Hansjörg Müller / 06.09.2015 / 06:00 / 0 / Seite ausdrucken

Franz Josef Strauss wäre heute 100 geworden

Was für Zeiten, was für ein Ort: Den Dramatiker Bertolt Brecht hätte man hier treffen können, den Maler Wassily Kandinsky, und nicht allzu weit entfernt lebte Thomas Mann, der spätere Nobelpreisträger. In der Münchner Maxvorstadt stiessen in einem Umkreis von einigen Hundert Metern Welten aufeinander – oder existierten nebeneinander her: Künstler und Handwerker, Kleinbürgertum und Boheme. In diese Umgebung wurde vor 100 Jahren, am 6. September 1915, Franz Josef Strauss hineingeboren, der Politiker, der Bayern prägte wie kein anderer nach dem Zweiten Weltkrieg und Deutschland wie nur ganz wenige.

In der Schellingstrasse 49, wo sich die Metzgerei seines Vaters befand, steht heute ein Nachkriegsbau aus den frühen Sechzigerjahren, ebenso in der benachbarten Nummer 50, wo sich zu Strauss’ Kindheits- und Jugendzeiten die ersten Nazis trafen, im Atelier Heinrich Hoffmanns, der später als Leibfotograf Adolf Hitlers Berühmtheit erlangen sollte. Der Katholizismus immunisierte die Familie Strauss gegen das Nazitum. Fünf Jahre alt war Franz Josef, als sein Vater ihn zum Bierholen in den nahen «Schelling-Salon» schickte; ein Mann drückte ihm ein Bündel Flugblätter der Nazipartei in die Hand, der Bub begann, sie auf der Strasse zu verteilen. Als Vater Strauss davon erfuhr, setzte es für den Sohn eine gewaltige Watschn.

Schräg gegenüber der früheren Metzgerei Strauss liegt bis heute die «Osteria Bavaria», Deutschlands ältestes italienisches Restaurant. Im Nebenzimmer des Lokals verkündete Hitler in den Zwanzigerjahren seine Unheils-predigten. Heute sitzt Wilfried Scharnagl in der Gaststube und sagt, leicht grimmig und doch mit der Gelassenheit des Alters: «Es gibt niemanden aus Staat und CSU, mit dem ich noch nicht hier war.» Fast ein Vierteljahrhundert, bis 2001, leitete der heute 76-Jährige den «Bayernkurier», das Parteiblatt der Christlich-Sozialen Union. Manche meinen, er sei der engste Vertraute Strauss’ gewesen.

«Scharnagl schreibt, was ich denke, und ich denke, was er schreibt», hat Strauss gesagt. Auch viele Leitartikel habe er in Strauss’ Namen geschrieben, sagt Scharnagl, «das war sehr nett. Ich sagte dann meiner Sekretärin: ‹Leitartikel aufschreiben›, diktierte im Gehen, und spätestens nach zehn Zeilen sagte das Fräulein Bürstinger: ‹Ah, heut schreiben wir wieder einen Strauss.›» Nur ganz selten habe Strauss vorher einen Blick auf das Werk geworfen, wenn er zufällig einmal in der Redaktion gewesen sei. Und dann habe er gesagt: «An guten Leitartikel ham mer heut gschriebn.»

Hämische Leute mögen Scharnagl für einen Hofschranzen halten, doch dafür ist der Mann zu intelligent. «Strauss und ich haben mit derselben DNA gedacht», sagt er. Vielleicht kommt man der Wahrheit nahe, wenn man schreibt, dass hier zwei Männer auf symbiotische Weise miteinander verbunden waren: Sprachrohr und Vordenker des jeweils anderen zugleich.

«Das ist er!», habe er im Februar 1963 gedacht, als er Strauss auf dem Politischen Aschermittwoch der CSU in Vilshofen habe reden hören, erinnert sich Scharnagl. Zwei Monate zuvor hatte Strauss als deutscher Verteidigungsminister zurücktreten müssen, nach der «Spiegel»-Affäre. «Was willst du, der ist doch erledigt», hätten ihm seine Freunde gesagt, berichtet Scharnagl. «Da sagte ich: Und wenns nur noch ein halbes Jahr dauert, wäre es toll, noch bei ihm gewesen zu sein.»

