Geplante Zwangsabstinenz

Von Christoph Lövenich.

Die US-amerikanische Lebensmittel- und Medienaufsicht FDA will künftig die Nikotinmenge in Zigaretten minimieren. Nach Ankündigung der Bundesbehörde soll so die „Abhängigkeit“ entfallen und das Rauchen unattraktiv werden. Ein extremer Vorschlag, aber wenig überraschend. Extrem, weil er faktisch eine Prohibition bedeutet – als wäre nur noch alkoholfreies Bier (das ja winzige Mengen Alkohol enthält) erlaubt. Keine Überraschung, da der FDA schon zu Obama-Zeiten erweiterte Kompetenzen in diesem Bereich übertragen wurden und es nur noch eine Frage der Zeit war, bis ein solcher Antitabakverstoß kommen würde.

Er gehört zu den „Endgame“-Plänen, die die Tabakbekämpfung (Tobacco Control) weltweit seit Jahren schmiedet, um dem Tabakgenuss den endgültigen Todesstoß zu versetzen. Das Ideen-Repertoire umfasst ferner ein schrittweises Verkaufsverbot, auslaufende Raucherlizenzen, das jährliche Heraufsetzen der Altersgrenze für legalen Erwerb oder den Zwang zu höherem Säuregehalt in Tabakwaren. Ein Initiator dieser Vorhabens, der kalifornische Professor Neil Benowitz, begrüßte den FDA-Vorschlag mit dem Hinweis, „eine 95-prozentige Reduzierung wäre ein guter Anfang“. Er meint damit freilich eine Reduzierung des Nikotins, nicht etwa der seit Jahrzehnten reichlich fließenden Forschungsmittel für Antitabak-Missionare im wissenschaftlichen Gewand.

Die Mininimierung wird sicherlich langsamer und schrittweise erfolgen. Vielleicht startet sie ja 2019, zum 100. Jahrestag der Alkoholprohibition. Das würde passen, denn letztlich wäre das Resultat eine Zigarette, die mit der bisherigen so wenig zu tun hat wie Wein mit Traubensaft. In den ersten Phasen könnten sich Raucher noch mit Mehrkonsum behelfen, sehr zur Freude der Finanzminister, denen er zusätzliche Milliarden in die Kassen spülen würde. Später wären sie auf den Schwarzmarkt angewiesen, der Tabakwaren bisher billiger anbietet als auf legalem Weg. Dann aber würden die Preise durch die Decke schießen und sich oberhalb der heute im Laden bereits prohibitiv hohen ansiedeln. Von der Strafbarkeit ganz abgesehen – nicht nur Schmuggler, auch Verbraucher werden irgendwann im Wiederholungsfalle die gigantische US-Gefängnispopulation bereichern. Die Al Capones des 21. Jahrhunderts reiben sich schon die Hände.

Stark nikotinreduzierte Zigaretten bedeuten, dass man für die gleiche Nikotinmenge viel mehr andere Stoffe inhalieren muss. Und überwiegend von diesen gehen die – aufgebauschten – Gesundheitsrisiken aus. Es entsteht so also ein gefährlicheres Produkt. Das genaue Gegenteil einer „Safer Cigarette“ mit gleich viel oder mehr Nikotin bei weniger „Teer“. Obwohl an diesem Ansatz schon vor fast einem halben Jahrhundert geforscht wurde, versäumte man ihn bei der Einführung der Light-Zigaretten in den 1970ern, die bis heute sowohl beim Nikotin als auch beim „Teer“ niedrigere Werte aufweisen. Das weitreichende Zusatzstoffverbot der novellierten EU-Richtlinie (TPD2), die letztes Jahr in Deutschland in Kraft getreten ist, um den Reiz des Rauchens abzuschwächen, dürfte als Nebenwirkung alle Pläne für eine „Safer Cigarette“ verunmöglichen.

Als die EU Anfang des Jahrtausends in der Tabakproduktrichtlinie (TPD) die Bezeichnungen „Light“ und „Mild“ gerade mit der Begründung verboten hat, schwächere Zigaretten seien nicht gesünder als stärkere, führte sie gleichzeitig Obergrenzen für Nikotin und „Teer“ (1 bzw. 10 mg) ein, obwohl nach dieser Logik stärkere Zigaretten keineswegs gefährlicher sind. Typische Widersprüche der Tabakregulierung, die die Nikotin-Minimierung in den USA (die EU wird folgen) vollends auf die Spitze triebe.

In den Kreisen der Tabakbekämpfung spekuliert man natürlich darauf, dass möglichst zahlreiche Raucher aufhören. Zwar hat die Ansammlung diskriminierender Maßnahmen (gesetzliche Rauchverbote, selbstauslöschende Zigaretten, Angsterzeugung, Strafbesteuerung, …) viele in die Knie gezwungen, aber die wirkliche Ausrottung eines solchen Konsums bleibt prohibitionistische Illusion. Eine verheerende zudem, da solche Politik immer gesellschaftliche Schäden anrichtet.

Wem nützt sie? Die FDA will gerne mit Sponsoren zusammen am besseren Verkauf von Pharmanikotinprodukten (Kaugummis, Pflaster, Lutschtabletten …) arbeiten. Das freut die einschlägigen Pharmakonzerne, die überdies Entwöhnungspsychopharmaka herstellen und für die es sich eben auszahlt, neben dem Staat Hauptfinanzier des Antirauchfeldzugs zu sein. Diesen riesigen, seit Jahrzehnten betriebenen Aufwand könnte man sich sparen, wenn man die Autonomie des Einzelnen, ganz einfach rauchen zu können, endlich mal respektieren würde.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Novo. Christoph Lövenich ist Novo-Redakteur und wohnt in Bonn.

Foto: Bildarchiv Pieterman

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Leserpost (11)
Sebastian Freitag / 23.08.2017

Alkohol und Zigaretten zu vergleichen ist unfair. Wein und Bier sind hochwertige Lebensmittel.

Petra Wilhelmi / 23.08.2017

@Frank Mora: “JEDER” ist falsch. Es gibt viele alte gesunde Raucher, die sehr selten krank sind und es gibt viele Nichtraucher, die nicht gesund sind und nicht alt werden. Jeder Mensch ist verschieden. Fallen wir doch nicht auf die Antiraucherkampagnen rein (ich bin Nichtraucher). Die Antiraucherkampagne ist doch so, wie das “Vergasen” von Menschen durch Stickoxide des Diesels. Mumpitz.

Roland Müller / 23.08.2017

Die Alkoholprohibition hat den USA die Cosa Nostra und die Camorra beschert und die USA sind die Mafiosi und ihre krummen Geschäfte trotz aller möglichen Milliarden Dollar verschlingenden Bekämpfungsmaßnahmen nie wieder los geworden. Schade das der gute Lucky Luciano das nicht mehr erleben darf. Viel Glück, liebe USA und liebe EU. Manche lernen es nie.

Wilfried Cremer / 23.08.2017

Zum Ausgleich hält aber die orientalische Kultur des Zudröhnens Einzug.

Rudolf George / 22.08.2017

Zunächst das Tabakverbot. Sodann wird sicher wieder am Alkoholverbot “geforscht”. Danach kommen die jetzt auch schon ins Visier genomennen Übeltäter Fett und Zucker dran. Fleisch dürfte kurz darauf folgen. Welcome to tomorrow!

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