Jesko Matthes, Gastautor / 27.02.2017 / 06:27 / Foto: Villiamcurtis / 12 / Seite ausdrucken

Europa mit der Seele suchend: Der griechische Niedergang

Von Jesko Matthes

Seit 1980 lernte ich Altgriechisch. 1982 führte das zur Fahrt eines „Neigungskurses“, 3.000 km quer durch ein faszinierendes Land. Seine Autos waren alt und immer wieder durchrepariert wie jene auf Kuba, vor den Läden hingen in der Mittagshitze und nachts Metalljalousien, häufig besprüht mit politischen Parolen oder nur dem Kürzel der Lieblingspartei, mal stand da „PASOK“ (die Regierungspartei des charismatischen Sozialistenführers Papandreou senior), mal „KKE“ (Kommunisten), mal „PAO“ (Neomonarchisten), ab und zu auch „ND“ (Christdemokraten).

Morgens gingen die Rolläden hoch, und dahinter waren Werkstätten, die schon ab dem frühen Morgen, denn mittags wurde es zu heiß, allerlei Geräusche und Gerüche verbreiteten, Hämmern, Klopfen, den Duft von Knoblauch und Thymian, den von Motorenöl. Abends gingen Mädchen untergehakt über Dorfplätze, junge Männer standen gut gekleidet in Gruppen auch dort, und am Rande, unter Markisen saßen die Älteren, die Kinder und die Touristen bei Meze und Pikilia, stundenlang.

Einladung nach Hause oder Hitlergruß

Die Altertümer waren mal gut, mal mäßig gepflegt, stets höchst bürokratisch bewacht oder einfach geschlossen. Pastellfarbene, chromglänzende Busse ohne Klimaanlage, meist aus den 1960er Jahren, von Mercedes oder MAN, in denen zuweilen auch ich saß, schlängelten sich fröhlich hupend und halsbrecherisch über schmale Serpentinen. Auf Inseln standen Hänge voller Ölbäume, Hochtäler voller Obst und Nüssen. Mit Kiepen beladene Eselchen transportierten Trauben; der sonnengegerbte Reiter in der Mitte verschenkte mit „ola“ und zahnlückengrinsend zwei Handvoll an mich, nur weil ich da gerade am Straßenrand stand. Die restliche Überproduktion lag gärend in Seitentälern und verströmte einen verlockenden Duft von Alkohol, später mit deutlicher Essignote.

Russische Schnellboote und seltsam beladene Fähren mit lässiger Schlagseite transportierten uns, über allem wehte stolz und fröhlich die Fahne der wiedergeborenen griechischen Nation, blauweiß mit Kreuz. Abends waren die Straßen voller spielender Kinder, streunender Hunde und gescheckter Katzen, und vor den Häusern saßen schwarz gekleidete Alte. Man bemerkte, ich stammte aus Deutschland und lud mich ein. Oder bot mir den Hitlergruß und warf mich hinaus, je nach der Erfahrung, die man offensichtlich mit Deutschen gemacht hatte oder in familiärer Überlieferung mit sich trug. Ein so armes, so reiches Land. Ich liebte es sofort, und so unglücklich wie der Pennäler, der ich war, wieder zuhause, voller Sehnsucht.

"Und nun zeige ich Dir das Paradies"

1984, 1995, 2002 und 2010 hielt ich es jeweils nicht mehr aus und kehrte zurück. Das Land veränderte sich nur langsam. Die alten Autos blieben. Die Früchte auch. Die Preise stiegen. Vor den Häfen nahm die Anzahl rostend vor sich hin dümpelnder Schiffe zu, mehr auf Oxidation als auf Reede liegend. Inzwischen hatte ich mich verlobt. Und nun, so sprach ich im Herbst zu meinem Schatz, zeige ich Dir das Paradies.

Seit etwa 5.000 Jahren wird dort Obst angebaut, die Kornkammer Nordkretas, und ich erzählte ihr von den Eselchen, den klappernden Windrädchen mit den weißen Segeln, die das Wasser auf die Felder fördern, den dicken Äpfeln und süßen Trauben und kernigen Nüssen, die ich 1982, 1984 und 1995 gesehen hatte, mit anderen Frauen. Vielleicht war das ein böses Omen.

