Wolfgang Röhl / 12.06.2017 / 06:25 / Foto: Wolfgang Röhl / 5 / Seite ausdrucken

Goethe in Buchenwald. Eine deutsche Reise

Ein Ausflug nach Weimar ist lehrreich. Zunächst lernt man auf dem Marktplatz gegenüber dem berühmten Hotel Elephant (hier nächtigten unter anderen Martin Buber, Walter Hasenclever, Thomas Mann und Adolf Hitler), dass die Thüringer Rostbratwurst zu Recht den Markenschutz einer geografischen Herkunftsangabe genießt. Wirklich, nirgendwo kommt die Wurst dicker, knackiger, saftiger und besser gewürzt vom Grill.

Ferner beweist die klassizistische Stadt Weimar aufs Anschaulichste, dass zwischen Hochkultur und höchster Barbarei nicht mehr als hundert Jahre liegen müssen. Unweit vom Elephant steht am Frauenplan das Wohnhaus des 1832 verschiedenen Gröddaz, des größten deutschen Dichters aller Zeiten. Das trotz der ausgestellten Altertümlichkeiten wundersam lebendige Museum mit seinen farbenfrohen Wänden und knarzenden Dielen gibt Kunde von einer imaginierten Welt des Wahren Guten Schönen, die in Weimar für Jahrzehnte eine Heimstatt hatte.

Klugheit, Fleiß, Güte und von allem das richtige Maß, so ging das Credo des Freiherrn. Eines seiner Bekenntnisse ist im Goethehaus prominent ausgestellt, von Eckermann datiert auf den 27. April 1825: „...jedes Gewaltsame, Sprunghafte ist mir in der Seele zuwider, denn es ist nicht naturgemäß.“

Diese Betrachtung ist natürlich viel zu schön, um wahr zu sein. Das Dementi findet man zehn Kilometer nordwestlich von Weimar. Im Konzentrationslager Buchenwald am Ettersberg wurden von 1937 bis zur Befreiung durch die US-Armee am 11. April 1945 geschätzt 56.000 Menschen auf die eine oder andere Art ermordet. Nach dem Abzug der Amerikaner erfolgte alsbald eine Nachnutzung des KZ durch die sowjetische Geheimpolizei. Im Speziallager Nr. 2 wurden 28.500 Menschen ohne Gerichtsurteil interniert; bis 1950 starben hier 7.100 von ihnen.

Groteske, grimmige und schwer erträgliche Details

Auf dem Nazi-KZ-Gelände steht noch der Stumpf einer Eiche, unter der Goethe bei seinen häufigen Besuchen auf dem Ettersberg gern gesessen haben soll, von Häftlingen angeblich „Goethe-Eiche“ genannt. Buchenwald ist voller grotesker, grimmiger und schwer erträglicher Details. Wie der Tatsache, dass dort zeitweise ein Häftlingsbordell existierte, welches der Leistungsoptimierung der männlichen Sklaven dienen sollte. In ihm konnte der GV für zwei Reichsmark vergleichsweise günstig ausgeübt werden. Cora Stephan hat das haarsträubende Stück Geschichte in ihr episches Epochenporträt „Ab heute heiße ich Margo“ eingeflochten. Die Passage wird man nie wieder los.

Nun war Buchenwald kein ausgewiesenes Vernichtungslager, sondern in der Hauptsache ein Logistikzentrum für den Umschlag zur Liquidierung vorgesehener Lebendware. Wer sich für Vernichtung im industriellen Maßstab interessiert, fährt besser gleich nach Auschwitz. Interessant an Buchenwald ist vor allem das, was die DDR daraus machte. Nämlich ein riesiges Memorial ihrer eigenen Geschichtsklitterungshoheit, das vielleicht nicht zufällig architektonische Anklänge an das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg aufweist.

