Wolfram Ackner / 02.02.2017 / 15:46 / Foto: Langinger / 10 / Seite ausdrucken

Good Bye, Ludwig

Liebe Leser,

da ich gerade an einem Buch arbeite und meine Zeit zum Schreiben sehr limitiert ist, möchte ich mich für ein halbes Jahr von der Achse verabschieden. Natürlich möchte ich so in meine „Babypause“ gehen, wie es sich für einen höflichen Autor gehört – mit einer Leseprobe.

Der Titel des Buches lautet: „Good Bye, Ludwig“. Es handelt sich um die Geschichte des Ludwig Erhardt. Dieser Ludwig Erhardt ist das jüngste von vier Kindern der Karlsruher Unternehmerfamilie Traudel und August Erhardt, geboren am 17. Oktober 1963 – also einen Tag, nachdem der „richtige“, der große Ludwig Erhardt, zum zweiten deutschen Bundeskanzler ernannt wurde. Aufgrund seines Namens durchlebt mein Ludwig Erhardt eine schwere Kindheit und Jugend, weil er von den Kindern der Achtundsechzigern getriezt und von den Schülern aus konservativem Elternhaus verspottet wird. Diese Widerstände und seine Erlebnisse während des deutschen Herbstes spornen ihn allerdings dazu an, mit Vollgas durch Schule und Studium zu rasen und einer der aufstrebenden Sterne der Christlich Demokratischen Union zu werden. Aufgrund seiner außergewöhnlichen Begabungen ist Ludwig Erhardt im Jahre 1998, im Jahr seines schweren Autounfalls, bereits Ministerialdirektor im Bundesinnenministerium, Leiter der „Abteilung Krisenmanagement und Bevölkerungsschutz“, und damit der jüngste B9-Beamte aller Zeiten. Er ist mit den Spitzen des Landes auf „Du & Du“, gilt als künftiger Anwärter auf ein Ministeramt – doch dann holt ihn um ein Haar der Mehrtürertod, und als er 19 Jahre später aus dem Koma erwacht, ist sein Land plötzlich verschwunden … und Ludwig, der ewig überkorrekte Paragraphenreiter und Perfektionist, sollte schon bald nicht mehr der Mann sein, den das alte Deutschland kannte!

Und jetzt geht die Geschichte los:

Nach Wochen voller absonderlicher Begebenheiten hatte es sich eingespielt, dass Ludwig den größten Teil des Tages in seinem Arbeitszimmer im zweitem Stock ihres Hauses verbrachte. Normalerweise versackte er für Stunden in seinem Refugium, ohne die verstreichende Zeit zu registrieren, denn Mathilda fand nur noch selten den Mut, einfach mal mit einem kurzen Klopfen die Tür zu seinem Heiligtum zu öffnen und sich mit einem schiefem Lächeln, das nur schlecht ihre Unsicherheit verbarg, nach seinem Befinden zu erkundigen. Nicht, dass Ludwig ihr gegenüber unfreundlich war, ganz im Gegenteil – er wirkte in letzter Zeit nur immer nur so ... merkwürdig. Wie eine lose Kanone, die über das Schiffsdeck rollt. Gleichzeitig geistesabwesend und hochkonzentriert. In sich versunken und sprungbereit. Man konnte sich nie sicher sein, ob diese Kanone in einer Kuhle verharrte oder urplötzlich eine Planke durchschlug. Als ob eine dumpfe, unterdrückte Wut in ihm brütete, die er mit oberflächlicher Freundlichkeit zu tarnen suchte. Diesen Samstag Vormittag allerdings hatte sie kurzentschlossen die Tür geöffnet und ihn an sein Versprechen erinnert, weil sie überhaupt nicht einsah, dass diese von ihm freiwillig eingegangene Verpflichtung – neben all dem anderen – jetzt auch noch an ihr hängenbleiben sollte, bloß damit er mehr Zeit für seine … was-auch-immer … hatte. Mathilda pflegte schließlich ebenfalls Hobbys, was sie auch nicht daran hinderte, ihre Pflichten im Haushalt zu erfüllen.

Deswegen war Ludwig die letzten zwei Stunden damit beschäftigt gewesen, den Schäferhund des Nachbarn kreuz und quer durch Bad Godesberg spazieren zu führen, seit Tagen sein erster längerer Ausflug aus dem Haus. Wolfgang, der Nachbar, war ein alter Freund aus Ludwigs CDU-Kreisverband, ein leutseliger, jovialer Siebzigjähriger, der immer einen prall gefüllten Sack voller Schnurren und Anekdoten mit sich herumzuschleppen schien, auch wenn er tragischerweise nicht mehr in der Lage war, sich auch nur ansatzweise zu erinnern, welche Geschichte er wem schon erzählt hatte. Seit Ludwigs Rückkehr aus dem Koma hatte Wolfgang schon dreimal die Story zum Besten gegeben, wie er unter Kanzler Gerhard Schröder als der letzte hochrangige Beamte die Lichter im alten Bonner Bundeskanzleramt ausknippste. Den heutigen Tag verbrachte er mit seinen Enkeln in Düsseldorf, und Ludwig hatte ihm versprochen, sich um seinen Rüden zu kümmern. Irritierenderweise hieß dieser Schröder und, wie ihm Mathilda die Woche über lachend erzählte, war dies mittlerweile schon Wolfgangs dritter Schäferhund namens Schröder. Ludwig musste immer schmunzeln, wenn er vom Fenster aus beobachtete, wie sein alter Freund das Tier mit herrischen Kommandos wie „Schröder, sitz!“, „Schröder, kusch!“, oder „Schröder, platz!“ triezte. Jaja, der Mensch, das alte Kompensationstier! Es schien für Wolfgang keine einfache Zeit im alten Bundeskanzleramt gewesen zu sein, aber offensichtlich hatte er einen Weg gefunden, sich wenigstens nachträglich in eine „Seit-5.45Uhr-wird-zurückgeschossen-Stimmung“ zu versetzen.

Ludwig hatte sich wieder ins Arbeitszimmer vergraben und versuchte, in seinen Unterlagen den vorübergehend abgelegten roten Faden wiederzufinden, was sich als gar nicht so einfach herausstellte, denn seine Arbeitsmaterialien waren einfach nur ein unsortierter Wust aus unzähligen ausgeschnittenen beziehungsweise ausgedruckten Zeitungsartikeln, juristischen Fachbüchern, wissenschaftlichen Journalen und seiner neu aufgenommenen Korrespondenz mit alten Parteifreunden und Kollegen, von denen es mittlerweile einige in hohe und höchste Schaltstellen des Landes geschafft hatten.

Wie jeden Samstag putzte und wienerte sich Mathilda schon seit Stunden durch alle drei Etagen ihres Hauses. Selbst durch die geschlossene Tür seines Arbeitszimmer konnte Ludwig den Zitronenduft wahrnehmen, der – wie er vermutete – seine Nase nur zu dem Zweck umspielen sollte, um ihm ein schlechtes Gewissen einzuflößen. Er schloss kurz die Augen und stellte sich das Bild vor, wie Mathilda, die brünetten Haare hochgesteckt, bekleidet mit der alten Küchenschürze, unter stetigen murmeln unverständlicher Zaubersprüchen die komplette Flasche Zitrusreiniger in den Eimer kippte und aus einer daraus aufsteigenden Wolke ein Dschinni Gestalt annahm, als hätte jemand an Aladins Wunderlampe gerieben.

