Günter Ederer / 15.08.2013 / 22:12 / 4 / Seite ausdrucken

Griechisches Sommertagebuch 2013 (1. Teil)

Der Pass hat keinen Namen und ist auch keiner deutschen Landkarte zu finden. Im wilden unzugänglichen Rhodopengebirge wurde er 2010 als 4. Grenzübergang auf der 493 Kilometer langen Grenze zwischen Bulgarien und Griechenland eröffnet. Das hat sich bis heute nicht nach Mitteleuropa herumgesprochen. Aber wer sich mit der Geschichte dieser Region beschäftigt, die in Bulgarien, Griechenland und der Türkei Thrakien heißt, wird in diesen schier unendlichen waldbedeckten Gebirgsketten sowohl die Abgründe verstehen, in die die griechische Politik immer wieder abzustürzen droht, wie auch die Illusion spüren, die Europäischen Romantiker könnten einem Bundesstaat schaffen.

Meine ersten Tagebuchnotizen beschäftigen sich deshalb weniger mit der griechischen Krise, als mit den Eindrücken, der neun Tage währenden Fahrt durch die Balkanstaaten Rumänien und Bulgarien nach Griechenland. So erst wird deutlich, wo das Land liegt, das Europa seit drei Jahren in Atem hält, in Deutschland zu einer Parteineugründung führte und über das die Politik so viel Falschmeldungen produzierte, dass selbst informierte Bürger mich ernsthaft fragten, ob ich nicht Angst hätte, als Deutscher in Griechenland, auch noch mit einem deutschen Kennzeichen am Auto.

Ja, wer will, ist mit dem Flugzeug in zwei bis drei Stunden in Griechenland, bezieht sein All-inklusive-Ferienhotel, speist eine glatt gebügelte griechische Mahlzeit, die dem internationalen Gaumen angepasst ist und wird am Abend am Hotelpool mit Sirtaki-Tänzen daran erinnert, dass er nicht in Spanien ist, wo ihn schließlich Flamingogruppen unterhalten würden.

Fast 45 Jahre komme ich jetzt schon in dieses wunderschöne Land, davon Dutzende Male als Korrespondent für das ZDF, habe die Diktatur bis 1974 erlebt, deren Zusammenbruch, die ersten freien Wahlen und über den Beitritt in die damalige EWG berichtet. Und jetzt ist dieses stolze Volk vom Rand Europas in den politischen Mittelpunkt gerückt. Das verkraften weder die Griechen, noch wissen die Nordeuropäer damit umzugehen.

Aber zurück zu dem unbekannten Grenzübergang. Auf bulgarischer Seite führen die letzten 40 Kilometer auf einer relativ gut ausgebauten Straße durch Dörfer und Kleinstädte, die von Minaretten überragt werden. Es ist ein fast geschlossenes Siedlungsgebiet der bulgarischen Türken, die alle Grenzziehungen und Machtwechsel überstanden haben. Insgesamt sind es in Bulgarien immer noch rund eine Million. Es ist aber nicht zu übersehen, dass hier der Sozialismus gehaust hat. Wohnblocks a la Halle Neustadt oder Chabarowsk, eine verlassene Fabrik, die nie hierher gehört hatte, kaum Geschäfte oder Tavernen, kaum Autos. Die letzte Stadt in Bulgarien ist Zlatograd und vereint alle die aufgezählten Merkmale im Übermaß.

Nach atemberaubenden Landschaften und nicht weniger atemberaubenden Kurven, dann der erste griechische Ort: Termes. Klingt griechisch, ist es aber nicht. Auch hier überragen Minarette die Kleinstadt, schlurfen muslimisch gekleidete Frauen durch die Mittagshitze. Dieses Bild ändert sich die nächsten 40 Kilometer nicht mehr. Aber Garküche reiht sich an Dönerbude, die Straßen sind voller Autos, darunter viele mit deutschen Kennzeichen – keine Touristen, sondern Arbeiter aus Deutschland im Heimaturlaub.
Je weiter wir nach Griechenland hineinfahren, umso mehr fällt der Unterschied zu den gerade besuchten Staaten Rumänien und Bulgarien auf. Von wegen Krise: Griechenland strahlt wie eine blühende Landschaft im Vergleich zu den Schrottstaaten des ehemaligen Ostblocks. Dort sind ganze Regionen mit industriellen Müllbergen überzogen. Verlassene Häuser in den Dörfern, verfallene Straßenzüge in den Städten, ein Bild der Hoffnungslosigkeit. Seit der Wende hat Rumänien zwischen 2,5 und 4 Millionen Einwohner verloren, Bulgarien zirka 2 Millionen.