Was aber war so toll? Strauss sei nie gefällig gewesen, ganz im Gegensatz zu den meisten heutigen Politikern. Und er habe sich nicht dreinreden lassen: «Wenns mich wegen meiner Krawatte nicht wählen, dann wählens mich halt nicht», habe er geantwortet, als Berater ihm eine Modifikation seines Outfits empfohlen hätten. Vielleicht, so Scharnagl, sei er bereits zu seiner Zeit ein wenig aus der Zeit gefallen gewesen. Wenn er auf einem Marktplatz stand, und zehntausend wollten ihn reden hören, dann redete er, eine Stunde, zwei Stunden, auch wenn seine Begleiter schon nach 20 Minuten ungeduldig auf die Uhr schauten.

Der Weg nach oben führte für Strauss, den Metzgerssohn, über die Bildung. Eigentlich sollte er das väterliche Geschäft übernehmen, doch ein Priester erkannte, dass er da einen Ministranten vor sich hatte, der das Lateinische nicht nur auswendig konnte, sondern auch den Sinn der Worte erfasste. Als Erster aus seiner Familie ging Strauss aufs Gymnasium. Masslos war sein Hunger nach Wissen. Jahrzehnte später, als Atomminister der jungen Bundesrepublik, arbeitete er sich in die Feinheiten der Atomphysik so weit ein, dass er mit Koryphäen des Fachs wie Otto Hahn diskutieren konnte. Scharnagl erinnert sich an Strauss’ letzte Amerikareise 1988: «Wir flogen, ich war müde, aber mein Alter las eine englischsprachige Zeitschrift über Flugtechnik. Wenn er ein Wort nicht wusste, schlug er in seinem grossen Wörterbuch nach und schrieb es in sein Vokabelheft. Mit 73, da muss ich ihn doch lieben!»

Als Redner war Strauss ein Berserker, nach heutigen Massstäben würde man ihn einen Populisten nennen. Und tatsächlich gab es Momente, da dachte man, der Mann steht neben sich, weiss nicht mehr, was er da redet. «Ratten und Schmeissfliegen» nannte er linke Schriftsteller im Wahlkampf 1980. Manche Beobachter hätten in solchen Momenten gefragt, warum er jetzt schon wieder so hinlange, sagt Scharnagl. Doch was davor umgekehrt alles gegen Strauss vorgebracht worden sei, hätten die Leute ja gar nicht gewusst. Man befand sich im Kalten Krieg, und auch auf dem Feld der Rhetorik schien für den Verteidigungspolitiker Strauss die Theorie vom Gleichgewicht des Schreckens zu gelten: «Gab es irgendeine Unflätigkeit gegen ihn, schlug er zurück», erinnert sich Scharnagl. Und zwar auch dann, wenn sein jeweiliger Kontrahent bereits eingeräumt hatte, er habe es nicht so gemeint und es tue ihm leid. «Das wissen jetzt du und ich, aber die Millionen, die das, was er zuvor gesagt hat, gelesen haben, die wissen es nicht», habe Strauss dann erklärt.

«Das schaut ja schon sehr gut aus», sagt Wilfried Scharnagl und meint die Vorspeise, frittierte Calamari. Wer Strauss sagt, muss auch Kohl sagen, diese Regel gilt wohl für nahezu alle Gespräche, die Scharnagl dieser Tage führt. Unvergessen ein Auftritt Strauss’ vor Münchner Nachwuchspolitikern seiner Partei, den diese heimlich mitschnitten. «Total unfähig» sei Helmut Kohl, für das Kanzleramt fehlten ihm «die charakterlichen, geistigen und politischen Voraussetzungen». Glaubt man Scharnagl, lag das Problem mit Kohl darin, dass dieser sich mit Strauss einig war, wenn die beiden in den Alpen wandern gingen, zurück in Bonn aber alles wieder umgestossen habe: «Er fiel dann zurück in seine Kamarilla und wollte davon nichts mehr wissen.»