Wir fuhren die Paßstraße hoch nach Tsermiado, weiter nach Mesa Lassithi. Demeter und Persephone waren abgereist. Der warme Herbstwind fegte die Reste der Ackerkrume fort, die Windrädchen standen verrostet und still, ihrer Segel beraubt. Wenige Nussbäume hielten sich wacker. Keine Spur von den Eselchen. An den Hängen standen wenige starrsinnige Weinstöcke, in den menschenleeren Orten am Rand des Hochtals verkauften die Alten einige wenige Flaschen selbst gebrannten Raki. Ich fuhr zurück ins Tal und kaufte Obst aus den Niederlanden im örtlichen deutschen Supermarkt. Alles stand dort stramm am selben Platz wie zuhause, und ich zahlte in Euro.

"Aber der Euro ist gut"

Am Abend betrank ich mich mit dem Raki, betrachtete die blitzsauberen neuen Autos vor der Pension, fragte mich, wo die jungen Leute auf dem Dorfplatz geblieben waren und betrank mich weiter. Englisch lallend redete ich lange mit Maria, unserer Wirtin, und sie erzählte es mir:

Arbeit gebe es hier nur noch im Tourismus, also von Frühjahr bis Herbst. Seit er teuer sei, der Tourismus, gingen die Zahlen der Gäste langsam zurück. Die jungen Leute verließen also das Land der Inseln Richtung Stadt in der Hoffnung auf einen Job. Die Alten hätten kaum eine Rente und lebten von den Resten der Landwirtschaft. Ein Viertel der Leute sei nicht mehr krankenversichert.

Aber der Euro - fuhr sie fort - sei gut; man habe jetzt neue Autos, gute Straßen und renovierte Fassaden, könne jetzt im Baumarkt gute deutsche Farbe und guten deutschen Putz kaufen. Wenn man das Glück habe, nicht jung, nicht alt und nicht arbeitslos zu sein. Zufrieden sei irgendwie niemand. Wie Metall sei die Stimmung, schwer und hart.

Der Brechreiz blieb

Ihr habt gegen die Türken gekämpft und gegen die Obristen, mit Theodorakis „Ena to chelidoni“ gesungen, und ein Lied, das auf deutsch „Es regnet im Slum“ heißt, lallte ich, den griechischen Titel wusste ich, konnte ihn nur nicht mehr aussprechen, als ich es versuchte. Maria lachte. Das war früher, das war einfach. Das Geld ist gut, wiederholte sie, aber es bekommt uns nicht. - Sonnenergie... stammelte ich. - Nicht hier, sagte Maria, bitte, unsere Ölbarone verdienen sonst nichts mehr, dann ist die Branche auch noch weg. Das Geld ist gut...

Ich erbrach mich anschließend auf dem Zimmer ins Waschbecken. Ich schob es auf den Alkohol. Der Brechreiz blieb. Er ist noch heute da, unterschwellig, jeden Tag. Meiner alten Liebe geht es schlecht, und ich finanziere ihr Elend mit meinen Steuergeldern, ich wähle die Parteien einer Chimäre namens Euro, die die griechischen Links- und Rechtspopulisten unterstützen, aber vor den Populisten zuhause warnen.

Zeus hat Europa vergewaltigt?

Ich wähle jene Gemäßigten, jene Überzeugten, die ob ihrer Mäßigung und Überzeugung vergessen haben, dass Zeus Europa aus dem Nahen Osten verführen musste, sie übers Meer tragen, verliebt wie ich als Pennäler, weil sie so schön war und so begehrenswert. Sie haben den Zeus Kretagenes vergessen, der als Baby dort in einer kalten Höhle lag, der jährlich als Jüngling starb, sie haben den Boden mit Füßen getreten, auf dem die minoischen Mädchen und Jünglinge tanzten zum Dank für die Ernte, die Auferstehung des Zeus. Sie haben den Höhenflug des Ikaros angetreten. Zeus hat Europa vergewaltigt? Das kann ich nicht glauben, seit ich gesehen habe, wer die Heimat Europas vergewaltigt.

