellen. Dazu sind beide viel zu sehr in ihren jeweiligen Ängsten verfangen.

Auszug aus dem kürzlich erschienen Buch “Der Wald, die Deutschen und die DMark” von Quentin Quencher. Erhältlich unter anderem bei Amazon und im weiteren Buchhandel.

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Leserpost (1)
Prof. Jürgen Althoff / 11.06.2014

Für den echten Grünen sind Wissen und sein Erwerb ebenso böse wie echte, das heißt ergebnisoffene, Wissenschaft. Denn es kann süchtig machen und die Menschen dazu bringen, selbst zu denken und die grünen Denkbeschränkungen als das zu entlarven, was sie sind: Fesseln und Bevormundung. Deshalb frage ich mich immer, wenn grüne Politiker(innen) von “Wissensgesellschaft” als erstrebenswertem Politikziel schwadronieren, ob sie nicht zuende gedacht haben oder ihre Zuhörer bewusst belügen. Wissen ist das beste Mittel gegen Grüne aller Art. In einer wahren Wissensgesellschaft wären sie immer eine Randerscheinung, die von den anderen profitiert, ohne selbst jemals einen Beitrag zur Weiterentwicklung geleistet zu haben.

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