Fast zwei Jahrzehnte standen sich die beiden als Rivalen gegenüber, Kohl wurde Kanzler, Strauss nicht, und dies, obwohl sich der Bayer dem Pfälzer überlegen fühlte. Dass ihn das traf, hat Strauss bestritten. «Ich habe immer betont, dass das Amt des bayrischen Ministerpräsidenten das schönste Amt der Welt ist!», sagte er im Februar 1983, drei Jahre nachdem er die Kanzlerschaft verpasst hatte. Eine ehrliche Aussage? Wer etwas immer wieder betont, der glaubt es sich oft selbst nicht.

Strauss habe gewusst, dass er nicht gewinnen werde, sagt Scharnagl, «aber er hat gesagt: Ich muss es trotzdem tun.» Helmut Schmidt, der Amtsinhaber von der SPD, stand 1980 auf dem Zenit seines Ansehens. Die CDU sei weit davon entfernt gewesen, mit voller Kraft für Strauss zu kämpfen. Ein Drittel habe sich mutig für ihn eingesetzt, andere hätten gar nichts getan. «Die warteten im Offizierscasino ab, bis die Schlacht geschlagen war, um zu wissen, ob sie zum Gratulieren oder zum Kondolieren kommen sollen.» Zwei Jahre später liess die FDP Helmut Schmidt fallen, Kohl zog ins Kanzleramt ein.

Weltpolitik machte Strauss natürlich weiterhin, auch von München aus. Zwei Tage vor Weihnachten 1987 rief er Scharnagl an: «Magst mit nach Moskau fliegen?» Scharnagl: «Sag ich: ‹Wie Moskau, wann?›» Strauss: «Am 27., 11 Uhr 30 in Riem.» So kam es, dass zwischen Weihnachten und Neujahr eine Cessna Citation II vom Münchner Flughafen abhob, am Steuer der Ministerpräsident höchstpersönlich, mit ihm seine Getreuen Theo Waigel, Edmund Stoiber, Gerold Tandler und eben Wilfried Scharnagl.

Er nehme lieber alle potenziellen Nachfolger mit, damit zu Hause keiner putsche, scherzte Strauss später in Moskau. Tatsächlich sah es auf dem Flug einige Minuten lang so aus, als ob die Führungsspitze der bayrischen Staatspartei geschlossen untergehen würde: Der Moskauer Flughafen Scheremetjewo sei wegen Eis und Schnee zu, wurde dem Piloten übermittelt. Um nach Minsk zurückzufliegen, reiche der Treibstoff nicht mehr, liess Strauss seine verängstigten Mitreisenden wissen.

Es ging noch einmal gut: Man landete dann doch in Moskau, irgendwie. Dort stiessen Welten aufeinander: Der Deutsche, der vom Roten Imperium bekämpft wurde wie kein Zweiter, traf im Kreml Michail Gorbatschow, den Führer des Weltkommunismus. «Ich sehe die Zeit kommen, da der russische Bär und der bayrische Löwe gemeinsam und friedlich auf einer Wiese äsen werden», sagte Strauss beim Festbankett. Und Gorbatschow sorgte für eine weltpolitische Sensation: Man müsse die Frage der deutschen Wiedervereinigung der Geschichte überlassen, sagte er. Niemals hatte man solches aus dem Mund eines sowjetischen Staatschefs gehört. Zwei Jahre später fiel die Berliner Mauer. Zu spät für Strauss, der am 3. Oktober 1988 starb. «Er hat wie Moses das Gelobte Land noch gesehen, aber nicht erreicht», sagt Scharnagl.

Wir sind nun beim Hauptgang angekommen, Kalbsleber mit Kartoffelstock, wahrscheinlich kein guter Zeitpunkt, anzusprechen, was angesprochen werden muss, aber wann wäre dafür schon ein guter Zeitpunkt? Also, frage ich Scharnagl, wie war das mit Strauss und der dunklen Seite der Macht? Affären, Skandale, Geschäftemacherei; wer als Deutscher nicht der CSU nahesteht, denkt zunächst einmal an all das, wenn der Name Strauss fällt. Und die Medien lassen nicht locker: Über den «Freistaat und das verklärte Erbe eines korrupten Landesvaters», versprach der «Spiegel» wenige Tage zuvor zu berichten. Scharnagl seufzt auf: «Nach 50 Jahren diese Post-mortem-Kriege.»