Ihr habt mich gerufen!“

Ich befehle dir, meinen Ehemann durch jede Ritze zu verfolgen, auf dass er sich daran erinnern möge, dass es in diesem Haus einige gibt, die hart arbeiten, während andere auf der faulen Bärenhaut liegen!“

Ich höre und gehorche!“

Zumindest würde die Durchführung eines magischen Rituals die plötzliche Stille erklären, nachdem seine Frau die letzten fünf Minuten damit verbracht hatte, mit dem Schrubber ein ums andere Mal vorwurfsvoll gegen seine Tür zu bumsen. Und sie hatte ja nicht ganz Unrecht, wie er sich mit leisem Schuldbewusstsein eingestand. Es wäre ihm tatsächlich kein Zacken aus der Krone gebrochen, wenn er bei seiner Rückkehr einfach gefragt hätte, ob er irgendwie helfen könnte, anstatt mit einem: „Bin zurück“ und einem flüchtig auf die Wange gehauchten Kuss an ihr vorbeizulaufen. Schließlich hatte er Mathilda gegenüber ja auch die letzten Samstage die eigentlich selbstverständliche Höflichkeit aufgebracht, sie zu fragen, wie er sich einbringen kann … wenn auch mit betont kraftloser Stimme und im sicheren Wissen, dass sie ihn so unmittelbar nach einem 19 Jahre währendem Koma in Frieden lassen würde. Nur leider war es Mathilda im Laufe der letzten Wochen nicht entgangen, dass er die zehn Kilometer schon wieder in unter einer Stunde rannte und allgemein einen physisch blendenden Eindruck hinterließ. Warum also freiwillig unnötige Risiken eingehen … ? Außerdem hatte er ihr angeboten, eine Putzfrau zu bezahlen. Wenn sie das mit der Begründung ablehnte, dass putzen für sie etwas meditatives hatte, dann sollte sie von ihm aus eben meditieren, kumbaya, my Lord ... obwohl er persönlich nicht so recht erkennen konnte, was daran besinnlich sein sollte, miesgelaunt Hektik zu verbreiten.

Bomm, dröhnte der Schrubber wieder gegen seine Tür, erneut die Anklageschrift verlesend, und Ludwig stand auf. Es reichte. Er lief zur Tür und öffnete.

„Schatz, lass jetzt gut sein!“, sagte er. „Du willst ein sauberes Haus, ich will mein Deutschland zurück, und ich hab keine Lust, mich wegen solcher Sachen mit dir zu streiten. Ich mache morgen früh einen Anruf und lasse zweimal die Woche für vier Stunden eine Putzfrau kommen, einverstanden?“

Ohne ihn anzuschauen brummelte Mathilda ein verärgertes „mrrhh“ in seine Richtung.

„Gut, dann wäre das abgemacht“, sagte Ludwig. „Lass uns beide eine Pause machen. Ich gehe schon runter, Kaffee ansetzen und Kuchen aufschneiden. Kommst du bitte mit?“

Ein zweites „mrrhh“ streifte haarscharf seine Wange, aber zumindest gönnte sie ihm wieder einen Blick – wenn auch keinen, den man zwangsläufig als liebevoll bezeichnen müsste. Aber Ludwig nahm das nicht weiter ernst. Er wusste, dass dies schon der sich verziehende Rauch der Rückzugsgefechte war. Überhaupt schätzte er die Eigenschaft seiner Frau, sich nicht aus Prinzip an schlechter Laune festzukrallen, wenn er sich zumindest einen kleinen Schritt in ihre Richtung bewegte. Fünf Minuten später saßen sie deswegen im Wohnzimmer auf der alten Ledercouch schon wieder einträchtig nebeneinander. Ludwig blätterte in der Wochenendausgabe des Bonner Generalanzeigers, während Mathilda ihren Kaffee umrührte und dabei ein altes Buch mit siebenbürgischen Stickmustern betrachtete, das sie von ihrem Vater geerbt hatte. Plötzlich ließ Ludwig ein ungutes Kichern ertönen.

„Worum geht's?", fragte Mathilda. Sie war hochalarmiert, was sie zu verstecken suchte. Oh, bitte nicht noch mehr Blödsinn, langsam hatte sie wirklich genug von Ludwigs Verrücktheiten. Was war nur aus ihrem alten Streber geworden, der immer mit dem bürgerlichen Gesetzbuch unter dem Kopfkissen schlafen zu gehen pflegte? Sie fühlte sich immer öfter wie eine Frau, die sich am Abend zu Fürst Metternich ins Bett gelegt hatte und am frühen Morgen mit Michael Bakunin aufwachte.

„Erzähl doch mal“, sagte sie, ohne von ihren Stickmustern aufzublicken, und versuchte, denselben viertelinteressierten Ton wie damals zu treffen, als die Mädels noch in den Kindergarten gingen, Tag für Tag Berge von Papier mit Pinsel und Wassermalfarben malträtierend, und mit jedem einzelnen dieser Bilder zu ihr kamen - freudestrahlend, in aufgeregter Erwartung, danach befragt zu werden … und sie mit ihrem üblichen „Oh, toll, erzähl doch mal“ reagierte, bei dem jeder außer ihren Kindern heraushören konnte, dass sie es ausnahmsweise auch einmal überlebt hätte, wenn die Mädels ihre Zeichnungen im Rucksack lassen würden und Ruhe gäben, anstatt ihre Mama sich fühlen zu lassen wie eine feministisch-orientierte Albrecht Dürer-Restauratorin, die dazu gezwungen wird, in der Abri-Castanet-Höhle voller Begeisterung schwärmerische Vorträge über die Qualität und Perfektion der dortigen 37000 Jahre alte Vulva-Zeichnungen zu halten. Lautlos ihre Lippen bewegend gab sie vor, auf ihrem Stickmuster die Anzahl der Reihen einer Diagonallinie nachzuzählen, währen sie insgeheim hoffte, dass die List funktionierte. Ihre Erfahrung der letzten Wochen besagte nämlich, dass Ludwig verstummte, sobald ihre Neugierde allzu distanzlos auf seinen Schoss hüpfte, dort einen langen Hals machte und sich interessiert umsah. Es schien zu klappen.

"Sag mal, Anetta-Nicole Hölldöppler-Brömseklöten, die zur Bundestagswahl hier in unserem Wahlkreis für die SPD antreten wird ... man kann doch ziemlich sicher davon ausgehen, dass es diesen Namen nur einmal in Bonn gibt, oder?"

Mathilda zog ihren Finger über die Illustration. „31, 32, 33, 34! Ich wusste doch, dass ich mich verzählt hatte“.

Sie klappte das Buch zu und blickte Ludwig an.

„Ja, warum!“

Über Ludwigs Gesicht huschte ein Anflug von Belustigung und ein unbändiger, verschmitzter Schalk in seinen Augen schoss einen Stroboskopblitz in ihre Richtung. Matthilda spürte Ärger in sich aufsteigen, weil er sie wieder mal ertappt hatte. Ihre verdammten neugierigen Augen verrieten sie immer! Es war wieder genau wie in den Neunzigern. Das alte, wortlose „Ich weiß, dass du weißt, dass ich weiß“-Spiel, das immer nur in eine Richtung funktionierte, weil es Ludwig im Gegensatz zu ihr stets gelang, sich nicht in die Karten gucken zu lassen.

„Ich gehe nochmal mit dem Hund raus“, sagte Ludwig. „Ich weiß noch nicht, wann ich zurück bin“

„Ludwig, ihr seid doch grade erst rein!“, sagte Mathilda. Sie blickte ihren Gatten irritiert an.

