Oliver Zimski / 09.03.2016 / 06:30 / 1 / Seite ausdrucken

Flüchtlinge in Polen – was unserem Nachbarland vor der Aufnahme wichtig ist

Polen hat versprochen, in diesem Jahr 400 Asylbewerber aus dem Nahen Osten aufzunehmen – bisher ist allerdings noch kein einziger von ihnen gekommen. Das polnische Wochenmagazin „Wprost“ berichtet in seiner neuesten Ausgabe über die Vorbereitungen für die Aufnahme der ersten hundert ab Ende März 2016. Dieser Termin kann sich aber noch hinauszögern, denn das zuständige Amt für Ausländerangelegenheiten schreibt vor Genehmigung der Einreise eine strenge Prüfung vor.

Grundvoraussetzung ist die Herkunft aus Ländern, für die in der EU eine Anerkennungsquote von mindestens 75 Prozent gilt, also aus Syrien, Eritrea, Jemen oder Irak. Auch sollen nur Familien aufgenommen werden, keine alleinstehenden Männer. Alle Kandidaten werden vom Grenzschutz individuell durchgecheckt, um jedes Sicherheitsrisiko für den polnischen Staat auszuschließen. Ein weiteres Kriterium ist die „kulturelle Nähe“, was im Klartext bedeutet, dass durchweg Christen aufgenommen werden sollen. „Wir suchen Menschen, denen das Einleben in Polen möglichst leicht fällt“, so die Sprecherin des Amtes für Ausländerangelegenheiten. Gern gesehen sind auch Personen, die etwa in Syrien bereits für polnische Firmen gearbeitet haben. Alle Kandidaten müssen ihre Absicht erklären, in Polen schnellstmöglich eine Arbeit aufzunehmen.

Wer eines der genannten Kriterien nicht erfüllt, darf gar nicht erst einreisen. Die Kandidaten, die die Prüfung bestehen, werden im zentralen Aufnahmezentrum Debak untergebracht, einer ehemaligen Kaserne mitten im Wald, eine halbe Fahrstunde von Warschau entfernt. Nach Anerkennung ihres Asylanspruchs werden sie darüber informiert, dass sie mit der Aufnahme in Polen den Anspruch auf Sozialleistungen in anderen EU-Ländern verlieren. Wer dann immer noch bleiben will, wird der Obhut des Arbeitsministeriums überstellt und kann für die Dauer eines Jahres auf eine monatliche Unterstützung von umgerechnet 250 Euro zählen. Danach muss er für seinen Lebensunterhalt selbst aufkommen.

Fraglich ist unter diesen Umständen, wie viele der 400 Kandidaten tatsächlich in Polen bleiben werden. Bereits im August und September vergangenen Jahres wurden auf Initiative einer kirchlichen Organisation insgesamt 150 christliche Syrer nach Polen geholt. Doch obwohl für sie Wohnungen und Kindergartenplätze organisiert worden waren, verschwanden binnen weniger Tage Dutzende Familien über Nacht nach Deutschland.

Die rigide polnische Haltung dürfte auch mit dem abschreckenden Beispiel des großen Nachbarn im Westen zu tun haben, dessen „Willkommenspolitik“ in Politik und Gesellschaft fast durchweg auf Ablehnung und Unverständnis stößt und nach Meinung vieler Kommentatoren zum Wahlsieg der erzkonservativen PiS-Regierung beigetragen hat. Bei einer TV-Diskussion auf dem Sender tvn24 warnte der Publizist und Soziologe Grzegorz Lindenberg kürzlich davor, dem deutschen Weg in der Flüchtlingspolitik zu folgen. Für das Geld, das Deutschland innerhalb eines Jahres für seine Asylbewerber aufwende, erklärte Lindenberg, könne es sämtliche Flüchtlinge im Nahen Osten drei Jahre lang unterbringen und ernähren. Nach der Sendung sprachen sich 82 Prozent der Zuschauer dafür aus, dem Vorbild Australiens zu folgen und Flüchtlingsboote konsequent in ihre Ausgangshäfen zurückzugeleiten.

 

 

 

Oliver Zimski ist Übersetzer, Sozialarbeiter und Autor. 2015 erschien sein Kriminalroman „Wiosna – tödlicher Frühling“.

 

Leserpost (1)
Uwe Paul / 09.03.2016

Sehr geehrter Herr Zimski, vielen Dank für die informatorische Aufhellung. Ich für meinenTeil kann nur sagen: Die Polen machen das richtig… Vielleicht dämmert es ja den handelnden Personen in Berlin auch irgendwann mal, dass Deutschland (beim besten Willen) nicht alleine das Elend dieser Welt beheben bzw. beherbergen kann. Wäre dem so (durch Aufnahme von zig Millionen von Menschen), dann ist sicher vom Zusammenbruch der sozialen Sicherungssysteme und der gesellschaftlichen Ordnung auszugehen. Also werden wir in absehbarer Zeit auch diesen Weg der östlichen (und südöstlichen) Nachbarn gehen müssen. Dem ist aus meiner Sicht nichts hinzuzufügen.

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