Katharina Szabo / 19.07.2016 / 20:00 / 2 / Seite ausdrucken

Gestern standen wir noch am Abgrund, morgen sind wir einen Schritt weiter

Kann es noch schlimmer kommen, fragt man sich dieser Tage. Wird man auf den Wahnsinn, der dieses Land von Tag zu Tag ein bisschen mehr in den Griff bekommt, morgen, nächste Woche, oder schon in den nächsten Stunden noch eine Schippe drauflegen? Gibt es eine Steigerung? Die Ereignisse der letzten Tage in nicht chronologischer Reihenfolge:

Immer noch rätseln deutsche Presse und öffentlich-rechtlicher Rundfunk über die Hintergründe des vermutlichen Attentats von Nizza. Ein verzweifelter junger Mann, der gegen die immer weiter auseinanderklaffende Schere zwischen den Armen der französischen Banlieues und den Reichen Frankreichs protestierte? Ein psychisch bedauernswert Kranker? Die Dürftigkeit der Fakten zum Hintergrund der Tat legt nahe, dass das Motiv des mutmaßlichen Attentäters wohl für immer im Dunkeln bleiben wird.

Der IS bekennt sich zum Attentat von Nizza.

Die sozialen Netze vibrieren vor Begeisterung muslimischer Sympathisanten des mutmaßlichen Attentats von Nizza. Tod den Schweinefleischfressern, lautet die Devise. Allahu Akbar.

Heiko Maas hat die Faxen dicke. Nichts weniger als einen EU-Boykott von Facebook und Co. droht der Minister an, sollte Mark Zuckerberg nicht endlich den Vorgaben der Amadeu Antonio Stiftung Folge leisten und Personen, die Worte wie „Wirtschaftsflüchtling“ und „wir und die“ posten, konsequent sperren.

Die deutsche Kanzlerin und der EU Parlamentspräsident Martin Schulz freuen sich, dass es dem türkischen Präsidenten Erdogan gelungen ist, durch Niederschlagung des Militärputsches in der Türkei Recht und Demokratie wieder herzustellen.

Die vorbildlich integrierte Muslima Betül Ulosoy, Frauenrechtlerin und Rechtsreferendarin in Berlin-Neukölln, die sich das Recht erklagt hatte, als Vertreterin des deutschen Rechtssystems ihre fundamental-islamische Kopfbedeckung nicht ablegen zu müssen, wurde von der Begeisterung für ihren Staatsführer Erdogan derart mitgerissen, dass sie folgendes Statement auf Facebook absetzte: „Der 'Putsch' geht zu Ende, noch bevor er begonnen hat. Alles hat doch sein Gutes: zumindest kann jetzt die Säuberung vom Schmutz erfolgen. Und jeder bekommt das, was er verdient. Wir geben es nicht mehr so schnell her, mit Gottes Hilfe.“

Bilder bärtiger Männer, viele in traditionell islamischer Kleidung, die unbewaffneten Soldaten die Kehlen durchschneiden, verbreiten sich in den sozialen Netzen. 

Bei Anne Will fordert Fatih Zingal, stellvertretender Vorsitzender der Union Europäisch-Türkischer Demokraten, dazu auf, mehr Begeisterung für „das türkische Volk, welches sich unbewaffnet und mit bloßen Oberkörpern den Panzern entgegen stellte“, an den Tag zu legen. Fatih Zingal erhält während der Sendung viel Applaus vom Studiopublikum.

Türkische Nationalisten und Islamisten marschieren zu Tausenden fahnenschwenkend und skandierend durch deutsche Städte, um ihren Präsidenten Erdogan zu feiern.

Der türkische Staatspräsident verspricht dem Volk, seiner Forderung nachzukommen, die Todesstrafe für Regierungsgegner einzuführen. Der deutsche Regierungssprecher Steffen Seibert droht postwendend ein Aussetzen der EU-Beitrittsverhandlungen an. 

