Gastautor / 06.12.2015 / 11:29 / 8 / Seite ausdrucken

Große Zahlen am unteren Rand der Gesellschaft, ein wachsendes kulturfremdes Proletariat

Thilo Sarrazin

Monatelang strömten täglich 8.000 bis 10.000 Flüchtlinge und illegale Einwanderer über deutsche Grenzen. Bis Mitte November wurden 1 Million Asylbewerber registriert. Das zuständige Bundesamt hat aber in diesem Jahr bis Oktober wegen Überlastung nur 330.000 Erstanträge angenommen und von diesen lediglich 200.000 Anträge beschieden, davon 60 Prozent negativ. Der Bearbeitungsstau ist also ungeheuer. Von den Abgelehnten dürfen die meisten trotzdem bleiben, denn die Zahl der Abschiebungen ist minimal und beläuft sich in diesem Jahr nur auf ca. 15.000.

Rechtzeitig zum ersten Advent gab es nun gute Nachrichten: Mazedonien lässt nur noch Syrer, Iraker und Afghanen durch, die Zahl der täglichen Neuankünfte sank auf knapp 2.000. Die Hoffnung auf eine Weihnachtsruhe beim Migrantenstrom breitet sich aus. Immer routinierter werden die Verfahren zur Registrierung und regionalen Verteilung der Asylbewerber. Die Hersteller von Behelfsunterkünften erfahren einen Boom. In Berlin wird sogar das alte Tempelhofer Flugfeld für die Aufstellung solcher Unterkünfte zur Verfügung gestellt. Nein, unbehauste und frierende Asylbewerber wird es zu Weihnachten 2015 in Deutschland nicht geben. Das immerhin hat die deutsche Verwaltung geschafft.

Aber wir wissen weiterhin nicht genau, wer da gekommen ist - außer, dass die meisten junge Männer sind, viele keinen Ausweis haben, nur wenige Englisch können oder eine in Deutschland brauchbare berufliche Bildung haben. Nach neuen Umfragen halten die Unternehmen die Neuankömmlinge nur als Hilfsarbeiter für einsatzfähig, 60 Prozent erklären aber, dass sie keine Hilfsarbeiter brauchen.

Weiterhin will niemand von Obergrenzen für Asylbewerber sprechen. Das Wort Kontingent wird jetzt immerhin schon mal in den Mund genommen.

Wie ein Mantra trägt die Bundesregierung die Forderung nach einer “europäischen Lösung” vor sich her. Aber spätestens seit den Terroranschlägen in Paris ist die Aussicht auf einen europäischen Verteilungsmodus in ganz nebelhafte Ferne gerückt. Frankreich hat seine Grenzen auf unabsehbare Zeit für weitere Einwanderung geschlossen. In Italien oder Griechenland möchte sowieso kein Asylbewerber bleiben. Schweden hat erklärt, die Grenze der Belastungsfähigkeit erreicht zu haben, Osteuropa scheidet gänzlich aus, so bleiben Österreich und Deutschland.

Angela Merkel sagte im Bundestag, eine “solidarische Verteilung von Flüchtlingen” auf die Mitgliedstaaten der EU sei nicht “irgendeine Petitesse, sondern berührt die Frage, ob der Schengenraum auf Dauer aufrechterhalten werden kann”. Die große Türöffnerin und Hüterin der Willkommenskultur beginnt öffentlich erkennbar damit, an einer Hintertür zu zimmern, durch die sie das Gefängnis ihrer Festlegungen nach Bedarf verlassen kann. Eine “Drohung” sei das natürlich nicht, nur eine “Sorge”. Ihre Aussage, dass Mauern und Zäune keine Lösung seien, wiederholte sie nicht.

Niemand weiß, wie es weiter gehen soll:

- In der großen Koalition gelingt es offenbar nicht, schärfere Regeln zum Familiennachzug durchzusetzen. Wenn eine Million Asylbewerber bleiben dürfen, werden daraus schon auf diesem Wege - durch Kettenwanderung und natürliche Fruchtbarkeit - in einigen Jahren fünf Millionen werden. Kommen im nächsten Jahr 500.000, so werden daraus irgendwann 2,5 Millionen etc. So entstehen im Nu sehr große Zahlen am unteren Rand der Gesellschaft, ein wachsendes kulturfremdes Proletariat.

