Ulli Kulke / 01.06.2016 / 07:30 / Foto: Mark Ahsmann / 11 / Seite ausdrucken

Gauland und Boateng: Ein schlimmes Armutszeugnis für die FAZ…

…und viele andere Medien. Die Kollegen der FAS haben einen allzu billigen Effekt vor die Seriosität gesetzt, und keiner hat’s gemerkt.

Alexander Gauland gehört zu den Politikern der AfD, die mit ihrer völkischen Tour nerven, und ich bin mir nicht sicher, ob ich mit dem Grantler Tür an Tür wohnen möchte. Trotzdem wird die Skandalisierung seiner neuesten Aussage ihm in keiner Weise gerecht. „Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“ Dieser Satz, den er gesagt haben soll, ist für sich genommen einfach nicht zu inkriminieren. Null. Er ist im Grunde genommen eine Banalität, eine Feststellung, die hierzulande alle Rassismuskritiker ohne mit der Wimper zu zucken unterschreiben würden, und kein Mensch hätte es gemerkt.
 
Ist es denn so weit weg von der Denke vieler Linker, der Fraktion „Nie wieder Deutschland“ oder auch dem einen oder anderen Linken, die da lautet: „Zum Tore schießen für den Lieblingsverein sind sie gut, aber sonst wollen die Deutschen mit den Afrikanern hierzulande nichts zu tun haben.“ (Boateng ist kein Afrikaner, er ist Deutscher, aber das ist für die Beurteilung des Disputs um Gauland/Faz nebensächlich). Gut, eingestanden, ich kann diesen Satz aus dieser Ecke nirgendwo belegen, aber jeder mag dennoch für sich selbst prüfen, ob es einen solchen Aufschrei wie jetzt gegeben hätte, wenn er denn aus der anderen politischen Ecke gekommen wäre. Und er würde dorthin nur allzu gut passen.

Schlagzeile, Klickzahlen, Ruhm und das Kreuzchen auf der FAZ- Pistole

Natürlich, Gauland denkt anders, man könnte diese von ihm angesprochenen Ressentiments, wenn man will, auch bei ihm verorten, vielleicht stimmt sie auch gar nicht. Genau, und deshalb hätte diese seine Aussage spannend sein können – wenn die beiden Faz-Journalisten ihre Aufgabe ernst genommen hätten, und nicht nur sofort an die nächstbeste Schlagzeile, Klickzahlen, Ruhm und das Kreuzchen auf ihrer Pistole für einen zur Strecke gebrachten AfD-ler gedacht hätten.

Nach dieser Aussage Gaulands, zu der sie ihn ja offenbar gelockt hatten – hätte die Geschichte doch erst angefangen. In der Weise etwa: Bitteschön, Herr Gauland: Was heißt das? Finden Sie die von ihnen geschilderte Bigotterie denn okay? Wollen sie dagegen arbeiten, Vorbehalte ausräumen? Oder – dies wäre nun wirklich das Naheliegendste gewesen – gehören Sie selbst zu diesen „Leuten“, wollen sie die Leute vor dieser Nachbarschaft befreien? Warum wollen die „Leute“ Boateng nicht als Nachbarn haben? Wer sind „die Leute“, von denen Sie sprechen.

Eine selten armselige Trophäe

Ohne diese Anschlussfragen ist der Vorhalt gegen Gauland ein Nullvorhalt, die Aussage Gaulands ist eine selten armselige Trophäe der beiden FAS-Journalisten. Genau ihr Unterlassen belegt wieder einmal die Hysterie, mit der hierzu alles und jedes für gut befinden wird, wenn es nur gegen die rechte Partei geht, und sei es auch noch so oberflächlich, ungeprüft und unhinterfragt. Das Schlimme: So gut wie alle übrigen Medien stiegen – wieder mal – darauf ein, ohne auch nur einmal den Charakter des mit Gauland in Verbindung gebrachten Satzes zu überprüfen.

Hintergrundgespräche Journalisten-Politiker haben ihre eigene Dramaturgie und ihren eigenen Zweck. Sie dienen zur Erfassung eines Hintergrundes, geben die Chance, in die Tiefe zu gehen, das Denken der Politiker aus mehreren Dimensionen zu hinterfragen, nachzuhaken, hier und da auch „unter drei“, also mit dem Einverständnis des dezenten Umgangs, um den Lesern und Hörern der Medien glaubhaft die Personen und ihre Meinungen näher zu bringen.

Was haben die beiden Kollegen der FAS gemacht? Sie haben offenbar auf jede Nachfrage verzichtet, oder – noch schlimmer – etwaige Antworten darauf verschwiegen. Und sie ihnen ist nichts billigeres eingefallen, als durch die Nachbarschaft von Boateng zu ziehen, und zu fragen, wie sie ihn als Nachbar finden. Ha, ha ha! Sie haben eine Nullaussage aus so einem „Hintergrundgespräch“, die ein wenig nach Skandal riehen könnte, billig auf ihre Fahnen geheftet und sind damit sofort laut posaunend (auf der Titelseite der FAS) durch die Republik getobt. Das schlimme: Sie haben von dem Teil der Öffentlichkeit, auf die sie gesetzt haben, nur lauten Beifall bekommen, der bis heute noch nachdröhnt. Dass sie damit der AfD geschadet hätten, wage ich sehr zu bezweifeln. Aber darauf kam es ihnen – das ist meine Überzeugung – auch zu allerletzt an.