„Kacken!“, sagte Ludwig in einem amtlichem, knarzendenTon, als wäre er ein Physikprofessor der Adenauer-Ära, der vor seinen Studenten an der Tafel steht und nach stundenlanger Erläuterung von These und Antithese mit wichtiger Miene: „E=mc² “ verkündet. Er sah seine Frau mit weitaufgerissenen Augen an und klopfte sich mit dem Zeigefinger so hart gegen die Stirn, dass es sich anhörte, als würde irgendwo weit entfernt ein Nagel eingeschlagen. „Hatte ich vergessen. Schröder war noch nicht kacken!“

Er stand auf, zog sich an („warum die alte, speckige Gartenjacke“, fragte sich Mathilda. „Warum die Gummistiefel?! Warum Opas Zigeunerhut?!) und war innerhalb einer Minute aus dem Haus. Voller unbefriedigter Neugierde stand Mathilda am Fenster und spähte hinaus. Sie wusste, dass das Funkeln ihrer Gläser hinter den Gardinen sie für gewöhnlich verriet, aber es war ihr egal. Von ihr aus konnte sie Ludwig ruhig wieder als „Gardinen-Eumel“ verspotten. Sie hatte einfach ein Anrecht darauf, die Wahrheit zu erfahren! Ludwig lief schnurstracks zu Wolfgangs Haus und verschwand im Hof. Eine Minute später kam er mit dem Schäferhund heraus, der sich sehr zu freuen schien, noch einmal herauszukommen. Er steckte ihn ins Auto und telefonierte mit der rechten Hand ungefähr zwei Minuten, während er mit der linken Hand den mitgenommenen ‚Bonner Generalanzeiger‘ zum Fernrohr zusammenrollte und damit provozierend das Fenster betrachtete, hinter dem Mathilda für gewöhnlich ihre „vorgeschobener-Beobachter-Position“ bezog. Schließlich steckte er sein Handy ein, winkte ihr zu und fuhr davon.

„Was hast du vor?“, flüsterte Mathilda. „Was um alles in der Welt hast du bloß vor?“

Anetta-Nicole Hölldöppler-Brömseklöten hatte nach dem überraschenden Telefonat gerade noch die Zeit gefunden, ihre gute blaue Bluse anzuziehen, das halblange lockige rote Haare zur Löwenmähne zu wuscheln, und ihren feinen Seidenschal umzubinden, als es auch schon an ihrer Tür klingelte. Sie wollte gut aussehen, selbst wenn es diesmal nicht um ihren eigenen Sex ging. Aufschrei-Debatte hin oder her – wenn sich eine Dame von Welt mit einem unbekannten Mann traf, hatte die Dame gefälligst etwas für's Auge zu bieten! In dieser Beziehung attestierte sie sich in selbstreflexiven Momenten schon ein wenig ‚altes Denken‘. Ein letzter Blick in den Spiegel und sie öffnete die Tür.

„Anetta-Nicole Hölldöppler-Brömseklöten“, sagte sie förmlich, reichte Ludwig die Hand und versuchte, sich ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Ach, du grüne Neune. Der Mann versprühte eher den Habitus eines Schweinebesamers einen Tag vor dem allsonntäglichen Waschhaus-Besuch als den eines Halters von preisgekrönten Zuchtrüden.

„Nemeth Ference“, sagte Ludwig, lächelte linkisch und schüttelte ihr die Hand.

„Kommen Sie rein, Herr Ference, schön dass das so kurzfristig geklappt hat“, sagte Anetta-Nicole Hölldöppler-Brömseklöten, misstrauisch auf Ludwigs rechten Unterarm blickend.

„Herr Nemeth", korrigierte Ludwig. „Wir Ungarn stelle uns immer zuerst mit Nachname vor, dann Vorname.“

„Also, ihren ungarischen Akzent bemerkt man sofort“, sagte Anetta-Nicole Hölldöppler-Brömseklöten.

Ach, der ‚ungarische Akzent‘ ist gar nicht so schwer, dachte Ludwig. „Einfach ein paar Endungen weglassen und beim Sprechen knödeln, knödeln, knödeln.“

„Früher waren wir ja oft in Ungarn“, fuhr Anetta-Nicole Hölldöppler-Brömseklöten seufzend fort und blickte ihm prüfend ins Gesicht. „Aber heute ... ?“

„Ungarn ist furchtbar geworden“, pflichtete ihr Ludwig bei. „Orban ist ein ganz ganz schlimmer Mann. Ein Diktator!“

Anetta-Nicole Hölldöppler-Brömseklöten fand augenblicklich ihr Lächeln wieder. Für einen Osteuropäer – schlimmer noch, für einen Ungarn – schien Herr Nemeth ja doch recht vernünftige Ansichten zu besitzen.

„In Ungarn herrscht fast Faschismus“, fuhr Ludwig fort. „Orban spricht nur noch schlecht über Europa, über Flüchtlinge. Nur noch Kampagne mit der Angst! Ich schäm mich für Ungarn. Deutschland hatte so viel Solidarität mit Ungarn und jetzt, wo Deutschland braucht Solidarität, Ungarn zeigt nur Undank. Ich fühl mich überhaupt nicht mehr als Ungar. Ich fühle mich als Deutscher, ich fühle mich als Europäer. Besitze jetzt schon sechs Jahre den deutschen Pass. Als ich damals ins Land gekomme bin, war ich sofort ein Riesenfan von Gerhard Schröder! Deswegen hab ich mein Schäferhund nach ihm benannt.“

„Oh, ‚Gerhard‘ ist ein sehr wohlklingender Name für einen preisgekrönten Zuchtrüden!“, sagte Anetta-Nicole Hölldöppler-Brömseklöten.

„Nein, der Hund heißt Schröder“, sagte Ludwig. „Ich hatte nicht dran gedacht, dass in Deutschland Namen anders herum genannt werden als in Ungarn.“

„Und die Papiere haben Sie dabei?“, fragte Anetta-Nicole Hölldöppler-Brömseklöten und blickte ihn über den Rand ihrer Brille hinweg streng an.

„Ja, im Auto, zusammen mit Schröder!“, sagte Ludwig. „Es ist alles dokumentiert, was ich Ihnen am Telefon gesagt habe. Er hat preisgekrönte Eltern und Großeltern, die Zucht kann sich zurückverfolgen lasse bis nach dem Krieg. Ich habe Schröder schon so oft weggebracht zum bumsen … “ Ludwig fügte eine Kunstpause ein, die er nutzte, um mit einem 'moment-mal-es-kommt-noch-besser“-Gesicht, der erhobenen rechten Hand und seinem sich hebenden und senkenden Brustkorb anzudeuten, dass er kaum noch an sich halten konnte und dieser Brüller jetzt auf seine ultimative Pointe zusteuerte. „ … mittlerweile gebe ich für Schröder Orgasmusgarantie!“

Ludwig betrachtete hinter der Maske des blökenden Deppen das Gesicht der Frau, welches im Zeitraffer zu versteinern schien. Er fand es immer wieder faszinierend, wie ausrechenbar die Reaktionen dieser Leute waren. Als ob man immer und immer und immer wieder auf einen Knopf drückte und jedesmal dieselbe mimische Muskulatur zum zucken brachte.