Ich schrieb an Politiker, ich stellte Fragen und bekam manchmal Antworten. Ich hörte zu spät auf, sie zu wählen. Ich habe meine erste Liebe verraten und verkauft und drücke mich davor, sie wiederzusehen, ihr schwarzes Haar und ihren klaren Blick, die Frühgeborene, die rosenfingrige Morgenröte.

Foto: Villiamcurtis CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

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Leserpost (12)
Irina Korotkina / 27.02.2017

Danke für diesen Beitrag. Ich erkenne mein liebstes Griechenland wieder - und das tut der Seele so weh, Dieses wunderbare Volk, stolz, bescheiden, kämpferisch, das so gut feiern und lachen kann, hat seit langem nichts mehr zu lachen - die Situation, bloß der geografischen Lage geschuldet, ist mittlerweile viel dramatischer geworden, und niemand kennt den Ausweg.

Wolfgang Richter / 27.02.2017

Eine gelungene Beschreibung einer nationalen Tragödie, verschuldet von den selbst ernannten Eliten Europas, wirkend in den politischen Biotopen Brüssels und der nationalen Hauptstädte, die ihr Tun und Treiben der Bevölkerung gegenüber nachwievor völlig realitätsfern als alternativlos “verkaufen”.

S. Schultheis / 27.02.2017

Anfang der 8o.er Jahre reiste ich als Rucksacktouristin in Griechenland . Ich erlebte dort eine Gastfreundschaft, eine Offenheit und Freundlichkeit welche ich in Deutschland nie erlebt habe. Um so schmerzlicher empfand ich die Hetze gegen die Griechen, überhaupt gegen die Südländer die angeblich faul, unfähig und zurückgeblieben seien. Für mich ist Europa nicht Brüssel und der Euro, sondern die Menschen und ihre Kultur. Vielleicht sollten die Politiker inkognito mit wenig Geld einfach mal quer durch Europa reisen, mit vielen Menschen sprechen um sich ein Bild zu machen von der Lage der Bevölkerung und den Auswirkungen ihrer Politik.

Hans Meier / 27.02.2017

Ihr Text gefällt mir. Ich saß 1971 im August, im Schatten eine Säule der Akropolis, das war an meinem 21zigsten Geburtstag. Ich hatte zwar keine Ahnung über die griechische und die klassische Kultur, aber ich war da! Auf meiner Tour, wo ich nicht über den Bosporus fuhr, sondern wieder zurück zur Ingenieurschule. 1979 bin ich zu den Osterferien nach Athen geflogen und hab mir ein Moped gemietet um die Peleponnes, ab zu reiten. Da gab es hoch in den Bergen auf Eselpfaden fast komplett verlassene Dörfer, da haben mir zwei Alte, eine Cola und eine Mahlzeit angeboten, die ich nicht ablehnen konnte, so lieb waren die, und mir flossen die Tränen, weil der Ziegenkäse es echt insich hatte. Ich war auch in Sparta, um die alte Festung zu besuchen, und in Githeon habe ich ein Horn in die Hand gedrückt bekommen, als ich nachschaute wer da hupte. Diese Stadt-Musiker wollten, dass ich bei ihrem Ostermarsch mit ihnen gehe und vollen Sound auf der Kanne blase, das fand ich absolut klasse, wie so viele Griechenland-Erinnerungen.

Kay kaden / 27.02.2017

So geht es allen Europäern. Das Geld ist nicht gut. Es sind nur Glasperlen. Die Geschichte von der Arbeit auf dem Festland, in der Großstadt ist eine Lüge. Die Kreter ziehen nach Athen, die Athener ziehen nach Berlin, die Berliner ziehen nach London, die Londoner ziehen nach China.  Am Ende haben alle ihre Wurzeln und ihre Seele verloren und verkauft. Wurden früher Kriege geführt weil es keine gemeinsame Währung gab ? Der Euro ist eine einzige Lüge. Das Joch am Hals aller fleissigen Menschen.

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