Gastautor / 13.04.2016 / 06:10 / Foto: wikimedia commons / 14 / Seite ausdrucken

Verschont mich mit Böhmermann! Und: Meta-Ebene my ass.

Von Malte Fischer.

Ich bin auch ein Fan der Pressefreiheit. Trotzdem ertappe ich mich in letzter Zeit dabei, klammheimlich zu hoffen, mit Krummdolchen bewaffnete Schergen Erdogans würden Böhmermann in irgendeinen Kerker im Orient verfrachten. Nichts Persönliches. Ich kann einfach seine Fresse nicht mehr sehen. Ich traue mich schon gar nicht mehr auf Facebook. Keine Zeitung kann man aufschlagen ohne in das nicht übertrieben schöne Gesicht des ZDF-Manns zu blicken. Danke, es reicht!

Fast noch nerviger als Böhmermann selbst sind seine zahlreichen Fans in Deutschlands Redaktionen, die nicht müde werden, dem Normaldoof, der es womöglich selbst nicht checkt, die Genialität des Mannes und die 23 Meta-Ebenen seiner Aktionen zu erläutern. Und dann die Solidarität bekundenden Trittbrettfahrer: Döpfner, Didi, Varoufakis. Es weiß doch jeder inklusive Böhmermann, dass Böhmermann die Sache am Ende mehr nutzen als schaden wird. Solidarisiert man sich normalerweise nicht mit Menschen, denen Unrecht oder Leid zugefügt wurde?

Wenn Spiegel-Autor Cordt Schnibben der Kanzlerin auf Facebook schreibt, es „sei nun mal genug“ und er könne angesichts der Leisetreterei von Merkel im Fall Böhmermann „nun nicht länger schweigen“, erscheint mir das angesichts der seit Monaten andauernden brutalen Repressionen gegen Kurden, Oppositionelle und Journalisten in der Türkei und dem aggressiven Auftreten von Erdogans Anhängern auch in Deutschland, beinahe obszön. Es gibt tausend bessere und wichtigere Gründe, Erdogan und zu kritisieren als ausgerechnet dafür dass er sich von einem deutschen Fernsehheini nicht Ziegenficker nennen lassen will.

Herr Döpfner schreibt in der Welt, JB wolle „durch Maximalprovokationen die Leute verstören, um sie darüber nachdenken zu lassen, wie eine Gesellschaft mit Satire – und noch viel wichtiger – mit der Satire-Intoleranz von Nichtdemokraten umgeht. Ein Kunstwerk. Wie jede große Satire.“ Nun war ich für meinen Teil immer ganz zufrieden mit Fernsehunterhaltern, die ihr Publikum unterhalten und was eine geschmacklose Satire von einer Satire auf eine geschmacklose Satire unterscheidet, kann mir Herr Döpfner vielleicht mal bei einem Döner erklären. Ich hoffe jedenfalls, dass sich Herr Böhmermann über derlei Gesülze totlacht, fürchte aber, er hat Gefallen an der Rolle der supercoolen moralischen Instanz gefunden. So tief wäre Harald Schmidt nie gesunken.

Wahrscheinlich habe ich die genialen Meta-Ebenen einfach nicht gecheckt aber am Ende des Tages hat Böhmermann Erdogan einen stinkenden Ziegenficker und Päderasten genannt. Er hat damit weder der notwendigen Kritik an Erdogan noch der deutschen TV-Unterhaltung eine Sternstunde hinzugefügt. Er hat nur einen weiteren Beitrag zur Verrohung und Infantilisierung des politischen Diskurses geleistet. Meta-Ebene my ass. Das Gedicht bleibt eine Aneinanderreihung rassistischer antitürkischer Klischees. Hätte Akif Pirincci denselben Text auf seiner Homepage veröffentlicht, wäre niemand auf die Idee gekommen, ihn als Helden der Meinungsfreiheit zu feiern.

Es gibt Journalisten und Satiriker, die ihre Freiheit, ihre Gesundheit und ihr Leben riskieren wenn sie ihren Job machen. Böhmermann gehört nicht dazu. Daher sollte bei der Bewertung seiner Arbeit einzig ihr künstlerischer oder inhaltlicher Gehalt zählen. Der tendiert im Fall der „Schmähkritik“ gegen Erdogan gegen null, es sei denn, man würde die Fähigkeit, alle Medien der Republik tagelang mit seinem Gesicht zu verstopfen, als künstlerische oder journalistische Leistung bewerten. Ich persönlich könnte einen Böhmermann-freien Safe Space im Internet gerade echt gut gebrauchen.