Buchenwald war zur DDR-Zeit ein Aufmarschplatz zum orchestrierten Massengedenken. Zehntausende wurden bei jedem passenden Anlass dorthin geschafft, um ihnen die zentralen Botschaften des SED-Staates einzuhämmern. 1. Der Sozialismus hat den Nationalsozialismus (DDR-Sprech: „Faschismus“) besiegt und dessen Chefs und Handlanger bestraft. 2. Im Adenauerstaat („Bonner Regime“) dagegen ist sie wieder an der Macht, die Nazibrut.

Der „antifaschistische Kampf“ als Staatsdoktrin und Legitimation des Realsozialismus, für dieses Theater bot Buchenwald die ideale Bühne. Was die Aufführung hätte stören können, wurde ausradiert. Selbstverständlich war die Folgenutzung des KZ durch die Russen ein Tabu. Ebenso das Häftlingsbordell, an dessen Organisation auch Kommunisten mitgewirkt hatten. Die zwiespältige Rolle der „roten Kapos“ – politische Häftlinge, zumeist Kommunisten, die einen Teil des Lageralltags in Selbstverwaltung geführt und sich dabei durchaus nicht immer heldenhaft verhalten hatten –, sie wurde gleichfalls ausgeblendet. Übermächtig im Fokus der Buchenwald-Inszenierung: Die Leiden und die klandestinen Widerstandsnetze kommunistischer Lagerinsassen.

Von den Machthabern in Ost-Berlin systematisch instrumentalisiert

Nichts oder nur sehr wenig erfuhren die in- und ausländischen Besucher der Gedenkstätte während der DDR-Ära über die Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden, den Mord an Sinti und Roma, die Verfolgung von Homosexuellen und nichtkommunistischen Nazigegnern wie Sozialdemokraten. Buchenwald verließ der arglose Besucher mit der Überzeugung, Kommunisten seien die Hauptopfergruppe der Nazis gewesen; sie allein hätten Widerstand gegen die Nazis geleistet. Jede Menge Thälmänner! Ernst Thälmann, 1933 verhafteter KPD-Führer und Straßenkämpfer während der Weimarer Republik, war zuletzt in Buchenwald inhaftiert und wurde 1944 - möglicherweise von der SS - ermordet. In der DDR wurde er zum Mythos erhoben, ein Vorläufer von Che Guevara.

Nach einem Besuch in Buchenwald schrieb ein zorniger Prof. F. Bergmann von der Medical School in Jerusalem anno 1960 an den DDR-Ministerpräsidenten Otto Grotewohl: 

Die Tausende Juden, die in Buchenwald gemordet wurden, und die Millionen Juden, die in den Gaskammern erstickt wurden, haben nicht genügt, meinem Volk einen Platz einzuräumen unter all den Nationen, die ihre Söhne verloren haben?

Erst nach der erneuten Befreiung des Lagers – diesmal von seinen ideologischen Usurpatoren – wurden wichtige Fakten endlich publik. In einem schlichten, 1999 eröffneten Gebäude am Eingang der pathetischen DDR-Monumentalarena zeigt die Ausstellung „Geschichte der Gedenkstätte Buchenwald“, wie das Lager von den Machthabern in Ost-Berlin systematisch instrumentalisiert wurde. Der finanzielle Aufwand sowie die Akribie, mit denen dieses Geschäft über viele Jahre gepflegt wurde, nötigen einem beinahe Respekt ab. Es handelt sich um ein Meisterstück der Firma Walter Ulbricht & Söhne.

Angesichts dessen, denkt man bei der Abfahrt aus Buchenwald, sollten sich die Leute mal lieber nicht so aufregen über einen wie Sigmar Gabriel. Der einstige Popmusik- und heutige Shoa-Experte hatte im Frühjahr in der „Frankfurter Rundschau“ nicht ganz geschichts- und dudenfest verlauten lassen: „Sozialdemokraten waren wie Juden die ersten Opfer des Holocaustes“. So what? Bei Siggi kommen die Juden doch wenigstens vor! In zweiter Reihe, immerhin.