- Wohin das führen kann, sieht man an den französischen Banlieues. Dort wächst eine Fremdheit heran, die sich in Feindseligkeit gegen die aufnehmende Gesellschaft wendet. Es ist die gegenwärtige Lebenslüge Frankreichs und ganz Europas, dass der Terrorismus allein ein Produkt des IS sei. Er ist auch ein perverser Lebensausdruck der gescheiterten muslimischen Jugend in Europa.

- Immerhin nimmt so die Einsicht zu, dass aus gläubigen Muslimen nicht automatisch säkulare Europäer werden, sondern dass der Zusammenprall der Kulturen mit noch größerer Wahrscheinlichkeit in wachsenden Fundamentalismus führt. Der Parteivorsitzende der Grünen, Chem Özdemir, wies in diesen Tagen mit bemerkenswerter Offenheit darauf hin, dass die europäischen Muslime aus dem Zugriff der fundamentalistischen Strömungen in ihren Heimatländern gelöst werden müssen. Aber auch er weiß offenbar keinen Rat, wie das geschehen soll. In einer freien Gesellschaft dürfen auch Salafisten für ihren Glauben werben, und man wird auch nicht verbieten können, dass die Türkei Imame in Deutschland bezahlt und Saudi-Arabien Moschee-Gemeinden in Deutschland finanziell unterstützt.

Schengen wird nicht mit einem Knall zerplatzen, es wird eine stillen Tod auf Raten sterben. Das hat bereits begonnen: 

- Die Hoffnung, man könne sich auf einen Verteilungsmodus für Asylbewerber einigen, hat sich als Illusion erwiesen.

- Ebenso die Erwartung, die Griechen oder Italiener könnten die Außengrenzen Europas wirksam schützen oder würden dies auch nur wollen.

- In den nächsten Wochen wird die Hoffnung sterben, man könne die Türkei zum Wächter der europäischen Grenzen machen.

Was tun, wenn im Frühling 2016 die Migrantenströme wieder zunehmen:

- Wird man dann einen Zaun an der deutschen Grenze zu Österreich gebaut haben? Wohl kaum.

- Wird man die Bundeswehr zum Schutz der Grenze einsetzen? Vielleicht.

- Wird man zulassen, dass militärische Gewalt gegen Grenzverletzer eingesetzt wird? Sehr unwahrscheinlich.

Es ist schon ein bisschen pervers: Die Bundeswehr soll im vom Bürgerkrieg zerrissenen Mali auf “Friedensmission” gehen, sie soll Aufklärungsflüge in Syrien fliegen, sie bildet kurdische Kämpfer im Irak aus. Nur die Grenzen des eigenen Landes verteidigen, das soll sie offenbar nicht.

Dafür - und nur dafür - wurde sie aber einst geschaffen.

Zuerst erschienen in der Zürcher Weltwoche

 

Leserpost (8)
Dr. Hans-Peter Rösler / 08.12.2015

Sehr geehrter Herr Schweighäuser, man kann allerdings ein Mantra vor sich hertragen - im übertragenen Sinne. Schließlich tragen ja die vielen farblosen und entpersönlichten Journalisten unserer Einheitspresse die üblichen Sprechblasen wie eine Monstranz vor sich her - im übertragenen Sinne (es ist ja nicht jeden Tag Fronleichnam oder sonst ein hoher katholischer Feiertag). Dass Herr Sarrazin von Mantra spricht, ist eher seinem mutikulturellen Empfinden geschuldet: Immerhin verstehen das Wort Mantra auch Menschen, die dem Christentum nicht angehören, gell?

Thomas Schweighäuser / 07.12.2015

“Sehr große Zahlen am unteren Rand der Gesellschaft” sind sicherlich leichter zu ertragen als eine sehr kleine Zahl von Bestsellerautoren, deren prominentester sich über “ein wachsendes kulturfremdes Proletariat” mokiert, aber in demselben Text schreibt, die Bundesregierung trage etwas “wie ein Mantra (...) vor sich her”,  also den Unterschied zwischen diesem und einer Monstranz nicht kennt.