Wir treffen in Sighisoara, dem ehemaligen von Siebenbürger Sachsen bewohnten Schäßburg auf Deutsch sprechende Einwohner. Die Stadt ist UNESCO-Weltkulturerbe, eine wunderschöne Burgfestung, solange man nicht genau hinsieht. Im Gespräch schlägt uns brutale Resignation entgegen. Wenn ab 1. Januar 2014 die volle Freizügigkeit für Arbeitnehmer eingeführt wird, erwarten unsere Gesprächspartner eine neue Ausreisewelle. Ob da ein Arzt in der jetzt schon gerupften Klinik übrig bleibt, sei fraglich. Was soll die Menschen auch halten. Im Monat 200 Euro für Arbeiter, 500 Euro für Akademiker? Dabei kostet der Liter Sprit soviel wie in Deutschland. Selbst für Lebensmittel sind 24 Prozent Mehrwertsteuer fällig.  Da rutscht unseren Gesprächspartnern der Satz heraus: Unter Ceausescu war alles besser! Selbst die brutalsten Diktatoren verklären sich angesichts der täglichen Misere.

In Bulgarien sind die Relation zwischen Einkommen und Lebenshaltungskosten noch schlechter. In der Hauptstadt Sofia demonstrieren seit Wochen junge, gut ausgebildete Bulgaren und Bulgarinnen gegen die korrupte Regierung. Das findet kaum in unseren Nachrichten statt. Wohl aber diskutieren wir, die Einwanderungsbestimmungen für Fachkräfte zu verbessern. Ist unsere Wirtschafts- und Finanzpolitik nicht ein Skandal, wenn wir auch noch stolz darauf sind, diesen Staaten die Zukunft abzuwerben, statt diejenigen Kräfte zu unterstützen, die diese Staaten wieder aufbauen wollen.

Eine Hauptschuld für die Verelendung weiter Teile Europas, vor allem im Osten trägt die Vereinigte Linke. Von dem berechtigten Furor, mit dem die Verbrecher des europäischen Faschismus verfolgt werden ist nichts zu spüren, wenn es um die Verbrecher der kommunistischen Ära geht, im Gegenteil, ihre Namen zieren immer noch Städte und Plätze, ihre Mordakten bleiben verschlossen. In Bulgarien fahren wir durch Dimitrovgrad, eine sozialistische Neugründung, heute eine gigantische Schrotthalde. Sie ehrt mit ihrem Namen einen der schlimmsten kommunistischen Mörder Georgi Dimitrov, nach dem auch zu DDR-Zeiten der Platz vor dem Verwaltungsgericht in Leipzig benannt war. Und weil die Vergangenheit weder personell noch wirtschaftlich aufgearbeitet wird, haben sozialistische Prediger der verschiedenen marxistischen Lehrmeinungen die Chance, das heutige Elend der Marktwirtschaft anzulasten. Hier versagt Europa kläglich.

Das Pro-Kopf-Einkommen Bulgariens und Rumäniens erreicht zirka ein Drittel des Griechischen. Wir haben diese Staaten in die Europäische Union aufgenommen, aber im Moment benutzen wir sie als Arbeitskraftreserve, als eine Art Menschensteinbruch für unsere Wirtschaft, weil wir mit einem für Deutschland viel zu niedrig bewerteten Euro Exporte subventionieren. Ist das das Ergebnis eines Europas, in dem immer mehr Entscheidungen in eine undemokratische Zentrale in Brüssel verlagert werden?