Anetta-Nicole Hölldöppler-Brömseklöten runzelte die Stirn, spreizte – ohne dies auch nur zu bemerken – den Zeigefinger ihrer sich erhebenden rechten Hand ab und wollte gerade zu einer Standpauke anheben, als sie sich doch eines besseren besann. Sicher, wenn einer ihrer Parteigenossen oder ein richtiger Europäer solchen sexistischen Müll von sich gegeben hätte, würde es jetzt ordentlich was auf die Mütze setzen, aber erstens war der Mann Ungar und man musste den Leuten dort auch einfach ein wenig Zeit einräumen, dieselbe Stufe des gesellschaftlichen Fortschritts zu erklimmen, den die Westeuropäer dank ihres natürlichen Entwicklungsvorsprungs schon erreicht hatten, und zweitens war sie ja tatsächlich in keiner leichten Lage. Der Deutsche Schäferhund kam tatsächlich immer mehr aus der Mode, in ihrer eigenen Partei wurde sie nicht selten dafür belächelt, ausgerechnet diese Hunde zu züchten. Es gestaltete sich immer schwieriger, qualitativ hochwertige Deckrüden in Bonn und Umgebung zu finden, und ihr sterbender Mann hatte ihr auf dem Totenbett das Versprechen abgenommen, die darniederliegende Zucht wieder zu alter Größe zu führen. Es musste etwas passieren!

„Sagen Sie, sind Sie nicht die Frau von der SPD, die diese berühmte Stiftung führt?“, fragte Ludwig ehrfürchtig, wobei er schüchtern seinen Zigeunerhut in der Hand drehte. Es war, als hätte man kraftvoll am Hebel des einarmigen Banditen gezogen. Die Drehscheibe rotierte, das „Panzerabwehrgesicht“ verschwand und mit einem leisen Kling rastete ihr Wahlkampfstand-Gesicht Nr. 1 ein, „das strahlende Honigkuchenpferd“.

„Oh, ich werde also erkannt, daran muss ich mich erst noch gewöhnen, das ist oft unangenehm!“, flötete Anetta-Nicole Hölldöppler-Brömseklöten.

Es war, als würde ein Blitz vom Himmel herunterschießen und Ludwig niederstrecken. Ludwig Erhardt, aka ‚Ference Nemeth‘, flüsterte leise „Szent Maria“, riss die Augen auf und griff bewegt nach ihrer Hand.

„Szent Anetta“, gluckste Anetta-Nicole Hölldöppler-Brömseklöten. „Und auf das Amen kann ich verzichten!“

„SPD war immer gut, hat sich immer eingesetzt für Leute wie mich“, stammelte Ludwig. „SPD hat so viel getan für uns Ausländer.“

Anetta-Nicole Hölldöppler-Brömseklöten schwieg berührt. Einerseits schimpfte sie zwar oft über das Katzbuckeln der Kleinbürger gegenüber der Obrigkeit, gegen diesen Untertanengeist der Deutschen, denen einfach der Schneid fehlte, gegen die Macht der Konzerne, die Militarisierung der deutschen Gesellschaft und dieses unmögliche deutsche Schulsystem auf die Straße zu gehen, das jeder Individualität, jedem Glücks- und Selbstverwirklichungsstreben im Wege stand und nur darauf zielte, unter nahezu unmenschlichem Leistungsdruck junge Menschen zu weiteren kleinen Ersatzzahnrädern im Getriebe des Kapitalismus zu schmieden. Andererseits war es richtig süß, wie sich Herr Nemeth in einer hastigen Geste, die er zu verbergen suchte, eine Träne aus dem Auge wischte. Denn für gewöhnlich zeichnete sich in diesen Tagen der Kontakt zum Wahlvolk nicht gerade durch Wärme und Herzlichkeit aus, da war es durchaus angenehm, zur Abwechslung mal den Hintern geküsst zu kriegen. Ein flüchtiges Schmunzeln huschte über ihr Gesicht, als sie daran dachte, wie sie bei der nächsten Parteiversammlung mit dieser Anekdote für leise Heiterkeit sorgen könnte.

„… wir redeten über die unhaltbaren Zustände in Ungarn, Gott, die Welt und die SPD, da griff er plötzlich nach meiner Hand und sagte unter Tränen „Heilige Maria“ zu mir. In dem Moment wurde mir bewusst, wie sehr die anständigen Ungarn an den Zuständen in ihrem Land leiden müssen ...“

So eine menschlich-amüsante Anekdote wäre zumindest mal etwas anderes als immer nur dieselbe SPD-Ortsvereinsleier, als was für eine Riesenenttäuschung sich die alte Stammkundschaft, die Arbeiter und Handwerker, mehr und mehr entpuppten. Zumindest die, ‚die schon länger hier lebten‘. Es war wirklich genau so, wie es der scheidende Bundespräsident Gauck ausgedrückt hatte: „Nicht die Eliten sind das Problem, sondern das Volk!“.

„Das ist wirklich interessant, dass Sie sich dermaßen für Politik interessieren“, sagte Anetta-Nicole Hölldöppler-Brömseklöten. „Kommen Sie doch bitte rein, wir können uns drinnen weiter unterhalten.“

Sie winkte Ludwig ins Haus, hieß ihn ablegen, führte ihn zum großem Tisch im Erdgeschoss.

„Nehmen Sie bitte Platz! Wollen Sie vielleicht einen Kaffee?“

„Kein Kaffee, muss noch Auto fahren“, sagte Ludwig und zeigte auf die gutgefüllte Hausbar. „Lieber einen Schnaps, haha!“

„Hihi“, kicherte Anetta-Nicole Hölldöppler-Brömseklöten, die vor den Verlockungen durch Teufel Alkohol auch nicht immer gefeit war. Sie lief zur Vitrine, holte eine volle Flasche Whiskey hervor und schenkte ein. „Na, aber gerne doch! Auf unseren zukünftigen Nachwuchs!“

„Da müssen Sie aber mittrinken!“ sagte Ludwig. „Wenn nur einer trink, dann wird es ein Unglück gebe!“

„Ach, ich weiß nicht“, sagte Anetta-Nicole Hölldöppler-Brömseklöten zögerlich, während ihr Gesicht von weitem so wirkte, als würde man in einen Topf voller lebender Aale blicken. Die zusammengekniffenen Lippen fuhren im Gegenuhrzeigersinn Karussel, die Nasenflügel blähten sich wie bei einem Pferd, dass vergorene Früchte wittert, die Augenbrauen flatterten so wild, dass Ludwig für einen kurzen Moment befürchtete, dass sie sich erheben und davonfliegen könnten, und selbst die Ohren zuckten unmerklich.

„Ich sollte mich zurückhalten“, sagte Anetta-Nicole Hölldöppler-Brömseklöten. „Sie haben keine Ahnung, wie hart das Politikerleben diesbezüglich sein kann. Auf jeder Messe, jedem Empfang, jedem Treffen, heißt es ‚hier ein Pils‘ und ‚dort nen Sekt‘, von den vielen Bratwürsten will ich jetzt gar nicht anfangen. Manchmal kommt es mir vor, als wäre dieses endlose ‚Bratwurstfressen und Biersaufen‘ der eigentliche SPD-Mitgliedsausweis!“

„Aber einer ist keiner!“, sagte Ludwig und schwenkte verführerisch sein Glas.

Anetta-Nicole Hölldöppler-Brömseklöten seufzte. Da sie sich nicht sicher war, ob Herr Nemeth tatsächlich mitbekommen hatte, wie schwer sie mit sich kämpfte, seufzte sie vorsichtshalber noch ein zweites Mal und schenkte sich ein.