Foto: Wolfgang Röhl
Leserpost (5)
Manfred Schneider / 12.06.2017

...vielleicht hatte der Siggi sich just zu dem Zeitpunkt etwas derrangiert geäußert, als er damit begann, etliche seiner zu vielen Pfunde zu verlieren! Andererseits:  Was kann man von einem intellektuell eher etwas minder belasteten Klugschwätzer schon viel erwarten? Ansonsten Superartikel mit “Details” zu Buchenwald, die mir so bisher nicht bekannt waren - wie ich zu meinem großen Bedauern eingestehen muss!

C. Schmitz / 12.06.2017

“Dieser Krieg ist ein englischer Krieg, und sein Ziel ist die Vernichtung Deutschlands.” Am 3.9.1939, dem Tag der britischen Kriegserklärung. “Wir haben sechs oder sieben Millionen Deutsche umgebracht. Möglicherweise werden wir eine weitere Million oder so töten, bevor der Krieg zu Ende ist.” 1945 “Wir hätten, wenn wir gewollt hätten, ohne einen Schuß zu tun, verhindern können, daß der Krieg ausbrach, aber wir wollten nicht.” 1945 Was ist mit den 14,5 Millionen ermordeten Deutschen. Warum wird nicht über diesen Völkermord aus rassistischen Gründen gesprochen?

Dirk Jungnickel / 12.06.2017

Als Autor diverser Dokumentarfilme mit Zeitzeugen, die die sowjetischen Speziallager nach 1945 in der SBZ / “DDR” überlebt haben, darf ich noch ein paar Gedanken hinzufügen. Nach der sogenannten Wende entstand im Wald hinter dem “schlichten ... Gebäude” außerhalb des   Geländes ein Stelenfeld und eine bescheidene Gedenkstätte, die Wolfgang Röhl womöglich übersehen hat, weil sie nicht besonders gut ausgeschildert ist. Dort hatten die Sowjets die verhungerten und an Krankheiten Verstorbenen Opfer des Speziallagers verscharrt. Angehörige konnten ihrer - endlich ! -  auch mit individuellen Kreuzen gedenken.  In Buchenwald waren ab 1945 SMT - Verurteilte sowie unter pauschalem Werwolfverdacht verhaftete Jugendliche “interniert”, d.h. menschenunwürdig eingepfercht.  Der Gedenkstättenleitung ist es gelungen, später gegen den anfänglichen Widerstand der KZ - Opferverbände, die nichts mit ihren “Peinigern” zu tun haben wollten,  in der erwähnten Ausstellung auch die sowjetischen Nachkriegsverbrechen zu thematisieren. (Von den Überlebenden sind nur die SMT - Verurteilten, nicht die Internierten, von Rußland rehabilitiert worden.)   Im ehem. KZ und Speziallager Sachsenhausen, wo ebenfalls die KZ - und Nachkriegsopfer gegeneinander antraten,  konnten die Rivalitäten leider nicht beigelegt werden. Hier mussten Opferverbände jahrzehntelang gegen eine nahezu “sowjetophile” Gedenkstättenleitung Sturm laufen, um überhaupt würdig präsent sein zu “dürfen”.

Roland Richter / 12.06.2017

Die Gedenkstätte erinnert fatal an Naziarchitektur und ein ganz klein wenig an die etwas kleineren Klötze in Berlin.

Hans Meier / 12.06.2017

Danke. Damals so wie heute gibt es echt böse Leute die sich zusammen tun, um in ihrer sadistischen Perversion anderen etwas anzutun, und sich dabei zu amüsieren, weil sie irre und Hass-krank sind. Jeder weiß was diese Leute heute skandieren, wo sie zuschlagen, und wer sie grinsend gewähren lässt, bzw. finanziell unterstützt, nicht wahr? Aber sicher Herr Maas.

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