Markus Somm, Gastautor / 10.01.2018 / 16:25 / Foto: Pixabay / 3 / Seite ausdrucken

Grenzerfahrung in Europa

Den Beginn des Jahres haben wir in Meran verbracht, einer kleinen Stadt im Südtirol, prächtig platziert in einem breiten Tal, das sich verschwenderisch gegen Süden öffnet. Bloß auf 300 Metern Höhe gelegen, erinnert es ein wenig an Bellinzona – was die Lage betrifft –, doch während Bellinzona wirklich im Süden liegt, wirkt Meran viel nördlicher, deutscher natürlich; vom Mediterranen, das unser Tessin auszeichnet und das die Sehnsucht der Deutschschweizer befeuert, ist hier weniger zu spüren.

Die Sehnsucht im Südtirol richtet sich mehr nach Norden, nach der alten Heimat Österreich – und noch knapp hundert Jahre, nachdem das Gebiet 1920 wider Willen an Italien gekommen ist, empfindet man das: Zwar sind wohl viele Wunden verheilt, doch irgendwie bleibt es ein Provisorium, ein Kuriosum, ein Akt der Willkür. Könnten die Südtiroler heute an der Urne abstimmen, so wie etwa unsere Jurassier einst oder die Katalanen neuerdings keinesfalls: Ich bin mir nicht sicher, ob sie nicht doch lieber zurück zu Österreich wollten.

Unsere Stadtführerin, eine ältere, kleine, durchaus witzige und eloquente Südtirolerin, die uns Meran zeigt, widerspricht zwar: aber sie tut es so engagiert, dass man merkt, wie sehr sie es glauben will, und sei es nur darum, weil es politisch nicht ganz korrekt wäre, im gegenwärtigen Europa der angeblich ausgestorbenen Nationalstaaten noch über so etwas Nationales, also Veraltetes wie neue Grenzen nachzudenken, geschweige denn diese zu verschieben.

Dennoch hat eine Fahrt von der Schweiz her via Münstertal durch den Vinschgau nach Meran etwas Atemberaubendes: Man übertritt eine Grenze, die seit vielleicht fünfhundert Jahren besteht, man durchquert ein Gebiet, das die Eidgenossen 1499 verwüsteten, weil Kaiser Maximilian zuvor das Engadin massakriert hatte, und das die Bündner nie zu erobern vermochten, obschon sie das wohl gerne getan hätten, ein langes, schönes Tal, das so nah und fern zugleich ist, so vertraut und fremd, was einem eine Art historisches Gruseln vermittelt, gerade wenn man über Sinn und Wirkung von Grenzen nachdenkt. Selbst wenn Grenzen in Europa seit dem Schengen-Abkommen nicht mehr vorhanden sein sollen: man wird sie immer wahrnehmen. Geschichte verschwindet nie spurlos – und wer das glaubt, vor dem muss man sich in acht nehmen.

Die Schweizer hatten Glück, die Südtiroler starben

Im Rückblick entschied diese Grenze im Münstertal über Leben und Tod. Während des Ersten Weltkriegs blieben die Schweizer diesseits dieser Grenze von sehr viel Elend verschont, während die jungen Männer des Südtirols zu Tausenden für einen sinnlosen Krieg und für ihren verschrobenen, unfähigen Kaiser starben, um nachher plötzlich als Italiener wiederzuerwachen, obwohl sie kein Wort Italienisch verstanden.

Im Zweiten Weltkrieg war diese Grenze im Münstertal verschlossen für viele Leute, besonders Juden, aber auch andere Flüchtlinge, die wir Schweizer hätten retten können; manche ließen wir dennoch hinein, viel zu viele aber nicht. Die jüdische Gemeinde von Meran, die heute noch über eine kleine, feine Synagoge verfügt, wurde damals, ab 1943, deportiert. Die meisten Meraner Juden starben in irgendeinem KZ, der Weg durch den Vinschgau in unser Münstertal blieb ihnen versperrt.

