Rainer Bonhorst / 14.03.2017 / 16:00 / Foto: Glenn Fawcett / 6 / Seite ausdrucken

Europa und die türkische Fata Morgana

Wie machen sich die Damen und Herren der Europäischen Union mal wieder zu politischen Witzfiguren? Ganz einfach: Indem sie der Türkei Milliarden als „Heranführungshilfe“ zahlen (siehe auch hier), obwohl die Beitrittsverhandlungen schon vor Jahren die Substanz einer Fata Morgana angenommen haben.

Nun ist Realitätsverweigerung eine klassische Stärke der EU. Auch die Illusion einer immer größeren und zugleich immer engeren Union, die man allenfalls einem Zauberkünstler auf der Bühne abnehmen würde, gehört in diese Kategorie. Da ist es nur logisch, dass man der Türkei weiter Milliarden zahlt für den Bau eines Wolkenkuckucksheims. Knapp fünf Milliarden, so ist zu lesen, sind schon verpulvert, weitere vier Milliarden sollen noch aus dem Fenster hinterhergeworfen werden. Ein Ziel des Geldflusses: Förderung von Demokratie, Zivilgesellschaft und Rechtsstaatlichkeit, zweifellos drei herausragende Merkmale der Erdogan-Türkei.

Dass Erdogan, der Beschenkte, seine großzügigen Förderer als Nazis beschimpft, kann dabei keine Rolle spielen. Schließlich geht es um höhere Werte, denen zuliebe man auch mal eine Beleidigungs-Tirade einstecken muss.

Erdogans Nazi-Vorwurf hat ja den besonderen Charme, dass er aus dem Mund eines Holocaust-Leugners kommt.  Die deutschen Nazis waren zweifellos gründlicher. Gründlichkeit ist schließlich eine der herausragenden deutschen Tugenden. Aber wer den Völkermord von einer Million historisch auf dem Buckel hat, qualifiziert sich durchaus auch für den Nazi-Titel.

Die Anhänger mit dem "Wolfsgruß"

Den Glashaus-Bewohner Erdogan hindert das natürlich nicht daran, mit Steinen zu werfen. Er nutzt nun mal gerne Worte wie Steingeschosse. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass viele seiner Anhänger in Deutschland gerne die Hand zum „Wolfsgruß“ heben. Die so erhobene Hand steht in der Tradition der „Grauen Wölfe“, also einer türkischen Version des Neonazismus. Diese Anhänger machen das Glashaus, in dem Erdogan sitzt, noch gläserner.

Zu den traditionellen Nazimethoden gehört übrigens auch die Methode der Sippenhaft. Auf die greift Erdogan zurück, wenn er die armen Holländer als Nazis beschimpft. Er erklärt die ganze europäische Sippe zu seinen strafwürdigen Feinden. Und die armen Holländer, die ja zu den frühen Opfern des Nationalsozialismus gehörten, wissen gar nicht, wie ihnen geschieht.

Arm sind sie natürlich nur als Opfer der Erdoganschen Beleidigungsorgie. Vor allem sind sie stolz und mutig, weil sie dem Türken zeigen, wer Herr in ihrem Haus ist. In Holland weiß man eben schon viel länger als in Deutschland, was eine liberale Gesellschaft ausmacht. Mut und Grundsatztreue gehören nun mal dazu. In Deutschland, wo man erst seit rund 70 Jahrern, beziehungsweise seit knapp drei Jahrzehnten in Freiheit lebt, steht man offenbar noch auf wackeligen Beinen, wenn es um die Verteidigung des freiheitlichen Staates geht.

Vielleicht ist das auch nur eine Unterstellung. Vielleicht will Angela Merkel wegen ein paar blöder Prinzipien nur einen Geschäftsfreund nicht verprellen, der Erdogan ja seit dem Völkerwanderungs-Deal ist. Man kann sich als Geschäftsfrau seine Freunde halt nicht immer aussuchen. Wer allerdings Freunde wie Erdogan und Co. hat, der braucht, wie ein politisches Klischee sagt, keine Feinde mehr.

Hab' ich was vergessen? Ach ja: Deutschland zahlt natürlich einen Großteil der Milliarden, die an Erdogan zur Stärkung der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit gehen.

Leserpost (6)
Werner Kramer / 15.03.2017

Viel Steigerungsmöglichkeiten gibt es nicht mehr. Ich gehe davon aus, dass uns die Türkei demnächst mit Krieg drohen wird. Was passiert eigentlich, wenn ein Nato-Mitglied ein anderes kriegerisch angreift?

Florian Bode / 15.03.2017

Manchmal mus eine Situation auf die Spitze getrieben werden, damit der rosa Schleier vor den Augen zerreißt.

Sepp Kneip / 15.03.2017

Herr Bonhorst, Ursache dieses ganzen Debakels ist die Merkel’sche Politik. War sie es doch, die dem Türken-Pascha seinerzeit durch ihren “Kniefall vor dem Despoten” die Wiederwahl ermöglicht hat. Damals sah es fast so aus, als würde Erdogan vom Pferd fallen. Dann kam Merkel und half ihm wieder in den Sattel. Jetzt wird er größenwahnsinnig und will Europa erobern. Ein Lob den Niederländern, die ihm die Suppe versalzen und ein Pfui denen, die ihm noch einen roten Teppich ausrollen wollen. Merkel hat sich, Deutschland und ganz Europa mit ihrer “Flüchtlings”-Politik und dem Teufelspakt mit Erdogan erpressbar gemacht. Die Folgen sind jetzt sichtbar. Warum wird die Verursacherin all dessen nicht zum Teufel gejagt?

Elmar Schlürscheid / 15.03.2017

Ja, der Türke macht es einem nicht leicht ihn lieb zu haben, und Selbstreflexion war noch nie seine Stärke. Verlieren kann er auch nicht gut, wie regelmäßige Ausschreitungen bei Fußballspielen beweisen.

Andreas Doe / 15.03.2017

Erdogan agiert wie ein islamistischer Scharfmacher, weshalb die Vermutung nahe liegt, dieser Mann könnte eine ganz andere, heimliche Agenda haben als bloß den Machtausbau im eigenen Lande. Und hoffen wir, dass er nicht plötzlich eine weitere, gerissene Wendung zeigt, die die Verantwortlichen dieser Welt bisher noch gar nicht auf dem Schirm hatten. Zuzutrauen ist es im Allemale.

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