Tamara Wernli (Archiv) / 20.04.2017 / 20:00 / 7 / Seite ausdrucken

Fürchtet euch vor den Humorlosen!

"Ah. Friede und Ruhe am Tag ohne Frau." Dass ihm dieser eher banale Tweet zum Verhängnis wird, hätte sich der prominente US-Videospielproduzent Colin Moriarty wohl nicht gedacht. Als Frauen am 8. März weltweit ihren Frauentag feierten, wurde auch das Hashtag #daywithoutawoman ins Leben gerufen. Damit sollte der "enorme Wert, den Frauen zum sozioökonomischen System beitragen", hervorgehoben werden.

Innerhalb der Computerspielindustrie ergoss sich ein Empörungs-Tsunami über Colin Moriarty: Sexist! Sexist! Wie kann man nur so etwas Niederträchtiges über Frauen sagen! Das Ausmass der Hysterie der Gerechtigkeitsfanatikerinnen veranlasste Moriarty, seinen Job zu kündigen; arbeitet man in einer Branche, die derart von der Zustimmung der Öffentlichkeit abhängig ist, kann man sich in den USA keinen Witz mehr erlauben. Auch keine eigene Persönlichkeit.

Solange wir in unseren mitteleuropäischen Kulturkreisen noch Mann/Frau-Aspekte ansprechen dürfen, schauen wir uns "Ein Tag ohne Frau" mal an. Stereotyp hin oder her – der erste Reflex eines männlichen Wesens ist nun mal der: Friede herrscht! Ein Mann lebt ihn wahrscheinlich täglich an die dreissig Mal geistig aus. Wo ist das Problem? Ich sehe beim besten Willen nichts Verwerfliches daran, wenn Männer sich hie und da nach Frau-freier Zeit sehnen. Es gibt gute Gründe, warum unsere Anwesenheit von geistig verstörend bis unsäglich anstrengend sein kann.

Das Reizvolle an einem Tag ohne Frau ist doch, dass Männer dann all die Dinge tun können, die sie sonst unterdrücken müssen: Sie rülpsen, prahlen, hauen Sprüche raus ohne Sinn und Verstand, oder verharren stundenlang in Schweigen – und es ist in Ordnung. Sie müssen keine Gentlemen sein. Werden nicht genötigt, Neugierde aufzubringen für eine neue Handtasche. Müssen sich nicht dazu entschliessen, keine Notiz von ihr zu nehmen, wenn sie mit ihrer Vorwurfsliste anrauscht. In Anwesenheit einer Frau hätte die Hälfte ihrer Handlungen oder Nicht-Handlungen wohl Konsequenzen. Aber, wie wir (Frauen) ja nur zu gut wissen: Spätestens am Nachmittag kommt die Langeweile und dann gibt es für sie nichts Schöneres als unsere Rückkehr.

Ein simpler Witz kann heute eine Karriere beenden

"Ah. Friede und Ruhe am Tag ohne Frau." Ich persönlich schmunzle darüber. Aber das Lachen dürfte vielen Männern mittlerweile vergangen sein. Ich sage Männer, weiss und hetero, weil es häufig sie sind, die sich mit der political correctness moderner Feministinnen und Empörungsradikalen auseinanderzusetzen haben. Ein simpler Witz kann heute eine Karriere beenden - da wird einem Angst und bange. Dass die Vorkämpfer für soziale Gerechtigkeit mit solchen Aktionen gerade eben nicht Gerechtigkeit fördern, sondern die Spaltung der Gesellschaft, weil sie damit einer schleichenden Unsicherheit, Selbstzweifel und verstärktem Misstrauen gegenüber bestimmten Bevölkerungsgruppen Vorschub leisten, scheint ihnen nicht bewusst.

Das Problem sind aber nicht die Berufsempörten, auch nicht jene, die die Sozialen Medien als eine Art virtuelle Handfeuerwaffe einsetzen, um Menschen zu zerstören. Diese Gruppen rufen zwar am lautesten aus, aber sie machen insgesamt eine zu kleine Anzahl aus, als dass sie mit ihren Ansichten die Wurzel der gesellschaftlichen Vernunft ausreissen könnten. Das Problem sind Institutionen wie Behörden, Universitäten, die Wirtschaft und Arbeitgeber, die diesen Wahnsinn begünstigen, indem sie sich, aus Angst vor einem Imageschaden, solidarisch auf die Seite der Negativler schlagen. Universitäten kuschen vor protestierenden Studenten, Unternehmen vor Social Media-Stänkerern.

