Henryk M. Broder / 07.03.2011 / 00:31 / 0

Frau Dr. Foroutan fühlt eine Leerstelle

Dr. Naika Foroutan sieht viel zu gut aus, als dass man ihr den Unsinn, den sie produziert, übel nehmen könnte. (Ich weiss, das ist ein sexistisches Argument, aber es ändert nichts an seiner Richtigkeit.) Das fängt bei ihren Statistik-Spielchen an und hört bei ihrem hochambitionierten Forschungsprojekt („Hybride europäisch-muslimische Identitätsmodelle: Identitäts- und Abgrenzungsrituale von Menschen mit muslimischem Migrationshintergrund im deutsch-eurpäischen Innen- und Außenverhältnis“) noch lange nicht auf.

Jetzt hat Frau Dr. Foroutan im “Freitag” einen höchst lesenswerten Aufsatz veröffentlicht, in dem sie ihre eigene hybride Existenz zur Schau stellt. 100%ig wissenschaftlich und empirisch fundiert. Diesen Absatz finde ich besonders gelungen:

=Es ist Konsens in Deutschland, dass aufgrund einer traumatischen Vergangenheit eine verallgemeinernde Ausländerfeindlichkeit nicht sein darf. Daher schützt man sich gegen den Vorwurf, ganze Menschengruppen aufgrund ihres Andersseins abzuwerten – indem man etwa die Vietnamesen oder die osteuropäischen Juden verschont und den abwertenden Diskurs vornehmlich auf die Muslime bezieht. Man sieht es als explizite Errungenschaft des Westens an, dass man nicht frauenfeindlich sein darf, und konzentriert sich auf Kopftuchträgerinnen als zu befreiende Subalterne. Man darf nicht antisemitisch sein und schiebt die eigene Verantwortung dafür weg, indem man kollektiv die Muslime für die nach dem deutschen Antisemitismus frei gewordene Leerstelle besetzt und sogleich die jüdisch-christliche Tradition als Gegenpol zum Islam und als Basis einer deutschen Leitkultur stilisiert. Ebenso verhält es sich mit dem eigenen, scheinbar nonchalanten Umgang mit Homosexualität, dessen Normalisierung die neue deutsche Offenheit dokumentieren soll, und der sich doch immer wieder in homophoben Diskursen bricht, die angeblich „nicht so gemeint sind“ – die wahren Schwulenhasser sind ja die Muslime. Die werden zu Trägern jener Rassismen, die die Deutschen nicht mehr zu haben glauben.=

Ja, das ist die hohe Kunst der Wissenschaft, garantiert nicht abgeschrieben, aber ganz taufrisch auch nicht. Der große Revolutionär Dieter Kunzelmann hat schon 1969, lange bevor Frau Foroutan geboren wurde, gefordert, die Deutschen sollten sich von ihrem “Judenknacks” befreien; vor allem die Linke müsste, um revolutionär zu werden, die „Vorherrschaft des Judenkomplexes“ brechen.

Nun setzt Frau Foroutan dort an, wo Kunzelmann umständehalber aufhören musste. Offensichtlich haben die Deutschen ihren “Judenknacks” noch immer nicht überwunden, sondern nur “auf die Muslime” verlagert. Die “frei gewordene Leerstelle” wird mit Muslimen besetzt. Und weil sich die Deutschen außerdem nicht trauen, frauenfeindlich und homophob zu sein, werden die Muslime “zu Trägern jener Rassismen, die die Deutschen nicht mehr zu haben glauben”.

Mit dieser Konstruktion hat sich Frau Dr. Foroutan für ihr nächstes Forschungsprojekt über hybride Identitätsmodelle qualifiziert, diesmal mit Unterstützung der Wilhelm-Marr-Stiftung. Die Frage ist nur: Warum ziehen sich “die Muslime” den Schuh an, den die Deutschen loswerden wollen? Dabei wäre es so einfach, die antisemitischen, frauen- und schwulenfeindlichen Deutschen zu beschämen. Die Muslime müssten nur ein paar Häuser für geschlagene Frauen aufmachen, verfolgten Schwulen ihre Moscheen als Zufluchtsorte öffnen und Juden, die einen Bogen um ihre Kieze machen, Begleitschutz anbieten. Da würden die Deutschen aber blöd gucken! Und Frau Foroutan hätte jede Menge neues empirisches Material und wäre nicht mehr auf ihren morgendlichen Kaffeesatz angewiesen.

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