„Auf Ihre Zivilcourage!“, sagte Ludwig. „Prost!“

„Es geht hier nicht um mich!“, sagte Anetta-Nicole Hölldöppler-Brömseklöten, nachdem sie ihr Glas in einem Zug geleert hatte. „Es geht um uns als Gemeinschaft. Die Gemeinschaft der Demokraten. Wir müssen dafür sorgen, dass Rassismus, Homophobie, Antisemitismus, Chauvinismus auch in Zukunft keine Chance haben, dass Deutschland ein weltoffenes, solidarisches, nachhaltiges, der Zukunft zugewandtes Land bleibt! Wir dürfen uns nicht wegducken, bloß weil die Zeiten härter werden. Daran ist bereits vor 80 Jahren die erste deutsche Demokratie gescheitert – dass wir Demokraten den Schreihälsen die Straße überlassen haben.“

„Ich hab Ihr Interview gelesen“, sagte Ludwig. „Musste weinen, den ganzen nur Tag weinen. Dass ist so gut, wichtig, mutig, dass Politiker wie Sie offen ausspreche, dass es schon in einer Generation keine ethnische Minderheit und Mehrheit mehr geben wird in Bonn, in Köln, in Düsseldorf, in Ruhrgebiet.“

„Ah, Sie reden von meinem letzten Interview in der WAZ!“ sagte Annette-Nicole Hölldöppler- Brömseklöten, während Ludwig ungefragt nachgoss. „Oh, für mich nur so viel!“ sagte sie und zeigte mit zwei Fingern die Breite einer DVD-Hülle an, sich schnell auf die Breite eines 300-Seiten-Buches korrigierend. „Sie haben Recht, dass ist mein Thema, und zwar schon lange. Wir als moderne Gesellschaft müssen uns von diesen alten völkischen Vorstellungen verabschieden. Wer ‚Deutsch sein‘ heute noch mit weißer Haut und deutsche Vorfahren bis mindestens zurück zu Kaiser Wilhelm definiert, ist schlicht und einfach ein Rassist! Unsere Aufgabe als verantwortungsbewusste Politiker ist es, den einfachen Leuten – auch gegen Widerstände – die Angst vor dieser neuen Vielfalt zu nehmen, sie als etwas Schönes, Herausforderndes begreifbar zu machen. Dass wir gar keine andere Wahl haben, als diese Herausforderung anzunehmen und zu gestalten, weil wir die Uhr nicht zurückdrehen können und es auch gar nicht wollen. Es darf kein zurück zu Grenzen und zum Nationalstaat geben! Gerade wir als Deutsche mit unserer Vergangenheit sind verpflichtet, nicht die Augen vor Elend, vor Krieg und Hunger zu verschließen. Wir können doch Schutzsuchende, die aus Kriegsgebieten zu uns flüchten, nicht einfach an der Grenze erschießen, wie es jetzt einige schon wieder fordern.“

„Schürzsuchende an der Grenze erschiessen?“ quieckte Ludwig erschrocken.

„Ja, unglaublich, oder!“, sagte Anetta-Nicole Hölldöppler-Brömseklöten und hieb mit der Faust auf den Tisch. „Hören Sie sich doch mal um im Internet, Herr Nemeth, es ist erschreckend. Mit dieser Nazisprache wird dort gehetzt. Und genau das ist das Aufgabengebiet meiner Stiftung, der Kampf gegen Hatespeech und Fakenews in den sozialen Netzwerken. Sie hätten mit eigenen Augen sehen müssen, wieviel Hass im Netz tobte, als beispielsweise in der TAZ ein Artikel mit der Aussage erschien, dass es ‚rassistisch ist, wenn deutsche Frauen nicht mit Arabern schlafen wollen‘. Dabei hat die Journalistin nur eine Selbstverständlichkeit gesagt – dass man einen Mann aus dutzenden Gründen als Sexualpartner ablehnen kann – aber doch bitte nicht deswegen, weil er eine andere Religion oder Hautfarbe hat! Und dieses fürchterliche Vokabular im Netz - ich bitte Sie! ‚Umvolkung‘,Überfremdung‘, was für ein Unfug! Wenn in einer Gaststätte mit 80 Deutschen ein Syrer dazukommt, dann ist die Kneipe doch auch nicht ‚überfremdet‘. Aber selbst wenn in hundert Jahren die Menschen in Deutschland eine etwas dunklere Haut hätten – und ich betone das ‚Wenn‘, denn ich persönlich halte das für Hirngespinste – solange diese Menschen als Muttersprache Deutsch sprechen und die Regeln des Deutschen Grundgesetzes gelten, solange ist dass doch immer noch Deutschland, und solange sind dass doch immer noch Deutsche! Das Leben besteht nun einmal aus Veränderung, Weiterentwicklung!“

„Bravo!“ rief Ludwig und klatschte mit der Handfläche seiner rechten Hand frenetisch auf den Tisch. „Bravo! Ich möchte eine Toast auf Sie ausbringen!“

Er griff nach der Flasche, schenkte nach und erhob sein Glas. „Einszweidrei im Sauseschritt, läuft die Zeit, wir laufen mit!“

„Oh, Sie kennen Wilhelm Busch, phantastisch!“ gluckste Anetta-Nicole Hölldöppler-Brömseklöten und applaudierte entzückt. „Ich kann auch ein Busch-Gedicht rezitieren. Bei uns läuft das als ‚Ode an das Willy-Brandt-Haus‘, aber natürlich kann man das so nur sagen, wenn man über den Dingen steht.“

Sie stand auf, prostete Ludwig zu, kippte ihren Whiskey auf Ex und fing an zu rezitieren.

„Die Selbstkritik hat viel für sich. Gesetzt den Fall, ich tadle mich, so hab‘ ich erstens den Gewinn, dass ich so hübsch bescheiden bin. Zum zweiten denken sich die Leut, der Mann ist voller Redlichkeit. Auch schnapp‘ ich drittens diesen Bissen, vorweg den andern Kritiküssen. Und viertens hoff‘ ich außerdem, auf Widerspruch, der mir genehm. So kommt es denn zuletzt heraus, dass ich ein ganz famoses Haus!“

„Muaha!“, brüllte Ludwig, erhob sich ebenfalls und warf sich in Rezitator-Pose. „Wer durch des Argwohn Brille schaut, sieht Raupen selbst im Sauerkraut!“

Anetta-Nicole Hölldöppler-Brömseklöten prustete ihren Whiskey über den Tisch, während sie sich auf die Brust klopfte.

„Phantastisch, phantastisch!“, gluckste sie, als sie wieder zu Atem kam. „Dass wäre doch einmal ein origineller Wahlkampfslogan!“

„Noch eine Witz!“, sagte Ludwig. „Wissen Sie Unterschied zwischen Humor und Ungarn? Humor hat keine Grenzen!“

Annette-Nicole Hölldöppler-Brömseklöten wieherte vergnügt. Ach, tat das gut, mal nicht mit den üblichen grauköpfigen steifen SPD-Mitgliedern zusammenzukommen, wo man beim sonntäglichen Frühschoppen oft das Gefühl hatte, einem früh vergreisten Weinkritiker gegenüberzusitzen, der mit bedächtiger Miene anstatt des Rebensafts jedes seiner Worte dreimal im Mund herumwälzt, um sicher zu sein, dass es keinen anrüchigen Geschmack besitzt. Ach, war das schön, einmal nicht mit ängstlichen Gewerkschaftsfunktionären abzuhängen, denen es nicht reichte, Begriffe wie „Gutmensch“ oder „Sozialtourismus“ alleine durch sarkastische Intonation und den Gesamtzusammenhang im Satzbau als Unwörter zu brandmarken, sondern die vorsichtshalber auch noch demonstrativ wie ‚Doctor Evil&Minime‘ die Anführungszeichen mit Zeige- und Mittelfingern in die Luft malten, um ja nur einhundertfünfzig Prozent auf Nummer Sicher zu gehen.

