Wolfgang Röhl / 27.12.2007 / 12:36 / 0 / Seite ausdrucken

Fast ein Prophet

Alle Jahresenden wieder schlägt die Stunde der Prognosen. Wie, zum Beispiel, wird unsereiner reisen - sagen wir, im Jahre 2020? Ich persönlich neige ja zu der Ansicht: nicht sehr anders als heute. Also, wir werden im Urlaub irgendwohin fahren, wo es möglichst warm ist, dort interessante Sachen begucken, an schönen Stränden baden und uns abends exotische Drinks auf die Lampe schütten? Falsch, ganz falsch! Die Reisenden der Zukunft, sagt ein Eike Wenzel im Reisemagazin Geo Saison voraus, werden im Reisebüro wie folgt vorstellig werden: „Bringen Sie mich nach Madagaskar und ermöglichen Sie es mir, dort für einige Zeit mit Einheimischen zu leben“.

Das liegt daran, meint der Autor der Studie „Tourismus 2020“, dass wir schon so vieles gesehen haben und uns nunmehr danach sehnen, zum Beispiel einer „VIP-Party in New York“ beizuwohnen oder in der Eremitage in St. Petersburg herum zu stromern, bevor sie „für das Massenpublikum geöffnet ist“. Ferner werden Reiseveranstalter ihre Kunden zu „Nachtreffen“ einladen, bei denen sich die Teilnehmer für die nächste Reise verabreden. Zum Beispiel zu „Coaching und Selbsterfahrung“, was im Urlaub künftig „hoch im Kurs“ stehen werde. Und natürlich wird nur noch geurlaubt, wo irgendwas mit Öko oder Bio draufsteht. Denn die Urlauber der Zukunft sind „Lohas“, das heißt, sie wollen partout einen „Lifestyle of health und sustainability“. Sind „äußerst anspruchsvolle Selbstverwirklichungsurlauber“, denen es auch um „Gesundheit und ethisch korrekten Tourismus“ geht, die aber trotzdem „nicht mit schlechtem Gewissen in die Welt“ fliegen. Hello Loha, bye-bye Ballermann!

Jedoch, wie schon J.W.v.G. zu sagen pflegte: Seltsam des Propheten Lied, doppelt seltsam was geschieht. Das Dumme an der Sache ist dies: über die Jahre hinweg haben Dutzende Leute derlei Orakel an die für jeden Blödsinn aufgeschlossenen Medien verteilt. Von diesen Voraussagen ist nie etwas eingetreten, was der geringsten Rede wert wäre. Seit der moderne Tourismus wenige Jahre nach Kriegsende aufbrandete, hat es nur ein paar stabile Trends gegeben, auf die sich Reiseveranstalter und Hoteliers verlassen konnten. Das sind die drei berühmten S (Sonne, Sand, Sex) und das offensichtliche Grundbedürfnis der Menschen, im Urlaub etwas Spaß zu haben. Überhaupt nicht wollen die Urlaubermassen sich coachen lassen (die sind ja nicht blöd wie Manager) oder Sprachen lernen; abgesehen von einigen wenigen, die Letzteres schon seit Dezennien tun und dafür Reisen bei Nischenanbietern buchen können. Bio und Öko gehen vernunftbegabten Urlaubern erst recht am Derrière vorbei; außer, sie gehören zur Minderheit derer, die ernsthaft an Mülltrennung in Sri Lanka oder an Bio-Food an der Playa del Ingles glaubt. Die meisten lassen sich noch nicht mal einreden, dass es der Umwelt zugute käme, wenn ihnen das Zimmermädchen nur alle drei Tage frische Handtücher bringt – Blick aus dem Fenster auf den Wasser fressenden Golfplatz genügt ja.

Was deutsche Urlauber aber nun überhaupt nicht wollen, ist, mit halb verhungerten Dritte-Welt-Bewohnern in deren Hütten zu sitzen und ihnen beim Hirsestampfen zuzusehen. Selbst ungezählte reich bebilderte Sozialreisereportagen in Hochglanzblättern für die Brigitten und Petras dieser Republik haben es nicht vermocht, Leserinnen in größerer Zahl für reisemäßig angewandten Ethnokitsch zu interessieren. Und das ist gut so. Was die Menschen zum Beispiel in Madagaskar, einer der ärmsten Regionen Afrikas, so nötig brauchen wie Leprageschwüre, sind Rudel verblasener Mittelstandsschnepfen aus Germany, die ihnen mit selbstverwirklichendem Esoterikblick und Digiknipse auf die fliegenumsirrte Pelle rücken.


So bleibt von der „Reisestudie“ des Herrn W. zum Glück nur ein trauriges Häuflein DuStu (Dummstuss) übrig, das leicht wegzufeudeln ist. Außer – halt! – einer allerdings sehr wahren Prognose. „Deutschland wird für die Deutschen auch in Zukunft Urlaubsziel Nummer eins sein“, sagt unser schlauer Studienmann voraus. Und hat Recht! Das nämlich ist schon seit mindestens 150 Jahren der Fall und gilt sinngemäß auch für die meisten anderen Länder. Mit Ausnahme von Liechtenstein, natürlich.

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