Etwa 62 Prozent der Südtiroler sprechen Deutsch, 23 Prozent Italienisch, 4 Prozent Ladinisch, also Rätoromanisch, die übrigen sind Ausländer und stammen von überall her. 1910, zehn Jahre vor der Annexion durch Italien, hatten bloß drei Prozent Italienisch als ihre Muttersprache angegeben, 89 Prozent bezeichneten sich als deutschsprachig, mit anderen Worten, hätte man damals beachtet, was der amerikanische Präsident Woodrow Wilson verlangte, nämlich das „Selbstbestimmungsrecht der Völker", das Südtirol wäre sicher nie zu Italien geschlagen worden. Niemand wollte das in diesem seit jeher konservativen, schwer katholischen, kaisertreuen Land in den Bergen.

Auch unsere Stadtführerin geht noch regelmäßig in die Kirche, weil sie sonst ein „schlechtes Gewissen“ plage, doch selbst im Südtirol scheinen der Papst und seine Priester auf verlorenem Posten zu stehen, nur sechs Gläubige, klagt sie, seien gestern neben ihr in der Kirchenbank gesessen. Als wir Ski mieten, bei Ski-Max, entdecke ich in seinem Laden ein gerahmtes Bild an der Wand, das ein kleines Foto von Papst Benedikt XVI. – also Joseph Ratzinger – zeigt und darunter steht, dass er, der Heilige Vater, ihm, Max Gruber, den apostolischen Segen erteilt hat. Immerhin.

Die Freiheit der Anderssprechenden

Ski-Max’ Geschäfte laufen im Übrigen gut. Er spricht fließend Italienisch und Deutsch, wechselt mühelos hin und her, sodass man hier nicht den Eindruck erhält, die Nachwirkungen der Annexion seien noch negativ zu veranschlagen. Wie er darüber denkt, erfahre ich nicht, er wirkte zu beschäftigt beim Bedienen der vielen italienischen und deutschen Touristen.

Das Südtirol ist heute eine autonome Provinz in Italien – und obschon die italienischen Regierungen gewiss nicht als die Virtuosen moderner Regierungskunst zu gelten haben, haben sie das recht gut gemacht, wenn auch unter beträchtlichem Druck seitens der Südtiroler. Diese können in ihrem Land sehr vieles selber entscheiden, ob in der Landwirtschaft, im Tourismus, oder gar im Unterrichtswesen; und bestimmt hat der italienische Staat daher an Beliebtheit oder zumindest Akzeptanz gewonnen.

Die Beton-Spanier in Madrid könnten vom Südtirol etwas lernen: Falls sie die Katalanen in ihrem Staat halten wollen, müssten sie alles dafür tun, dass diese glauben, sie hätten schon so viele Freiheiten, dass sie dazu gar keine Unabhängigkeit mehr brauchen.

So weit geht die Autonomie aber auch der Südtiroler nicht. Der größte Teil ihrer Steuern fließt zunächst nach Rom – und soll dann angeblich zurückströmen, was wohl stimmt, denn das Budget der Provinzregierung in Bozen ist größer als jenes der Landesregierung von Tirol im österreichischen Innsbruck. Mit schweizerischen Verhältnissen allerdings, wo jeder Kanton und jede Gemeinde die Steuern behält, die man einzieht, ist das kaum zu vergleichen. Jede Gemeinde hat bei uns mehr Autonomie als die autonome Provinz Bozen – Südtirol.

Glücklicher als manche andere Region in Italien

Dennoch ist das Südtirol vermutlich ein glückliches Land, glücklicher als manche andere Region in Italien, vor allem ist es reich, ja, so reich, dass es manchmal gerade darunter leidet. Denn die Personenfreizügigkeit in Europa und Italien zugleich bedeutet, dass immer mehr Italiener oder Ausländer auf der Suche nach Arbeit und Wohlstand zuziehen, und so die Deutschsprachigen sich in der Defensive fühlen. Sie fürchten um ihre kulturelle und sprachliche Mehrheitsposition in der Provinz, die tatsächlich einer verzweifelten Minderheitsstellung in einem riesigen italienischen Staat gleichkommt.