Annette-Nicole Hölldöppler-Brömseklöten seufzte. Genau genommen war sie vor dieser Furcht ja auch nicht gefeit. Gegenüber diesen jungen Netzaktivisten mit ihrer enormen Bereitschaft, sich verletzt und unterdrückt zu fühlen, musste selbst eine berühmte Antifaschisten-Granate wie sie fürchterlich auf der Hut sein. Ein falsches Wort und die Karriere war im Eimer.

„Eine Witz habe ich noch!“, sagte Ludwig. „Zwei Ungarn waren in Sachsen wildern und haben eine Wildsau geschossen. Nun beide überlege, wie sie Sau ohne Probleme aus Sachsen schaffen. Der eine hat 'ne Idee: „Komm, wir binden Sau ein Kopftuch um und ziehen ihr dein Hemd an. Dann setzen wir sie auf Beifahrersitz. So hässlich wie die Frauen in Sachsen sind, fällt das keinem auf.“ Gesagt, getan, sie setzen Sau auf Beifahrersitz und fahren durch Dresden. Es dauert natürlich nicht lange, da werden sie wegen ihres ausländischen Nummernschild von einer Polizeikontrolle aufgehalten: „Ausweis, Papiere!“ – „Danke, weiterfahren!“ Beide Polizisten sehen den Wilderern nach. Der eine sagt: „Ich glaube, die Ungarn haben was ausgefressen.“ Sagt der andere: „Ja – aber sie ham‘ immer die schönsten Weiber.“

Anetta-Nicole Hölldöppler-Brömseklöten lachte befreit, die plötzliche Gemütseintrübung war wie weggeblasen. „Prost, lieber Herr Nemeth, auf die Zukunft unserer Zucht!“ sagte sie vergnügt und stieß mit ihm an.

„Auf die Zukunft!“, antwortete Ludwig. Die Gläser klirrten erneut, mittlerweile nicht mehr so zurückhaltend wie am Anfang, sondern laut, fröhlich. In der kommenden halben Stunde fiel alles steife, förmliche von ihr ab. Sie erzählte von ihrer Bochumer Kindheit, ihrem leider viel zu früh verschiedenen Horst Brömseklöten, ihrer ungeachtet aller Schwierigkeiten doch recht beachtlichen Parteikarriere, ihrer Stiftung. Ludwig schaute ihr einfach nur in die Augen und darauf achtete, an den richtigen Stellen Zustimmung zu signalisieren oder entsetzt mit dem Kopf zu schütteln. Und so neigte sich die Flasche Whiskey dem Ende, als Anetta-Nicole Hölldöppler-Brömseklöten doch wieder der Zweck ihres Zusammenkommens einfiel.

„Zwei meiner Hündinnen sind gerade heiß“, sagte sie mit schon deutlich schwerer Zunge. „Wenn Sie etwas Zeit mitgebracht hätten, könnten wir es ja schon heute einmal miteinander versuchen.“

„Sehr gerne, liebe Frau, aber was machen unsere Tiere in der Zwischenzeit?“

Anetta-Nicole Hölldöppler-Brömseklöten riss ihre Augen auf und wirkte für einen kurzen Moment wie ein entsetztes Huhn, dass sich bereit macht, laut gackernd und flügelschlagend vor dem Hahn zu flüchten.

„Hehe, kleiner Scherz!“ brüllte Ludwig. „Ich hab Sie verarscht!“ Er haute sich auf den Schenkel, kippte den Rest seines Glases hinter und goss beide Gläser ein letztes Mal nach, um dann die leere Flasche gegen das Licht zu halten.

„So geht’s mit Whiskey, und dem Rum, erst bist du froh, dann fällst du um!“

Anetta-Nicole Hölldöppler-Brömseklöten lachte und erhob das Glas. Mit Wohlbehagen merkte sie Wärme in sich hochsteigen. Diese Zusammenkunft stellte sich als weit anregender heraus, als sie es vor einer Stunde für möglich gehalten hätte, auch wenn sie sich tatsächlich etwas beschwippst fühlte und dieser burschikos-anzügliche osteuropäische Charme sicher nicht jederfraus Geschmack war. Sie fühlte sich locker und entspannt wie seit Jahren nicht mehr – so entspannt, dass sie die Luftblase, die sich durch ihr ständiges lautes lachen gelöst hatte und sich durch die Windungen ihrer Schläuche über alle Hindernisse hinweg einen Weg ins Freie suchte, erst in dem Moment bemerkte, als sie aufstand, um ihren neuem ungarischen Freund das ‚Du‘ anzubieten.

„Lieber Ference Nemeth, nenn mich doch bitte einfach Anetta … “

Es ertönte ein knatterndes ‚Pffh‘, das an eine Ketchupflasche mit verklebter Öffnung erinnerte, wo trotz kräftigen drückens erst einmal gar nichts kommt, und plötzlich, zusammen mit einem merkwürdigen Geräusch, alles.

„Anetta Pffh??“ grölte Ludwig, während die arme Frau zur Salzsäule erstarrte.

„Oh, nein nein nein! Alles ok, wirklich“, sagte Ludwig. „Atmen durch den Hintermund, hält Leib und Seele sehr gesund. Auf dein Wohl, Anetta!“

„Ach, dass ist mir so peinlich!“ flüsterte Anetta, deren Gesicht eine kirschrote Färbung angenommen hatte, was aber – wenn Ludwig ihr leichtes schwanken richtig interpretierte – vermutlich nicht ausschließlich der Scham geschuldet war. Ihre großen, bernsteinfarbenen Augen hatten den Ausdruck eines sehr jungen Hundes, dem im Wohnzimmer ein ausscheidungstechnisches Missgeschick unterlaufen war und der sein Herrchen mangels anderer Ausdrucksmöglichkeiten mit Blicken zu überzeugen versuchte, dass er wirklich nicht die allergeringste Ahnung hatte, wie der Haufen unter den Tisch kam, und – gesetzt dem Fall, dass man ihm keinen Glauben schenkt – er nachdrücklich darum bitten möchte, nicht zu hart bestraft zu werden.

„Papperlapapp!“ dröhnte Ludwig. „Einen größeren Sympathiebeweis hättest du mir nicht geben können! Nur bei Leuten, wo man sich wohlfühlt, schleicht man sich nicht heimlich zum Furzen auf den Balkon!“

Anetta kicherte beschwippst. Ihre verdruckste Scham erhob sich wie eine Taube und rauschte mit lautem Flügelschlag davon. „Ach, du hast so eine Art, die Dinge herrlich unkompliziert auf den Punkt zu bringen!“ himmelte sie ihn an. „Eigentlich ist es eine Schande, dass wir als SPD die Sprache des einfachen Mannes dermaßen verlernt haben. Manchmal habe ich es so satt, mich immer durch diese inhaltsleeren, verschraubten Wortgirlanden hangeln zu müssen!“

Sie nahm ihren langen Mantel von der Garderobe und scheiterte zweimal dran, ihn richtig zuzuknöpfen, was sie schließlich dazu veranlasste, dem Kleidungsstück die Zunge rauszustrecken, „dann leck mich doch!“ zu rufen und demonstrativ abzuwinken. Schließlich wandte sie sich ihrem Gast zu.