Pepsi zog neulich Hals über Kopf einen neuen Werbespot zurück, nachdem Aktivisten moniert hatten, der Spot würde an die Black Lives Matter-Bewegung erinnern und diese trivialisieren. Pepsis öffentliche Reue kam postwendend: "Wir entschuldigen uns dafür. […]. Wir hatten nicht vor, ein seriöses Thema auf eine lockere Weise darzustellen. Wir löschen den Inhalt und werden nichts dazu weiterverbreiten. Wir entschuldigen uns auch, Kendall Jenner in diese Lage gebracht zu haben." Ja, der Spot ist dämlich - Kendall Jenner, die einem Polizisten an einer Demo eine Pepsi reicht und die Welt ist dann in Ordnung. Aber das ist eine Stilfrage. Dass Unternehmen wegen eines Shitstorms einknicken, ihre eigenen Ideen und Werte anstandslos aufgeben, nur weil einige Übersensible sich an allem und jedem stören und gar eine "kulturelle Aneignung" dahinter sehen wollen – es ist der falsche Weg zu sozialer Gerechtigkeit.

Im Fall vom Gameproduzenten Moriarty blieb seine Firma stumm, stellte sich nicht öffentlich hinter ihn, hielt ihn nicht mit allen Mitteln von der Kündigung ab. Zur Erinnerung: Er ermordete nicht seine Grossmutter, er haute einen banalen Witz raus.

Ereignisse wie dieses lassen flächendeckend eine zunehmende Verunsicherung aufkeimen. Ist das Vertrauen einer Gesellschaft in das harmonische Zusammenleben erst einmal zerstört, stellt ein allfälliger kurzzeitiger Imageschaden eines Unternehmens das kleinere Übel dar.

Der Beitrag erschien zuerst in der Basler Zeitung. Tamara Wernlis Kolumne gibt es jetzt hier auch als Videobotschaft, man kann ihn auf ihrem youtube Kanal auch abonnieren.

Tamara Wernli arbeitet als freischaffende News-Moderatorin und Kolumnistin bei der Basler Zeitung. Dort erschien dieser Beitrag auch zuerst. In ihrer Rubrik „Tamaras Welt“ schreibt sie wöchentlich über Gender- und Gesellschaftsthemen.

Leserpost (7)
Karla Kuhn / 21.04.2017

Humorlose Menschen haben keine Witze und falls sie jemals lachen sollten, gehen sie in den Keller.  Von solchen Menschen halte ich mich fern. Wer wegen einem Witz die Arbeit verliert, verliert nichts.  “Wenn sich eine Türe schließt, öffnet sich ein Fenster,”

Barbara Kröger / 21.04.2017

Sie haben völlig Recht Frau Wernli, das Ganze ist einfach nur lächerlich! Wenn Frauen sich treffen - ohne ihre Männer - reden sie doch teilweise ähnlich.

Herwig Mankovsky / 21.04.2017

Einfach aussitzen und solche Querulanten öffentlich als das zu bezeichnen, was sie sind: Vollidioten. Die schweigende Mehrheit, medial naturgemäß ohne Stimme, vernähme es mit Genugtuung und kauft wie immer.  Um beim Beispiel Pepsi zu bleiben: Die paar Dosen, die eine klitzekleine vetrottelte Minderheit nicht säuft, sind wohl zu vernachlässigen.

ann mcdonald / 21.04.2017

Vielen Dank für diesen Einblick. Aus meiner Sicht entstehen diese (und viele andere)  Probleme durch 2 Entwicklungen die aus heutiger Sicht “unverzichtbar” zu sein scheinen aber im Widerspruch zueinander stehen. Political Correctness und Social Networking.  Mal sehen welches von beiden überlebt.

Bargel,Heiner / 21.04.2017

John Cleese, Gründungsmitglied der legendären Monty Python, brachte es in seiner Autobiografie auf den Punkt: “Die Steigerung von Humorlosigkeit ist Political Correctness!”

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