Das eigentlich Sensationelle an der jüngsten «Spiegel»-Geschichte hätten «die Abschreibmedien» ohnehin übersehen. Der «Spiegel» habe nämlich eingeräumt, dass die angebliche «Spiegel»-Affäre keine gewesen sei: Die Ermittlungen gegen das Magazin wegen Landesverrats hätten bereits begonnen, bevor sich Strauss der Sache angenommen habe, steht dort geschrieben, und später, als sich Strauss vor dem Bundestag erklärt habe, sei er «an der Lüge vorbeigeschrammt». Einer der angeblich grössten Skandale in der Geschichte der Bundesrepublik falle damit in sich zusammen, so sieht das wenigstens Scharnagl und mit ihm jeder CSU-Mann, mit dem ich in München rede.

Und all die anderen Affären? Strauss war ein Mann, der das schöne Leben liebte, der sich von Industriellen nach Griechenland und an die Côte d’Azur einladen liess und nach seinem Ausscheiden aus dem Amt des Verteidigungsministers für Beratertätigkeiten hohe Honorare nahm. «Erstens», sagt Scharnagl, «waren das andere Zeiten. Vor 30 Jahren konnte ein bayrischer Minister im Landtag sagen, seine China-Reise habe den Freistaat keinen Pfennig gekostet, die Industrie habe alles finanziert und die Opposition applaudierte.» Und zweitens müsse man schon fragen, was Männer wie der frühere Aussenminister Joschka Fischer oder Ex-Innenminister Otto Schily denn täten: Dass Ex-Politiker für ihren Rat Geld nähmen, sei doch bis heute gang und gäbe.

«Jeder wusste, dem Strauss kann man keine Meinung abkaufen», sagt Scharnagl trotzig. Machte er denn gar keine Fehler? Da schweigt Scharnagl lange, rührt ein wenig in seinem Espresso. Und sagt: «Einen dramatischen, grossen Fehler kann ich nicht erkennen. Und ausserdem gibts darüber auch mindestens 150 Bücher.»

Die Münchner CSU-Zentrale ist ein klobiger, grauer Hinterhofbau aus den Siebzigerjahren, über dem Eingang zur Tiefgarage wacht der bayrische Löwe; natürlich heisst das Gebäude «Franz-Josef-Strauss-Haus». Vorne an der Strasse liegt das Restaurant Franzjosef, das versucht, gleichzeitig rustikal und modern zu wirken. Im Garten sitzt Thomas Goppel (68), der Vorsitzende der bayrischen Senioren-Union. Goppel trägt ein hellblaues Sommerjackett, lägen nicht Akten vor ihm, würde er die Gelassenheit eines Ferientages ausstrahlen. Wenn er «der Franz Josef» sagt, dann tönt das distanzierter als wenn Wilfried Scharnagl von «Strauss» redet. Überhaupt ist Goppel ein Ironiker, einer, der fein lächelt und dabei die Augen zusammenkneift.

25 war er, als er «den Franz Josef» zum ersten Mal sah, «beim Hendl- Jahn», dem «Wienerwald»-Gründer Friedrich Jahn, einem grossen Strauss- Freund. «Die dominante Figur» sei Strauss gewesen. «Ein Teil der Anwesenden nahm die Haltung derer ein, die den Chef kennen und ihm nicht widersprechen, anderen sah man die allergrösste Aufsaugkraft an, sie wollten möglichst schnell wissen, wo es langgeht», sagt Goppel und lächelt. «Und dann gab es Beobachter wie mich.» Goppels Vater Alfons stand zu Strauss in einem merkwürdigen Verhältnis: Von 1962 bis 1978 war «der Fonse», wie ihn seine Landsleute nannten, Ministerpräsident Bayerns, Parteivorsitzender war Strauss. Immer wieder versuchte Strauss, Alfons Goppel von Bonn aus dreinzuregieren. «Mein Vater und Strauss standen an unterschiedlichen Frontabschnitten», sagt Thomas Goppel diplomatisch.

