Gideon Böss / 26.07.2011 / 17:15 / 0 / Seite ausdrucken

Fukushimasierung menschlichen Leidens

Als in Japan Zehntausende ertrunken sind, weil eine gigantische Naturkatastrophe das Land traf, hatten die deutschen Atomkraftgegner keine Zeit für Trauer und Anteilnahme, stattdessen hieß es, die Gelegenheit zu nutzen und für die eigenen Ansichten Stimmung zu machen. Was sie so siegessicher auf die Straße brachte, war die drohende Kernschmelze in Fukushima. Es gibt aus diesen Tagen Bilder von AKW-Gegnern, die dümmlich in Kameras grinsen und sich freuen, als hätten sie gerade überraschend die Fußballweltmeisterschaft gewonnen.
Die Atomkraftgegner haben sich gar nicht groß aufhalten lassen von den Details der japanischen Katastrophe. Für sie stellte eine Fußnote dieses Unglücks, nämlich ein defektes Atomkraftwerk, den Mittelpunkt des Schreckens dar, als ob dieses für das tausendfache Sterben verantwortlich wäre. Sie schlachteten dieses Ereignis aus und entwarfen voller apokalyptischer Begeisterung Szenarien, wie hoch die Zahl der Opfer wäre, wenn in Biblis, wenn in Brokdorf, wenn in Neckarwestheim… Für die tatsächlichen Opfer einer tatsächlichen Katastrophe hatten sie aber nur ein Achselzucken übrig. Ertrinken kann schließlich jeder, Strahlentote sind die Währung, mit der in diesen Kreisen gehandelt wird. Und wenn es keine echten Strahlentoten gibt, dann handelt man eben mit gefühlten Strahlentoten.

Vom Muster her wiederholte sich diese unappetitliche Prioritätensetzung auch nach dem Anschlag eines offensichtlich geisteskranken Einzeltäters, der in Norwegen ein Massaker unter Kindern und Jugendlichen angerichtet hat. Nachdem bekannt wurde, dass es kein islamistischer Terroranschlag war*, drehten die ganzen selbst ernannten Verteidiger des Islams auf. Die Leute, die es schon für Hetze halten, wenn eine gewisse Wechselbeziehung zwischen den Taten strenggläubiger Muslime und dem Islam vermutet wird, glaubten nun, endlich einmal „Sieger“ zu sein. Die Zahl der Toten war noch nicht bekannt, da machten sie sich schon daran, Journalisten und Politiker zu denunzieren, deren islamkritischen Positionen ihnen nicht gefallen. Da müsse jetzt auch den „Wegbereitern“ das Handwerk gelegt werden und es wurde mit viel Eifer genau das veranstaltet, was man der „Gegenseite“ sonst immer aus Mangel an Argumenten vorwirft: Rufmord, Hetze und Pauschalurteile.

Wo diese Leute sonst immer auf den feinen Unterschied zwischen Islam und Islamismus Wert legen (als rhetorische Notbremse dient im Extremfall auch der Hinweis, dass es DEN Islam ohnehin nicht gibt), ist nun von DEN Islamkritikern, von DEN Bürgerlichen oder von DEN Rechtsliberalen die Rede. Weniger Differenzierung war nie in den Kreisen derer, die den islamistischen Terror seit Jahren aus der Welt zu differenzieren versuchen.

Während die Menschen in Norwegen es schaffen, auf eine würdige Art die Toten zu betrauen und zu Grabe zu tragen, halten sich diese Leute gar nicht erst mit einer solchen Gefühlsduselei auf. Im Gegenteil: Sie begreifen das Stillstehen der Anderen im Angesicht einer solchen Tragödie nicht als ein Gebot der Pietät, sondern als Zögern und Verunsicherung. Dadurch fühlen sie sich erst recht in ihren Ansichten bestätigt und was dann passiert, ist die oben beschriebene Fukushimasierung menschlichen Leidens.

*Eine Frage bleibt: Wenn es ein Beweis für die Islamophobie in Europa ist, dass direkt nach dem Anschlag sofort ein islamistischer Hintergrund vermutet wurde, was sagt das dann eigentlich über die islamistischen Internetforen aus, auf denen sich diverse Jihadisten ebenfalls direkt nach dem Anschlag mit dieser Tat gebrüstet haben bzw. ihren „Brüdern“ dazu gratulierten?

Gideon Böss schreibt für Welt Online den Blog „Böss in Berlin“ (http://boess.welt.de/)

Leserpost (0)

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können wir nur innerhalb der ersten zwei Tage nach Veröffentlichung eines Artikels annehmen.

Verwandte Themen
Gideon Böss / 27.08.2016 / 08:30 / 15

Eine neue intellektuelle Spezies: Der Guterrassist

In freien Gesellschaften gibt es mehrere Grundwerte, die für den Erhalt des Systems unabdingbar sind. Die Religionsfreiheit, die eben auch die Kritik an Religionen beinhaltet,…/ mehr

Gideon Böss / 10.07.2016 / 14:12 / 2

Die EU ist eine gute Idee. Eigentlich.

Dass Großbritannien die Europäische Union verlassen wird, ist schade. Und es ist gefährlich, vor allem für die EU, denn dieser Schritt bedroht sie viel mehr…/ mehr

Gideon Böss / 22.04.2016 / 06:25 / 9

Etwas Gutes über Heiko Maas: Er wäre ein toller Geheimagent

Ich kann mir Heiko Maas schon sehr gut als so etwas wie die deutsche Sparversion von James Bond vorstellen. Er macht ebenfalls eine gute Figur…/ mehr

Gideon Böss / 28.03.2016 / 06:30 / 13

Die westliche Meisterschaft der Selbstanklage

Nach den Anschlägen von Brüssel geht alles seinen routinierten Gang. Es gibt die frechen Cartoons und Symbolbilder, mit denen „das Netz“ auf den Terror reagiert…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com