Italien hat rund 60 Millionen Einwohner, das Südtirol 520.000, davon reden 315.000 Deutsch. Von Überfremdung schreiben die wichtigsten Zeitungen daher unbekümmert und warnen davor. Eine Partei wie die „Freiheitlichen", die die herrschende (christlichdemokratisch geprägte) Südtiroler Volkspartei SVP zusehends bedrängt, will gar für alle Südtiroler die österreichische Staatsbürgerschaft erlangen und die Zuwanderung – ob aus Italien, Europa oder von überall her – streng begrenzen. Angesichts des anhaltenden Zerfalls der EU und des italienischen Chaos in Rom – so mein Eindruck – dürften diese Strömungen in naher Zukunft zulegen.

Grenzen. Im frühen Mittelalter gab es auch im Tirol Landsgemeinden wie im Gebiet der heutigen Schweiz; die vielen Freiheiten, die die Bündner Gemeinden damals hatten, besaßen manche Tiroler Dörfer genauso, wie wohl auch im nahen Vinschgau oder im Meraner Land. Und in manchem dürften die Bergler im Tirol den Berglern in den Schweizer Alpen und Voralpen geglichen haben. Landschaften prägen Menschen. Was den Eidgenossen der Gotthard, war den Tirolern der Brenner: ein strategisch bedeutender Pass, den man notfalls auch sperren konnte, wenn man die Fürsten und die Kaiser ärgern wollte, was in der Regel dazu führte, dass man diesen mehr Rechte und die Freiheit abzupressen vermochte.

Trotzdem gingen die Tiroler einen ganz anderen Weg. Während sich die Eidgenossen mit den Habsburgern, die ja aus der Schweiz stammten, überwarfen und Radau machten, wurden die Tiroler zu den treuesten Untertanen der Habsburger. Warum, wäre Stoff für ein dickes Buch, das nicht ich schreiben werde. Am Ende, so viel kann ich trotzdem schon jetzt sagen, haben die Eidgenossen den besseren, glücklicheren Weg gewählt. Die Grenze im Münstertal zum Vinschgau schützte uns vor manchen Verirrungen in Europa, während die Südtiroler von den meisten dieser Katastrophen verheert wurden. Auch wenn Meran sich inzwischen gut erholt hat – und uns glänzend bewirtet und beherbergt hat.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Basler Zeitung.

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Leserpost (3)
Frank Meier / 10.01.2018

Also Sie plädieren für friedensstiftende innereuropäische Grenzen, weil wegen jener Grenzen die Europäer miteinander Krieg geführt haben? Ich verzichte gerne auf innereuropäische Grenzen, solange die EU-Außengrenzen geschützt werden.

Elmar Schürscheid / 10.01.2018

Tja, im Südtirol leben halt viele Kulturen. Diese gehen dort aber vernünftig und respektiv miteinander um. Das liegt daran dass die eigene Kultur noch einen Wert hat. Dazu muss niemand einem Heimatverein beitreten.

Ulrich Jäger / 10.01.2018

Hallo Herr Somm, was außerhalb Südtirols wohl die wenigsten mitbekommen haben, ist die 2002 erfolgte Umbenennung des Bozener Friedensplatzes in Siegesplatz. Das geschah aufgrund eines Referendums, das die “bio-italienische” Mehrheit in der Stadt so entschied. Der Name “Siegesplatz” stammt aus der faschistischen Zeit Italiens und soll den Anspruch Italiens auf die “Kriegsbeute” verfestigen. “Kriegsbeute” deshalb, weil das reiche Südtirol dem neutralen Italien für einen Kriegseintritt 1915 auf Seiten der Entente als Belohnung versprochen wurde. Insofern ist die Geschichte mit dem “verschrobenen, unfähigen Kaiser” nur eine Seite der Medaille. Ich kann mich noch an die Zeit erinnern, in der auch in DDR-Zeitungen von Bombenanschlägen auf Strommasten in Südtirol berichtet wurde und auch heute noch werden nach Österreich geflohene Südtiroler per italienischem Haftbefehl gesucht. Diesen alten Herren wird es vielleicht erst als Tote gestattet zurückzukehren.

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