Zurück zum Rhodopen-Pass, der Grenze zwischen Griechenland und Bulgarien. Es ist sicher ein unschätzbares Gut, dass nach rund 100 Jahren erstmalig hier oben Frieden herrscht. Thrakien gehörte schon zu allen möglichen Staaten, wurde hin und her geschoben, von Briten und Russen, Türken und Habsburgern, Italienern und Franzosen, auch von Bulgaren und Mazedoniern und nicht zuletzt von Hitler und Stalin. Keine dieser Mächte kümmerte sich um die betroffene Bevölkerung, es sei denn er vertrieb und ermordete sie, um seinen Anspruch nicht durch lästige Minoritäten zu gefährden. Bulgaren und Griechen werden nicht sofort enge Freunde und die hier lebenden Türken werden ihre kulturelle Identität behalten, egal, welcher Nation sie gerade zugeteilt werden.

Das Friedensprojekt „Europa“ aber präsentiert sich als eine Währungseinheit, die nicht funktioniert, weil sie eine kulturelle Gleichmacherei betreibt, die nicht funktioniert, aber die sich im Auseinandertriften der Währung zeigt. Wer sich länger in dieser Region aufhält, als ein paar Stunden in Athen, wie Kanzlerin Merkel oder Finanzminister Schäuble, wird die Konferenzbeschlüsse in Brüssel schnell als Hirngespinste erkennen. Bulgarien ist nicht im Euro und hat deshalb Vorteile im direkten Wettbewerb mit Griechenland. Schon mehrfach haben griechische Bauern die wichtige Grenzstation Kulata blockiert, um gegen billigere Agrarimporte zu protestieren. Aber das alles ficht Brüssel nicht an, das alles ist in Deutschland keine Nachricht wert. So fahren wir mit wenig Hoffnung für die Zukunft der Balkanstaaten an die Ägais

Im nächsten Tagebuch werde ich schreiben, wie es mir als Deutscher in Griechenland geht, und wie ich mich als „Sündenbock“ und Bürger des größten Spenders für griechische Schulden fühle. 

Leserpost (4)
Ludmil Janev / 26.08.2013

Ich halte es für notwendig, die Angaben im Text zu ergänzen bzw. korrigieren: Die auf beiden Seiten des im Text erwähnten Rhodopen-Passes (Zlatograd - Termes) lebenden Menschen sind keine Türken, sondern bulgarischsprachige Moslems, auch Pomaken genannt. Für diese gibt es in den letzten Jahren u.a. Nachrichtensendungen in ihrer Muttersprache im griechischen Fernsehen. Es stimmt, dass das Gebiet Thrakien im Lauf der Geschichte in verschiedenen Staaten war - auch heute ist es zwischen Bulgarien, Griechenland und Türkei geteilt. Von Bulgaren und “Mazedoniern” wurde das Gebiet - entgegen der Behauptung - nie hin und her geschoben! In der Antike (ca. 1400 v. Chr. - 395 v. Chr.) beherrschten die makedonischen Könige Thrakien, aber in dieser Zeit hatten die Bulgaren noch kein Staatsgebilde unter dem Namen Bulgarien.

Ilia Canev / 23.08.2013

“Griechenland strahlt wie eine blühende Landschaft im Vergleich zu den Schrottstaaten des ehemaligen Ostblocks.” Ja, die Griechen schlucken finanzillen Hilfen seitens der EU schon seit 32 Jahren. Wenn Bulgarien und Rumänien auch solche Unterstützung erfahren hätten, würden sie nich weniger “strahlen”.

Christian Wimmer / 16.08.2013

Darf man auch einfach Danke sagen? Ich finde schon. Also: Danke für diesen ersten Teil, den ich mit Vergnügen und Gewinn gelesen habe, weil man spürt, daß sich hier einer auskennt - und nicht nur mal eben durchgefahren ist. Ich bin schon gespannt auf die weiteren Lieferungen ...

Jochen Seelig / 16.08.2013

Es sind Flamenco-Gruppen, keine Flamingogruppen.

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