Alexander Rostert / 07.12.2015

Am 3. September 1939 erklärten Großbritannien und Frankreich Hitlers Drittem Reich, begründet mit dessen zwei Tage zuvor begonnenem Angriff auf Polen, den Krieg. Dann aber erschöpften sich die Offensivbemühungen der Westmächte während der Wochen, in denen die Wehrmacht (und ab dem 17. September auch die Rote Armee) damit beschäftigt waren, dem polnischen Heer den Garaus zu machen, in der symbolischen Besetzung eines kleinen Wäldchens in der Pfalz. Nichts, was den ernstlichen Willen hätte erkennen lassen, den Krieg zur Rettung Polens zu führen. Auch in den Monaten danach vermied man sorgsam alles, was im wahrsten Sinne des Wortes nahe gelegen hätte, um dem erklärten Ziel, die Naziregierung niederzuringen, näher gekommen wäre, nämlich einen direkten Angriff auf Deutschland. Stattdessen beschäftigte man sich lieber mit phantastischen Projekten wie einer Besetzung Nordskandinaviens unter dem Deckmantel einer Hilfeleistung für Finnland in ihrem Verteidigungskrieg gegen die friedliebende Sowjetunion, in Wahrheit, um so die Eisenerztransporte aus Schweden nach Deutschland zu unterbinden, oder einer möglichen Sprengung des Eisernen Tors in Serbien, um Deutschland von rumänischem Öl abzuschneiden oder, noch irrwitziger, der Bombardierung der sowjetischen Schwarzmeerflotte von Griechenland aus. Krieg führen: Ja, schon irgendwie, schon ein bisschen, aber bitte kein Aufhebens machen und Hauptsache möglichst weit weg von zu Hause. Am 10. Mai 1940 schritt der Gegner dann eben selbst zur Tat. Alles schon einmal da gewesen.

edith schlagenhaufer / 07.12.2015

Sehr geehrter Herr Sarrazin, vielen Dank für diesen Beitrag. Mit Herr Kreutzer’s Kommentar ist wohl alles mit beantwortet.

Petra Urland / 07.12.2015

Ich arbeite als Sozialarbeiterin selbst in einem Wohnheim für junge männliche unbegleitete Flüchtlinge, 10 aus Afghanistan, 2 sind aus Somalia. Kein einziger hat einen Pass vorzulegen, keiner will wissen, wann er geboren ist und natürlich sind dann alle unter 18, was jedoch bei genauem Hinsehen nicht stimmen kann. Sie scheinen sehr genau zu wissen, dass man unter 18 bessere Chancen über das Jugendhilfegesetz in Deutschland hat. Makaber kommt es einem dann vor, wenn man von einem erfährt, dass er 10.000 Euro für einen Schlepper bezahlt hat, sein Cousin eben soviel! Gearbeitet hätten sie in einer Teppichmanufaktur, seien geschlagen worden und wollten deshalb aus dem Land flüchten. Natürlich habe es auch Bedrohungen durch Islamisten gegeben. Woher das Geld für die Schlepper gekommen sei, beantworten sie mit dem Gesparten der Eltern, doch der Vater sei arbeitslos, die Mutter sowieso. Woher haben die also soviel Geld? Natürlich würden die Eltern nebst Geschwistern irgendwann nachkommen. Das Benehmen der Jugendlichen ist in den meisten Fällen sehr entspannt, sie lachen und scherzen, gehen zum Friseur, bekommen Taschengeld, Kleidergeld und eine Erstausstattung. Sie werden jeden Tag bekocht, gehen zum Deutschunterricht, haben 2 Bettzimmer und sind in einer allumfassenden deutschen Sozialstation angekommen. Ihre Schulbildung reicht vom Analphabeten bis zum englischsprechenden jungen Afghanen. Sie alle werden ärztlich gut versorgt, nebst sofortiger verschiedener Therapien, auf die ein Deutscher manchmal monatelang warten muss. Das Anspruchsdenken an den Deutschen Staat ist hoch! So hat einer dann auch geäußert, nachdem er eine Woche auf eine MRT-Untersuchung warten musste, “Was so lange?” er habe gehört, in Deutschland bekäme man alles gleich! Sicherlich haben einige auch Schreckliches erlebt, aber die Traumata darüber sind nur bei Einzelnen erkennbar. So wird wohl der eine Somalier über das Handy von radikalen Islamisten erpresst, die seinen Bruder gefangen genommen haben sollen, dass wenn er nicht zahle, der Bruder ermordet werden würde. Dies scheint glaubhaft zu sein. Andererseits lügen diese jungen Männer sehr oft, setzen sich über Verbote hinweg und meinen, dass sie freier sind, als wir es ihnen erlauben. Die Trauer, dass sie ohne Eltern hier sind, ist so gut wie nicht erkennbar. Das lässt Zweifel an deren Geschichten aufkommen. Ganz abgesehen davon, dass einige auch Gras rauchen und/oder sogar damit dealen. Eine Angst, erwischt zu werden, ist auch in diesem Fall nicht erkennbar! Soweit erstmal mein Bericht aus der Praxis mit männlichen unbegleiteten Flüchtlingen.

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