Dass Strauss nach der verlorenen Bundestagswahl 1969 und seinem dadurch erzwungenen Abgang aus Bonn Alfons Goppels Amt wollte, war offensichtlich. «Am Ende schickte er den Gerold Tandler vor.» 1974, da sass der junge Goppel schon im Landtag, bekam er mit, wie CSU-Generalsekretär Tandler intensiv daran arbeitete, dass der alte Goppel bereits vor der Wahl 1978 ging. «Aber mein Vater war kein Mensch für Bitterkeit.»

Später diente Thomas Goppel Strauss als Minister und Generalsekretär, doch zum engsten Kreis gehörte er nie. Vielleicht auch deswegen relativiert er die historische Bedeutung Strauss’ ein wenig. Sicher, einen wie Strauss werde es nicht mehr geben, «aber Adenauer wird es auch nie wieder geben und Kohl auch nicht. Überziehen muss man es nicht bei der Würdigung seiner Leistungen.»

Tatsächlich scheint die Frage, ob denn heute in Bayern und in der CSU Strauss-Nostalgie herrsche, eine heikle zu sein, schwingt in ihr doch immer auch die Annahme mit, dass die Zeiten eben nicht mehr so sind wie früher, dass Freistaat und Partei innerhalb Deutschlands nicht mehr das Gewicht von einst auf die Waage bringen und dass Horst Seehofer, Bayerns amtierender Staats- und Parteichef, Strauss womöglich das Wasser nicht hätte reichen können. Zum 100. gebe es sicher Nostalgie, räumt Goppel ein, «aber nicht durchgängig. Wir sind froh, dass wir ihn hatten, aber heute stehen wir anderen Anforderungen gegenüber.»

Strauss’ grösste Leistung sei sein Durchhaltevermögen «angesichts aller ihm nachgesagten Skandale» gewesen. Den Hass seiner Feinde und Gegner müsse man aushalten können, sagt Goppel. «Heute heisst es ja vor Interviews, ‹Sag dies nicht und sag das nicht›», alles sei auf ein spannungsfreies Miteinander angelegt. Schwer kann man sich einen Strauss in diesem Umfeld vorstellen, neben Angela Merkel, der Kanzlerin, die sich eher als Moderatorin politischer Diskurse zu verstehen scheint.

Den Bayern aber sei er kein Landesvater gewesen, darin habe er sich von seinem Vater unterschieden, sagt Goppel. «Eltern sind ja immer die, in die Sie alles Vertrauen haben.» Sein Vater sei ins Kabinett gegangen, habe sich von den Ministern berichten lassen, da und dort ein wenig korrigiert. Strauss trat fordernder auf: «Er war eher so etwas wie der General von Bayern.» Und im Gespräch habe er immer totale Konzentration verlangt. «Wenn einer dastand und nicht wusste, was er sagen wollte, hat Strauss sich spätestens nach drei Sätzen umgedreht und ist gegangen.»

Zwei Weggefährten seien für Strauss besonders wichtig gewesen, gibt mir Goppel mit auf den Weg: «Der Edmund Stoiber kennt ihn wirklich gut und der Peter Gauweiler liebt ihn wirklich.» Gauweiler, der 66-jährige Bundestagsabgeordnete, empfängt mich in seiner Anwaltskanzlei in der Münchner Innenstadt, grosse Räume, weicher Teppichboden, Holzvertäfelung, Unmengen juristischer Bücher.

Strauss lernte er nach der verlorenen Bundestagswahl 1969 kennen, als sich CDU und CSU erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik in der Opposition wiederfanden. Damals war Gauweiler 20 und Chef der Christlich-demokratischen Studenten an der Münchner Universität.