„Isch … “, nuschelte sie los, und hielt sich erschrocken die Hand vor dem Mund.

„Iii-ch“, korrigierte sie überbetont. „Iii-ch würde dir jetzt gerne mal meine drei Hündinnen Cornelia, Mildreth und Sarah von Aggripinensium zeigen!“

Sie öffnete die Tür, schreckte kurz vor dem Wind zurück und führte Ludwig schließlich schwankend am Haus entlang. Ihre offenen Haare wehten, ihr Schal wehte, ihr Mantel wehte, sie sah wie ein krängender Dreimaster im ‚Volle Segel voraus-Modus‘. Ludwig bot ihr gentlemanlike seinen Arm zum Einhaken ein, was Anetta gerne annahm, und betrachtete das Haus. Es war ein flacher, weißer, kubischer Klotz im Bauhaus-Stil, halt die typische Sorte Haus für Menschen, die Wörter wie ‚Schrankwand‘ oder ‚Klinkerbau‘ nicht ohne distinguierten Ekel aussprechen können. Sie bogen um die Ecke, augenblicklich flaute der Wind ab. Ein eingezäunter, gepflasterter Hof mit einem großen Zwinger schloss sich seitlich an das Haus an. Anetta entriegelte das Tor, und sofort ertönte erwartungsfrohes bellen. Drei prächtige Schäferhündinnen eilten ihnen entgegen, an Anetta hochspringend, freudig mit dem Schwanz wedelnd.

„Ja, gute Mädels“, schnurrte Anetta und kraulte ihnen durchs Fell.

„Ich gehe Schröder holen!“, sagte Ludwig und eilte zum Auto. Zwei Minuten später war er zurück, mit dem aufgeregtem Schäferhund an seiner Seite. Anetta bemerkte die beiden erst gar nicht, weil sie so damit beschäftigt war, den Sack mit Trockenfutter aus einem Verschlag zu zerren. Schließlich drehte sie sich um und kreischte markerschütternd.

„AAAAH!!! Was ist dass den?!“

„Na Schröder, mein Champion!“

„Um Gottes willen, Ference, nimm dass Zottelvieh weg! Das ist ein ungarischer Schäferhund!“

„Kein ungarischer Schäferhund, sondern deutscher Schäferhund!“, sagte Ludwig empört.

„Ference, der sieht aus wie Bob Marley!“ brüllte Anetta, während sie versuchte, Schröder von ihrer Hündin wegzuziehen. Die Hündin drehte ab, und, als ob das Tier in Wahrheit ein Polizeiwagen mit einem rot blinkenden ‚Bitte folgen-Schild‘ am Heck wäre, lief der Schäferhund hinterher und versuchte, die Leuchtschrift abzuschlecken.

„Sieht aus wie Bob Marley“ war sogar noch untertrieben, wie sich Ludwig eingestehen musste. Schröder sah aus wie ein Bob Marley, dem die halbmeterlangen Dreadlocks nicht nur den Kopf herabhingen, sondern den ganzen Körper überwucherten. Der Puli wirkte wie ein Riesensack verknoteter, verfilzter, schwarzer Wollstränge. Beim heutigen Anleinen hatte selbst Ludwig zweimal hinschauen müssen, um zu erkennen, an welchem Ende des Zottelsacks sich der Kopf befand, aber just in diesem Moment versucht Schröder, die Hündin zu besteigen, was die Orientierung diesbezüglich erleichterte.

„Oh Gott, nein!“ jammerte Anetta verzweifelt und schmiss sich auf den Puli, um ihn wegzuschieben. „Nein!“

„Anetta, was soll das?“, rief Ludwig. „Dafür sind wir hier! Lass sie in Frieden, die kommen grade in Fahrt!“

„Ich schrieb 'Deutscher Schäferhund!'“, brüllte Anetta. „‚Deutscher Schäferhund!‘“

„Aber Schröder ist ein deutscher Schäferhund!“, sagte Ludwig. „Er ist in Deutschland geboren. Sein Zwinger steht seit vierzig Jahren in Deutschland, seit vier Generation!“

Anetta, die merkte, dass ihre körperliche Kraft nicht ausreichen würde, den Rüden zum Absteigen zu bewegen, gackerte entsetzt, ließ los und rannte davon. Dieses Hühnerhafte an ihr, das Ludwig schon im Haus aufgefallen war, brach sich jetzt mit Macht Bahn. Sie gab ein Geräusch von sich, dass wie „Brrooaahh, brrooaah“ klang, rannte im Zickzack, mit kleinen Stolperern, was sie wie eine hakenschlagende Henne auf der Flucht vor dem Fuchs wirken ließ. Am Werkzeugschuppen schnappte sie sich den Gartenschlauch, drehte auf, rannte zurück zu dem in aller Seelenruhe vor sich hinrammelnden Schröder und spritzte den Rüden voll.

„Aber Anetta!“, rief Ludwig, während er um sie herumtanzte und sich die Haare raufte. „Ich verstehe dich nicht! Ich erkenne dich nicht wieder! Du benimmst dich rassistisch, gewalttätig! Sind das deine Werte?!? Mein Schäferhund hat nie etwas anderes als Deutschland erlebt! Warum ist es so wichtig für dich, dass seine Vorfahren einmal aus Ungarn kamen? Wir kamen alle mal von irgendwo her, die Hunde stammen beide vom Wolf ab.“

„Ich weiß überhaupt nicht, was ich auf solchen Schwachsinn antworten soll!“ brüllte Anetta, während sie ihren Daumen auf die Schlauchöffnung aufsetzte, um den Wasserdruck zu erhöhen. Doch die kalte Dusche konnte Schröder offensichtlich nicht darin beirren, sich seiner Pflicht als preisgekrönter Zuchtrüde zu stellen.

„Anetta, wir leben doch nicht in den Achtzigern!“, rief Ludwig. „Die Leute sind heute viel offener für Vielfalt als früher. Lass uns eine Marke, einen 'brands' daraus machen. Mit der richtigen Geschichte kannst die Welpen in progressiven Milieus als EU-Schäferhunde verkaufen!“

Anetta ignorierte ihn wutschnaubend und ließ den Schlauch fallen, weil sie die Sinnlosigkeit ihres Tuns erkannte. Sie setzte sich hinter den Puli, streckte ihre Beine unter seinen hindurch, umklammerte seine Hüfte mit beiden Armen, während sie gleichzeitig ihre Füße gegen den Hintern ihrer Hündin stemmte, um den Schlüssel mit Gewalt aus dem Schloss zu ziehen. Es gelang, der knallrote Schlüssel stieß fordernd ins Leere, doch Anetta musste enorme Beinkraft aufwenden, um dass in seiner Suche nach dem verloren gegangenen Schlüssel mit Macht nach hinten schiebende Schloss auf Abstand zu halten. Sie spürte, dass sie diese körperliche Anstrengung nicht lange durchhalten würde, so betrunken, wie sie war. Sie wimmerte hysterisch „aus-aus-aus“, aber vermutlich konnte man eher einen hungrigen Wolf damit beauftragen, einen Blutwurstring zu bewachen, als einen sexverrückten kräftigen Rüden wie Schröder zum freiwilligen Absteigen von einer heißen Hündin zu überreden – zumal Anetta das Kommando in eine Körperöffnung winselte, welche Mutter Natur zur Abgabe von Schallwellen konzipiert hatte, nicht zu deren Aufnahme und Weiterverarbeitung.

