Henryk M. Broder / 04.01.2013 / 19:43 / 0 / Seite ausdrucken

Größenwahn pur

Am 1. Januar trat in der Bundesrepublik eine neue Fernsehentgeltregelung in Kraft. Bezahlt wird nicht, wie bis jetzt, pro angemeldetes Gerät, sondern pro Haushalt, unabhängig davon, ob in dem Haushalt überhaupt ein TV-Gerät benutzt wird oder nicht. Deswegen ziehen die öffentlich-rechtlichen Anstalten keine „Gebühren“ mehr ein, sondern kassieren einen „Beitrag“. Man könnte das Verfahren mit der Mitgliedschaft in einem Sportverein vergleichen, wo man einen Beitrag zahlt, um die Anlagen benutzen zu können; tut man es nicht, ist der Beitrag trotzdem fällig.

Der Unterschied zwischen den öffentlich-rechtlichen Sendern und einem Verein liegt allerdings darin, dass man einem Verein freiwillig beitritt, während man von den öffentlich-rechtlichen Sendern zwangsrekrutiert wird. Als Ausgleich, sozusagen als Trostpflaster, sollte das Personal der „Gebühreneinzugszentrale“, deren Mitarbeiter auf Provisionsbasis nach Schwarzsehern fahnden und einen noch schlechteren Ruf als albanische Hütchenspieler genießen, abgebaut werden. Allerdings gab die GEZ schon im April 2011 bekannt, sie würde zu den 1150 bereits Beschäftigten weitere 400 einstellen müssen, um die „sehr mächtige Reform“ bewältigen zu können.

Nun ist die Reform in Kraft getreten, das Personal der GEZ wird aufgestockt und unter den „Kunden“ kommt Unmut auf, der sich in Form eines „Shitstorms“ im Netz austobt.

Mit so viel Renitenz haben die Verantwortlichen nicht gerechnet. Also muss die Reform neu verpackt werden. Die Aufgabe fällt dem Chefredakteur des WDR zu, der sich drauf spezialisiert hat, Meinungsumfragen zu interpretieren. Er erklärt den „Beitrag“ von rund 18.- Euro monatlich, der zwangsweise von jedem Haushalt erhoben wird, zu einer „Demokratie-Abgabe“, die „für die Funktionsfähigkeit unseres Staatswesens und unserer Gesellschaft“ von allergrößter Bedeutung ist, denn: „Der öffentlich-rechtliche Rundfunk sichert das Funktionieren unserer Demokratie.“

Das ist Größenwahn pur. Bis jetzt galten freie Wahlen und das Prinzip der Gewaltenteilung als Garanten der Demokratie, jetzt wissen wir es besser: Es ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk.

Wenn das der Fall ist, dann müssten die Intendanten, Programmdirektoren und Chefredekateure von ARD und ZDF vom Volk gewählt werden. Aber dazu wird es nicht kommen.

Man muss es mit der Demokratie nicht gleich übertreiben.

Erschienen in der Weltwoche am 4.1.13

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost (0)

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Henryk M. Broder / 19.06.2018 / 16:00 / 22

Trump lügt. Und t-online sagt die Wahrheit

Man muss seine Leser schon sehr verachten, um eine Seite zu machen, die noch blöder und unterbelichteter ist als die Huffington Post und bento zusammengenommen. t-online…/ mehr

Henryk M. Broder / 17.06.2018 / 17:58 / 8

Sag beim Torschuss leise „Bravo“

Vorausschicken möchte ich Folgendes: Fußball gehört zu den Dingen des Lebens, die mir völlig am Gemüt vorbeigehen. Ebenso wie Wagner-Opern, die Lindenstraße und das Oktoberfest.…/ mehr

Henryk M. Broder / 11.06.2018 / 06:25 / 30

So nicht, Orit! Nicht bei uns!

Natürlich ist die TAZ für Rede- und Meinungsfreiheit, für Demonstrationsfreiheit und für das Recht der Frauen, gegen Frauenfeindlicheit und Frauenverachtung auf die Straße zu gehen.…/ mehr

Henryk M. Broder / 09.06.2018 / 14:00 / 11

Ein Witz für Europa

Als Hamed Abdel-Samad und ich vor einigen Jahren auf unserer „Europa-Safari“ Brüssel und die Europäischen Institutionen besuchten, trafen wir u.a. auch den damaligen Präsidenten des…/ mehr

Henryk M. Broder / 08.06.2018 / 12:00 / 42

Jeden Donnerstag geht ein Licht an

Es gibt Leute, die freuen sich auf die nächste Grippewelle, ein Wochenende in Duisburg-Marxloh oder eine Butterfahrt mit Martin Schulz. Ich dagegen kann es nicht…/ mehr

Henryk M. Broder / 28.05.2018 / 14:00 / 34

Der NDR korrigiert einen falschen Fehler

Wie Sie vermutlich wissen, hat es im Vorfeld der Verleihung des Johann-Heinrich-Voß-Preises durch die Stadt Otterndorf einige Aufregung gegeben. Um den Streit zu deeskalieren, habe…/ mehr

Henryk M. Broder / 25.05.2018 / 14:00 / 20

Keine Sorge, liebe Deutsche, es ist genug für alle da!

Können Sie sich noch an die superoptimistischen Lageberichte von der Flüchtlingsfront im Jahre 2015 erinnern, als lauter Akademiker und Facharbeiter ins Land strömten, die uns ein…/ mehr

Henryk M. Broder / 23.05.2018 / 14:00 / 23

Die Tagesthemen leisten Schwerstarbeit

Montagabend im Ersten: Ingo Zamperoni eröffnet die Tagesthemen mit folgenden Sätzen: Zwei Wochen ist es her, dass US-Präsident Trump den Ausstieg aus dem Atomabkommen mit dem…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com