Henryk M. Broder / 01.03.2018 / 13:19 / Foto: Marco Consani / 18 / Seite ausdrucken

Germany First!

Es soll wirklich Menschen geben, die lange vor Sonnenaufgang aufstehen, um sich irgendeine Sportübertragung live im Fernsehen anzusehen: Ich gehöre nicht dazu. Es ist mir völlig egal, wer gegen wen antritt und wer was gewinnt. Die einzige Sportart, die ich spannend finde, ist Eishockey, aber nur, weil es dabei regelmäßig zu Schlägereien zwischen den Mannschaften kommt.

Ich verstehe nicht, was es zu jubeln gibt, wenn ein Sprinter fünf Hundertstel Sekunden schneller ist als ein anderer. Worin liegt der sozio-kulturelle Mehrwert? Und was bringt wildfremde Menschen dazu, einander um den Hals zu fallen und wild zu schreien, wenn einer aus ihrem Stamm eine Medaille gewinnt?

Nationalismus hat keinen guten Ruf in Europa. Meine deutschen Landsleute zum Beispiel wollen keine Deutschen sein, sondern nur noch Europäer mit Migrationshintergrund. Allerdings, während der Fußball-WM und bei Olympischen Spielen fällt ihnen plötzlich ein, dass sie die Nachkommen von Otto dem Großen sind, der die vier deutschen Urstämme – Sachsen, Bayern, Schwaben und Franken – Mitte des zehnten Jahrhunderts zu einer Schicksalsgemeinschaft geformt hat.

So war es auch bei den Olympischen Winterspielen, die bis vor ein paar Tagen in einem koreanischen Dorf vor meist leeren Rängen stattgefunden haben. Vom ersten Tag an führten sowohl die öffentlich-rechtlichen Sender wie die privaten Medien einen „Medaillenspiegel“ nach Ländern. Es galt, die „Schmach von Sotchi“ wieder wett zu machen, als die deutsche Mannschaft nur 19 Medaillen gewann und damit auf dem sechsten Platz landete. Das war unter der Würde einer Nation, die ihren Bedarf an Niederlagen in zwei Kriegen durchlebt hat.

Diesmal gab es tatsächlich einen „Medaillenregen“, am Ende waren es 31. „Wir gehören wieder zu den führenden Wintersportnationen, hinter den überragenden Norwegern“, freute sich der Chef der deutschen Delegation, wobei ein leises Bedauern, dass es für den ersten Platz nicht gereicht hat, kaum zu überhören war.

Und während sich die Deutschen gerne über die Amis und Trumps „America First!“ aufregen, träumen sie davon, auch mal „Germany First“ sein zu dürfen, und sei es nur im Rodeln oder beim Curling.

Zuerst erschienen in der Züricher Weltwoche

Foto: Marco Consani CC BY 3.0 via Wikimedia Commons

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Leserpost (18)
Werner Arning / 01.03.2018

Ja, im Sport gestatten sich die Deutschen Nationalgefühle. Aber eigentlich auch nur im Sport. Da darf man das. Da ist es harmlos. Spielerisch. Quasi nicht so gemeint. Also, nicht böse. Da darf man mal Deutsch sein und sich drüber freuen. Ohne sich entschuldigen zu müssen, ohne schlechtes Gewissen. Ganz Nazi-unverdächtig. Sogar eine Fahne ist dann erlaubt. Auch Herr Gröhe dürfte eine schwenken. Weil sie ansonsten Deutsch nur mit angezogener Handbremse sein dürfen, ist es den Deutschen dafür im (unverfänglichem) Sportlichen um so wichtiger. Vielleicht auch deshalb wird Sport in Deutschland so ernst genommen.

Karla Kuhn / 01.03.2018

“Und während sich die Deutschen gerne über die Amis und Trumps „America First!“ aufregen, träumen sie davon, auch mal „Germany First“ sein zu dürfen, und sei es nur im Rodeln oder beim Curling.” Wer weiß ? Vielleicht werden wir bald einen neuen Kanzler haben, dessen Motto Germany first lautet ?? Unverhofft kommt oft, sehen wir doch in Amerika. Sportveranstaltungen meide ich deshalb, weil ich nicht weiß, ob die Sportler gedopt sind. Nach den Skandalen bin ich äußerst skeptisch. Die haben mir den Sport total vermiest.

Anita Hojak / 01.03.2018

Es ist schon sehr traurig dass wir nur noch im Sport deutsch sein dürfen.Mancmal Frage ich mich wann es wohl strafbar wird sich als deutsch zu bezeichnen.

Wolfgang Richter / 01.03.2018

Wenn die Schlägereien beim Eishockey diesen Sport attraktiver gestalten als z. B. langweiliger Eisschnellauf auf einer Kreisbahn, sollte man vielleicht über eine Modifizierung der Regeln des Biathlon nachdenken, um die Spannung zu erhöhen. Wie meinte einer der Darsteller in der abgelaufenen Karnevalssession in etwa?  “Ich verstehe nicht, wie man beim Biathlon Zweiter werden kann. Die sind doch bewaffnet.” (Vorsorglich möchte ich anmerken, daß das satirisch gemeint ist, bevor es rechtliche Auswirkungen nach sich zieht, Satire,) Mit dem nationalen Medaillenspiegel und Fähnchenschwingen darf ein wenig unschädlicher Nationalismus gespielt werden, damit er auf anderen Feldern im Keim erstickt werden kann. Man kann ja auch darüber spekulieren, ob das sodann von Frau Merkel unterbundene Fähnchenschwingen des Herrn Gröhe zur CDU-Führungs-Feier anläßlich der vorletzten Bundestagswahl ihn nun das Ministeramt kostete.

Torsten Lange / 01.03.2018

Na ja,  lieber HMB, die Faszination sportlicher Umtriebe scheint an Ihnen doch sehr weit vorbeigeschwebt zu sein;  ich beispielsweise gehörte zu jenen seltsamen Menschen, die sich am 30. Oktober 1974 nächtens den Schlaf aus den Augen rieben, um sich den Kampf Ali vs. Foreman in Kinshasa anzuschauen, besorgt um die Gesundheit des scheinbar Unterlegenen, der jedoch mit , Schnelligkeit , Selbstbewusstsein und Intelligenz den Koloss zu Boden schickte. In Kern jedoch haben Sie den Antagonismus zwischen den Restbeständen nationaler Identität und deren Aufgabe entlarvt. Die Deutschen irritiert es nicht, wenn DFB-Nationalspieler mit Migrationshintergrund während der Hymne ihr Angekommensein mit lässigem Kaugummikauen und gesenktem Blick dokumentieren,  Deutsche jubeln, wenn ihre Leichtathleten eine Medaille gewinnen, stören sich aber nicht daran, dass auf deren von einem US-Sportartikelhersteller (der mit dem Fleischerhaken)  gesponserten Trikot   “Germany” statt “Deutschland” steht.  Aber auch woanders geschieht Merkwürdiges : Die Türkei holt schwarzafrikanische Läufer, versorgt sie in Windeseile mit einem Pass und sorgt so dafür, dass auf deren Leibchen und im Medaillenspiegel sehr weit oben “Turkiye” zu lesen ist.

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