Dieser Beitrag ist auch auf Ulli Kulkes Blog Donner und Doria erschienen.

Leserpost (11)
Karla Kuhn / 03.06.2016

Jetzt fühle ich mich bestätigt, dass es richtig war, sämtliche Abos, incl. Spiegel zu kündigen und mir neue, seriöse, informative Quellen gesucht habe. Wer sich noch veräppeln läßt, ist selber schuld.

Manfred Wetzel / 01.06.2016

Aber was hat der Herr Gauland denn Böses gesagt? Er hat nicht gesagt, dass er den Herrn Boateng nicht als Nachbarn haben will. Mit dem Herrn Boateng ist es wie mit der türkischen Putzfrau. Viele haben eine, natürlich als Schwarzarbeiterin, sonst würden sie ja im Dreck versinken. Aber als gleichwertigen Menschen achten? Nee, sie hat ja kein Abitur. Über Multikulti kann man gut reden wenn man in einer Villa wohnt. Das schöne Reden hört aber auf wenn einen die Nordstadt besuchen kommt. Und sollten die „Kommunikationsprobleme“ in der Schule die Karriere der Kinder stören, werden diese auf eine andere Schule oder ein Internat gebracht. Und diese Doppelmoral wird der Herr Gauland gemeint haben. Er hat den Leuten den Spiegel vorgehalten. Und alle die, die sich im Spiegel erkannt haben schreien jetzt dumm rum.

Lars Bäcker / 01.06.2016

Den größten Vorwurf in dieser Geschichte mache ich Gauland. Ein so erfahrener Politprofi sollte doch längst gemerkt haben, dass ein fairer Umgang der Mainstream-Medien mit ihm und seiner Partei in diesem Lande nicht gewollt ist. Und in Zeiten, in denen es bei “ebay” für €1 9,99 funktionierende Diktiergeräte aus China gibt (und ich davon überzeugt bin, dass Gauland ein Handy oder ein teures Diktiergerät besitzt), ist es für mich unbegreiflich, dass er vor einem Interview nicht darauf besteht, das Gespräch aufzeichnen zu dürfen. in diesem Falle hätten die beiden “Journalisten” einen solchen Zirkus jedenfalls nicht “ungestraft” durchziehen können. Denn Gauland hätte, anstelle aller öffentlicher Rechtfertigungen und Erklärungen einfach auf “youtube” verweisen können, auf das er das Interview in voller Länge hochgeladen hätte. Die Klickzahlen wären in die Hunderttausende gegangen. Selbst Schuld.

Stephan Jankowiak / 01.06.2016

Wie sagte doch mein betreuender akad. Oberrat angesichts der von mir im jugendliche Elan beabsichtigten medialen Ausschlachtung meiner mit “sehr gut” bewerteten Diplom-Arbeit bereits in den 90ern: “Hüten Sie sich, Herr J., hüten Sie sich vor Journalisten, die drehen Ihnen das Wort im Mund herum.” Worte die ich in knapp einem Vierteljahrhundert niemals vergessen habe und für die ich seitdem fast tagtäglich Belege in den Medien finden kann - egal ob politische oder fachliche Berichterstattung. Jüngste Beispiele: Aussagen über J. Boateng, Petry’s laienhafte, aber im Grunde korrekte Darstellung des UZwG etc. Oder warum finde ich in Medienberichten, die Themen anbelangen, bei denen ich mich qua Studium, Beruf, Hobbies und Interessen recht gut auskenne, Widersprüchlichkeiten, Verzerrungen, Überbetonung von Tautologien und teils auch glatte Falschaussagen, im Boulevard, Yellow und in selbsternannten oder traditionell so assozierten Qualitätsmedien, öffentlich-rechtlich wie privat. Ihren Ausführungen, Herr Kulke, ist nichts hinzuzufügen. Sie treffen genau des Pudels Kern. Vielen Dank

Wolfgang Schmid / 01.06.2016

Die FAS sieht sich selbst als Zeitung, die in den besseren Kreisen gelesen wird: “Die F.A.S. – bei der Elite zu Hause”. Diese Eliteleser “lieben den journalistischen Hochgenuss, tauchen ein, lassen sich inspirieren und überraschen.” Bis dahin alles richtig gemacht mit dem AfD-Bashing: Sowas will die Elite lesen! Und die Skandalisierung sorgte jedenfalls kurz für ein Strohfeuer kostenloser Werbung. Wie die Mutter FAZ geht auch die FAS geht durch wirtschaftlich nicht gerade rosige Zeiten: sie verkaufte im zweiten Quartal 2011 nach eigenen Angaben 357.654 Exemplare. Ende 2015 waren es laut IVW noch 242.274 Exemplare - das ist ein Drittel Verlust! Der Relaunch 2015 brachte wohl auch nichts, da musste halt etwas heftiger nachgelegt werden…

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