Heiko Maas und Thomas de Maziere treten vor die Presse, um einen spektakulären Erfolg im Kampf gegen Terror und Radikalisierung zu vermelden: Hausdurchsuchungen bei 36 Personen einer Facebook-Gruppe namens „Großdeutschland“. Jeder einzelne Bürger dieses Landes, jede Person der radikalisierten Mitte der Gesellschaft, solle es sich künftig genau überlegen, was sie bei Facebook posten wolle, droht der Justizminister. 

Ein afghanischer Asylbewerber verletzt mit einer Axt und einem Messer mehrere Reisende in einem bayerischen Regionalzug schwer. Im Zimmer des Flüchtlings findet man eine IS Flagge. Augenzeugen berichten, der mutmaßliche Attentäter habe „Allahu Akbar“ gerufen. Die Hintergründe der Tat seien völlig unklar, vermeldet die Presse.

Der mutmaßliche Attentäter wird von den Einsatzkräften auf der Flucht erschossen, um weiteres Blutvergießen zu verhindern. Die grüne Spitzenpolitikerin Renate Künast äußert sich empört auf Twitter und an, warum der Angreifer gleich erschossen werden musste.

Heiko Maas platzt der Kragen. Wie SPON berichtet, gefalle es dem Minister nicht, dass von FB-Nutzern gemeldete gemeldete Posts, die sich gegen Flüchtlinge richten, nicht unverzüglich gelöscht würden. Viel zu oft erhalten die Meldenden folgende Antwort von Facebook: „Dieser Inhalt verstößt nicht gegen die Richtlinien des Netzwerks.“ 

Die Integrationsbeauftragte Aydan Özugoz verkündet, das Erstarken des Islamismus sei eine Reaktion auf die AfD. Um sich gegen den von der AfD verkörperten Rechtspopulismus zu wehren, würden Muslime Zuflucht im Salafismus suchen. Aber auch, um Angriffe auf Moscheen und Flüchtlingsheime zu verhindern.

Der IS bekennt sich zum Attentat im Regionalzug in Bayern.

Um auf die Eingangsfrage zurück zu kommen, ob es noch schlimmer, noch irrer kommen wird: das ist so sicher, wie das Amen in der Kirche. Vielleicht schon morgen, vielleicht erst nächste Woche. In einem Jahr werden wir uns vielleicht nach den - relativ gesehen - normalen Zeiten des Jahres 2016 zurücksehnen. In zwei Jahren mag uns die große Koalition, im Vergleich mit der nun aufgrund des Wahlerfolges der AfD notwendig gewordenen ganz großen Koalition aus CDU/CSU, SPD, Grünen und möglicherweise der Linkspartei, unter der Führung der ewigen Kanzlerin Merkel, als eine ziemlich rational agierende Truppe vorkommen. Relativ betrachtet.

Gnade uns also Gott.

Leserpost (2)
Karla Kuhn / 20.07.2016

Die Artikel auf der Achse zeigen immer mehr das realistische Leben in Deutschland. In Nachhinein war das Jahr 2015 trotz allem noch ” harmlos” dagegen. Ich hoffe nicht, dass das “Amen in der Kirche ” eintritt aber wahrscheinlich ist es schon im Anmarsch. Das Wort Wirtschaftsflüchtling gibt es schon eine Ewigkeit und trifft in vielen Fällen den Nagel auf den Kopf. Was ist an den Wörtern WIR und DIE anstößig ? Herr Maas, der eine ehemalige Stasi-Spitzel an der Spitze einer Stiftung duldet, sollte erst mal vor der eigenen Türe kehren. Noch sind wir in unserem Deutschland und noch nicht zurück in die DDR. Der liebe Gott möge uns auch weiterhin beistehen.

Jürgen Wächter / 19.07.2016

Es muss irgendwas im Wasser oder der Luft sein. Anders kann ich mir den sich täglich steigenden Wahnsinn nicht mehr erklären. “Ist denn die ganze Welt verrückt geworden?” (Walter Sobchak in The big Lebowsky)

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