Der knurrenden und schnappenden Hündin wurde die Situation sichtbar unangenehm, verständlich, immerhin war sie eine Cornelia von Aggripinensium und welcher Prinzessin würde es schon gefallen, sich beim Akt der Liebe von der eigenen Mutter den Ritter der Wahl mit kräftigen Tritten gegen den Hintern aus dem Leib ziehen zu lassen? Die Hündin versuchte zu flüchten, der Puli dachte jedoch nicht daran, sich abwerfen zu lassen, genausowenig wie es Anetta in den Sinn kam, die Scheide ihrer reinrassigen deutschen Schäferhündin noch einmal schutzlos dem Schwert dieses langhaarigen Barbaren zu überantworten. Das glatte Kopfsteinpflaster des Hofs war durch das immer noch laufende Wasser mittlerweile so rutschig wie eine Eisbahn und so schleifte die drohend knurrende Hündin mühelos sowohl den Rüden als auch die von hinten klammernde Anetta durch den Hof. Alles an Anetta war in Auflösung begriffen. Die Frisur, der wehende Mantel, das Nervengerüst. Sie schluchzte wild, während der Puli versuchte, mit seinem dicken, buschigen Schweif den Plagegeist hinter ihm in bester Bud Spencer Slapstick-Manier zu ohrfeigen. Es klang, als würde ein alter Klopfer aus elastischer Weide im gleichmäßigen Takt eines Metronoms einen dicken alten Perserteppich mit vierzig Schlägen pro Minute bearbeiten. Ihr Hintern schliff über das glatte, rutschige Kopfsteinpflaster, während sie versuchte, ihren Kopf zum Schutz vor den schmerzhaften Schwanzschlägen tiefer ins Fell zu graben, was sich auf ihre Sinnesorgane so anfühlte, als würde sie kopfüber in einer Waschstrassenwalze stecken, die eben noch einen Gülletransporter zu säubern hatte. Ihre verzweifelt klammernden Händen streiften etwas, von dem sie lieber nicht wissen wollte, was es war, und alles wurde zu viel, das Unglück nahm seinen Lauf. Anetta legte ihren Kopf in den Nacken und spie eine gewaltige Fontäne über den Rücken des Pulis, was sich allerdings als wahrer Glücksgriff in Bezug auf die gewünschte Dämpfung seines Sexualtriebs herausstellte. Der Schäferhund stieg augenblicklich von der Hündin ab und schüttelte sich, als würde er einem See entsteigen. Ein Regen aus halbverdauten Spaghetti mit Whiskey-Aroma ging im Umkreis von drei Metern nieder, alle menschlichen Beteiligten dazu veranlassend, sich mit einem Sprung zurück in Sicherheit zu bringen. Nun, sagen wir, alle nichtsitzenden menschlichen Beteiligten.

Anetta saß im Schneidersitz auf dem Boden. Spaghetti hingen wie eine bizarre Perücke von der Stirn, das Kajal war verwischt, was ihr zusammen mit dem finsteren Gesichtsausdruck das Aussehen einer Hexe verlieh.

„Bleib sitzen“, sagte Ludwig. „Ich helfe dir!“

Er nahm den auf den Boden herumliegenden Wasserschlauch und spritzte Anetta ab. Diese brüllte mit einem wahren Urschrei ihre Wut in die Welt hinaus. Ihr Gemütszustand blieb ihren Hündinnen natürlich nicht verborgen, die wild und zunehmend aggressiver bellten.

„Raus!“, tobte Anetta. „Raus!“

Ludwig, der den Eindruck hatte, dass der Vorhang vom drittem Akt gefallen war und es bei dieser Aufführung keinen Sinn machte, noch einmal applausheischend auf die Bühne zurückzukommen und sich zu verbeugen, packte Schröder am Halsband und verschwand hastig und wortlos. Am Auto angekommen, betrachtete er den Hund und schüttelte den Kopf. In zwei Stunden kam Wolfgang zurück, und Schröder sah sagenhaft aus, einfach unbeschreiblich – von seinem Geruch ganz zu schweigen. Er musste den Hund in die Badewanne stecken, und zwar ohne sein Auto zu versauen oder Mathilda das frischgeputzte Haus zu ruinieren. Als den Kofferraum öffnete und hineinblickte, kam ihm auch schon eine Idee.

Mathilda saß in der Stube und stickte, als sie ihren Mann in Schlängellinie, mit brüllendem Motor und schleifender Kupplung, rückwärts die Einfahrt zur Garage reinfahren sah. Es schepperte.

„Oh nein, meine Terracotta-Töpfe!“, jammerte Mathilda und hastete die Treppe hinunter, als sie auch schon das Klimpern der Schlüssel hörte, die Haustür aufging und ihr Mann hereinwankte. Mathilda blieb auf dem letztem Treppenabsatz stehen, als hätte sie der Schlag getroffen. Ihr Mann stand in der Tür, und hatte Schröder bei sich. Allerdings war der Schäferhund in die grüne Baumarktfolie eingewickelt, die Ludwig für die geplanten Malerarbeiten besorgt hatte. Man konnte auch nicht wirklich von einwickeln reden. Ludwig hatte mit Hilfe von Teppichmesser und Gewebeband einen Maßanzug bebastelt, engsitzenden grünen Einteiler mit grauen Streifen, welcher auch die Füße fest umschloss und zwei passgenaue Öffnungen für Kopf und Schwanz offenließ. Die fröhlich in der Luft herumfuchtelnde Rute war in eine Obi-Tüte gewickelt, und über Schröders Kopf befand sich ein selbstgebauter Trichter aus Aluminiumfolie.

„Strahlung!“, nuschelte Ludwig betrunken und lachte sie beglückt an. „Überall Strahlung!“

Er lief an seiner sprachlosen Frau vorbei, verschwand mit dem Hund im Bad und verschloss die Tür. Mathilda hörte, wie ihr Mann Wasser einließ, und schüttelte entgeistert den Kopf.

Oh mein Gott!

Jetzt hatte er endgültig den Verstand verloren!

Leserpost (10)
Ulf Schleizer / 03.02.2017

Das zu lesen war einfach köstlich. Vielen vielen Dank dafür. Das hat meinen heutigen Arbeitstag nochmal zusätzlich aufgepeppt. :-))

Anette Noe / 03.02.2017

Köstlich! Herr Ackner Es gibt nichts besseres, als den Tag mit herzhaftem Lachen zu beginnen. Vielen Dank.

Ernst-Fr. Siebert / 03.02.2017

Ich habe Tränen gelacht, Herr Ackner…

Hjalmar Kreutzer / 03.02.2017

Anetta-Nicole Hölldöppler-Brömseklöten mit dem Wahlkampfstandgesicht Nr. 1,  vielen Dank, Herr Ackner, jetzt ist der Tag gerettet, egal, was noch passiert. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg für Ihr Buch und einen Verleger mit Rückgrat, der es herausbringt. Dennoch werde ich Sie hier vermissen. Frohes Schaffen!

Marzellus Hampp / 02.02.2017

Herrlich. Unglaublich, wozu die gute alte whiskeyschwangere SPD nicht alles taugt und sei es als Parabel für notgeile deutsche Zuchtschäferhündinnen mit migrationshintergründigem Nachwuchs.  Bitte weitere Leseproben oder am besten das ganze Buch, ich hab herzhaft gelacht. In meinem Sauerkraut sind keine Würmer!

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