Es war Faszination auf den ersten Blick: Normalerweise bekomme man als Jungpolitiker ein paar nette Worte zu hören und am Schluss einen freundlichen Klaps. Ganz anders bei Strauss: Schon beim ersten Mal wurde gestritten, über die geplante Hochschulreform und den «Bayernkurier», dem Gauweiler «einen fahrlässigen Umgang mit der Wahrheit» vorgeworfen hatte. Nach zehn Minuten kam Strauss’ Sekretärin herein und wollte ihn wegholen, doch Strauss blieb.

«Überhaupt kein taktisches Auftreten» habe er bei ihm erkennen können, sagt Gauweiler. Es war der Beginn einer politischen Freundschaft, wenn es so etwas denn gibt. Gauweiler blieb bis zum Ende einer der Treuesten der Treuen, er diente Strauss über Jahre als Staatssekretär. Wenn sie doch einmal aneinandergerieten, kam es immer wieder zur Versöhnung: «Er konnte dann zwar nicht sagen, dass es ihm leidtat, aber er schlich um einen herum, fragte: ‹Wie gehts Ihnen?›, forderte einen auf: ‹Probieren Sie mal diesen Wein …›», erinnert sich Gauweiler.

Strauss, so glaubt Gauweiler, gehörte zu den «zehn bis 20 Leuten, denen der Westen zu verdanken hat, dass er durchgehalten hat bis Gorbatschow kam.» Als Verteidigungsminister habe er erkannt, dass Kriege nicht mehr nach dem Muster «Bomber über dem Kanal, alle in die Keller» funktionierten. «Der heutige Atomkrieg», so Strauss seinerzeit, «ist ein totaler Vernichtungskrieg, Sieger kann es nicht mehr geben.» Armeen habe er als ein Mittel betrachtet, um einen Krieg zu verhindern. «Wenn die Bundeswehr einen Schuss abfeuert», so Strauss’ Credo, «dann hat sie versagt.»

Andererseits erkannte Strauss früher als andere die ersten feinen Risse im roten Block. 1983 schloss er einen historischen Kompromiss mit Erich Honecker, dem mächtigsten Funktionär der DDR. Einen Kredit im Umfang von einer Milliarde Mark verschaffte Strauss dem deutschen Arbeiter- und Bauernstaat, ein Jahr später flossen noch einmal 950 Millionen von West nach Ost. Im Osten, so Gauweiler, habe Strauss damit eine «Aufweichung ganz eigener Art» eingeleitet: Einen Abbau der Schiessanlagen an der innerdeutschen Grenze musste Honecker als Gegenleistung versprechen, ausserdem Erleichterungen bei der Reisefreiheit. Dass Angela Kasner, die heutige Angela Merkel, als junge Frau nach Westdeutschland reisen durfte, habe sie Franz Josef Strauss zu verdanken gehabt.

Als Honecker dann im September 1987 nach München kam, habe er, Gauweiler, «ein Beben des Bodens» gespürt. Kurz zuvor hatte der SED-Chef das Saarland besucht, die Heimat seiner Vorfahren. In München sagte Strauss zu Honecker: «Ich habe gesehen, wie Sie gestern am Grab Ihrer Eltern waren, und wie Sie sagten, einst werde der Tag kommen, an dem in Deutschland nichts mehr getrennt wäre. Da wusste ich, was in Ihnen vorgeht.» Honecker hatte Tränen in den Augen.

Am nächsten Tag veröffentlichte das «Neue Deutschland», das Zentralorgan der SED, die Rede Strauss’. Von einer Aufhebung des Schiessbefehls war darin die Rede, von der Einheit der Nation, von der Untrennbarkeit aller Deutschen. Worte, die von SED-Funktionären nicht einmal im privaten Gespräch verwendet werden durften. «Da war mir klar, dass wir in eine Bewegung eingetreten sind, die kein Zurück mehr kennt», erinnert sich Gauweiler.