Malte Fischer (37) lebt in Berlin, ist seit 2000 Autor und Redakteur für RTL, Pro 7, RBB, WDR mag Bücher, Filme, Serien, Schallplatten und Spaziergänge mit seinem Hund.

Leserpost (14)
Herbert Schmidt-Leiberg / 14.04.2016

Bei den Vorgängen um Herrn Böhmermann handelt es sich um die Fehlkalkulation eines Quotenbürschleins, das sich selbstüberheblich in eine Klimazone hinein gewagt hat, der es von seiner Statur und seinem Gewicht her nicht gewachsen ist. Es gibt mehr und wichtigeres in der Welt als Quote. Herr Böhmermann war nicht intelligent genug, die Folgen seines Tuns vorauszusehen und ist jetzt nicht erwachsen genug, zu akzeptieren, dass er die Konsequenzen seiner unsäglichen und unflätigen Beleidigung des Recep Tayyip Erdogan wird tragen müssen. Erdogan hat mein persönliches Verständnis und - ja, in diesem Fall auch - meine Sympathie, wenn er diese niederträchtige Beleidigung nicht ungesühnt hinzunehmen bereit ist.  

Gerhard Wellner / 14.04.2016

Pressefreiheit. Künstlerische Freiheit? Satire? Das „Schmähgedicht“ von Böhmermann ist eine einzige Aneinanderreihung von Beleidigungen auf niedrigstem Niveau. Kein Witz, keine Pointe, kein tieferer Sinn. Satire? Fehlanzeige! Macht allein das Vorwort, dass man dieses in Deutschland so nicht sagen darf diese Erdogan-Ergüsse erlaubnisfähig? So wie es aussieht werden Richter darüber entscheiden. Auf jeden Fall werde ich mal einen Selbstversuch starten und einem Polizisten Folgendes sagen: „Es ist in Deutschland verboten, Ihnen zu sagen, das Sie ein verfickter Vollidiot sind, dessen Mutter das Baby weggeworfen und die Nachgeburt großgezogen hat. Und deshalb tue ich das auch nicht!“ Was der wohl sagt?

Reiner Hoefer / 14.04.2016

Ich gebe dem Autor vollständig recht, in seiner Beurteilung dieses “Böhmermann-Schmähgedichtes” und auch in seinem Urteil über Böhmermann selbst. Dieser Erguss ist beschämend primitiv, geistlos, witzlos. Für mich ist der wichtigste Satz in diesem Text folgender: “Hätte Akif Pirincci denselben Text auf seiner Homepage veröffentlicht, wäre niemand auf die Idee gekommen, ihn als Helden der Meinungsfreiheit zu feiern.” Ich würde sogar noch weiter gehen, man hätte Pirincci unisono in der Luft zerrissen. Die Empörung ist auf Opportunismus gegründet, und nicht auf einer seriösen Beurteilung der Sachlage. Es passt eben grad so schön.

Johannes Lambert / 13.04.2016

Böhmermann stand bisher im Sold des Staatsfernsehens und hat dort, wie es von seinen Vorgesetzen erwartet wurde, unter dem Tarnnamen „Satire“ die AfD als faschistisch verleumdet. Nach seinem ekelhaften, den Tatbestand einer Beleidigung erfüllenden Schmäh“gedicht“ gegen Erdogan erfährt er nun zum ersten Mal, was es heißt, sich mit wirklich undemokratischen Kräften angelegt zu haben: Es sind gewaltsame Racheakte der Anhänger Erdogans zu befürchten. Das macht ihn nicht zum Helden, sondern entlarvt seine früheren „Satiren“ als verlogen. Schon die ganz reale Gefahr einer solchen Selbstjustiz stellt nämlich unter Beweis, wovor die AfD gewarnt hat. Er hat eine Grundregel der Großen Koalition missachtet: Man kann zwar die AfD risikolos schmähen, nicht aber Erdogan.

Susanne Martin / 13.04.2016

Danke…endlich mal eine andere Meinung, als der breite Strom! Endlich mal ein Artikel, der mir aus dem Herzen spricht!

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