Thomas Rietzschel / 14.04.2014 / 10:51 / 0 / Seite ausdrucken

Gabriel und der Frühjahrsputz

Der Frühjahrsputz hat begonnen; wir räumen auf. Und dabei ist es uns etwas in die Hände gefallen, das wir immer wieder zur Seite gelegt haben, schwerer Lesestoff: ein Aufsatz von Sigmar Gabriel aus dem Jahr 2011.

Nunmehr, 2014, gebietet es der Respekt, den Gedankengängen des Vizekanzlers zu folgen. Unter dem Titel “Was wir Europa wirklich schulden” schrieb der SPD-Chef damals:

Es ist wahr: Wirtschaftliche und monetäre Umbruchzeiten sind vor allem kulturelle Zeitenwenden. Und genau dies haben weder Politiktreibende noch Kulturschaffende bislang hinreichend begriffen. Wer Europa neu denken und den europäischen Gründungsgedanken neu belegen will, der muss zuerst auch politische und kulturelle Attitüden und Mentalitäten verändern. Nur so wird es möglich sein, die real existierende europäische Zuschauerdemokratie in eine partizipative (sic!) Verantwortungsgemeinschaft von selbstbewussten und selbstbestimmten Europäern zu verwandeln.

Schwerer Lesestoff, wie gesagt. Man muss die verquaste Äußerung zweimal lesen, um die dummdreiste Anmaßung, die sich dahinter verbirgt, zu verstehen. Dass wir erstens unsere Geschichte abstoßen, verdrängen und vergessen sollen, um dann eine kulturelle Identität anzunehmen, die den politisch und monetäre geschaffenen Tatsachen entspricht, genauer noch: die dem genügt, was die politische Klasse durchsetzen möchte.

Neu ist das nicht. So haben die Ideologen zu allen Zeiten gedacht, zuletzt im Machtbereich des »real existierenden Sozialismus«. Dafür wurden die Intellektuellen in Umerziehungslagern interniert. Die Chinesen versprechen sich bis heute davon einiges.

Nun wollen wir dem Genossen Gabriel nicht unterstellen, Ähnliches im Schilde zu führen, müssen aber zur Kenntnis nehmen, dass er sich berufen fühlt, Europa eine neue Kultur zu verpassen.

Bisher bildete sich so etwas über die Jahrhunderte heraus. In den Ländern Europas haben daran Geistesgrößen wie Homer, Platon, Dante, Michelangelo, Rubens, Spinoza, Cervantes, Newton, Shakespeare, Voltaire, Hume, Lessing, Schiller, Beethoven, Puschkin, Einstein, die Brüder Mann, Sartre, um nur einige aufzählen, in aller Bescheidenheit mitgearbeitet. Und nun? Nun rüstet sich Sigmar Gabriel, »Siggi Pop«, der einstige Pop-Beauftragte der SPD, zur Kulturrevolution. Was da noch auf uns zukommt - nach der Energiewende und dem bereits angedrohten Hausaufgabenverbot zu Beförderung des kulturellen Wandels -, mag man sich ausmalen. Und niemand kann danach sagen, er hätte nicht wissen können, was der Mann vorhatte. Er hat es uns rechtzeitig gesagt.

Gottlob sind wir jetzt noch auf den alten Zeitungsfetzen gestoßen. Es lohnt sich, immer wieder mal aufzuräumen.

Aus dem Buch “Geplünderte Demokratie. Die Geschäfte des politischen Kartells”

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost (0)

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Thomas Rietzschel / 17.06.2018 / 11:30 / 13

Gesehen, gelesen, gehört, verpasst: Die Nibelungen stehlen der Politik die Show

Vor uns liegen die besseren Tage, die heiteren Vergnügungen der sommerlichen Festspielzeit. Bis in den frühen Herbst könnten wir von einer Aufführung zur nächsten reisen…/ mehr

Thomas Rietzschel / 14.06.2018 / 18:00 / 15

Merkel auf der Zielgeraden

Angela Merkel ist soweit noch ganz gut beisammen, fit für das alljährliche Wagnerfest in Bayreuth sowie für das Bergwandern demnächst in den Ferien. Als Politikerin indes…/ mehr

Thomas Rietzschel / 13.06.2018 / 12:00 / 47

Gesehen, gelesen, gehört, verpasst: Ampels Coming out

Männer, die noch mit Frauen verkehren, und Frauen, die von den Männern nicht lassen wollen, werden bald längere Umwege in Kauf nehmen müssen, um in…/ mehr

Thomas Rietzschel / 07.06.2018 / 17:00 / 5

Ein warmer Regen für die Parteien

Geht es um die Kohle, dann laufen die Geschäfte der GroKo wie geschmiert. Eine Hand wäscht die andere. Heute oder morgen, spätestens in der kommenden…/ mehr

Thomas Rietzschel / 05.06.2018 / 16:50 / 7

Gesehen, gelesen, gehört, verpasst: Frau Grütters lässt es wieder krachen

Da es bei der Übernahme eines politischen Amtes keine geistige Sonderzuteilung gibt, können auch Kulturpolitiker nur tun, was ihr Verstand hergibt: Großes schaffen oder Unsinn…/ mehr

Thomas Rietzschel / 04.06.2018 / 17:00 / 12

Multikulturelle Randale

Am vergangenen Wochenende, in der Nacht vom Samstag auf den Sonntag, flogen in Darmstadt die Fetzen. Wieder waren Zehntausende zum alljährlich veranstalteten „Schlossgrabenfest“ gekommen, einem…/ mehr

Thomas Rietzschel / 30.05.2018 / 14:00 / 8

Spalten ist gut für die Demokratie

Was tun, wenn der Vorrat unsachlicher Argumente aufgebraucht ist, wenn die Leute nichts mehr darauf geben, dass jemand des „Rechtspopulismus“ bezichtigt oder als „Nationalist“ angepflaumt…/ mehr

Thomas Rietzschel / 22.05.2018 / 16:00 / 7

Gesehen, gelesen, gehört, verpasst: Paris bleibt Paris

„Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was verzählen“, reimte der deutsche Dichter Matthias Claudius 1786 für den „Vossischen Musenalmanach“. Dabei muss es aber…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com