Dass Strauss nicht Kanzler wurde, habe womöglich auch damit zu tun gehabt, «dass sich die Leute nicht mehr eingestehen wollten, dass sie sich allein durch Rhetorik beeinflussen lassen.» Die Sechzigerjahre seien konstruktive Jahre gewesen, die Siebziger dagegen «Jahre des Niedergangs und der intellektuellen Anfechtung für die Bürgerlichen.» Die RAF trieb in Deutschland ihr blutiges Unwesen, der Zeitgeist machte eine scharfe Drehung nach links. Bei manchen kam Endzeitstimmung auf: «In zehn Jahren könnte Europa kommunistisch sein», sagte der damalige US-Aussenminister Henry Kissinger. Strauss, der so hart austeilen konnte, litt in jenen Jahren auch unter den Anfeindungen, die ihm entgegenschlugen, glaubt Peter Gauweiler: «Dynamische Menschen wollen immer mal wieder alles hinschmeissen.» Doch so weit kam es nie. «Der Zorn qualmt mächtig», habe Strauss selbst immer wieder gesagt, «aber er verraucht schnell.»

«Spiegel»-Herausgeber Rudolf Augstein und Strauss hätten sich womöglich auch deswegen so hart bekämpft, weil sie sich «in dem grobianischen Menschen, der ihnen da gegenüberstand», selbst erkannt hätten. Stand Strauss sich selbst im Weg, war er gelegentlich einfach zu unbeherrscht? «Was heisst ‹unbeherrscht›?», antwortet Gauweiler ein wenig unwillig. «Bereute Churchill harte Formulierungen? War Julius Cäsar unbeherrscht? Die Eiche wirft auch Schatten, riesige, grössere als eine Zimmerpflanze.»

Und die Strauss-Nostalgie? Vor der Parteizentrale haben Mitglieder der Jungen Union ein Plakat aufgestellt, auf dem zu einer Gedenkveranstaltung eingeladen wird. Auf den ersten Blick fühlt man sich in die Achtziger-Jahre zurückversetzt, meint, ein Wahlplakat von Strauss vor sich zu haben. Gauweilers Antwort auf solche Phänomene ist entwaffnend: «Könnten Sie der Gaullistischen Partei die Sehnsucht nach de Gaulle verübeln?»

Edmund Stoiber, der frühere Ministerpräsident und Kanzlerkandidat, sei für Strauss noch wichtiger gewesen als Gauweiler, hat mir Thomas Goppel gesagt: Durch seine Gründlichkeit habe er immer «denselben weiten Horizont gehabt wie sein Chef». Mag Stoiber im Vergleich zu Strauss auch asketisch wirken, so sagt man ihm doch in einer Disziplin ähnliche Masslosigkeit nach: bei der Beschäftigung selbst mit der sperrigsten Materie. Schlicht ist der Besprechungsraum in Stoibers Büro am Rand der Münchner Altstadt, am Boden Parkett, auf einem Tischchen Fotos, die den Hausherrn mit dem kalifornischen Ex-Gouverneur Arnold Schwarzenegger und Frankreichs früherem Präsidenten Nicolas Sarkozy zeigen. Eher preussisch-schmucklos als bayrisch-barock, als wollte der 73-Jährige das Bild des Technokraten, das die Medien von ihm zeichneten, auch nach seinem Rückzug aus der Politik weiter kultivieren.

Elf Jahre alt war Stoiber, als er Strauss zum ersten Mal hörte, und er kann sich daran erinnern, als wäre es vorige Woche gewesen. Sieben Jahre nach Kriegsende debattierte der Bonner Bundestag über die Wiederbewaffnung. Stoibers ältere Schwester und seine Mutter sassen vor dem Radio. «Da sagte der Reporter: ‹Und jetzt spricht der bayrische Abgeordnete Franz Josef Strauss›», erinnert sich Stoiber und betont dabei das Wort «bayrisch». Die Redner vor und nach Strauss habe er kaum wahrgenommen. Doch dessen «unglaubliche Redegewalt, sein lautes und kräftiges bayrisches Idiom, das blieb mir im Gedächtnis.»

Strauss habe mit dafür gesorgt, dass die Weichen für den Erfolg Westdeutschlands gestellt worden seien. 1948, noch vor der Gründung der Bundesrepublik, gehörte er im Frankfurter Wirtschaftsrat zu denen, die sich hinter Ludwig Erhard und sein Konzept der sozialen Marktwirtschaft stellten, das zu diesem Zeitpunkt keineswegs unumstritten war. «Auch die Amerikaner hatten Zweifel, ob eine marktwirtschaftliche Struktur das Richtige für den Aufbau wäre», erinnert sich Stoiber. Nur eine Zeitung habe Erhard unterstützt, die «Frankfurter Allgemeine».

Vielleicht muss man Bayern verstehen, seine Trotzhaltung gegenüber dem übrigen Deutschland, um Strauss zu begreifen: Stoiber erzählt von der Landtagswahl 1962, kurz nach der Spiegel-Affäre. 21 war er zu diesem Zeitpunkt und an der Münchner Universität in der Studentenpolitik engagiert. «Alle dachten, Strauss wäre erledigt, die Gleichsetzung ‹Bayern-CSU› könne nicht mehr gemacht werden.» Entsetzt seien die Linken gewesen, als die CSU dennoch die Mehrheit geholt habe: «Wer Bayern nicht kennt, war erstaunt.»

Härter und leidenschaftlicher, seien die Zeiten damals gewesen. «Man sah Strauss als Feind, nicht als Gegner», sagt Stoiber. Soziale Marktwirtschaft, Bundeswehr, Westbindung – die ganz grossen Fragen seien zu Strauss’ Zeiten entschieden worden. «Heute gibt es bei grossen Themen wie der EU eine breite Zustimmung, beim Euro spielen Parteigrenzen keine Rolle.»

Ist deutsche Politik heute vergleichsweise blutleer und langweilig? Damals sei es halt spektakulärer zugegangen, sagt Stoiber. «1975 hören die Bayern in den Nachrichten: ‹Mao Tse Tung wünscht ein Gespräch mit Strauss.› Und dann: ‹Mao und Strauss erörterten in zweieinhalb Stunden die Weltlage.› Da sagten die Leut dann schon: ‹Da segts unsre Bedeutung! Is ja Wahnsinn!›»

1983 in Bonn, da sei er, Stoiber, bei den Koalitionsverhandlungen mit Strauss, Kohl, den FDP-Vertretern Hans-Dietrich Genscher und Otto Graf Lambsdorff sowie dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht zusammengesessen. Strauss habe eine bayrische Forderung nach der anderen vorgebracht: Den Rhein-Main-Donau-Kanal wollte er finanziert haben, Unterstützung für die bayrischen Airbus-Werke mahnte er an. Da sei Albrecht explodiert: «Was sind das hier eigentlich für komische Koalitionsgespräche?», habe er gefragt. «Da sitzen ja zwei Parteien und ein Bundesland am Tisch, CDU, FDP und Bayern.»

Franz Josef Strauss führte ein Leben, das die Grenzen der etwas biederen und so vernünftigen Bundesrepublik sprengte. Barocke Masslosigkeit stand gegen das vom Politologen Dolf Sternberger geprägte nüchterne Wort vom Verfassungspatriotismus. Nicht dass Strauss etwas gegen die Verfassung gehabt hätte, doch Politik war für ihn mehr, war Emotion, Grenzüberschreitung und Lebenslust.

Und so starb er auch: Am 1. Oktober 1988 kam er mit dem Helikopter geflogen, vom Münchner Oktoberfest nach Regensburg, wo sein Freund Johannes von Thurn und Taxis eine Hirschjagd veranstaltete. Beim Aussteigen brach Strauss zusammen, fiel vornüber auf die Gangway. Zwei Tage später verstarb er im Spital der Barmherzigen Brüder in Regensburg. «Schrecklich» sei das gewesen, sagt Stoiber. «Man dachte in Bayern, nach Strauss gehts nicht weiter.» Am 7. Oktober zogen sechs Pferde den Leichnam durch München. Hunderttausend säumten die Strassen, so viele wie nie zuvor in der Geschichte der Stadt. Sie sollten seinesgleichen nicht mehr sehen.

Erschienen in der Basler Zeitung: http://bazonline.ch/ausland/europa/der-bayrische-titan/story/17660982

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